Ein junges Paar stellt Geister-Befall in seiner Wohnung fest. Die allgegenwärtige Kamera dokumentiert, wie die nächtlichen Attacken des Spukboldes immer rabiater werden … – Mit wenig Geld aber vielen Ideen realisierte „mockumentary“, deren unheimliche Spannung sich aus der demonstrativen Sachlichkeit der Handlung, der klaustrophobischen Kulisse und der Normalität der Darsteller speist: angenehm gruselige Abwechslung vom effektlastig-einfältigen Einheits-Horror.

Das geschieht:

Börsen-Broker Micah und Studentin Katie haben in einer behaglichen Wohnung ihren ersten gemeinsamen Hausstand gegründet. Heimisch werden sie dort nicht, denn die junge Frau hat ihrem Lebensgefährten ein Detail ihrer Jugend verschwiegen: Seit dem 8. Lebensjahr wird Katie von einem Geist verfolgt. Er zeigt sich des Nachts an ihrem Bett, beobachtet sie und spricht sie mit Namen an. Ansonsten verhielt sich das Phantom friedlich, obwohl Katies Elternhaus aus ungeklärten Gründen bis auf die Grundmauern niederbrannte. Zog Katie um, dauerte es nur kurze Zeit, bis der Geist sie wiedergefunden hatte. Nun hat er sich auch in der neuen Wohnung klopfend, Türen schlagend und Licht einschaltet zurückgemeldet.

Nicht sonderlich erschrocken sondern fasziniert beschließt Micah, dem Phänomen wissenschaftlich auf den Grund zu gehen. Im gemeinsamen Schlafzimmer installiert er eine Kamera, die diesen Raum und den angrenzenden Flur überwacht, während Micah und Katie schlafen. Dies geschieht gegen Katies Willen, nachdem sie den Rat des Parapsychologen Dr. Fredrichs gesucht hat. Dieser warnt davor, dem Geist Aufmerksamkeit zu schenken oder ihn gar zu reizen, da hinter den spukhaften Manifestationen auch ein Dämon stecken könnte. Diesen Kreaturen geht es allein darum, ihre Opfer zu quälen.

Ohne Katies Wissen sucht Micah den Kontakt zu dem Wesen. Er ruft und verhöhnt es, um es zu verstärkter Aktivität zu provozieren. Dies funktioniert besser als erwartet, denn nunmehr zeichnet die Kamera beunruhigende nächtliche Geschehnisse auf. Türen öffnen und schließen sich, Katie steht im Tiefschlaf reglos neben dem Bett, Fußspuren zeichnen sich auf dem mit Puder präparierten Fußboden ab. Als der Spuk gewalttätig wird, will Micah den Kampf mit der Kreatur aufnehmen und Katie flüchten. Beide müssen begreifen, dass der Dämon eigene Pläne hat …

Minimalistisch bei maximaler Wirkung

Wie kannst du als Filmemacher dein Publikum am besten in Angst & Schrecken versetzen? Die Antwort liegt für die Mehrheit der genannten Zunft in einem wahren Overkill ‚gruseliger‘ Effekte. Möglichst hässliche Kreaturen treiben möglichst scheußlichen Unfug, der das ausgiebige Verspritzen von Körperflüssigkeiten ausdrücklich einschließt. Dummerweise erkennt der Zuschauer diese Böslinge umgehend als tricktechnisch realisierte Hirngespinste. Dieses Wissen schmälert nicht zwangsläufig das Vergnügen am wüsten Treiben solcher Geschöpfe, doch das Grauen spielt sich auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau ab: Was als Fiktion erkannt wird, kann nicht wirklich Angst einjagen.

Orin Peli geht mit „Paranormal Activity“ den steileren Weg zum echten Schrecken. Er schließt die Kluft zwischen Fiktion und Realität, so weit dies mit einem Film möglich ist. Da Peli sehr sorgfältig arbeitet, vermag er besagte Kluft beinahe verschwinden zu lassen. (Sie öffnet sich nur einmal in den letzten Filmsekunden, doch dazu weiter unten mehr.)

Das Rezept wirkt und ist simpel: Peli versucht, das alltägliche Dasein seiner Zuschauer so akkurat wie möglich im Film zu spiegeln. Im Optimalfall sehen wir durch Leinwand oder Mattscheibe in unser eigenes Heim. Nicht die Details sind dabei wichtig, sondern der geteilte Eindruck häuslicher Gemütlichkeit. Mein Heim ist meine Burg, lautet ein altes Sprichwort. Es drückt ein elementares Bedürfnis aus: Weil ich mich tagsüber dem Lebenskampf stelle, benötige ich als Ausgleich einen sicheren Schlupfwinkel, in dem ich die Deckung fallen lassen, entspannen und regenerieren kann. Wenn dies nicht mehr gewährleistet ist und das behagliche Nest zur Falle wird, lässt der Zusammenbruch nicht lange auf sich warten.

Reize nur, wen du auch sehen kannst!

In unserem Fall dauert es 21 Tage, bis der Teufel Micah und Katie holt. Sie erfahren den schlimmsten Horror überhaupt: Ihr Feind dringt nicht nur in ihr Heim ein, sondern ist auch noch unsichtbar. Gegen ihn gibt es kein Mittel, vor ihm kein Entrinnen. Ein Dämon ist per definitionem das essenziell Böse. Mit ihm kann man nicht verhandeln, denn das Stiften von Unheil und Chaos begründet seine Existenz. Es steht nicht einmal fest, ob Micah derjenige ist, der die Eskalation auslöst, indem er die Kreatur reizt. Womöglich wurde das Urteil gesprochen, als Katie, die der eifersüchtige Dämon für sich beansprucht, mit Micah zusammenzog.

Pelli gestaltet „Paranormal Activity“ als „mockumentary“: Mit den Mitteln der Dokumentation, die vom Publikum als solche erkannt werden, bildet er das Geschehen ‚real‘ und ohne Manipulationen ab. Die Kamera zeichnet auf, was geschieht – nicht mehr, nicht weniger. Geschickt vermittelt Peli diesen Eindruck, um ihn für seinen Zweck zu nutzen. Die Unmittelbarkeit der Bedrohung soll scheinbar ungefiltert auf den Zuschauer übergehen. Jede Szene ist in ihrer ‚Natürlichkeit‘ das Ergebnis aufwendiger Drehbuch- und Darstellerarbeit, jedes ‚übernatürliche‘ Ereignis und jede darauf folgende Reaktion sind inszeniert, während sich die Beteiligten vor und hinter der Kamera alle Mühe geben, genau dies zu vertuschen.

Bild und Ton wirken ‚roh‘ und unbearbeitet. Doch tatsächlich ist das Licht exakt so gesetzt, dass man Bewegungen erkennen und Details ahnen kann. Lautstärken und Tonhöhen sind so eingestellt, dass unsere Ohren Mühe haben zu erfassen, was sich jeweils anbahnt. Nach einer Weile haben sich die Sinne auf diese Herausforderung eingestellt. Peli hilft (und manipuliert) uns, indem er immer denselben Ausschnitt des Schlafzimmers präsentiert. Taucht dieser im Bild auf, wissen wir schon, dass es gleich erneut losgeht. Auf diese Weise kann Peli die Heimsuchungen ungemein ‚leise‘ einsetzen lassen. Unser Unterbewusstsein ist bereits wachsam, während unsere Sinne noch suchen und die Nerven angespannt sind. In dieser Stimmung genügt schon das Schlagen einer Tür, um uns aufspringen zu lassen.

Subtil aber effektvoll an den Nerven gezerrt

Zwar erzählt Peli eine sehr simple Geschichte, über der Umsetzung er sich allerdings mehr als ein Jahr Gedanken gemacht hat. In dieser Zeit baute er die eigene Wohnung zur einzigen Kulisse aus, die wir im Film sehen. Die Farbe der Wände, die Platzierung der Möbel, das Fehlen von Geländern sind ausgeklügelte Elemente im Dienst der Story. Auch im Erzählen gibt es eine Ökonomie, und Peli beherrscht ihre Regeln.

„Paranormal Activity“ ist ein Film, der für 15.000 Dollar realisiert wurde. Schon das Wissen um dieses ‚Budget‘ sollte garantieren, dass der Zuschauer auf die klassischen Buh!-Tricks nicht wartet. Kein Monster wird sich irgendwann in scheußlicher Pracht auf unsere beiden Pechvögel stürzen. Pelis Kunst als Regisseur und Drehbuchautor besteht darin, dass wir dies keine Sekunde vermissen, wenn es zu spuken beginnt. So glaubwürdig unheimlich ist die Szenerie, dass wir trotzdem ständig erwarten (oder befürchten), dass der Dämon sich materialisiert. In diese Sackgasse lässt Peli sich nicht drängen. Der Dämon in „Paranormal Activity“ ist und bleibt unheimlich, weil er stets präsent ist, ohne sich jemals wirklich zu zeigen. Genau diese Taktik ist es, die dem lange nur neugierigen und wehrhaften Micah den Schneid abkauft: Wie soll man sich gegen einen Feind wehren, der sich nicht stellt, sondern den Hinterhalt bevorzugt?

Ähnliche Sorgfalt wie für das Drehbuch und die Kulisse verwandte Pelli auf die Suche nach seinen Hauptdarstellern. „Paranormal Activity“ ist ein Kammerspiel, das Micah und vor allem Katie ständig im Bild hält. Absolute Alltäglichkeit in Wort und Tat nicht nur zu mimen, sondern am besten auch auszustrahlen, ist eine große Herausforderung für Schauspieler. Katie Featherston (Katie) und Micah Sloat (Micah) sind quasi Debütanten (über Featherstons eigentlichen Erstauftritt in dem Horror-Heuler „Mutation“ aus dem Jahre 2006 sei gnädig der Mantel des Vergessens ausgebreitet). Ihre Gesichter sind dem Zuschauer unbekannt, sie sehen aus wie der junge Mann und die junge Frau aus der Nachbarschaft. Die Figurenzeichnung könnte freilich ein wenig schärfer sein; Micah ist ein wenig zu ungerührt, während Katie allzu sehr das panische Weibchen geben muss.

Dämonen und Franchises lauern überall …

„Paranormal Activity“ wurde für Orin Peli nach einigen Anlaufschwierigkeiten zum Triumph. Gedreht wurde der Film bereits 2006, was für die Handlung als Datierung beibehalten wurde. Nachdem Peli für seinen Filmerstling 2009 endlich einen Verleih finden konnte, spielte dieser – obwohl nur in wenigen Kinos gestartet – bereits am Startwochenende fast 20 Mio. Dollar ein. Weltweit wurde es eine höhere neunstellige Summe. Damit wurde „Paranormal Activity“ so erfolgreich wie 1999 die ähnlich konzipierte „Blair Witch Story“. In der Tat lassen beide Erfolgsgeschichten deutliche Parallelen erkennen. Dazu gehört die mehrfache Fortsetzung. „Paranormal Activity II“, wurde 2010 mit einem deutlich höheren Budget verwirklicht, kam in wesentlich mehr Kinos – und wurde ebenfalls ein Blockbuster.

DVD-Features

Die ‚Extras‘ zum Hauptfilm beschränken sich auf den Trailer sowie ein alternatives Ende. Oren Peli hatte das ursprüngliche Finale bereits selbst neu gedreht und dabei gestrafft; es fügt sich harmonisch in die Handlung und lässt diese ebenso unspektakulär wie konsequent ausklingen.

Das ‚offizielle‘ Ende der Kino-Version verdanken wir Steven Spielberg, der Peli aus kommerziellen Gründen zu einem Knalleffekt riet. Dies ist – ausgerechnet im Finale – der einzige Moment, indem die Glaubhaftigkeit der Handlung zusammenbricht. Hollywood bricht ins Geschehen ein, und anders als ein Dämon hält die Filmindustrie nichts von subtilen Andeutungen. „Paranormal Activity“ mag in der Peli-Spielberg-Fassung publikumstauglicher geworden sein. Der vermeintliche Schock, den uns dieses Finale versetzen soll, kann es jedoch nicht annähernd mit dem Schrecken aufnehmen, den uns Peli bis dato auf ebenso altmodische wie klassische Weise beschert hat. Er zerstört außerdem die Doppeldeutigkeit des Geschehens: Eigentlich und einzig verantwortlich für die Aktivitäten des Dämons könnte auch Katie sein, die über telekinetische Fähigkeiten verfügt und un- bzw. unterbewusst immer dann den ‚Dämon‘ erscheinen lässt, wenn sie emotional in eine Krise gerät, um sich auf diese Weise ein Ventil zu erschaffen.

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Paranormal Activity – Was passiert, wenn du schläfst?
Originaltitel: Paranormal Activity (USA 2007)
Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt: Orin Peli
Darsteller: Katie Featherston (Katie), Micah Sloat (Micah), Mark Fredrichs (Dr. Fredrichs), Amber Armstrong (Amber)
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 01.09.2010 (DVD)/30.04.2010 Blu-ray)
EAN: 886977716393 (DVD)/0886976494292 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 82 min (Blu-ray: 85 min.)
FSK: 16

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Paranormal Activity 2

Paranormal Activity 3

Paranormal Activity 4

Paranormal Activity – Die Gezeichneten

Paranormal Activity – Ghost Dimension