Penny Dreadful – Per Anhalter in den Tod

Originaltitel: Penny Dreadful (USA 2006)
Regie: Richard Brandes
Drehbuch: Richard Brandes, Diane Doniol-Valcroze u. Arthur Flam
Kamera: Joplin Wu
Schnitt: Ben Le Vine
Musik: Steve Gurevitch
Darsteller: Rachel Miner (Penny Deerborn), Mimi Rogers (Orianna Volkes), Chad Todhunter (Alvin), Mickey Jones (Eddie), Tammy Filor (Mary Saunders), Liz Davies (Anhalter), Michael Berryman (Tankwart), Lucy Rogers-Ciaffa (Penny als Kind), Elyse Marie Mirto (Pennys Mutter), Casey Sander (Truckfahrer) u. a.
Label: Legend Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 27.08.2007 (DVD)
EAN: 0886970783392 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Seit einem Verkehrsunfall, bei dem ihre Eltern grausam umkamen, während sie als einzige überlebte, ist Penny Dearborn traumatisiert. Sie fürchtet sich, in Autos zu steigen, was die Lebensqualität der inzwischen jungen Frau stark beeinträchtigt. Mit ihrer Therapeutin Orianna Volkes unternimmt Penny deshalb einen Pkw-Ausflug in die San Bernardino Mountains im südwestlichen Zipfel des US-Staats Kalifornien.

Die Fahrt ist beschwerlich, denn immer wieder wird Penny von Panikattacken überfallen. Als Oriana feststellt, dass sie Beruhigungstabletten schluckt, kommt es zu einem Streit. Auf diese Weise abgelenkt, übersieht Oriana einen Tramper, den sie mit dem Wagen streift. Der dennoch unverletzte Mann bittet, bis zum Onyx Pass mitgenommen zu werden. Schlechten Gewissens will Oriana nicht ablehnen, obwohl der Anhalter ihr und erst recht Penny gezielt Angst einjagt. Zwar steigt er aus, als das genannte Ziel erreicht ist. Allerdings hat er die beiden Frauen in eine Falle gelockt und einen der Autoreifen zerstochen.

Mitten im Wald und fern jeder Hilfe bleibt der Wagen liegen. Oriana sucht nach Empfang für ihr Handy, während Penny zurückbleibt. Der Anhalter taucht auf, Penny flüchtet, stürzt und schlägt mit dem Kopf auf. Als sie erwacht, sitzt sie wieder im Wagen, der so zwischen Bäume geschoben wurde, dass die Türen nicht geöffnet werden können. Neben Penny sitzt die Leiche der grausam erstochenen Oriana.

In den folgenden Nachtstunden entspinnt sich ein Katz-und-Maus-Spiel. Penny versucht, einen Weg aus dem Auto zu finden, während draußen der Anhalter lauert, um ihre Bemühungen zu sabotieren. Mit diabolischem Geschick schürt er die Angst der jungen Frau, die in dem Wagen, der ihr Schutz und Kerker gleichzeitig geworden ist, allmählich den Verstand verliert …

Kleine, fiese, spannende Geschichte

„Penny Dreadful“: So nannte man jene Unterhaltungslektüre, die im England des 19. Jahrhunderts Furore machte. Die in diesen billig gedruckten und um den sprichwörtlichen Penny verkauften, mit knallbunt-drastischen Covern versehenen Groschenheften erzählten Geschichten zielten nicht auf das Hirn, sondern auf den Bauch und – sofern dies in diesen frommen Zeiten möglich war – auf tiefere Körperregionen. Gewalt und Sex, dazu Blut als verbindende Klammer: Das Konzept funktionierte und stellt seine Zeitlosigkeit bis heute unter Beweis.

In unserem Fall kündigt Regisseur und Drehbuch-Mitautor Richard Brandes mit dem Titel bereits an, wohin diese Filmreise gehen wird. Er will eine spannende Geschichte erzählen, ohne dabei die viel geschmähten aber gern beschworenen „niederen Instinkte“ zu vernachlässigen. In der Tat schickt er Penny Deerborn auf einen Höllentrip, dessen Verursacher alle Register seines bösartigen Einfallsreichtums zieht.

Der Plot ist schlicht aber wirkungsvoll dort, wo er konsequent durchdekliniert wird: Eine Frau sitzt gefangen in einem Auto. Sie versucht, sich aus dieser Falle zu befreien, während draußen ihr Peiniger wartet. Mit dieser Konstellation kann im Grunde nichts schiefgehen. Leider traut Brandes dem eigenen Konzept nicht. Auf die Folgen wird später einzugehen sein.

Kammerspiel im BMW

Penny sitzt mit der toten Orianna im Auto fest. Was könnte sie dort für ihr Entkommen tun, was könnte ihr zustoßen? Gleich drei Drehbuchautoren haben sich diesbezüglich die Köpfe zerbrochen und sind dabei zu unterhaltsamen Ergebnissen gekommen. Praktisch jeder Winkel des engen Innenraums wird erzähltechnisch genutzt. Auf dem Rücksitz liegt Oriannas Reisetasche, die Tote trägt eine Jacke mit vielen Taschen, und natürlich gibt es das Handschuhfach. Die von Penny zutage geförderten Alltagsgegenstände werden zu Instrumenten für Fluchtversuche oder für Bemühungen, sich die geistige Gesundheit zu bewahren.

Diese Szenen fesseln den Zuschauer. Es ist weder für den Kameramann noch für die Darsteller einfach, ein Autos als Schauplatz eines Überlebenskampfes überzeugend einzusetzen. Hier gelingt es; Joplin Wu negiert die durch Blech und Fensterglas gesetzten Grenzen – selbstverständlich ist Oriannas BMW eine Filmkulisse mit frei beweglichen Einzelelementen –, während er gleichzeitig den Mausefallen-Charakter unterstreicht.

Wenn wir mit Penny im Auto sitzen, teilen wir ihren Wissensstand bezüglich der Situation. Wie sie ahnen wir, dass draußen der verrückte Anhalter den Wagen genau im Blick behält, um sich an den Qualen der Insassin zu weiden. Durch verschmierte Scheiben sehen ‚wir‘ ihn manchmal in der Dunkelheit eine neue Teufelei vorbereiten. Dann verschwindet er, und wie Penny drehen und wenden wir uns voller uns (angenehm) schaudernd, um nach ihm zu suchen.

Eine Dimension zu viel

Doch zwischenzeitlich verlässt die Kamera den Wagen. Wir lernen das Waldstück, in dem unser Drama spielt, besser kennen, als uns im Namen der aus Ungewissheit erwachsenden Spannung lieb ist. Brandes will auf Nummer Sicher gehen. Für ihn bedeutet dies, dem Anhalter weitere Opfer in die Arme bzw. vor das Messer zu treiben. Dort enden jedoch ausschließlich Klischeegestalten des B-Movie-Horrors, mit denen wir zuvor nur einmal (und dann in Gestalt Michael Berrymans, was als nette Genre-Reminiszenz betrachtet werden kann) konfrontiert wurden: der bärtige, dickbäuchige Hillbilly, sein tumber Kumpan, die geile Dorfschlampe und schließlich der begriffsstutzige Trucker. Wider alle Wahrscheinlichkeit stolpern sie durch den Wald und stoßen auf Penny in ihrer Falle, um dabei ihr Leben auszuhauchen und ihr die Hoffnungslosigkeit der Situation noch drastischer vor Augen zu führen, obwohl dies unnötig ist.

Die überflüssigen ‚Ausflüge‘ stören den beschriebenen Kammerspiel-Charakter und lassen die klaustrophobische Atmosphäre verfliegen, die so sorgfältig und ideenreich inszeniert wurde. So kann auch das Finale nur enttäuschen, weil Brandes nicht auf Stimmung (oder Logik), sondern auf eine viel zu oft Verwendung findende, actionbetonte und einfallslose Auflösung setzt. Auch die per Radio verkündete Identifizierung des Anhalters ist kontraproduktiv; er wäre besser eine mystische Gestalt geblieben.

Dem Schrecken Bilder und Gesichter geben

Dass „Penny Dreadful“ trotz dieser Schwächen nicht zum Durchschnitts-Horror herabsinkt, verdankt Richard Brandes zwei bereits erwähnten Personen: seinem Kameramann und seiner Hauptdarstellerin. Joplin Wu drehte ganz altmodisch auf 35-mm-Film. Dieses Material ist im digitalen Zeitalter aus der Mode gekommen, doch es besitzt weiterhin seine Vorteile. Vor allem suggeriert es dem Zuschauerauge, das digitale Nachbearbeitung und Manipulation durchaus zu erkennen weiß, ‚authentische‘ Bilder. Dies ist besonders wichtig in einem Film, der wie „Penny Dreadful“ in der Nacht und mit den Schrecken und Illusionen der Dunkelheit spielt.

Rachel Miner (*1980) ist keine weitere Söldnerin aus dem Heer der mehr oder (meist) weniger begabter Hollywood-Nachwuchsdarsteller, sondern – obwohl noch jung an Jahren – eine Veteranin. Schon 1990 spielte sie für Woody Allen in „Alice“. Als sie 2005 „Penny Dreadful“ drehte, übertraf die Liste ihrer Theater-, Film-, Fernseh-Rollen an Länge die manches doppelt oder dreifach so alten Schauspielers. Miner ist großartig als Penny; eine junge Durchschnittsfrau, die psychische Probleme weniger mimt als ausdrückt. Immer wieder verharrt die Kamera auf Miners Gesicht, das sehr präzise innere Bewegung auszudrücken in der Lage ist. „Penny Dreadful“ ist dank Miner nicht nur ein Psycho-Horror-Thriller, sondern auch die Geschichte einer Frau, die Stück für Stück dem Wahnsinn verfällt, sich irgendwann fängt und Widerstand zu leisten beginnt. Dieser Prozess ist ebenso spannend wie Pennys Kampf gegen den Anhalter, der stets Notwehr bleibt: Penny mutiert nie zur Kampf-Amazone, sondern bleibt ihrer Durchschnittlichkeit treu.

Erfreuliche Nebenrollen

Für die Nebenrolle der Orianna Volkes gewann Brandes ebenfalls eine ‚richtige‘ Schauspielerin. Mimi Rogers ist als engagierte, notfalls auch energische Therapeutin so prägnant, dass die Erinnerung sie überlebt, obwohl sie die zweite Filmhälfte nur als Leiche präsent ist. In dieser ‚Rolle‘ bleibt sie weiterhin Pennys Bezugsperson und deshalb wichtig – eine Herausforderung, der nicht jede Darstellerin gewachsen wäre!

Man könnte „Penny Dreadful“ übrigens als ‚Frauenfilm‘ bezeichnen. Zwar spielen einige Männer mit, doch sie bleiben blass. Eine Ausnahme scheint der grausame Anhalter zu bilden. Der wird freilich ebenfalls von einer Frau verkörpert! Was Richard Brandes veranlasste, Liz Davies für diese Rolle anzuheuern, bleibt rätselhaft, zumal Davies (anders als Michael Berryman) nicht physiognomisch von Natur aus für den Horrorfilm prädestiniert, sondern sogar recht hübsch ist. Soll der Anhalter androgyn und geisterhaft wirken? Weibliche Züge weist er in seiner Maske allerdings nicht auf.

Damit schließt sich der Kreis, denn auch Regisseur Brandes konnte sich nicht entscheiden, ob sein Film ein lupenreines „penny dreadful“ eine raffinierte Geschichte um Angst und ihre Überwindung werden sollte. So ist das Ergebnis weder das eine noch das andere, sondern einfach ‚nur‘ Unterhaltung mit zwischenzeitlichem Tiefgang geworden, wobei in diesem Urteil leise Enttäuschung aufgrund der verschenkten Möglichkeiten mitschwingt.

DVD-Features

Viel gibt es nicht zusätzlich zu sehen. Der originale Kinotrailer ist auch der deutsche Kinotrailer, und siebeneinhalb Minuten blicken wir hinter die Kulissen, ohne besonders viel dabei zu erfahren.

Das Musikvideo „Stay Away“ einer Band namens „Sanity“ zeigt Musiker, die in einer dem Filmset angepassten Kulisse den besagten Rock-Song gniedeln, während kurze Schnipsel aus dem Film eingespielt werden. Die Musik ist laut, und vor allem der Sänger zappelt mächtig herum, doch das Ergebnis ist weder eingängig noch einer Erinnerung wert.

[md]

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