Was in zwei Vorgängerfilmen eine US-amerikanische Durchschnittsfamilie attackierte, war schon 1988 aktiv und sorgte für gespenstische Zwischenfälle, die sich zu wütenden Attacken steigerten und sich auf zwei junge Schwestern konzentrierten … – Während der „Mockumentary“-Stil behutsam in Richtung Spielfilm aufgeweicht wird, kann dieser dritte Teil der ungemein erfolgreichen „Paranormal-Activity“-Reihe tatsächlich zur Gesamtgeschichte beitragen: Neu ist das nicht mehr, gruselig aber immer noch.

Das geschieht:

1988 sind Katie und Kristi Rey, die knapp zwei Jahrzehnte später ein böser Geist verfolgen wird (s. „Paranormal Activity“ bzw. „Paranormal Activity 2“, noch kleine Kinder. Mutter Julie ist alleinerziehend, der Vater ist aus dem Leben der Familie verschwunden. Der freundliche Dennis hat seinen Platz eingenommen. Die Schwestern lieben ihn, nur Großmutter Lois mault, denn Dennis filmt Hochzeiten und trägt auf diese Weise eher schlecht als recht sein Scherflein zum Familienhaushalt bei.

Auf einem verunglückten Sex-Video von sich und Julie meint Dennis eines Tages eine schattenhafte Gestalt zu erkennen. Katie, die jüngere Schwester, hält diese für „Toby“, ihren unsichtbaren Begleiter, den nur sie erkennen kann. Der neugierige Dennis stellt überall im Haus Kameras auf, die vor allem in der Nacht eventuelle Aktivitäten festhalten. Tatsächlich finden der zunehmend faszinierte Dennis und sein Freund Randy immer neue Hinweise auf das Wirken einer seltsamen Macht, während Julie das neue Hobby ihres Lebensgefährten wenig begeistert.

Allerdings zeigt Toby rasch unangenehme Seiten. Er konzentriert sich auf Katie, die auf seine Avancen mit kindlicher Begeisterung reagiert. Die ältere Schwester Kristi Rey kann Toby dagegen weniger leiden, was sie schmerzhaft zu spüren beginnt. Auch Dennis und vor allem Randy, die Toby zu nahe kommen, spüren seinen Zorn bzw. seine scharfen Klauen. Während Randy die Flucht ergreift, bleibt Dennis bei Julie und den Kindern.

Als sich ihr Toby dann spektakulär offenbart, ist es vorbei mit Julies Zweifeln. Sie flüchtet mit ihrer Familie zu Mutter Lois nach Kanada. Ahnungslos gerät das Quartett damit vom Regen in die Traufe, denn Lois weiß definitiv mehr über den Spuk und vor allem über Toby, der nicht auf das Haus, sondern auf Katie fixiert ist. Der Augenblick der Erkenntnis wird zum Auslöser eines grauenvollen Finales, bei dem alle Masken fallen …

Aller guten Dinge sind (mindestens) drei

In einer besseren Welt wäre die Existenz eines Films wie „Paranormal Activity 3“ mit der dramatischen Notwendigkeit zur Fortsetzung einer Geschichte zu begründen, die in zwei Teilen nicht erzählt werden konnte. Doch wir leben in der Realität, und hier gelten die Regeln und die Logik von Hollywood, die sich auf folgende Aussage komprimieren lässt: Weltweites Einspielergebnis „Paranormal Activity“ 193 Mio. Dollar bei einem Budget von (angeblich) 15.000 Dollar; „Paranormal Activity 2“ 177 Mio. Dollar bei einem Budget von 3 Mio. Dollar.

Angesichts solcher Zahlen bzw. eines solchen Verhältnisses zwischen Ausgaben und Einnahmen ist die Geschichte absolut unerheblich. Weil „PA 2“, obwohl eine Fortsetzung, einen so grandiosen Gewinn einfuhr, war „PA 3“ bereits beschlossene Sache, bevor überhaupt feststand, wie es inhaltlich weitergehen sollte – oder konnte. Nach dem Niedergang der „Saw“-Reihe war offensichtlich ein neues Horror-Franchise geboren. Flugs wurde binnen eines Kinojahres eine dritte Heimsuchung in Szene gesetzt.

Nachdem die Geschichte von Katie und Kristi Rey in der Gegenwart erst einmal auserzählt schien, richtete das aktuelle „PA“-Produktionsteam den Blick in die Vergangenheit. Schon in „PA 2“ gab es Andeutungen, nach denen die Schwestern nicht grundlos von einem Dämons aufs Korn genommen wurden: Ihre Großmutter war in den 1930er Jahren Mitglied eines Hexenzirkels geworden und hatte einen Pakt mit dem Bösen geschlossen. Im Gegenzug für übernatürliche Macht hatte sie dem Teufel das erste männliche Kind, das in der Familie geboren würde, als Opfer versprochen.

Fortsetzung in der Vergangenheit

Doch Toby, jener Dämon, der sich auf das Geschäft einließ, hatte Pech: Sowohl Lois als auch ihre Tochter Julie gebaren nur Töchter. Nachdem er mehr als ein halbes Jahrhundert vergeblich auf seinen Lohn gewartet hatte, verlor der böse Geist offensichtlich die Geduld, zumal Julie in einem Gespräch mit der Mutter erklärt hatte, sie wolle keine weiteren Kinder mehr haben. Um nicht weiterhin in die Röhre schauen zu müssen, beschloss Toby 1988, die Sache persönlich in die Hand zu nehmen. Was dabei geschah, bildet die Geschichte von „PA 3“.

Zusätzlicher Grusel entsteht durch den Rücksturz in eine Ära, deren Kleidung und Frisuren einfach schauerlich waren. Freilich spielt die Handlungszeit nur eine marginale Rolle. Wir bleiben fast ausschließlich im inneren von Häusern. Die Außenwelt manifestiert sich durch Automobile älterer Baujahre, klobige Schulter-Kameras oder Röhren-Fernsehgeräte.

Gefilmt wird zeitgemäß nicht digital, sondern sehr analog auf Videokassette. In diesem Punkt leistet sich „PA 3“ scheinbar einen Fauxpas, da die Bilder, die wir Zuschauer sehen, von einer Qualität sind, die eindeutig nicht der des Jahres 1988 entspricht. Hier musste ein Kompromiss geschlossen werden, da kein modernes Publikum es ertragen würde, tatsächlich mit antiker VHS-Technik traktiert zu werden.

Lücken schließen sich

Natürlich steckt das „PA“-Franchise in einer selbst gestellten Falle. Das dramaturgische Umfeld ist denkbar kleinräumig. Was mit „PA 1“ definiert wurde, kann nur vorsichtig und ansatzweise verändert werden. Ein meist unsichtbarer Geist geht im Inneren eines Hauses um; er wird bemerkt, und ein technisch versierter Bewohner stellt Kameras auf, die aufzeichnen, was in den Räumen vor sich geht. Ein „PA“-Film ist eine „Mockumentary“, d. h. die vorgebliche Dokumentation angeblich real geschehender Ereignisse. Folgerichtig gibt es in „PA 3“ eine Rahmenhandlung, die Anno 2005 spielt und zeigt, wie die erwachsene Katie im Keller der erwachsenen Kristi Rey (wie in Teil 1 und 2 gespielt von Katie Featherston und Sprague Grayden und damit die Einheit der Gesamtgeschichte unterstreichend) jene VHS-Kassetten einlagert, die Dennis 17 Jahre zuvor aufgenommen hatte.

Statische Kameras gestatten keine besonderen Variationen des gezeigten Bildes. Ausführliche Raumansichten prägen das Geschehen. Für „PA 3“ fiel dem Regisseur-Team Joost & Schulman immerhin etwas Neues ein: Dennis montiert eine Kamera auf einen umgebauten Ventilator. Dieser schwenkt das Objektiv jetzt im 15-Sekunden-Rhythmus hin und her. Dieser simple Trick funktioniert gut: Wenn wir ahnen, dass irgendwo im überwachten Raum etwas geschieht, müssen wir jeweils diese 15 Sekunden warten, bis der Blick erneut darauf fällt. Dabei kann es zu schaurig-schönen Überraschungen kommen …

Je weiter eine Serie voranschreitet, desto größer wird die eigene Geschichte, deren Ereignisse beachtet werden müssen. Dies schnürt das Korsett, in dem die „PA“-Story steckt, zusätzlich enger. Doch Christopher Landon gelingt es, das Prequel nicht nur sauber, sondern auch logisch im Gesamtgefüge zu verankern. Dabei geht die erschreckende Sinnlosigkeit einer dämonischen Heimsuchung natürlich verloren: Nun gibt es eine ‚Ursache‘ für Tobys Erscheinen. Die Aufklärung stellt aber zufrieden und lässt viele weitere Fragen offen, die man gern beantwortet sähe.

Opfer und Täter

Mit Dennis und Julia haben Joost & Schulman zwei Schauspieler gefunden, die sehr überzeugend durchschnittliche Nobodys verkörpern – eine Charakterisierung, die im „PA“-Umfeld nicht abwertend gemeint ist, sondern den Schlüssel zur Identifikation darstellt. Mit Dennis und Julia kann der Zuschauer mitleiden. Sie sind keine besonders hellen aber sympathischen Zeitgenossen, die in eine Krise geraten, die sie nicht meistern können.

Großes Glück hatten die Regisseure auch mit den Darstellerinnen der jungen Schwestern. Vor allem Chloe Csengery scheint nicht zu spielen; sie ‚ist‘ die kleine Katie, die noch in einer kindlichen Welt lebt, in der die Anwesenheit unsichtbarer Begleiter als Selbstverständlichkeit begriffen werden kann. Damit gehört sie zu den seltenen Hollywood-Kinderdarstellern, denen man in ihrer altklugen Niedlichkeit nicht wünscht, der Dämon würde sie endlich erwischen.

Dämon Toby wandelt als ‚Figur‘ auf einem schmalen Grat. Die Sprunghaftigkeit seiner planlosen Handlung kann man nur auf seine Herkunft zurückführen: Böse Geister regeln Dinge auf ihre und nur ihnen verständliche Weise. Wie sonst könnte man akzeptieren, dass er – Stand „PA 2“ – seit sieben Jahrzehnten auf sein männliches Opfer wartet? Hat er sonst gar nichts zu tun? Oder spukt er zwischen seinen Attacken noch bei anderen unglücklichen Familien herum?

Auch die Art seiner Heimsuchungen gibt Rätsel auf. Was will Toby erreichen, wenn er Lampen oder Mobiliar zu Bruch gehen lässt? Welcher Sinn steckt hinter einem Spuk, der als solcher lange überhaupt nicht erkannt wird? Wie klug oder dumm ist Toby überhaupt? Sowohl 1988 als auch 2005 und 2006 stolpert er ständig über Kameras. Hat er den Zweck dieser Geräte, die ihn verraten, nie begriffen? (Andererseits schauen sich seine Opfer die Aufnahmen an und bleiben doch weiterhin im Spukhaus, um sich weiterhin piesacken zu lassen.)

Auf zu (leidlich) neuen Ufern

Wenn man weiß, dass etwas geschehen WIRD, und darauf wartet, kann das simple Zuschlagen einer Tür für einen gehörigen Schrecken sorgen. Nach diesem Prinzip funktioniert der Schrecken in den „PA“-Filmen. Er ist still aber nachhaltig. Auch im dritten Teil wird er sorgfältig vorbereitet, aufgebaut und geschürt. Die Heimsuchungen beginnen schleichend; wie seine Opfer bemerken auch die Zuschauer womöglich erste Phänomene nicht oder erst nachträglich. Die Intensität steigert sich langsam, überschreitet aber niemals die Grenze zum Splatter. Zwar gibt es hässliche Tode, doch diese sind schrecklich, weil sie sympathisch gewordene Figuren ereilen. Blut und Eingeweide bleiben dort, wo sie hingehören. Toby selbst wird niemals wirklich sichtbar. Jeder Zuschauer kann sich sein eigenes Bild von ihm machen.

Dies war in einem früheren Stadium anders. Trailer zu „PA 3“ sowie virale Videoclips zeigen wesentlich eindeutigere Szenen, die wohl gedreht wurden aber – zum Ärger vieler Fans – nicht einmal in den „Director’s Cut“ Eingang fanden. Joost & Schulman gaben dem Konzept der Zurückhaltung den Vorrang. Sie taten gut daran.

Unklar bleibt, wie die Geschichte von Katie und Toby nach 2006 weitergeht. Möglich wäre ein Rückblick in Oma Lois‘ Hexen-Vergangenheit. Sicher ist, dass wir in dieser Hinsicht aufgeklärt werden: weltweites Einspielergebnis „Paranormal Activity 3“ 203 Mio. Dollar bei einem Budget von 5 Mio. Dollar. Nicht einmal Teil 1 war so erfolgreich. Also ging es am 19. Oktober 2012 mit „Paranormal Activity 4“ weiter – und immer weiter, bis der letzte Cent aus Toby herausgequetscht war: Der wahre Dämon in diesem Spiel heißt Hollywood.

DVD-Features

Hintergrundinfos zum Film bleiben gänzlich aus. Stattdessen gibt es zwei minutenkurze Extra-Szenen: Dennis jagt Julie mehrere Schrecken ein („Montage des Schreckens“), und Dennis macht per Video Werbung für seine Firma („Dennis‘ Commercial“).

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Paranormal Activity 3 – Extended Cut
Originaltitel: Paranormal Activity 3 – Extended Cut (USA 2011)
Regie: Henry Joost u. Ariel Schulman
Drehbuch: Christopher Landon
Kamera: Magdalena Gorka
Schnitt: Gregory Plotkin
Darsteller: Christopher Nicholas Smith (Dennis), Lauren Bittner (Julie), Chloe Csengery (Katie), Jessica Tyler Brown (Kristi Rey), Dustin Ingram (Randy Rosen), Hallie Foote (Grandmutter Lois), Brian Boland (Daniel Rey), Katie Featherston (erwachsene Katie), Sprague Grayden (erwachsene Kristi Rey), Johanna Braddy (Lisa), Molly Ephraim (Ali Rey) u. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures
Erscheinungsdatum: 08.03.2012
EAN: 4010884543209 (DVD) bzw. 4010884243208 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch)
Untertitel: Dänisch, Deutsch, Englisch, Finnisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch, Spanisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 84 min.), Extended Cut: 94 min.
FSK: 16

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