Pathology – Jeder hat ein Geheimnis

Originaltitel: Pathology (USA 2008)
Regie: Marc Schölermann
Drehbuch: Mark Neveldine u. Brian Taylor
Kamera: Ekkehard Pollack
Schnitt: Todd E. Miller
Musik: Johannes Kobilke u.  Robert Williamson
Darsteller: Milo Ventimiglia (Ted Grey), Michael Weston (Jake Gallo), Lauren Lee Smith (Juliette Bath), Johnny Whitworth (Griffin Cavenaugh), Mei Melançon (Catherine Ivy), Dan Callahan (Chip Bentwood), Keir O’Donnell (Ben Stravinsky), John de Lancie (Dr. Quentin Morris), Alyssa Milano (Gwen Williamson), Larry Drake (fetter Bastard), Buddy Lewis (Harper Johnson), Alan Blumenfeld (Mr. Williamson) uva.
Label (Leih-DVD): Eurovideo (www.eurovideo.de)
Label (Kauf-DVD u. Blu-Ray): Concorde Home Entertainment (www.concorde-home.de)
Erscheinungsdatum: 28.01.2009 (Leih-DVD) bzw. 04.03.2009 (Kauf-DVD u. Blu-Ray)
EAN: 4009750206362 (Leih-DVD) bzw. 4010324026910 (Kauf-DVD) bzw. 4010324037244 (Blu-Ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1   anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch)
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: ca. 92 min.
FSK: keine Jugendfreigabe (Achtung: trotzdem gekürzte Fassung!)

Das geschieht:

Dr. Ted Grey ist ein junger Mann mit goldener Zukunft: als Arzt brillant und privat mit der schönen Gwen verlobt, deren an Geld und Einfluss gleichermaßen reicher Vater ihm gerade einen Job in der US-Hauptstadt Washington D. C. besorgt hat, wo er im Städtischen Leichenschauhaus für den renommierten Wissenschaftler Quentin Morris arbeiten wird.

Die Kollegen nehmen Grey nicht mit offenen Armen auf. In der Leichenhalle herrscht Jake Gallo, ein fähiger aber zynischer und vom ’normalen‘ Leben gelangweilter Mann, der für sich und seine ihm hörigen Steigbügelhalter Griffin Cavenaugh, Catherine Ivy, Chip Bentwood und Juliette Bath – die auch seine Geliebte ist – ein mörderisches ‚Spiel‘ ersonnen hat: Sie suchen nach alleinstehenden Männern und Frauen, für deren Verbleib sich die Polizei nicht interessiert, und bringen sie auf möglichst perfekte Weise um. In einem alten und von der Verwaltung vergessenen Seziersaal irgendwo in den uralten Kellergewölben des Leichenschauhauses müssen die anderen ‚Spieler‘ versuchen, die tatsächliche Todesursache in Erfahrung zu bringen.

Bisher führte der einfallsreiche Gallo die Bestenliste an. Doch in Grey erwächst ihm ein echter Konkurrent. Gallo selbst erkennt in ihm eine verwandte Seele. In der Tat ist Grey fasziniert vom ‚Spiel‘. Er lässt sich darauf ebenso ein wie auf die nächtlichen Ausschweifungen, die ihn u. a. in die Arme der schönen Juliette treiben.

Zur Vernunft kommt Grey erst, als ihn (der ansonsten ahnungslose) Morris auf seine offensichtliche Drogensucht anspricht und ihm bewusst macht, dass er seine Zukunft aufs Spiel setzt. Außerdem plant Gwen, die bisher an anderem Ort studierte, zu ihm nach Washington zu ziehen. Grey beschließt aus dem Spiel auszusteigen. Er hat die Rechnung ohne den zunehmend psychotischen und eifersüchtigen Gallo gemacht, der ihn zum Weitermachen zwingen und sein Leben zerstören will. Greys Reaktion überrascht in ihrer Vehemenz sogar Gallo aber das Spiel geht weiter – und es wird immer grausamer …

Vom überraschenden Unterhaltungswert zerlegter Leichen

Pathologen sind ganz besondere Zeitgenossen: Sie versuchen ungeklärte Todesfälle zu klären, indem sie sich die Leiche des Verstorbenen vor- und sie Stück für Stück auseinandernehmen, bis sie gefunden haben, das den Exitus verursachte. Dieses rabiate aber notwendige Vorgehen kommt dem medizinischen wie dem kriminologischen Wissen gleichermaßen zugute.

Dem Außenstehenden kommt beim Blick ins Leichenschauhaus das Gruseln an, während für die dort tätigen Ärzte und das Personal der Umgang mit Leichen in allen Stadien der Zerstörung und des Verfalls alltäglich geworden ist. Manchmal muss Dampf abgelassen werden, was zu Ausbrüchen des berühmt-berüchtigten Pathologen-Humors führt, von dem uns Regisseur Mark Schölermann bereits im Prolog ein repräsentatives Beispiel zeigt: Die Schurken-Ärzte spielen die legendäre Orgasmus-Szene aus dem Film „When Harry Met Sally …“ (1989, dt. „Harry und Sally“) nach – körperlich deutlich mitgenommene Leichen ‚übernehmen‘ die Rollen der Schauspieler.

Eine richtige Geschichte wäre trotzdem nicht schlecht

Die Drehbuchautoren heißen Mark Neveldine u. Brian Taylor. Sie genießen in gewissen Zuschauerkreisen einen guten Ruf, weil sie auch den Remmidemmi-Streifen „Crank“ schrieben, durch den ein Jason Statham im Dauerstress tobte. Schon „Crank“ erforderte die Abschaltung jenes Sektors, der das Menschenhirn großzügig über absurde Logiklöcher hinwegsehen lässt.

„Pathology“ möchte ein wenig tiefer in der Realität verankert sein. Leider konnte dies weder Neveldine noch Taylor zügeln. Sie waren offenbar fest davon überzeugt, dass sie das Tempo, das sie der Geschichte auferlegen, abermals retten würde. Rasant ist „Pathology“, daran besteht kein Zweifel, aber so flott kann das Geschehen gar nicht fortschreiten, um den Zuschauer seine Fadenscheinigkeit zu verschleiern! Hier nur eine Auswahl:

– Was ist das für ein Krankenhaus, in dessen Mauern eine Clique selbsternannter „Götter in Weiß“ einen ‚privaten‘ Seziersaal betreiben kann, in dem offensichtlich überzählige Leichen völlig ungestört und unbemerkt zersäbelt sowie anschließend ins Krematorium befördert werden können? (Zumal sich Gallo & Co. etwa so unauffällig wie eine Horde von „Hell’s Angels“ verhalten …)

– Wie schaffen es unsere ‚Spieler‘, dass ‚ihre‘ Leichen stets in ihrem Leichenschauhaus auftauchen und ihnen zur Sektion zugeteilt werden?

– Warum mutiert der westenweiße Dr. Grey in zwei Filmminuten vom Vorzeige-Arzt zum Mörder, Crackraucher und Wüstling, der es neben verstümmelten Leichen genussvoll treibt?

– Was tut eigentlich die Polizei? Irgendwann beschränken sich Gallo und Grey nicht mehr auf gesellschaftliches Treibgut, und sie killen in Serie. Die Polizei merkt – rein gar nichts. Später darf Grey, der als Verlobter der auf unbekannte Weise gestorbenen Gwen zumindest theoretisch unter Verdacht stehen dürfte, deren Leiche obduzieren; dass er als potenzieller Mörder so die ideale Möglichkeit hätte, jede Spur zu verwischen, müsste der Polizei eigentlich bekannt sein …

Normalerweise kümmert solche Wirrnis das Publikum nicht. Das Kino der B-Kategorie steht über der Realität. Doch „Pathology“ will offensichtlich mehr sein. Zumindest die Inszenierung ist der eines ‚richtigen‘ Kinofilms durchaus würdig. Die Kamera fängt interessante Bilder ein, ohne jemals aufdringlich zu wirken. Zur düsteren Grundstimmung tragen die künstlich entfärbten, graustichigen Bilder bei. Der Schnitt unterstreicht die Dynamik der Ereignisse. (Die zusätzlichen Metzeleien durch die deutsche Zensur – siehe dazu weiter unten – dürfen dem „Pathology“-Team nicht angelastet werden.) Die Schauspieler leisten anständige Arbeit, die Tricktechniker erst recht.

Ausflug ins Kino

„Pathology“ ist ein ‚kleiner‘, d. h. kostenniedrig produzierter Thriller. Das sieht man ihm nicht an, zumal ‚billig‘ nicht zwangsläufig ’schlecht‘ bedeuten muss. Seine Schauspieler rekrutierte Regieneuling Mark Schölermann (der übrigens aus Deutschland stammt und mit diesem Film sein Kinodebüt gab) aus dem US-Fernsehen. Dort arbeiten Profis, die es gewohnt sind, schnell und präzise zu drehen. Ich möchte es mir und den Lesern an dieser Stelle ersparen aufzulisten, in welchen mehr oder weniger bekannten Serien die Darsteller aufgetreten sind. Alle können sie trotz ihrer relativ jungen Jahre lange Filmografien vorweisen, sind also gut beschäftigt. ‚Stars‘ sind sie nicht, was ihre Glaubhaftigkeit als Mörder-Ärzte nur unterstützt.

Drei Darsteller genießen einen gewissen Ruhm und dürften ein bisschen teurer gewesen sein; Schölermann besetzt sie in Nebenrollen, weil sich ihre Namen auf dem Plakat zum Film gut machen. John de Lancie, der kultige „Q“ aus diversen „Star Trek“-Serien, mimt einen beklagenswert betriebsblinden Mediziner und Alyssa Milano („Charmed“ sowie busenfreie Auftritte in diversen C-Movies der 1990er Jahre) die hübsche Gwen. Beider Talent ist für ihre Röllchen vergeudet. Besser dran ist „Ich-spiel-alles“-Veteran Larry Drake, der fast bis zur Unkenntlichkeit maskiert mit einem Cameo-Auftritt als schmieriger Säufer/Junkie glänzen kann.

Schlachthaus- & Sex-Spielereien

Da wir das 21. Jahrhundert schreiben und die Mehrheit der Zuschauer mit drei „CSI“-Fernsehserien und ihren Klonen aufgewachsen ist, legen sich die Tricktechniker mächtig ins Zeug; „Pathology“ soll schließlich neue Maßstäbe in Sachen Leichen-Schnetzelei setzen. Das gelingt, wenn auch in Deutschland nur theoretisch, worauf gleich näher einzugehen sein wird. Nicht nur die Crew hinter der Kamera, sondern auch einige wagemutige Darsteller haben sich ins Leichenschauhaus von Los Angeles begeben, um dort echten Autopsien beizuwohnen. Ungeachtet der üblichen dramatischen Überhöhungen (Wirft man tumben Kollegen tatsächlich Organteile an den Kopf?) dürfte deshalb weitgehend der Wirklichkeit entsprechen, wie mit dem menschlichen Körper umgegangen wird, wenn ihm seine internen Geheimnisse entrissen werden sollen.

Die Masken und Prothesen sind ungemein überzeugend geraten. Ausgebeinte Kadaver, kopfhautgeschälte Schädel, zerhackte Unterleiber – kompromisslos aber erstaunlich nüchtern, beinahe selbstverständlich und vor allem der erzählten Geschichte angemessen werden solche und andere Schrecknisse gezeigt aber nie ausgestellt.

Worüber die deutsche Zensur wieder einmal anderer Meinung war. Damit die DVD-Version von „Pathology“ auch hierzulande einer hoffentlich großen Zuschauer- und Käuferschar angeboten werden konnte, musste die Altersstufe möglichst niedrig liegen. Höchstens „keine Jugendfreigabe“ durfte es werden. Um dies zu erreichen, wurde wie üblich die Schere geschwungen: Mehr als drei Minuten wurden dem Zensur-Patienten „Pathologie“ aus dem Zelluloid-Leib geschnitten. Dieser Sektion zum Opfer fielen die aus Zensorensicht gemeingefährlichen und charakterschädigenden Gewalt- und ‚Sex‘-Szenen; dass diese nicht selten integraler Bestandteil der Handlung sind, die durch den Verlust deutlichen Schaden nahm, musste zum Wohle des deutschen Bürgers, der auch jenseits der Volljährigkeitsgrenze vor sich selbst zu schützen ist, in Kauf genommen werden …

DVD-Features

Zum Hauptfilm gibt es die üblichen und einige unvermutete Features. Trailer und „Making Of“ (= zusätzliche Werbung) sowie „Deleted Scenes“ sind Standards. Der Audiokommentar von Regisseur Schölermann sowie den Drehbuchautoren Mark Neveldine und Brian Taylor liefert wenig Erhellendes außer der Erkenntnis, dass wir offenbar einen ganz anderen Film sehen als den, der von unserem Trio geschrieben bzw. gedreht wurde – ein viel besserer Film, der uns leider vorenthalten wird.

Vorgeblich makaber aber tatsächlich sehr zurückhaltend in Szene gesetzt ist die Featurette „Vorbereitungen in der forensischen Pathologie im L. A. County“ (tatsächlich eher ein Interview mit dem Pathologen Craig Harvey), die einen Eindruck davon geben kann, welcher Aufwand auch für einen ‚kleinen‘ Film getrieben wird, den der Rezensent am seinem Schreibtisch später mühelos verreißen kann …

Schließlich gibt’s noch ein Musikvideo: Eine obskure Gruppe namens „The Legion of Doom vs. Triune“ schrammelt den im Film gespielten Titel „Unintended Consequences”, der es auf keine „Top Ten“-Liste schaffen wird.

Zum Film gibt es außerdem eine Website: www.enterpathologylab.com [md]

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Pathology