In einer kalifornischen Kleinstadt beschwören Jugendliche einen tückischen Dämon herauf und geraten zusätzlich in den Bann eines Hexenordens, der keine Nicht-Mitglieder (= Zeugen) mag und den Kids schwarzmagisch zu Leibe rückt … – Obwohl in der „Paranormal-Activity“-Storyline verankert, gehört „Die Gezeichneten“ nicht zur „PA“-Serie; die ohnehin ausgereizte Geschichte wird ein weiteres Mal variiert und nimmt erst im Finale eine beinahe überraschende Wende: kann, muss aber – auch wegen der wackelnden „Found-Footage“-Kamera – nicht gesehen werden!

Das geschieht:

In Oxnard, einer Stadt an der südkalifornischen Pazifikküste, feiern Freude und Familie Jesses erfolgreichen Highschool-Abschluss. Der junge Mann lebt mit Vater Cesar und Großmutter Irma im ersten Stock eines schäbigen Wohnblocks. Im Erdgeschoss haust die verschrobene Mieterin Anna und sorgt für Unfrieden. In der Nachbarschaft gilt sie als Hexe. Eines Tages wird sie ermordet. Dringend der Tat verdächtig ist ausgerechnet Oscar, ein ehemaliger Mitschüler Jesses.

Neugierig dringt Jesse mit seinem Freund Hector in Annas Wohnung ein. Sie finden tatsächlich Hinweise auf schwarze Magie und entwenden ein altes Buch mit Beschwörungsformeln, für das sich die hübsche Marisol interessiert. Sie überredet Jesse und Hector, mit Hilfe angelesener Sprüche einen Geist herbeizuzitieren. In einer verlassenen Kirche glückt dies besser als sehr bald erhofft, denn die Kreatur entpuppt sich als waschechter Dämon, der von Jesse Besitz zu ergreifen beginnt.

Anfangs ist dieser begeistert: Mit buchstäblich überirdischen Kräften kann Jesse Strolche verprügeln und mit dem Skateboard haushohe Sätze wagen. Doch bald wird es unheimlich: In einem versteckten Keller unter Annas Wohnung entdecken die Freunde einen schauerlichen Altar. Darauf stehen Fotos, die Jesses bei seiner Geburt verstorbene Mutter zusammen mit Anna zeigen. Per Internet lassen sich die seltsamen Inschriften einordnen: Sie gehören zu einem Kult, der es auf die erstgeborenen Söhne jener Frauen abgesehen hat, deren Bäuche von einer Hexe mit einem bestimmten Symbol gezeichnet wurden. Jesse ist das Kind einer dieser Gezeichneten. Zunächst kämpft er gegen sein Schicksal, aber dann erlahmt sein Widerstand. Die Freunde wollen ihn nicht aufgeben, wodurch sie auf die Abschussliste des Kultes und unter dämonischen Druck geraten …

Das ganze noch einmal von vorn!

Der wahre Horror des Grusel-Genres liegt in der Wahrscheinlichkeit, dass erfolgreiche Filme durch Fortsetzungen heimgesucht werden. Diese spielen in der Regel immer ein bisschen weniger ein als das Original oder die Vorgänger-Fortsetzung. Das böse Spiel läuft weiter, solange der Netto-Ertrag aus Produzentensicht den finanziellen Einsatz übertrifft. Bis dieser Punkt erreicht ist, hat die ursprüngliche Idee längst ihr Leben ausgehaucht. Gewalt, weibliche Nacktheit und der Direct-to-Video-Markt können einem Franchise noch eine Weile zu einer Zombie-Existenz verhelfen.

Die Zeche zahlt in jeder Hinsicht das Publikum. Es ist erstaunlich, wie zäh mancher Fan an ‚seiner‘ Serie hängt und unverdrossen hofft, dass mit Teil 19 die alte Größe zurückkehrt. Das funktioniert natürlich nie; ein totgerittenes Franchise wird höchstens durch einen Relaunch neu in Schwung gebracht.

„Paranormal Activity“ ist noch nicht soweit. Das erstaunt, denn „Die Gezeichneten“ stellt bereits den fünften Teil dieser Serie dar. (Rechnet man den japanischen Ableger „Paranormal Activity: Tokyo Night“ hinzu, ist das halbe Dutzend sogar bereits voll.) Dabei gehört „Die Gezeichneten“ nicht einmal zur ‚offiziellen‘ Serie, die ebenfalls 2014 mit „Paranormal Activity 5“ fortgesetzt wird. Die Logik dieser Differenzierung erschließt sich dem Zuschauer nicht wirklich, denn „Die Gezeichneten“ setzt zumindest im Finale die aus den vier „PA“-Filmen bekannte Handlung fort und trägt zur Hintergrundstory bei.

Geld stinkt nicht

Dieser Fortschritt ist zwar gering, doch das ist kein Vorwurf, den man Regisseur und Drehbuchautor Christopher Landon machen sollte. Spätestens seit „PA 3“ tritt die Story auf der Stelle bzw. nimmt eine Richtung, die mit der ursprünglichen Idee nur schwer oder gar nicht harmonieren will. 2007 konfrontierte Orin Peli eine US-amerikanische Vorstadtfamilie mit einem Geist, der sie in der Nacht terrorisierte und schließlich zerstörte. Die Machart war so simpel wie der Plot und diesem angemessen. Selbst die Präsentation angeblichen „Found-Footage“-Filmmaterials passte zur Geschichte.

Die angeblich objektive Kamera wurde in den folgenden Teilen zu Tode strapaziert; erst war kaum und dann überhaupt nicht mehr glaubhaft, dass jemand eine Kamera bediente, während ihm Dämonen und Hexen buchstäblich im Nacken saßen. Ohnehin konterkarierte die Erschaffung eines Hexenzirkels, deren Anführerin die Oma der beiden weiblichen Hauptfiguren war, die Bedrohung durchschnittlicher Menschen; diese wurden plötzlich Teil eines Komplotts, das seit Jahrzehnten seine Opfer forderte.

Ungeachtet dessen wird es mit weiterem Hexenspuk weitergehen, denn noch ist echtes Geld mit dem „PA“-Franchise zu verdienen. Um diese Kuh effizienter melken zu können, wurde nun ein ‚Ableger‘ konzipiert, der speziell auf die zahlen- und zahlungsstarke hispanische Zielgruppe zugeschnitten ist. „Die Gezeichneten“ erzählt die bekannte Story recht deckungsgleich in neuen Kulissen nach. Weiterhin wird mit wackliger Kamera aufgezeichnet, was den Figuren zustößt. Der dadurch angepeilte Eindruck von Unmittelbarkeit wird indes aufgeweicht, weil außerdem der Anteil der offensichtlichen Spezialeffekte angestiegen ist: „Die Gezeichneten“ bietet passagenweise ganz normalen (sowie passablen) Action-Horror.

Die Unterhaltung kann sich behaupten

Trotz erheblicher Einschränkungen garantiert „Die Gezeichneten“ Unterhaltung. Christopher Landon ist kein Dilettant, die Produktion wurde sparsam aber ausreichend finanziert, und selbst die Schauspieler müssen für den Rest ihres Arbeitslebens keine Papiertüten über den Köpfen tragen. Das hispanische Umfeld wird nie aufdringlich in den Vordergrund gestellt. Die Handlung spielt in einem entsprechend geprägten Vorort. Was dies bedeutet, fließt ins Geschehen ein, ohne es zu dominieren. Tätowierte Gang-Großmäuler oder heißblütige Schlampen bleiben dem TV-Krimi überlassen. In Oxnard leben ganz normale Zeitgenossen, die selbst unter der Straßenkriminalität leiden, statt tatkräftig mitzutun.

Was nicht heißt, dass einschlägige Klischees generell gemieden werden. Wie üblich sollen sie Drehbuchlöcher füllen. So steckte Landon offensichtlich in einer Sackgasse, als es darum ging, im Finale das Hexenhaus zu stürmen. Plötzlich wenden sich unsere High-School-Kids an den Gangster-Bruder eines Mitschülers, der sich prompt mit einem Kumpel sowie schwer bewaffnet ins Getümmel stürzt. Das ist doppelt lächerlich, weil es der Story nicht hilft oder an ihrem Ausgang etwas ändert.

Besser beherrscht Landon den Humor als Stilmittel. Er ist vor allem in der einführenden ersten Filmhälfte präsent, ohne sich allzu klebrig als Klamauk über die Handlung zu legen; da diese im US-Schüler-Milieu spielt, war diese Gefahr gewaltig. Darüber hinaus hatte Landon einige hübsche Einfälle; so artikuliert sich der Dämon nicht über ein Ouija-Brett, sondern über das ähnlich altmodische „Senso“/„Simon“-Elektronik-Spielzeug.

Nicht-Helden der Nachbarschaft

Die Schauspieler stellen erwartungsgemäß nicht Hollywoods erste (oder zweite) Garde dar. In dieser Geschichte wäre Star-Prominenz ohnehin fehl am Platz gewesen; die „PA“-Saga erzielt einen Teil ihrer Wirkung deshalb, weil es anonyme Menschen in anonymen Wohngegenden sind, die spektakulär mit dem Grauen konfrontiert werden.

Wer in „Die Gezeichneten“ mitspielt, steht entweder noch am Beginn einer Schauspiel-Laufbahn (Andrew Jacobs, Gabrielle Walsh) oder ist Dauergast in Kino- und TV-Nebenrollen (Renee Victor, Meredith Eaton, David Saucedo). Die darstellerischen Leistungen sind ordentlich. Das gilt vor allem, wenn man berücksichtigt, dass Andrew Jacobs und der (zum Zeitpunkt der Dreharbeiten übrigens bereits 30-jährige) Jorge Diaz hin und wieder den schwanzgesteuerten US-Dümmling mimen müssen, dem beim Anblick blanker Brüste das Hirn schmilzt.

Die Spezialeffekte sind wie bereits erwähnt zahlreicher und aufwendiger, ordnen sich aber ebenfalls der Handlung unter bzw. geben ihr ein wenig Würze, die hin und wieder nötig ist. Weniger gelungen sind die Kapriolen der ‚subjektiven‘ Kamera; nicht gerade selten fragt sich der Zuschauer, wie es gelungen sein könnte, die gerade gesehene Szene aufzuzeichnen.

Ein unerwartetes Finale

Wer die Handlung der vier „PA“-Filme kennt, hat einen Mehrwert, denn im Laufe des Geschehens mehren sich die Hinweise auf Ereignisse, die zur zentralen Storyline gehören. Bekannte Figuren wie die Schwestern Katie und Kristi oder ihre Hexen-Oma Lois werden auf alten Fotos oder Zeitungsausschnitten sichtbar. Nach ausgiebiger Internet-Recherche setzen die Freunde sich mit Ali Rey in Verbindung, die ihre Begegnung mit dem Böse in „Paranormal Activity 2“ (2010) überlebt hat. Mit den Hexen balgen sie sich in Lois‘ Haus, das wir in Teil 3 (2011) kennengelernt hatten. Schließlich gerät Pechvogel Hector durch ein Raum-Zeit-Portal in die Finalszene von „Paranormal Activity“ (2007), wo er auf Katie und Micah trifft.

Die Evolution der „PA“-Story ist gleichzeitig ihr Niedergang. Aus einem Fall dämonischer Besessenheit wurde die Verschwörung eines Hexenkultes, der jetzt über die Naturgesetze gebietet. Mit der Ausgangsidee hat dies nur noch peripher zu tun.

Dass es weitergehen würde, war sicher: Selbst „Die Gezeichneten“ spielten bei Produktionskosten von 5 Mio. Dollar allein an den Kinokassen 86 Mio. Dollar ein. Der Videomarkt brachte noch einmal einen satten Zusatzgewinn. Bei einem solchen Kosten-Nutzen-Verhältnis wird kein Produzent dieser Erde einen Schlussstrich ziehen und sich von Unwichtigkeiten wie Handlungslogik oder Spannung stoppen lassen!

DVD-Features

Die Blu-ray-Fassung lockt mit einem „Extended Cut“, der 20 Minuten länger läuft als die Kino-Version, mit dem man den geizigen DVD-Käufer abstraft. Allerdings stellt die Langfassung nicht unbedingt den besseren Film dar. Für einen echten Erkenntnisgewinn sorgt höchstens jene Szene, in der unser Dämon in einer verlassenen Kirche herbeigerufen wird; sie für das Kino zu schneiden, war eine seltsame Entscheidung.

Hinter dem Feature „Found Footage“ verbergen sich sieben weitere Szenen, die es nicht in die endgültige Filmfassung geschafft haben.

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Paranormal Activity: Die Gezeichneten – Extended Cut
Originaltitel: Paranormal Activity: The Marked Ones (USA 2014)
Regie u. Drehbuch: Christopher Landon
Kamera: Gonzalo Amat
Schnitt: Gregory Plotkin
Darsteller: Andrew Jacobs (Jesse Arista), Jorge Diaz (Hector Estrella), Gabrielle Walsh (Marisol Vargas), Renee Victor (Irma Arista), David Saucedo (Cesar Arista) Noemi Gonzalez (Evette Arista), Gloria Sandoval (Anna), Carlos Pratts (Oscar Lopez), Catherine Toribio (Penelope), Juan Vasquez (Santo), Molly Ephraim (Ali Rey), Katie Featherston (Katie), Chloe Csengery (Katie als Kind), Jessica Tyler Brown (Kristi als Kind), Micah Sloat (Micah), Hallie Foote (Großmutter Lois) u. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures
Erscheinungsdatum: 02.05.2014
EAN: 4010884502237(DVD)/4010884252231 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Türkisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min./Blu-ray (= Extended Cut): 101 min.
FSK: 16

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Paranormal Activity

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