Eine US-Durchschnittsfamilie muss feststellen, dass ein Dämon sie heimsucht, der es auf den männlichen Erstgeborenen abgesehen hat … – Wie schon am ersten Teil scheiden sich die Geister an einem ‚Horror‘-Film, der auf Stimmung statt auf Blut oder Spezialeffekte setzt und dem Grauen Zeit gibt, in ein Alltagsleben einzubrechen; wer sich darauf einlässt und die inhaltlichen wie formalen Parallelen übersieht, wird abermals spannend unterhalten.

Das geschieht:

Irgendwo in einem gesichtslosen US-Vorort begrüßen Daniel Rey, Ali – seine halbwüchsige Tochter aus einer früheren Ehe – und Daniels zweite Gattin Kristi die Geburt des Stammhalters Hunter. Die Freude wird durch einen Einbruch getrübt, bei dem die Täter das Haus verwüstet aber nur eine Halskette an sich genommen haben, die Kristi von ihrer Schwester Katie geschenkt wurde. Daniel lässt deshalb in Haus und Garten Überwachungs-Kameras anbringen.

In den nächsten Tagen und Wochen beginnt ein seltsamer Terror die Reys heimzusuchen. Haushaltsgegenstände und Mobiliar legen ein unheimliches Eigenleben an den Tag. Schäferhündin Abby bellt unsichtbare Feinde an. In jeder Nacht klettert der elektrische Pool-Reiniger aus dem Wasser. Baby Hunter weint, weil es in der Nacht durchsichtigen Besuch bekommt.

Ali findet die Ereignisse anfangs spannend. Sie recherchiert sowohl die Familiengeschichte als auch im Internet. Was sie erfährt, gefällt ihr nicht: Die Anzeichen deuten einerseits darauf hin, dass ein Dämon im Rey-Haus umgeht, der es andererseits auf Hunter abgesehen hat, der seit vielen Jahren das erste männliche Baby im mütterlichen Teil der Familie darstellt. Hat Ur-Oma Featherson in den 1930er Jahren etwa einen Teufelspakt geschlossen, dessen Lohn nun eingefordert wird?

In der Tat hüten Kristi und Katie ein düsteres Geheimnis. Schon in ihrer Jugend wurden sie von einem Spuk belästigt, der ihre Familie zerstörte. Während Kristi fürchtet, erneut verfolgt zu werden, rät ihre Schwester zum Schweigen. Familienvorstand Daniel glaubt ohnehin nicht an Spuk, bis ihn die zunehmend rabiater werdenden Übergriffe im Haus eines Schlechteren belehren. Auch er informiert sich – und stößt auf eine Klausel im Dämonen-Pakt, nach der es möglich ist, den Fluch auf einen – oder eine – Blutsverwandte/n zu übertragen …

Die Entdeckung der (gruseligen) Langsamkeit

Es war einmal … im Jahre 2007, als der junge Nachwuchs-Regisseur Orin Peli, der auch das Drehbuch zu seinem Debüt-Film schrieb, für (angeblich) 15.000 Dollar die Geschichte einer übernatürlichen Heimsuchung in wackelige aber einfallsreiche Bilder fasste. „Paranormal Activity“ spielte an den Kino-Kassen dieser Welt knapp 200 Mio. Dollar ein – ein Resultat, das Hollywood keinesfalls ignorieren konnte sowie wiederholen wollte.

Die eigentlich auserzählte Geschichte erhielt also 2010 eine Fortsetzung, für die nunmehr 3 Mio. Dollar fällig waren, was zwar deutlich mehr Geld war als in den Vorgänger investiert wurde, nach Hollywood-Maßstäben jedoch immer noch dem Griff in die Portokasse einer ‚normalen‘ Produktion gleichkommt. Der Erfolg war ebenso eindrucksvoll: „Paranormal Activity 2“ spülte bisher mehr als 170 Mio. Dollar in die Kassen.

Wie ist dies möglich bei einem Film, der nach Ansicht seiner Negativ-Kritiker den Unterhaltungsfaktor trocknender Wandfarbe besitzt? Offensichtlich klafft eine Verständnislücke zwischen diesen Kritikern und den Liebhabern eines Grusels, der sich auf Andeutungen bzw. das Einschleichen des Grauens in eine gänzlich gewöhnliche Umgebung beschränkt.

Der Schrecken findet im Kopf statt

Ist „beschränkt“ ohnehin der falsche Ausdruck? „Paranormal Activity 2“ kann durchaus heftig erschrecken, wenn man sich auf diese Art von Film einlässt sowie dabei vergisst, dass er weder inhaltlich noch – und vor allem – formal wenig bzw. gar nichts Neues bietet und gar nichts Neues bieten SOLLTE, denn am Erfolgsrezept wollte Hollywood nicht gerüttelt sehen (weshalb Orin Peli sich auf die Position eines zweifellos gut entlohnten Produzenten zurückzog und mit „Area 51“ einen anderen Film inszenierte).

Zwar rühmt die Pro-Paranormal-Activity-Fraktion die Tatsache, dass der zweite Teil einerseits Prequel und andererseits Sequel ist; ein Teil des Geschehens läuft sogar zeitgleich zu den Ereignissen des ersten Teils ab. Das ändert bei nüchterner Betrachtung gar nichts an der oben erwähnten Tatsache. Viele, viele Minuten vergehen ein zweites Mal darüber, eine Familie zu beobachten, in deren wenig ereignisreichen Alltag sich langsam – sehr langsam – übernatürliches Grauen mischt.

Faktisch nehmen wir die Ereignisse mit den Augen der Familie Rey wahr. Erneut verfolgen wir die Handlung (scheinbar) nicht durch die Linse einer unsichtbaren und allgegenwärtigen (Film-) Kamera. Digitale und fest installierte Überwachungs-Kameras halten das Geschehen fest. Die dadurch entstehenden Limitierungen werden als Spannungs-Elemente genutzt: Das Bild ist entweder an seinen Rändern begrenzt und zoomlos, sodass Seltsames eher ahn- als sichtbar im Hintergrund oder im Off stattfindet, oder es ist künstlich verwackelt und körnig und deshalb ebenso irritierend. Der Faktor Realität wird durch den vollständigen Verzicht auf Filmmusik unterstrichen. Man vermisst sie überhaupt nicht, was Hollywoods Liebhaber dicker Soundtrack-Suppen ins Grübeln bringen sollte.

Die Schrecken der Erkenntnis

Die „Mockumentary“ – das Vorgeben eines scheinbar nicht inszenierten Alltagslebens – steigert die Erwartungshaltung des Zuschauers: Er weiß, dass sich Merkwürdiges ereignen wird, und wartet darauf, ohne durch die Inszenierung oder Musik darauf vorbereitet zu werden. Die Nerven vibrieren, bis schon das simple Aufspringen einer Tür ein Zusammenzucken provoziert: Dieser Schrecken wird nicht durch Blut und Geschrei erzwungen, sondern heraufbeschworen. Wer eine Antenne dafür besitzt, wird angenehm intensiv darauf reagieren. Im besten Fall geraten wir gemeinsam mit den geplagten Reys erst zur Erkenntnis und dann ins Verderben. Allerdings hat das Autoren-Trio Perry, Landon & Pabst es mit der Begriffsstutzigkeit der Hauptfigur Daniel Rey ein wenig übertrieben, während Kristi und Ali viel zu leichtgläubig wirken.

Da es sich bei diesem Film um eine Fortsetzung handelt, muss die Plot-Katze ein Stück weiter aus ihrem Sack heraus. Während die übernatürlichen Aktivitäten in Teil 1 ohne erkennbaren Sinn stattfanden, postulieren die Autoren dieses Mal eine ‚logische‘ Erklärung: Vor Jahren hat eine Vorfahrin von Kristi und Katie einen Teufelspakt geschlossen. Die beiden Schwestern ahnen zumindest diese ‚Wahrheit‘, die sie ansonsten verdrängen. „Paranormal Activity 2“ rückt spätestens mit seinem knochenknackenden Finale in die Nachbarschaft eines ‚normalen‘ Horrorfilms – und schneidet schlecht dabei ab, denn selbst diverse moderat getrickste Dämonen-Tücken lassen ihn den Vorsprung effektreicherer Genre-Filme nicht aufholen.

Pechvögel von nebenan

Gerade der ‚mockumentarische‘ Spielfilm ist eine cineastische Herausforderung: Keineswegs bildet er tatsächliches Geschehen ab – er gibt es nur vor und muss folgerichtig die doppelte Dosis Illusion erzeugen, indem er Realität inszeniert. Dies funktioniert nur, wenn vor der Kamera Schauspieler agieren, die sich betont ‚natürlich‘ geben können.

Dies gilt erst recht, weil „Paranormal Activity 2“ ein Kammerspiel ist: Die meiste Zeit spielen nur zwei oder drei Personen. Überhaupt gibt es nur neun Darsteller (gut: eigentlich zehn, da der kleine Hunter von Zwillingen dargestellt wird), von denen die meisten nur Nebenrollen spielen. Katie Featherston (Katie) und Micah Sloat (Micah) kennen wir bereits aus dem ersten Teil. Sie nehmen ihre Rollen wieder auf und führen ihre Geschichte als Film im Film weiter.

Alle Schauspieler leisten als Durchschnittsbürger einen guten Job. Schnell nimmt man sie als Mimen nicht mehr wahr. Niemand spielt sich in den Vordergrund, stets dominiert die Story. Gänzlich ohne Klischees kommt das Drehbuch freilich nicht aus. So erschnuppert die mexikanische und selbstredend fromme Haushälterin umgehend den Dämonenbefall des Reyschen Domizils und will es mit Räucherstäbchen reinigen, bevor sie ein Kruzifix mit Olivenöl bestreicht und es Daniel in die Hand drückt, der mit dieser ‚Waffe‘ die inzwischen besessene Kristi exorzieren soll.

Auch in Sachen Logik weist das Drehbuch viele Bruchstellen auf. So lässt sich der Dämon nur deshalb so viel Zeit mit dem Kindsraub, weil vor dem großen Finale anderthalb Filmstunden zusammenkommen müssen. Faktisch benimmt sich unser Dämon reichlich irrational. Es bringt ihn keinen Schritt weiter, Bratpfannen von ihren Haken zu schubsen, die Toilette zu verstopfen oder neckische Spielchen mit dem Pool-Reiniger zu treiben.

Das ist noch lange nicht das Ende!

Auf der einen Seite haben wir eine Geschichte, die mit Absicht minimalistisch gehalten ist, d. h. sich in scharf abgegrenzter Kulisse und unter Einsatz weniger Darsteller abspielt. „Paranormal Activity 2“ ist weniger Fortsetzung als Remake. Will man die Erfolgsfaktoren beibehalten, wird es eng, doch ein Kassensturz von knapp 200 Mio. Dollar bei einem Budget von 3 Mio. ieß Hollywood auf keinen Fall ruhen. Schließlich trieb sich irgendwo Dämonen-Katie mit dem armen Hunter herum. Sicher mochte das Publikum wissen, was sie dabei treiben.

Langer Rede kurzer Sinn: „Paranormal Activity 3“ kam im Oktober 2011 in die Kinos.

DVD-Features

Um aus einem ohnehin goldstarken Claim (s. o.) noch ein wenig mehr Profit zu pressen, wird die hier vorgestellte DVD-Version mit den Zauberworten „Extended Cut“ beworben. Während die Kino-Version von „Paranormal Activity 2“ 87 Minuten lief, wurde die für den Hausgebrauch gepresste Fassung um sechseinhalb Minuten verlängert. Das klingt natürlich verheißungsvoll: Welche uns beim ersten Anschauen vorenthaltenen Erkenntnisse verschafft uns die erweiterte Fassung?

Die ernüchternde, dem geplagten Horror-Freund nicht unbekannte Antwort lautet: Gar keine! Der „Extended Cut“ bietet nur einige Heimsuchungen mehr: Hunters Kinderstuhl kippt um, auf dem Herd gerät Essen in Brand, der Swimming-Pool wird hautunverträglich aufgeheizt. Außerdem zeigen die Überwachungskameras Bilder der Nächte 4 und 11, die in der Kino-Version übersprungen werden – aus gutem Grund, denn sie bieten nur lauen Zusatz-Spuk, der die Handlung niemals unterstreicht, sondern in die Länge zieht. Der Zuschauer ist daher mit der Kino-Fassung wesentlich besser bedient, die erfreulicherweise ebenfalls auf DVD und Blu-ray gepresst wurde. (Der Grusel-Connaisseur wird sich selbstverständlich trotzdem die Lang-Version ansehen.)

Hinter dem „exklusiven gefundenen Material“ verbergen sich einige Szenen, die es später in die Lang-Fassung geschafft haben.

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Paranormal Activity 2 – Extended Cut
Originaltitel: Paranormal Activity 2 – Extended Cut (USA 2010)
Regie: Tod Williams
Drehbuch: Michael R. Perry, Christopher B. Landon u. Tom Pabst
Kamera: Michael Simmonds
Schnitt: Gregory Plotkin
Darsteller: Brian Boland (Daniel Rey), Sprague Grayden (Kristi Rey), Molly Ephraim (Ali Rey), Katie Featherston (Katie), William Juan Prieto/Jackson Xenia Prieto (Hunter Rey), Micah Sloat (Micah), Vivis Cortez (Martine), Seth Ginsberg (Brad), David Bierend (Sicherheitsmann)
Label/Vertrieb: Universal Pictures (www.uphe.de)
Erscheinungsdatum: 07.04.2011 (DVD)/06.10.2011 (Blu-ray)
EAN: 4010884540925 (DVD)/4010884243741 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 94 min. (Blu-ray: 98 min.)
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)
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Paranormal Activity

Paranormal Activity 3

Paranormal Activity 4

Paranormal Activity – Die Gezeichneten

Paranormal Activity – Ghost Dimension