Nachdem Katie Schwester und Schwager tötete und ihren Neffen entführte, nistet sie sich in der Nachbarschaft der Nelsons ein; dort haben sie und ‚Sohn‘ Robby es auf Nesthäkchen Wyatt abgesehen, was dessen Schwester Alex verhindern will … – Das „PA“-Franchise blüht, doch die Story tritt auf der Stelle bzw. ergeht sich in Variationen viel zu bekannten Horrors; technisch ist „PA4“ makellos, die Schauspieler leisten gute Arbeit, doch Überraschungen gibt es nicht mehr: Gruselfilm für Komplett-Sichter.

Das geschieht:

Fünf Jahre sind vergangen, seit ein Dämon in Katie fuhr und sie zwang, Schwester und Schwager umzubringen sowie den Neffen Hunter zu entführen. Die Polizei konnte sie nie finden. Inzwischen hat sich Katie in einer Kleinstadt irgendwo im US-Staat Nevada niedergelassen. Hunter hat sie zur Adoption freigegeben, ihr neues Opfer ist Robby, der nicht nur von seiner ‚Mutter‘, sondern auch von ‚Toby‘, dem meist unsichtbaren Familien-Dämon, im Auge behalten wird.

Katies und Robbys Nachbarn sind die Nelsons, eine Durchschnittsfamilie mit zerstrittenen Eltern, pubertierender Tochter und adoptiertem Sohn. Die 15-jährige Alex streift gerade die Eierschalen ab, wobei ihr Freund Ben gern behilflich ist. Wenn er und Alex nicht gemeinsam abhängen, chatten sie intensiv, was der verliebte Ben heimlich aufzeichnet. Sein technisches Wissen wird wertvoll, als Katie eines Tages ins Krankenhaus eingeliefert werden muss und die Nelsons Robby als Hausgast aufnehmen. Er geistert gern nachts durch das Haus und beunruhigt Alex, die Ben deshalb Kameras aufstellen lässt, so dass sie feststellen kann, was Robby treibt.

Die Auswertung der Aufzeichnungen sorgt für Schrecken: Eine unsichtbare Präsenz scheint Robby zu begleiten. Seltsame Geräusche, Schatten und buchstäblich von Geisterhand bewegte Gegenstände kommen hinzu. Die Eltern glauben an Computer-Tricks. Nur Ben schenkt Alex Glauben, die eines Tages beinahe von einem Kronleuchter erschlagen wird. Kurz zuvor hatte Robby ihr eröffnet, dass „Toby“ sie nicht möge.

Trotz ihrer Angst lässt Alex nicht locker, zumal sie erkennt, dass Robby gezielt Brüderchen Wyatt ins Visier nimmt. Er nennt ihn „Hunter“ und fordert ihn auf, zu seiner „richtigen“ Familie zurückzukehren. Was er damit meint, wird deutlich, als Katie heimkehrt. Sie lässt jegliche Zurückhaltung fahren und kommt mit dämonischer Unterstützung über die entsetzten Nelsons …

Runde 4 – Ende offen

Erfolg kann zum Fluch werden. Wenn Filme betroffen sind, muss vor allem das Publikum die Folgen bzw. die Fortsetzungen (er-) tragen. Den Sinn einer Serie, deren Geschichte im Grunde bereits mit ihrer ersten Folge erzählt war, sollte man besser nicht hinterfragen. Die Verursacher selbst stören sich ohnehin nicht an kritischen Einwänden, solange sie aus einem Film, in den sie knapp 5 Mio. Dollar Produktionskosten investierten, ein weltweites Einspielergebnis von 140 Mio. Dollar pressen können. Dies ist ihnen mit „Paranormal Activity“ (hier zukünftig abgekürzt als „PA4“) gelungen, sodass folgerichtig im Oktober 2013 eine weitere Fortsetzung in die Kinos kam.

Was erfreulich für das „PA“-Franchise ist, dürfte die Zuschauer auf eine weitere harte Probe stellen. Diese Prognose stellt sich leicht, hat man eine vierte Folge überstanden, die vor allem belegt, dass hinter den Kulissen niemand wirklich eine Ahnung zu haben scheint, wohin die „PA“-Story steuern soll. Schon Teil 3 wich tief in die Vergangenheit aus und brachte an neuen Erkenntnissen nur die Existenz eines Hexenordens, dem die Rey-Schwestern Kristi und Katie quasi per Geburt unfreiwillig beigetreten waren und der die Klauen nach jeder nächsten Generation ausstreckt.

„PA4“ setzt nicht diesen dritten, sondern den zweiten Teil fort. Wir erfahren nun, was geschah, nachdem Katie mit ihrem Neffen sowie Haus-Dämon Toby unbekannt verzogen war – oder auch nicht, denn nie gelöst wird das irritierende Rätsel, wie die Nelsons Hunter Rey alias Wyatt adoptieren konnten. Hat Katie dies eingefädelt, um ihre Spuren zu verwischen, indem sie Hunter quasi in einer Fremdfamilie ‚parkte‘? Wieso taucht sie erst fünf Jahre später wieder auf – mit einem weiteren Kind im Schlepptau? Wer ist dieser Robby? Warum muss er Wyatt umständlich dort bedrängen, wo seine ‚Mutter‘ später auf der Szene erscheint, um auf bewährte Weise alle Störenfriede umzubringen?

Der Triumph der Form über den Inhalt

Wer solche Fragen stellt, hat schon verloren. „PA4“ versucht sich an einer Geschichte jenseits der Logik. In erster Linie geht darum, ein arg limitiertes aber erfolgreiches Spannungskonzept abermals zum Einsatz zu bringen: Eine US-amerikanische Durchschnittsfamilie, die ganz sicher nicht in einem typischen Geisterhaus wohnt, wird von unerklärlichen Phänomenen heimgesucht, die zunächst kaum wahrnehmbar sind, sich aber in Intensität und Gefährlichkeit kontinuierlich steigern. Der Thrill erhöht sich, weil die Spuk-Aktivitäten von den Betroffenen nicht direkt erlebt werden: Kameras zeichnen auf, was im Haus geschieht, während die Bewohner ahnungslos schlafen und der übernatürlichen Drohung ausgeliefert sind.

Wir haben es also mit einem weiteren „Found-Footage“-Film zu tun, der angeblich wirklich Geschehenes in fragmentarischer Überlieferung präsentiert. Was im ersten Teil durchaus funktionierte, ist im vierten längst zur Pflichtübung geronnen. Um nicht schon wieder misstrauisch gewordene Hausbewohner Kameras in allen Räumen aufstellen zu lassen, greift man dieses Mal auf Webcams zurück. Außerdem wird manisch gescypt; Hauptfigur Alex umklammert ihr Notebook auch dann noch mit festem Griff, wenn sie vor dem endlich handgreiflich gewordenen Spuk über Stock & Stein durch dunkle Häuser und Gärten flüchtet.

Fast freut man sich mit dem Filmteam, wenn ihm endlich eine Variante glückt, die tatsächlich für neue Schauwerte sorgt: Im Wohnzimmer der Nelsons steht eine Xbox, die über einen Kinect-Bewegungssensor verfügt: Zahllose Lichtstrahlen werden in den Raum geschickt. Spieler unterbrechen diese durch ihre Bewegungen, was dem Gerät gemeldet und für den Spielablauf ausgewertet werden kann. Die Lichtstrahlen lassen sich mit Hilfe entsprechend eingestellter Kameras aufzeichnen. Natürlich reagieren sie – weshalb auch immer – auch, wenn ein Geist ihre Bahnen kreuzt.

Neue Familie, bekannte Heimsuchungen

Ratlos oder faul? Der Drehbuchautor zieht sich aus der Affäre, indem er die bekannten Spukereien einfach über eine ‚neue‘ Familie hereinbrechen lässt. Ansonsten werden die üblichen Routinen neuerlich abgewickelt: Irgendwann merkt Töchterlein Alex, dass etwas schiefläuft. Ihre Eltern reagieren selbstverständlich ‚vernünftig‘, glauben also an Tricks und Irrtümer. Der für die technische Überwachung des Hauses übernimmt Nerd Ben, der es aus unerfindlichen Gründen geschafft hat, das Herz der hübschen Alex zu gewinnen, obwohl er ein Tölpel ist.

Um die chronische Begriffsstutzigkeit der Eltern ein wenig zu bemänteln, wringt sich Autor Landon eine ablenkende Ehekrise aus dem Hirn, die indes nie wirklich von Bedeutung ist. Bald gibt sich nicht einmal Dämon Toby Mühe, sein Wirken auf Alex oder Wyatt zu beschränken. Holly und Doug sind allerdings so vernagelt, dass er sie schließlich buchstäblich an die Wand klatschen muss, um endlich als Spuk erkannt zu werden.

Zwischenzeitlich wird angeblich ein dreistufiges Ritual ins Geschehen eingeführt, was wiederum nur Alex auffällt, die daraufhin nach kurzem Googeln satanische Umtriebe feststellt. Ihr jungfräuliches Opferblut soll dabei angeblich ein zentrales Element darstellen, was aber auch nur behauptet und im Handlungsverlauf unter den Tisch gekehrt wird.

Vorstadt-Gesichter in der Vorstadt-Hölle

Das charmant-ungeschichte Amateur-Stadium hat das „PA“-Franchise längst verlassen. Als „Found-Footage“-Fake wirkt der vierte Teil sogar ein wenig überproduziert. Wen wundert’s, wenn der Abspann enthüllt, dass die Spezialeffekte inzwischen von der Firma „Industrial Light & Magic“ realisiert werden, die sonst für Regisseure wie Stephen Spielberg oder George Lucas Filmwunder vollbringen?

Die mühsam inszenierte Normalität einer auch ohne Geisterbefall erschreckend leblos wirkenden, in ihren Routinen erstarrten Vorstadt-Familie wird durch gut gewählte und entsprechend aufspielende Darsteller unterstützt. Kathryn Newton ist ausgezeichnet als Alex – kein nervensägender Hollywood-Teenie, sondern nicht mehr Kind und noch nicht Frau und entsprechend verunsichert in der Luft hängend. Von Vorteil ist, dass Newton zum Zeitpunkt der Dreharbeiten tatsächlich erst 15 Jahre alt war und deshalb exakt ihrer Figur entsprach.

Alexondra Lee und Stephen Dunham gehen ebenfalls in ihren Rollen auf. Einerseits überarbeitet, andererseits gelangweilt leben sie nicht, sondern folgen mechanisch ihrem Stundenplan. Dass sie so lange rein gar nicht merken, wie es in ihrem Haus umgeht, entspricht einer Klischee-Vorgabe des Horrorfilms. Die Isolation der auf verlorenem Posten kämpfenden Alex soll auf diese Weise unterstrichen werden. (Für Stephen Dunham – der auch realiter mit Holly Nelson verheiratet war – wurde „PA4“ seine letzte Rolle; kurz nach den Dreharbeiten erlag er einem Herzinfarkt.)

Das Böse wirkt müde

„PA3“ überzeugte u. a. wegen der ausgezeichneten Kinderdarstellerin. So eine glückliche Hand bewies man dieses Mal leider nicht. Vor allem Brady Allen als Robbie spielt bar jeder Bedrohlichkeit. Er wirkt stattdessen teilnahmslos. Ähnlich profilarm bleibt Aiden Lovekamp als Wyatt. (Man fragt sich, wieso die Rollen von Wyatt und Robbie nicht zusammengelegt wurden. Es wäre weitaus verständlicher, würden sich Katie und Toby direkt auf ihn konzentrieren.)

Dämon Toby outet sich endgültig als reichlich beschränkter Dämon. Abermals besteht ‚Böses‘ aus seiner Sicht darin, Lampen schwingen zu lassen, ‚unheimliche‘ Geräusche zu erzeugen oder Alex die Bettdecke wegzuziehen. Was immer er Robbie unheilanstiftend ins Ohr flüstert, bleibt ohne Wirkung. Körperverletzend zur Sache geht es erst, als Katie bei den Nelsons auftaucht. Binnen weniger Minuten wird nachgeholt, was bisher vernachlässigt wurde: Terror, Mord, sogar Tempo schüren kurzfristig die Hoffnung auf ein zünftiges Grusel-Finale.

Stattdessen geht irgendwann die Webcam kaputt und der Film ist aus. Die Zuschauer werden mit der vagen Hoffnung entlassen, dass „PA5“ endlich Klarheit in die Gesamtstory oder sie wenigstens einen deutlichen Schritt voranbringt. Dreimal hat man sich dies gefallen lassen, weil das ständige Um-sich-selbst-Kreisen der Geschichte wenigstens unterhaltsam in Szene gesetzt wurde. Dieses Mal bricht selbst dieser Strohhalm. „PA4“ ist abermals kein schlechter Film, aber er ist so überflüssig, dass selbst die solide Machart und gute Darsteller es nicht verbergen oder gar ausgleichen können.

DVD-Features

Obwohl sich eine „Mockumentary“ wie „PA4“ anböte, durch flankierende Features aufgewertet zu werden, entfallen entsprechende Extras. Das deutsche Publikum profitiert höchstens von der zweifelhaften Tatsache, außerhalb des Kinos mit einer deutlich verlängerten „PA4“-Version bedient zu werden. Es handelt sich hier um Handlungsszenen ohne Spuk, die uns keine zusätzlichen Erkenntnisse bringen und ohne die der Film problemlos (und kürzer) über die Runden käme.

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Paranormal Activity 4
Originaltitel: Paranormal Activity 4 – Extended Cut (USA 2012)
Regie: Henry Joost u. Ariel Schulman
Drehbuch: Christopher Landon (nach einer Story von Chad Feehan)
Kamera: Doug Emmett
Schnitt: Gregory Plotkin
Darsteller: Kathryn Newton (Alex Nelson), Alexondra Lee (Holly Nelson), Stephen Dunham (Doug Nelson), Aiden Lovekamp (Wyatt Nelson), Matt Shively (Ben), Brady Allen (Robbie), Katie Featherston (Katie), Sara Mornell, Alisha Boe, Brendon Eggertsen (Alex‘ Freunde) u. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures
Erscheinungsdatum: 21.02.2013
EAN: 4010884546095 (DVD)/4010884256093 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 93 min. (Blu-ray: 97 min.)
FSK: 16

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Paranormal Activity

Paranormal Activity 2 – Extended Cut

Paranormal Activity 3

Paranormal Activity – Die Gezeichneten

Paranormal Activity – Ghost Dimension