PandemicEine Seuche verwandelt ihre Opfer in tollwütige Menschenfresser. Soldaten sollen Überlebende retten. Die Mission scheitert, es folgt eine Flucht durch zombieverseuchte Straßen … – Das wär’s im Groben; zwar gibt es noch eine Nebenhandlung, die jedoch ebenfalls Klischees an Bekanntes reiht. Die ‚subjektive‘ Kamera ist ein netter Gag, der von der Schablonenhaftigkeit dieses kleinbudgetierten Films nicht ablenken kann: tausendfach und oft besser gesehener Action-Horror.

Das geschieht:

Zum 1000-&-xten Mal wurde die Menschheit von einem Virus befallen, der die Infizierten in tollwütige Als-ob-Tote verwandelt, die sogar ihre Mitbürger verspeisen. In den USA sind viele Städte bereits überrannt; die wenigen (noch) nicht von der Seuche angesteckten Personen verbarrikadieren sich in schwer gesicherten Not-Camps, die von den Erkrankten belagert werden.

In Los Angeles herrscht Dr. Greer von der Seuchenschutzbehörde mit eiserner Faust über eines dieser Camps. Während innerhalb des Lagers fieberhaft an erkrankten Pechvögeln nach einem Gegenmittel geforscht wird, suchen Rettungskommandos nach nicht infizierten Personen, die sich an einigen Orten irgendwo in der Stadt verstecken konnten. Diese Fahrten sind die reinsten Himmelfahrtskommandos. Aktuell ist Mission 3/13 verschollen, weshalb Greer ihr 3/14 hinterherschickt.

An Bord eines notdürftig gegen die Attacken der Kranken gesicherten Schulbusses kommen neben Fahrer Wheeler – ein zwangsrekrutierter Gefängnisinsasse – die Soldaten Denise und „Gunner“ sowie Ärztin Dr. Lauren Chase zusammen. Letztere war bisher nur im Labor aktiv und lernt zum ersten Mal den Alltag an der ‚Front‘ kennen. Ihre kampfgewohnten Begleiter trauen Chase nicht, die in der Tat von der grausamen Realität in der von Gesetz und Hilfe freien Stadt völlig überfordert wird und ständig vor einem schnellen Tod bewahrt werden muss.

Dennoch kämpft sich die Gruppe bis zum Einsatzziel durch. Immer wieder geraten sie dabei in Fallen, denn die Erkrankten behalten ihre Intelligenz, bis sie sich endgültig in Untote verwandeln. Das Ziel entpuppt sich als Sackgasse. Ohne seinen Bus strandet das Team inmitten einer Übermacht menschenfleischgieriger Zombies. Jegliche Unentschlossenheit bedeutet den Tod, weshalb auch Dr. Chase ihren Kampfgeist entdeckt. Ohnehin steckt sie in besonderer Not, hütet sie doch ein Geheimnis, das sie auch oder gerade vor ihren Gefährten sorgfältig verbergen sollte …

Altes Spiel in ‚neuer‘ Perspektive

Das Z-Wort fällt selbst in der deutschen Fassung nicht – immerhin, obwohl sich der Untertitel „Fear the Dead“ dadurch als plumpes PR-Anwanzen an die derzeit sehr erfolgreichen TV-Serien „The Walking Dead“ und vor allem „Fear the Walking Dead“ entlarvt. Tatsächlich sind die vom Fila-Virus betroffenen Menschen nicht tot, wie Dr. Greer an einer Stelle ausdrücklich erwähnt. Sie werden faktisch tollwütig und verhalten sich anschließend zombiesk.

Im Detail ist das freilich unwichtig, denn im Verhalten gleichen sich Untod und Virenraserei wie ein (faules) Ei dem anderen. Diese Feststellung lässt sich leider auf den Film übertragen. Regisseur John Suits hat sich ein gut abgehangenes = schon seit Jahren herumgereichtes = kostengünstiges Drehbuch gegriffen, obwohl ihm klar gewesen sein dürfte, dass dessen Inhalt nur bieten konnte, was schon längst und dann viel zu oft präsentiert wurde. Das Fernsehen hat vor allem mit den beiden weiter oben genannten Serien vom Zombie-Thema nur noch verbrannte Erde hinterlassen: Alles ist herausgequetscht und wurde zudem formal auf ein Qualitätsniveau gehoben, von dem Suits nur träumen konnte.

Wieder findet die Apokalypse im Sparschwein-Modus statt. Kameramann Putnam musste zu früher Stunde aus dem Bett, um möglichst menschenleere Nebenstraßen zu filmen. Kurze Gassen und kleine Plätze wurden mit Müll dekoriert, um Untergangsstimmung zu erzeugen. (Wieso dazu im digitalen Zeitalter weiterhin sorgfältig flächendeckend verstreutes DIN-A-4-Papier gehört, ist eine Frage, die sich der Zuschauer nicht nur dieses Films stellt.) Kurze Blicke auf die Stadtsilhouette zeigen nach digitaler Bearbeitung CGI-Flammen und Rauchwolken, um zu demonstrieren, dass sich der Weltuntergang eben nicht auf einige Hinterhöfe beschränkt – ein Eindruck, der sich leicht aufdrängt, wenn man dem limitierten Geschehen folgt.

Durch ‚deine‘ Augen gesehen

Schon im Originalskript war der ‚subjektive‘ Blick auf die verheerte Stadt vorgesehen, wenn man Suits Glauben schenken möchte. „Pandemic“ ist nicht der erste Film, in dem die Kamera die Augen des Zuschauers ersetzen möchte. Schon 1946 drehte Regisseur (und Hauptdarsteller) Robert Montgomery seinen Thriller „The Lady in the Lake“ (dt. „Die Dame im See“ – nach Raymond Chandler) auf diese Weise. Damals wurde dies nicht von Erfolg gekrönt. So ist es geblieben. Trotzdem versuchen es Filmschaffende immer wieder.

Aktuell ist die Technik so weit fortgeschritten, dass die Kamera einem körperwendigen Darsteller buchstäblich auf den Leib geschneidert werden kann. Selbst höchstmögliche Bewegungsturbulenz behindert nicht die Aufnahme rasiermesserscharfer Bilder. Somit hat der Film endlich mit dem Computergame gleichgezogen: Dort schlüpft der Spieler schon lange in die Haut des jeweiligen Hau-drauf-Helden, um mit seitlich ins Monitorbild eingeblendeter Waffe möglichst viele Gegner zu Hackfleisch zu verarbeiten. (Suits erweist dem Vorbild seine Referenz: Einmal sieht man auf ein großes Glasfenster das Wort „DOOM“ geschmiert. Dieses Spiel gilt als Klassiker des Shooter-&-Metzel-Genres.)

Obwohl es auf dem deutschen Cover behauptet wird („Nonstop-Action in innovativer Ego-Shooter-Perspektive“), geht „Pandemic“ nicht halb so weit wie beispielsweise „Hardcore Henry“ (dt. „Hardcore“). Nur in wenigen Szenen, die allerdings panische Hektik statt choreografierten Bewegungsfluss bieten, kommt Tempo auf. Diese Verfolgungsjagden und Fluchten sind nicht spannender, weil man sie angeblich durch die eigenen Augen sieht = miterlebt. Ohnehin wird sofort auf andere Helmkameras umgeschaltet, weshalb recht ‚normale‘ Bilder dominieren. Der Unterschied zum „Found- Footage“-Gerüttel ist marginal. Kein Wunder, dass sich bekannte Symptome wie Übelkeit und Kopfweh rasch einstellen. Ebenfalls dauerpräsent ist ein weiterer Freund des sparsamen Regisseurs: die Dunkelheit, weshalb selbst dort, wo es hörbar hart zur Sache geht, meist nur Schemen zu erkennen sind.

Die Augen & ihre Darsteller

Angesichts des enggeschnallten Budgetgürtels darf man vor der Kamera keine bekannten Namen erwarten. Fans der Serie „CSI Vegas“ dürften das faltige Dackelgesicht von Paul Guilfoyle wiedererkennen. Dort hat er viele Jahre den brummigen Captain Jim Brass gemimt; für Guilfoyle vermutlich die Rolle seines Schauspielerlebens, das er nun wieder in B-Movies wie diesem fristen wird. Trotzdem konnte Suits ihn sich nur für wenige Minuten leisten.

Ansonsten füllen TV- und Nebendarsteller die Räume unter den Helmkameras. Über die An- oder Abwesenheit von Talent sagt dies nichts aus. Tatsächlich leisten die Schauspieler solide Arbeit; sie sind es gewohnt, dies unter Geld- und Zeitdruck zu tun. Das ist hilfreich, da diese Profis zum Teil ausgleichen können, was Drehbuchautor Benson versäumt hat: Sie geben den Figuren wenigstens ansatzweise Tiefe, wo ansonsten nur Klischees zu finden sind. Deshalb wirkt Rachel Nichols als Löwenmutter mit einem Geheimnis, das sie vor ihren Gefährten hüten muss – selbstverständlich wird es irgendwann dramatisch gelüftet – nicht hysterisch, sondern überzeugend, wofür man ihr auch deshalb Anerkennung zollen muss, weil man Lauren Chases Gesicht nur selten und dann im Fokus anderer Kameras oder in spiegelnden Flächen sieht.

Um die übrigen Personen des vierköpfigen Rettungsteam unterscheidbar zu gestalten, prägte ihnen Benson je eine individuelle Eigenschaft auf: Schützer „Gunner“ sucht nach seiner verschollenen Soldaten-Gattin, Denise trauert um ihren schon vor der Seuche gestorbenen Sohn, und Fahrer-Knasti Wheeler will ehrlich werden. Daraus entzündet sich zwischenmenschliche Dramatik, deren Begleittexte jeder Zuschauer im Tiefschlaf mitsprechen kann. Geredet werden muss jedoch oft und ausgiebig, weil Ideen und Geld für Handlung oder gar Action knapp bemessen sind.

Diese Rechnung ging nicht auf

Dem deutschen Zuschauer wird durch eine „FSK-18“-Freigabe vorgegaukelt, dass „Pandemic“ solche Tristesse wenigstens durch Rabiat-Effekte wettmachen kann – ein alter bzw. fauler Trick, denn die Filmrealität sieht anders aus. Zweimal werden Schädel ohne Zwischenschnitte zu Mus zerschlagen, und ein Notfall-Mord per Schraubendreher zieht sich drastisch in die Länge. Wer regelmäßig „The Walking Dead“ oder gar „Game of Thrones“ sieht, dürfte über solche ‚Härten‘ eher lachen.

Ebenfalls keine Betroffenheit kann Suits mit einem beachtlichen Bodycount erzeugen, der auch die Hauptdarsteller nicht ausschließt. Das Finale sorgt vor allem deshalb für Entsetzen, weil es eine Fortsetzung anzukündigen scheint. Die ständigen Logiklöcher stören (oder wundern) dagegen kaum. (Wer schickt Dr. Chase von New York nach Los Angeles, wenn Obrigkeit und Ordnung angeblich zusammengebrochen sind? Wieso werden ganze Straßenzüge von Zelten u. a. Notunterkünften gesäumt? Die Häuser stehen ja noch, und sie böten besseren Schutz vor den umherstrolchenden Virus-Zombies. Warum betont Dr. Greer gebetsmühlenartig die ständige Ansteckungsgefahr und schickt dennoch völlig unzureichend besetzte und ausgerüstete Teams auf ‚Rettungsmissionen‘?)

Auf diese Weise flimmern und flackern 90 Filmminuten an ausgebrannten Zuschaueraugen vorüber. Bereits in „The Scribbler“ hatte Suits 2014 das Bild über die Handlung gesetzt und letztere darüber sträflich vernachlässigt. In „Pandemic“ kann sein neues Spielzeug – die POV-Kamera – nicht überdecken, dass er diesen Fehler erneut begeht. Das Ergebnis ist laute und bildwirbelige Unterhaltung von der Stange. Sie passt irgendwie, zwickt und hängt aber trotzdem an vielen Stellen und wandert bald in eine selten genutzte Seitenkammer des Gedächtnisses.

DVD-Features

Extras zum Hauptfilm werden durch Trailer-Werbung ‚ersetzt‘. Auf der Haben-Seite stehen ein trotz der alibi-provisorischen Machart gutes Bild und die Beschäftigung echter Synchronsprecher; das ist heutzutage durchaus eine eigene Anmerkung wert!

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Pandemic – Fear the Dead
Originaltitel: Pandemic (USA 2016)
Regie: John Suits
Drehbuch: Dustin T. Benson
Kamera: Mark Putnam
Schnitt: Nicholas Larrabure
Musik: Alec Puro
Darsteller: Rachel Nichols (Dr. Lauren Chase), Alfie Allen (Wheeler), Missi Pyle (Denise), Mekhi Phifer (Gunner), Paul Guilfoyle (Dr. Greer), Danielle Rose Russell (Megan), Pat Healy (Dr. Ward), Amanda Baker (Ella), Sara Tomko (Alice) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 03.05.2016
EAN: 4013549075114 (DVD)/4013549065788 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Dänisch, Finnisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 18

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