Nothing Left to Fear – Das Tor zur Hölle

Originaltitel: Nothing Left to Fear (USA 2013)
Regie: Anthony Leonardi III
Drehbuch: Jonathan W. C. Mills
Kamera: Martin Coppen
Schnitt: Howard E. Smith
Musik: Nicholas O’Toole u. Slash (d. i. Saul Hudson)
Darsteller: Anne Heche (Wendy Bramford), James Tupper (Dan Bramford), Ethan Peck (Noah), Rebekah Brandes (Rebecca Bramford), Jennifer Stone (Mary Bramford), Carter Cabassa (Christopher Bramford), Clancy Brown (Pastor Kingsman), Wayne Pére (Mason) u. a.
Label: Splendid Film
Erscheinungsdatum: 31.01.2014
EAN: 4013549056281(DVD)/4013549038423 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 101 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Pastor Dan Bramford verlässt mit seiner Familie die Großstadt. Die Gemeinde Stull im US-Staat Kansas hat ihm ein Angebot gemacht, dem er nicht widerstehen konnte. Während Gattin Wendy ihm den Rücken stärkt, hält sich die Begeisterung der drei Sprösslinge Rebecca, Mary und Christopher in Grenzen.

Die Bürgerschaft nimmt die Neuankömmlinge allerdings mit offenen Armen auf. Das Pfarrhaus ist ein Schmuckstück. Dans Amtsvorgänger Pastor Kingsman sorgt für einen gleitenden Übergang, und Rebecca findet rasch Gefallen am schmucken, wenn auch stillen Noah, der nach einigem Zögern anbeißt und ihre Zuneigung erwidert.

Wären da bloß nicht diese seltsamen Albträume … Rebecca wird im Nachtschlaf von einer frauenähnlichen, schwarzen Dunst absondernden Kreatur verfolgt. Weiterhin haben es stehend verwesende Schafe auf sie abgesehen. Auch tagsüber ereignet sich Mysteriöses. So beißt Schwester Mary hungrig in ein Stück von freundlichen Nachbarn gebackenen Kuchen – und auf eine riesige Klaue, die ihren Rachen verletzt.

Auch das Wissen um die Hintergründe dieser Ereignisse könnte den Bramfords nicht mehr helfen. Stull ist eine Todesfalle. Unter dem Ort existiert ein Portal, das sich in die Hölle öffnet. Ein aufmerksamer Dämon hat dies bemerkt und kommt regelmäßig an die Oberfläche, um den Menschen die leckere Lebensenergie abzusaugen. Die Bürger von Stull haben einen Pakt geschlossen: Sie locken Familien von auswärts in ihre Stadt und liefern sie dem Dämonen aus, der sie dafür in Frieden lässt.

Die Bramfords hatten schon viele unglückliche Vorgänger, und so nimmt das Verhängnis routiniert seinen Lauf. Doch Noah tanzt aus der Reihe, denn er will Rebecca nicht verlieren – eine gefährliche Liebe, denn der Dämon besteht auf seine Opfer …

Der Mensch und seine Geister

Der Horrorfilm gleicht einer arg strapazierten aber gut geschmierten und deshalb weiterhin funktionstüchtigen Maschine. Für relativ wenig Geld kann das Böse unterhaltsam heraufbeschworen werden. Leider hat sich parallel dazu die Ansicht durchgesetzt, dass Gewalt und Grusel wichtiger als eine Story und Ideen sind. Gern unternehmen Anfänger im Filmgewerbe deshalb ihre ersten Schritte in diesem Genre. Nicht gerade selten versündigen sie sich dilettantisch am Horror, der ohnehin unter einem schlechten Ruf zu leiden hat.

Dabei ist die spielerische Beschäftigung mit der Angst so alt wie die Menschheit selbst. Man kann böse Geister durchaus bannen, indem man ihnen eine Gestalt und Verhaltensmotive schafft. Auf diese Weise wird ihr Treiben verständlicher. Gleichzeitig lassen sich Gegenmaßnahmen ersinnen.

Glücklicherweise werden solche Gedankenspiele nicht wirklich auf die Probe gestellt, da es böse Geister oder Dämonen realiter nicht gibt. Einschlägige, d. h. selbst ernannte und ausgebildete ‚Experten‘ behaupten zwar das Gegenteil, können es aber nicht beweisen. Das ist ihr Glück, denn sonst müssten sie sich auf eine unangenehme Überraschung gefasst machen: Wesen, die jenseits von Zeit und Raum existieren, dürften schwerlich irdische Interessen verfolgen. Eindrucksvoll hat dies u. a. der Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) verdeutlicht. Seine kosmischen ‚Götter‘ dezimieren erbarmungslos unschuldige Zeitgenossen, Jünger und Jäger, denn die Menschheit ist ihnen gleichgültig.

Der Pakt mit dem Bösen

Als zentrale Prämisse dient nichtsdestotrotz in der Regel die Annahme, dass der Mensch einer überirdischen Entität im Tausch gegen Einstellung der Feindseligkeiten etwas anbieten kann. Beliebt scheint in Dämonen-Kreisen vor allem die weibliche Jungfräulichkeit zu sein, obwohl man sich fragen muss, welchen Nutzen eine solche Kreatur daraus ziehen könnte. Es wird deutlich, dass hinter den über Jahrhunderte kanonisierten Jenseits-Vorstellungen der Mensch selbst steckt.

„Nothing Left to Fear“ stützt sich zusätzlich auf einen US-amerikanischen Grusel-Mythos. Das Städtchen Stoll in Kansas gibt es wirklich. Aus nachträglich schwer zu rekonstruierenden Gründen hat sich dort etwa um 1850 die Überzeugung herauskristallisiert, dass unter dem Friedhof der Stadt ein höllisches Portal liegt. Sieben solcher Tore soll es insgesamt geben, wobei abermals nicht klar ist, auf welchen ‚Tatsachen‘ diese Erkenntnis basiert.

Stoll hat sich zu einer Art Roswell für Dämonengläubige entwickelt. Sie reisen an und streifen suchend über den vorgeblich ‚verfluchten‘ Friedhof. Die Polizei verjagt sie, die örtliche Gastronomie freut sich, womit vermutlich die Primärursache für ein Fortdauern des Mumpitzes gefunden ist. („Nothing Left to Fear“ entstand übrigens nicht in Kansas, sondern in Lousiana und dort in der Kleinstadt Covington, was eine angemessene Wahl ist, ging hier doch Lee Harvey Oswald, Mörder des US-Präsidenten John F. Kennedy, einige Zeit zur Schule …)

Tore werden seit jeher bewacht. Meist soll Böses draußen gehalten werden. Für „Nothing Left to Fear“ kombinierte Drehbuchautor Jonathan W. C. Mills den Teufelsdienst mit der katholischen Religion, was dem Geschehen einen würzigen weil ‚verbotenen‘ Beigeschmack verleiht: „Böse“ und „Gut“ vereinen sich in ein und derselben Gruppe!

Die Angst vor dem Fremden

Mills erzählt auf einer Basisebene die sehr bekannte Geschichte der kleinen Gruppe, die es in die Fremde verschlägt. Die Bramfords möchten einen guten Eindruck hinterlassen und gehen auf die Bürger von Stoll zu, obwohl sie gleichzeitig fremdeln. Das wird verstärkt durch die geschlossene Front, als die sich diese Bürgerschaft präsentiert. Der Außenseiter neigt dazu, das Unbekannt als Bedrohung zu interpretieren.

Hier ist diese Furcht natürlich begründet. Der erfahrene Zuschauer schöpft sogleich Verdacht, als sich die guten Menschen von Stoll ausnehmend gastfreundlich zeigen: Im Horrorfilm ist dies stets der Auftakt zu Verrat und gewaltsamem Tod. In Stoll steht den Bramfords beides zuvor. Es dauert seine Zeit, bis die Masken fallen. Ungeduldig auf dämonische Faxen wartende Zuschauer werden wahrscheinlich auf das geringe Handlungstempo schimpfen. Regisseur Anthony Leonardi nimmt sich viel Zeit, um uns mit dem Ort des Geschehens vertraut zu machen. Wer sich darauf einlässt, erkennt immer wieder Vorzeichen, die das spätere Grauen ankündigen: Der Horrorfilm liebt das Symbol. Also beobachten die Bramfords, wie Noah ein Schaf = Opferlamm schlachtet und damit ihr eigenes Schicksal vorwegnimmt.

„Nothing Left to Fear“ ist der Produktionserstling des Musikers Saul Hudson, der unter dem Pseudonym „Slash“ in der Band „Guns’n’Roses“ spielt. Er liebt den Horror und ist sichtlich bemüht, die üblichen Klischees zu vermeiden. Faktisch verstößt das Drehbuch vorsätzlich gegen scheinbar fixierte Regeln. Üblicherweise müssten die Bramfords irgendwann den Braten riechen und – als Familie in Treue fest – dem Bösen erfolgreich die Stirn bieten. Hier bleibt die Erlösung aus. Die Bramfords sterben. Im Gedächtnis haftet vor allem jene lange Szene, in der die Bürger dem jungen, bereits verletzten Christopher ihre Hilfe verweigern und ihn mit Gewalt dem Ungeheuer ausliefern. Kinder kommen im Film normalerweise davon.

Doch Unschuld schützt vor Tod & Teufel nicht, und manchmal siegt das Böse, will Leonardi uns deutlich machen; es gelingt ihm. Kein Bürger begehrt trotz schlechten Gewissens gegen die eingespielte Routine auf, der Eigennutz regiert, und Pastor Kingsman gibt dem scheinheilig seinen Segen.

Schafe und Wölfe

Die Figurenzeichnung hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Autor Mills nimmt erneut durch den Verzicht auf überflüssige Klischees für sich ein. Die drei Geschwister Bramford mögen sich, sie sind nicht zerstritten oder mit notorisch verständnislosen Eltern geschlagen. Stattdessen lassen Wendy und Dan ihren Kindern viel Freiraum, ohne dass die ihn für dumme und geile Eskapaden nutzen. Damit entfällt das horrorfilmtypische Element der Bestrafung für nichtkonformes Verhalten, was einerseits erfreut und andererseits das Schicksal der Bramfords noch grausamer wirken lässt.

Im Zentrum des Geschehens steht die ältere Tochter Rebecca. Ihre Rolle ist sorgfältig geschrieben. Mit Rebekah Brandes fand Regisseur Leonardi zudem eine Schauspielerin, die eigentlich viel zu alt für die Rolle ist aber dennoch den unsicheren Teenager zwischen Kind und Frau glaubhaft verkörpern kann und sämtliche Darstellerkollegen buchstäblich an die Wand spielt.

Dabei leistet ihr Autor Mills unfreiwillig Schützenhilfe, indem er den übrigen Rollen nicht annähernd die entsprechende Aufmerksamkeit widmet. Dies kennzeichnet vor allem Wendy und Dan Bramford. Pastor Dan ist ein konturschwacher Gutmensch, die Gattin sein Spiegelbild. Für diese blasse Wendy hätte Leonardi nicht Anne Heche bemühen müssen, die wesentlich komplexere Rollen zu meistern versteht. Doch mit ihrer Karriere steht es einmal mehr nicht zum Besten, weshalb Heche wohl das Honorar einstrich und sich freute, gemeinsam mit dem realen Gatten James Tupper vor der Kamera zu stehen.

Ethan Peck scheint unter einer steifen Wirbelsäule zu leiden. Wie ein Brett und ähnlich ausdruckslos spielt er eine Rolle, die wesentlich mehr Einsatz erfordert hätte, um das Moment der Täuschung stärker zum Ausdruck zu bringen. Clancy Brown mimt routiniert und zurückhaltend den tückischen Priester. Für Carter Cabassa sieht dieser Rezensent keine große Zukunft in Hollywood.

Unter idyllischen Oberflächen

Das Budget für „Nothing Left to Fear“ lag bei 3 Mio. Dollar. Das lässt staunen, den die Summe ist so klein, dass sie mit dem Film schwer in Verbindung gebracht werden kann: „Nothing Left to Fear“ bietet durchaus großes Kino. Die Kamera leistet Schwerarbeit, um eine Kleinstadt-Idylle zu kreieren, die bereits ob ihrer süßlichen Schönheit Misstrauen erregt.

Enge Studiokulissen gibt es nicht. Immer wieder verlagert Leonardi das Geschehen ins Freie. Ganze Straßenzüge werden einbezogen. In langen Einstellungen folgt die Kamera diversen Bramfords, die auf der Flucht vor dem Dämon durch die verlassene Stadt irren und von den Bürgern im Stich gelassen werden.

Splatter-Fans werden nicht auf ihre Kosten kommen, obwohl es hin und wieder hart zur Sache geht: Leonardi belegt exemplarisch die Grausamkeiten des Dämons, ohne sie vordergründig zu zelebrieren, weil dies nicht die Geschichte ist, die er und Slash erzählen wollen. Letzterer bringt sich fachkundig als Musiker in den Film ein. „Nothing Left to Fear“ weist einen ungewöhnlichen, weil recht ruhigen, die Stimmung unterstützenden Score auf, der keineswegs mit dem hektischen „Guns’n’Roses“-Geschrammel korrespondiert.

In den USA war der Film kein Erfolg. Offenbar fehlte dem Zielpublikum vor allem ein wenigstens teilweises Happy-End. Dass Mills und Leonardi stattdessen eine strikt logische Auflösung wählten, hat man ihnen nicht verziehen. Auch der Verzicht auf Cheerleader-Titten und durchschnittene Hälse wurde moniert und Stimmung als mindestens gleichwertiger Ersatz nicht toleriert. Das stimmt traurig, denn obwohl „Nothing Left to Fear“ alles andere als ein guter, also überraschender Film ist, macht er vieles besser als vergleichbare Horrorfilme. Der Blick lohnt sich auf jeden Fall!

DVD-Features

Zum Film gibt es keine Extras, sondern nur eine endlose Reihe hektischer Werbe-Trailer.

Kurzinfo für Ungeduldige: Pastor Dan wird von seiner neuen Gemeinde freundlich aufgenommen; kein Wunder, denn er und seine Familie sollen einem Dämonen geopfert werden, der regelmäßig der Hölle entschlüpft und beruhigt werden will … – Die grundsätzlich sehr bekannte Story gewinnt durch ein konsequent die meisten einschlägigen Klischees gegen den Strich bürstendes Drehbuch, eine überdurchschnittliche Kamera und den beachtlichen Score, während die nachlässige Zeichnung (zu) vieler Figuren und Handlungslängen für Minuspunkte sorgen: dennoch eine gruselige Abwechslung.

[md]

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