Panic Button

Originaltitel: Panic Button (GB 2011)
Regie: Chris Crow
Drehbuch: Chris Crow, Frazer Lee, John Shackleton u. David Shillitoe
Kamera: Simon Poulter
Schnitt: John Gillanders
Musik: Mark Rutherford
Darsteller: Scarlett Alice Johnson (Jo), Jack Gordon (Max), Michael Jibson (Dave), Elen Rhys (Gwen), Vern Raye (Callahan), Joshua Richards (Turner), Meggie McCarthy (Sophie) u. a.
Label: Savoy Film
Vertrieb: Intergroove Media
Erscheinungsdatum: 10.08.2012
EAN: 807297098297 (DVD) bzw. 0807297098396 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min. (Blu-ray: 95 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Vier in der Online-Gemeinschaft des sozialen Netzwerks „All2gethr.com“ äußerst aktive Mitglieder dürfen sich freuen: Jo, Max, Dave und Gwen werden auf Kosten des genannten Unternehmens ein luxuriöses Wochenende in New York verbringen! Mit einem Privatjet wird man sie in London abholen und sechs Stunden später am Zielort absetzen. Damit die Reisezeit schneller verfliegt, schlägt der ‚Reiseleiter‘, der sich nur per Bildschirm und dort in Gestalt eines Cartoon-Alligators präsentiert, ein Spiel vor, dessen Gewinner wiederum reizvolle Preise einsammeln kann. Allerdings gibt es eine Bedingung: Wer der Teilnahme zustimmt, muss spielen; sonst drohen Konsequenzen. Befeuert von Gratis-Champagner und Gier, lässt sich unser Quartett davon nicht abschrecken.

Der Spaß hoch über den Wolken verflüchtigt sich freilich bald, denn die den Spielern gestellten Fragen sind nicht nur sehr persönlich, sondern impertinent. Lügen werden peinlich offenbart; der „Alligator“ kennt sämtliche Botschaften, die unsere ‚Gewinner‘ online verbreitet haben. Er weiß um ihre Kennwörter und Identitäten, und vor allem kann er offenbaren, auf welchen dunklen und meist verbotenen Kanälen die Spieler sich in der Sicherheit ihrer heimischen vier Wände gern tummeln.

Zunehmend gedemütigt und wütend wollen die vier Reisenden das ‚Spiel‘ abbrechen. Doch „Alligator“ hat Vorsorge getroffen: Aus dem Profil wird bei jedem Verstoß gegen die Regeln ein Online-Freund ausgesucht und umgebracht; diese Bilder werden ins Flugzeug übertragen. Um endgültig jeden Widerstand zu brechen, hält „Alligator“ zusätzlich Jos Tochter, Max‘ Bruder, Daves Braut und Gwens Schwester gefangen.

Während die gestellten Aufgaben immer grausamer werden, versucht zumindest Max aufzubegehren. Er ist nicht derjenige, der er zu sein vorgab, weshalb „Alligator“ ihn nicht erpressen kann. Doch alle Appelle an den Gemeinschaftsgeist bleiben zwecklos, die Angst um ihre Lieben lässt die ‚Spieler‘ wie von „Alligator“ geplant übereinander herfallen …

Gefährliche Illusion verantwortungsfreier Anonymität

Der „panic button“ ist jener entsprechend funktionsbelegte aber ansonsten gewollt anonyme Knopf auf der Computer-Tastatur, der beim blitzschnellen Druck das gerade auf dem Bildschirm Sichtbare verschwinden bzw. ein unverdächtiges Bild erscheinen lässt. Man bedient sich seiner gern im Büro, weil der Chef es oft ungern sieht, dass Arbeitszeit beispielsweise im Online-Kontakt mit Freunden irgendwo auf dieser großen Welt vertan wird.

Im gleichnamigen Film erinnert Regisseur und Drehbuch-Mitautor Chris Crow an die unangenehme aber gern verdrängte Tatsache, dass der (illegale) Zugriff zwar vertuscht aber nicht getilgt werden kann. „Das Netz vergisst nichts“ – dieser sehr wahre Satz fällt auch im Laufe unserer Geschichte. Wer weiß, wie man entsprechende Aktivitäten rekonstruiert, kann für den User sehr unangenehme Tatsachen oder besser: Taten ans Tageslicht bringen.

Damit sind hier nicht die üblichen Vergehen rund um das illegale Herunterladen unterhaltsamer Inhalte gemeint. Crow geht einen Schritt weiter und legt das nackte Schwein im Menschen bloß, das sich in Gemeinheiten, Schadenfreude und Schmutz suhlt und im Internet die Möglichkeit gefunden zu haben glaubt, dies folgenlos und unbemerkt tun zu können. Also schaut sich die hübsche Mutter Jo gern Clips von echten Morden an, während der lustige Dave sich mit Pornos der allergröbsten Art vergnügt. Gwen schätzt die Möglichkeit des anonymen Cyber-Mobbings, während Max sich als Identitätsdieb selbstständig gemacht hat.

„Das machen doch alle“

Hinter jedem hochgeladenen Filmchen verbirgt sich ein menschliches Schicksal. In der Regel macht man sich bereitwillig selbst zum Narren, doch mancher Clip zeigt Tragödien, die eindeutig nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Unsere vier Hauptfiguren stehen hier für diejenigen Zuschauer, denen – wohl oft zu Recht – ebensolche Grauzonen-Interessen am Abseitigen, real Schauerlichen oder Hinterhältigen unterstellt wird. Sie werden stellvertretend zur Rechenschaft gezogen.

Wem dies als Moral oder Botschaft reichlich banal vorkommt, liegt richtig: Das Publikum soll nicht nachdenken, sondern unterhalten werden, das vorgebliche Anliegen ist ein moralisches Feigenblatt, das höchstens hoffnungslos politisch korrekte Zuschauer täuscht, die sich hier kritische Denkanstöße erhoffen. Damit ist jedoch schon aufgrund der Fadenscheinigkeit des Plots nicht zu rechnen.

Gleich vier Drehbuchautoren haben den „Panic-Button“-Brei angerührt und – das Sprichwort einmal mehr mit Sinn füllend – ihn dabei verdorben. Noch am besten funktioniert die Geschichte als Thriller in der Luft. Vier Menschen sind gefangen in einem nicht allzu großen Flugzeug sind ihrem Peiniger definitiv ausgeliefert, Flucht ist unmöglich.

Selbstverständlich stellen sie sich nicht ihrem Fehlverhalten als Internet-User. Dies verlangt nur „Alligator“, aber der ist nachweislich verrückt. Jo, Max, Dave und Gwen geht es ausschließlich darum, sich oder wenigstens ihre gekidnappten Lieben zu retten. Also münden die Ereignisse erwartungsgemäß in ein Action-Finale ein.

Guter Ansatz, schwache Umsetzung

„Panic Button“ ist eine Low-Budget-Produktion. Für die Realisierung standen nur etwa 400.000 Euro zur Verfügung, was u. a. die Beschränkung auf eine Kulisse – das Innere des Flugzeugs – erklärt. Die daraus resultierende Konzentration auf das Wesentliche weiß das Drehbuchteam, unterstützt durch vier gute und jederzeit präsente Darsteller, phasenweise durchaus spannend zu nutzen, wobei der Thrill sich nicht aus der Action speist: In den besten Szenen ist „Panic Button“ ein Kammerspiel, in dessen Verlauf vier Menschen Stück für Stück ihrer gesellschaftlichen Fassaden entkleidet werden. Während es nicht erstaunt, dass sich Frauenheld Dave oder die laszive Gwen als Großmäuler und Lügner entpuppen, verblüfft die hübsche, liebenswerte Jo durch ungeahnte Abgründe und Alkoholismus.

Irgendwann sind diese Karten auf dem Tisch. Wie kann die Geschichte weitergehen,  wie lässt sie sich auflösen? Die nächste Stufe des Terrors setzt beachtlich ein: „Alligator“ gibt jedem seiner Opfer einen separaten Auftrag. Wir sehen nur, was geschehen wird, sollten sie sich weigern, erfahren aber nicht, was sie tun sollen. Dass sie nunmehr einander an die Gurgeln gehen werden, ist vorauszusetzen. Unsere Pechvögel wissen es sogar selbst, wenn sie, von „Alligator“ zum Schweigen verdammt, wieder zusammensitzen und einander belauern.

Dann reißt der Spannungsfaden. Unserem Drehbuch-Quartett fällt nur ein, in den üblichen Action-Modus umzuschalten. Es folgt der erkenntnisreiche Einbruch in den Gepäckraum des Flugzeuges, dem die Passagiere bisher auf fadenscheinige Weisen ferngehalten wurden. Irgendwann taucht der Pilot auf und mischt sich ins Getümmel, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Läuterung und Rettung wird es nicht geben; „Alligator“ hat sämtliche ‚Spieler‘ eindeutig zum Tode verurteilt. In ein Wunder flüchtet sich Crow nicht, aber er wählt die nächstüble Alternative: den ‚schockierenden‘ Epilog, der dem Geschehen einen denkwürdigen Twist geben soll.

Blind, taub oder allgemein dämlich

Wie so oft sorgt dieses angeflanschte Ende höchstens für Kopfschütteln. „Alligator“ kann nur als körperlose Stimme allmächtig wirken. Wenn wir ihn schließlich sehen, ist er nur das irre Oberhaupt einer irren Familie. Mit diesem Wissen beginnt der Zuschauer die Handlung generell zu hinterfragen; ein gefährlicher Weg, auf den Crow sein Publikum besser nicht hingewiesen hätte, da er seinem Werk auf diese Weise noch nachträglich einen Dolchstoß versetzt.

Als privates Unternehmen ließe sich ein Coup wie von „Alligator“ geplant ganz gewiss nicht realisieren. Zudem ist die totale Kontrolle einer Gruppe verzweifelter Menschen aus der Ferne ein Ding der Unmöglichkeit. Auch um Detailfragen wie diese drückt sich das Drehbuch-Team gern: Was wäre, wenn einer unserer Reisenden – die ja große Lügner sind – bei der vor dem Abflug geforderten Abgabe der Handys gemogelt und ein Zweitgerät bei sich behalten hätte? Warum reißt „Alligator“ das Übel nicht an der Wurzel aus, obwohl er über die Software von „All2gethr.com“ – dem Sammelbecken des juristisch und moralisch Verbotenen – quasi verfügen kann? Zu schlechter Letzt stellt „Alligator“ seine sorgfältig aufgezeichnete Strafexpedition ins Internet und praktiziert damit exakt das, was er seinen Opfern vorgeworfen hatte.

Über solche Logikbrüche können auch die engagierten Schauspieler die Story nicht schadenfrei tragen. Crow heuerte Profis an, die trotz erwiesenen Talents noch auf den Durchbruch zum Starruhm warten und bis dahin im Fernsehen und in kostengünstigen Spielfilmen anständige Arbeit leisten. Dies gelingt ihnen auch in diesem Fall, obwohl das Drehbuch eher Typhülsen als Figuren vorgibt. Zur Glaubwürdigkeit trägt immerhin bei, dass es sich bei den Darstellern weder um Teenies handelt noch handeln soll: Es sind erwachsene Männer und Frauen, die „Alligator“ in die Falle gehen.

Für den erwähnten Durchbruch werden sie alle sich freilich nicht bei Chris Crow bedanken müssen. „Panic Button“ ist ein gut gespielter und ordentlich gefilmter Durchschnitts-Thriller. Sollte man als Zuschauer allein dafür dankbar sein, nicht schon wieder auf ein Machwerk der Marke „Syfy“ oder „Asylum“ hereingefallen zu sein? Wer noch Ansprüche sogar an Unterhaltungsfilme stellt, wird von „Panic Button“ sicherlich enttäuscht sein, auch wenn sich anderthalb Stunden übler verschwenden lassen.

DVD-Features

Obwohl der britischen DVD eine ganze Reihe möglicherweise interessanter Extras – darunter drei „deleted scenes“, ein „Making of“ oder eine „Gag Reel“ – aufgebrannt wurden, bleibt die deutsche DVD featurefrei. Auch der stolze Besitzer einer „Panic-Button“-Blu-ray schaut in dieser Hinsicht vergeblich in die Röhre.

Zum Film gibt es eine schön gestaltete Website.

[md]

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