Oculus – Das Böse ist in dir

Originaltitel: Oculus (USA 2013)
Regie u. Schnitt: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan u. Jeff Howard
Kamera: Michael Fimognari
Musik: The Newton Brothers
Darsteller: Karen Gillan (Kaylie Russell), Annalise Basso (Kaylie als Kind), Brenton Thwaites (Tim Russell), Garrett Ryan (TIm als Kind), Rory Cochrane (Alan Russell), Katee Sackhoff (Marie Russell), James Lafferty (Michael Dumont), Miguel Sandoval (Dr. Graham), Kate Siegel (Marisol Chavez) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 05.12.2014
EAN: 0888430857995 (DVD)/0888430858091 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 100 min. (Blu-ray: 104 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Elf Jahre hat Tim Russell in einer Heilanstalt verbringen müssen. Als Kind hatte er in Notwehr den wahnsinnig gewordenen Vater erschossen, um sich und seine ältere Schwester Kaylie zu retten. Auch die Mutter hatte den Verstand verloren und war vom Vater umgebracht worden.

Kaylie hat stets zu ihrem Bruder gehalten und nimmt ihn auf, als Tim aus der Anstalt entlassen wird. Freilich treibt nicht nur Geschwisterliebe sie um: Kaylie will Rache. Ihre Eltern waren nicht geisteskrank, sondern besessen. Vater Alan hatte für das damals neu bezogene Haus einen antiken Spiegel erworben, hinter dessen Glas ein Dämon lauert. Die Kreatur nährt sich von der Lebenskraft ihrer Opfer, die es geschickt in ihren Bann zu ziehen weiß. Seit Jahrhunderten hinterlässt sie eine Spur grausig geendeter Spiegel-Besitzer; das kostbare Stück kommt auf diese Weise durch Erbschaft oder Verkauf in immer neue Haushalte, wo der Dämon sein böses Spiel fortsetzt.

Während Tim die Erinnerung an die Nacht der Tragödie verdrängt hat, blieb Kaylie genug Zeit, sich auf eine neue Konfrontation mit dem Wesen vorzubereiten. Sie hat sich den Spiegel verschafft und in das leerstehende Elternhaus gebracht. Kameras sollen die Existenz der jenseitigen Präsenz dokumentieren, Fallen sie hindern, zum Gegenangriff überzugehen.

Zwar weigert sich Tim zunächst, Kaylies Version der Ereignisse Glauben zu schenken. Er wird eines Schlechteren belehrt, als die Schwester ihm aufgezeichnete Beweise für Aktivitäten vorspielt, für die Tim jede Erinnerung fehlt: Die Kreatur manipuliert die Wahrnehmung seiner Opfer, täuscht sie, lockt sie in die eigenen Fallen.

Kaylie war überzeugt, jedes Manöver des Dämons vorab berücksichtigt zu haben. Nun erkennt sie zu ihrem Entsetzen, dass sie ihren Meister gefunden hat: Die Kreatur nimmt die Herausforderung an und ‚spielt‘ mit – bis zur bitteren Konsequenz …

Dinge im Spiegel

Schon der Blick auf die ruhige Wasseroberfläche dürfte den noch urzeitlichen Menschen ins Grübeln gebracht haben: Wer ist das, der mir da entgegenstarrt? Ist er (oder sie) allein, oder verbergen sich andere in dieser Welt jenseits der Oberfläche? Die Erfindung des Spiegelglases förderte solche Gedankenspiele, da die Qualität der widergespiegelten Welt der Realität entsprach – mit einem entscheidenden Unterschied: Die Welt hinter dem Glas ist buchstäblich spiegelverkehrt.

Bedeutet dies, dass hinter dem Spiegel eine verzerrte und damit böse Welt den Normalzustand darstellt? Spinnen wir diesen Gedankenfaden fort: Was wäre, wenn das böse Spiegelbild das Glas durchbrechen und in ‚unsere‘ Welt eintreten könnte? Da die meisten Menschen nicht darauf achten, ob Zeitgenossen den Scheitel links oder rechts tragen, fiele der Doppelgänger nicht auf, könnte allerlei Unheil anrichten, dann in den Spiegel zurückkehren und dem ahnungslosen ‚Original‘ das Aufkehren der Scherben überlassen.

Womit die Handlung von „Oculus“ bereits nachgezeichnet wäre: Regisseur und Drehbuchmitautor Mike Flanagan konzentriert sich auf das Grundsätzliche des Spiegel-Themas. Er gestattet keine Abschweifungen. So bleiben die Herkunft des Bösen und seine wahre Natur jederzeit ungeklärt. Für diese Geschichte ist beides unwichtig. Auch die meisten der im Genre beliebten Rückblenden fallen weg: Flanagan lässt Kaylie die historischen Untaten des Spiegelwesens nacherzählen. Nichts lenkt vom Nukleus des Oculus – quasi das Weiße im Auge des übernatürlichen Gegners – ab.

Machtlos im eigenen Hirn

Einer der gelungenen Einfälle zeigt die Besessenheit jener, denen der Dämon im Hirn sitzt, durch Augen an, die sich in kleine Spiegel verwandelt haben: eine kurze, sofort einleuchtende Verbindung zwischen dem zwar an der Wand fixierten Spiegel, dessen Bewohner trotzdem den Weg in die Köpfe seiner Opfer findet.

Auf diesem Niveau schwingt sich Flanagan zur wahren Meisterschaft auf. Selten gelingt es einem Horrorfilm, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Wirklichkeit und Einbildung so gründlich zu verwischen. Bald ist der Zuschauer ebenso verwirrt wie Tim und Kaylie: Was geschieht wirklich? Was ist nur Vorspiegelung? Was geschieht nachträglich?

Mit voller Absicht vermeidet Flanagan die beliebten „jump cuts“, die dem Publikum anzeigen, dass hier ein Sprung durch die Zeit, der Übergang in eine andere Dimension oder ein ähnlicher Tapetenwechsel erfolgt. Stattdessen lässt Flanagan Raum und Zeit miteinander verschmelzen. Können wir Vergangenheit und Gegenwart zunächst noch daran unterscheiden, dass Kaylie und Tim dort Kinder und hier junge Erwachsene sind, begegnen sich kurz darauf der junge und der ‚alte‘ Tim, die ‚alte‘ Kaylie und ihr toter Vater etc. Sämtliche Figurenkonstellationen und Interaktionen zwischen den Zeiten werden möglich.

Zuvor hat Kaylie nicht nur ihrem Bruder, sondern natürlich auch uns, den Zuschauern, ihr Arsenal empfindlicher Mess- und Aufzeichnungsinstrumente, ihre Fallen und ihre ausgeklügelte Taktik vorgestellt. Das filmerfahrene Publikum weiß sofort: Wer sich so penibel auf alles Mögliche und Unmögliche vorbereitet hat, wird auf jeden Fall übel scheitern. In der Tat tritt Kaylie zwar mit Köpfchen, aber auch mit zu viel Wut und zu wenig Nachdenken einem Gegner gegenüber, der Hightech spielerisch durch Erfahrung und das Wissen um die Effizienz geschickter Blendung zu kontern weiß.

Böse, schlau, geduldig

Einmal mehr gelingt es Flanagan, den Zuschauer mehr als die Hauptfiguren wissen oder besser: ahnen zu lassen: Wenn Kaylie die lange Liste derjenigen durchgeht, die der „Lasser“-Spiegel (benannt nach dem ersten bekannten Eigentümer = Opfer) ihr Leben kostete, wird klar, dass die getroffenen Vorbereitungen keineswegs angemessen sind. Dies führt zu einer Erkenntnis, die Flanagan generell immer wieder einfließen lässt: Kaylie wurde durch die Ereignisse elf Jahre zuvor womöglich noch stärker traumatisiert als ihr Bruder. Während dieser professionelle Hilfe bekam und die Anstalt durchaus geheilt verlässt, hat sich Kaylie in eine Besessenheit hineingesteigert. Der Jagd auf den Spiegel und der Rache hat sie ihr gesamtes Leben gewidmet. Den gesunden aber labilen und schuldbewussten Bruder zieht sie ebenso gekonnt wie erbarmungslos in ihren Feldzug und somit in den Untergang hinein.

Im Interview erklärt Flanagan, dass er den Spiegel als gleichberechtigte Hauptfigur betrachte. Dies überzeugend darzustellen ist verständlicherweise schwierig. Hier gelingt es sogar dann und weil nicht ständig Knochenhände u. a. Geisterbahnschrecken aus dem Spiegel nach kreischenden Pechvögeln angeln. Viel erschreckender ist seine Macht, die Wahrnehmung zu fälschen. Wenn man den eigenen Augen nicht mehr trauen kann, löst sich jede Strategie in Luft auf.

Folgerichtig gerät der Spiegel – eigentlich ein ungemein zerbrechliches Objekt – nie wirklich in Gefahr. Als sich das Wesen offenbart, wird umgehend deutlich, dass und wieso es seit Jahrhunderten auf sich und sein Heim achtgeben konnte. Es arbeitet gründlich und hinterlässt keine Spuren, sondern höchstens Sündenböcke, die für verursachtes Grauen geradestehen müssen. Insofern ist die Auflösung der Geschichte nicht nur kompromisslos, sondern auch konsequent. (Allerdings könnte es auf diese Weise problemlos weitergehen. Ein Franchise ist auch deshalb zu befürchten, weil „Oculus“ bei Kosten von 5 Mio. Dollar allein an den Kinokassen 44 Mio. einspielte: ein Verhältnis, das Produzenten aufhorchen lässt!)

Eine schreckliche Familie

Obwohl das Filmgeschehen und Mike Flanagan im Audiokommentar keinen Zweifel daran lassen, dass es im Russell-Haus tatsächlich umgeht, lässt der Regisseur der strikt realitätsbezogenen (= fantasielosen) Zuschauerfraktion (und natürlich jenen Kritikern, die ‚echten‘ Spuk als schnöde Unterhaltung ächten) ein Hintertürchen offen: Es ist zumindest möglich, dass kein Dämon, sondern eine generationsübergreifende Geisteskrankheit die Familie Russell auslöscht. So nimmt der Spiegel-Dämon gern die Figur einer Frau an, die eventuell Alan Russells heimliche Geliebte gewesen sein könnte, die von den Kindern manchmal flüchtig gesehen und von der wütenden Gattin schließlich als Nebenbuhlerin enthüllt wurde.

Diese Unsicherheit unterstützt Flanagan, indem er Kaylie und Tim sich an manche Schlüsselszenen unterschiedlich erinnern lässt: Eines der Geschwister irrt sich womöglich. Vor allem Kaylies Dämonenhatz könnte das Ergebnis falscher oder fehlinterpretierter Fakten sein. Die Russells waren nicht die glückliche Familie, zu der Kaylie sie nachträglich verklärt.

Für seine Gruselstunde muss Flanagan nicht sämtliche Geister der Tricktechnik entfesseln. Zwar verteilt die Werbung plump Reiztitel wie „Insidious“, „The Conjuring“ und „Paranormal Activity“ auf dem Cover, aber der erschrockene Zuschauer darf entwarnt werden: Hysterisches Geschrei, grellmusikverstärkte Buh!-Effekte und flache Witze gibt es in „Oculus“ nicht. Flanagan kappte sogar jenen heutzutage obligatorischen Schluss-‚Gag‘, in dem jetzt Kaylie als Spiegel-Geist bereits in den Startlöchern für „Oculus 2“ steht. (Man findet ihn unter den „deleted scenes“.)

Vor dem Spiegel

Für seinen Film trieb Flanagan Aufwand dort, wo es sich lohnte: Er schrieb ein gutes Drehbuch und engagierte gute Schauspieler. Die wenigen Spezialeffekte sind sauber umgesetzt. Sie unterstützen die Handlung, statt sie zu ersetzen. Schon in „Absentia“ hatte Flanagan 2011 auf diese Weise trotz eines Mini-Budgets punkten können. Der Score besteht nicht wie im modernen Horrorfilm allzu üblich aus merchandisingtauglichem Mainstream-Rock, sondern bietet ebenfalls handlungstragende Filmmusik.

Vor die Kamera traten Darsteller, die meist für das Fernsehen arbeiten. Einigermaßen bekannt ist höchstens Rory Cochrane, der einst als Tim Speedle für „CSI Miami“ ermittelte. Im Auge behalten sollte man Annalise Basso, die hier sämtliche erwachsenen Kolleginnen und Kollegen an die Wand spielt. Bei Karen Gillan möchte man die überhastete Synchronstimme monieren, bis ein Vergleich mit der Originalfassung zeigt, dass die Schauspielerin wirklich so schnell spricht. James Lafferty ist als Kaylies Verlobter Michael eine absolut überflüssige Rolle.

Negativ anzumerken ist höchstens die Tatsache, dass dem Geschehen in der zweiten Hälfte allmählich die Puste auszugehen beginnt. Zehn Filmminuten und einige verzichtbare Dämonentricks weniger könnten „Oculus“ in dieser Hinsicht schärfen. Glücklicherweise sorgt das Finale wie bereits erwähnt für Qualitätsrettung in letzter Sekunde. „Oculus“ verbreitet gepflegten aber wirksamen Schrecken, verzichtet auf faule Tricks und kommt abschließend auf den Punkt, womit – manchmal vergisst man es im Zeitalter des ewig recycelten Dümmlich-Grusels der Kategorie „Annabelle“ – diese Geschichte erzählt ist.

DVD-Features

Die „Oculus“-DVD erfreut durch eine kleine aber feine Liste interessanter Features. Zwar bietet das zudem kurze „Making Of” nur die üblichen, d. h. werberelevanten Gemeinplätze. Doch es gibt einen Audiokommentar von Mike Flanagan und Produzent Trevor Macy, der viele Hintergrundinformationen enthält. Flanagan spricht u. a. von seiner Liebe zum Horror à la H. P. Lovecraft, der erschreckt, ohne explizit zu erklären.

Die „Deleted Scenes“ belegen, dass Flanagan auch als Cutter die richtigen Entscheidungen getroffen hat: Sie sind für die Handlung unerheblich und deshalb zu Recht geschnitten worden.

„Oculus“ ist das Ergebnis einer langen Entwicklungs- und Reifezeit. 2006 unternahm Mike Flanagan erste Schritte in der Film- und Fernsehindustrie. Er arbeitete als Cutter, inszenierte direkt nach der Ausstrahlung vergessene TV-Episoden, hatte mit seinem No-Budget-Film „Ghosts of Hamilton Street“ zumindest einige Kritiker beeindruckt und saß in der Warteschleife. Bis er seinen ersten ‚richtigen‘ Spielfilm inszenieren konnte, realisierte Flanagan als Fingerübung „Oculus: Chapter 3 – The Man with the Plan“ als 32-minütigen Kurzfilm. Scott Graham, ein alter Freund und Weggefährte Flanagans, spielte einen deutlich älteren Tim Russel, dessen Vater im Bann des Lasser-Spiegels Amok gelaufen war. Auf der Suche nach Antworten und Rache schließt sich der Sohn mit dem Spiegel ein, verliert aber das Duell mit der Kreatur hinter dem Glas. „Chapter 3“ (geplant waren ursprünglich neun „Oculus“-Kurzfilme) ist ein packendes Ein-Mann-ein-Spiegel-Drama, in dem Graham das Abgleiten in den Wahnsinn = das Tappen in die Falle des Spiegels überzeugend darzustellen weiß. Vieles aus diesem Kurzfilm hat Eingang in die „Oculus“-Langversion von 2013 gefunden.

Kurzinfo für Ungeduldige: Der Versuch, die dämonische Besessenheit eines alten Spiegels zu dokumentieren, endet für ein traumatisiertes Geschwisterpaar erneut mit einer Tragödie … – Sehr klassische Geistergeschichte, die geschickt Fiktion und Realität sowie Zeitebenen mischt, in der zweiten Hälfte ein wenig lahmt und im kompromisslosen Finale Kraft zurückgewinnt.

[md]

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