Prähistorische Monster-Piranhas geraten in einen US-See, der von betrunkenen, geilen & dämlichen Teenagern bevölkert wird, und richten ein Massaker an … – Was als Wiederbelebung des blutigen, nackten, schwarzhumorigen Horrorfilms gefeiert wird, entpuppt sich als unkomische Metzel-Show, die eine Story durch Hysterie zu ersetzen versucht und mit den schäbigsten Digital-Effekten des Jahres schockiert: eine Enttäuschung auf der gesamten Linie!

Das geschieht:

Bevor das Sommersemester beginnt, fallen 20.000 Studenten über Lake Victoria im US-Staat Arizona her. Sie wollen feiern, Dünnbier direkt aus dem Fass saufen, wenn möglich diverse Körperflüssigkeiten austauschen und vor allem brüllen, als ob sie am Spieß stäken: „Spring Break“ ist angesagt!

Sheriff Julie Forester und ihre Deputys haben alle Hände voll zu tun, die wilde Meute wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Sheriff-Sohn Jake ist sauer, denn schon wieder soll er seine Schwester Laura und ihren Bruder Zane hüten, statt sich mit ins Getümmel zu stürzen. Als ihm Softporno-Produzent Derrick Jones gutes Geld bietet, um ihn und zwei silikonbusige Nymphen an eine einsame Stelle des Sees und dorthin zu bringen, wo diese sich nackt unter Wasser tummeln können, lässt Jake allen Gehorsam fahren und genannte Geschwister allein zu Haus. Auch die hübsche Kelly, Jakes Fast-Freundin, lässt sich ködern und kommt mit an Bord.

Ein kleines Erdbeben kann den Spring Break nicht stoppen. Unbemerkt hat sich im See eine Spalte geöffnet. Im Erdinneren öffnet sich eine Wassertasche, in der fleischgierige Urzeit-Piranhas überleben konnten. Sie strömen ins Freie und nach kurzer Orientierung dorthin, wo die studentischen Bacchanalien ihrem Höhepunkt entgegensteuern. Die hungrigen Fische finden reiche Beute, das Seewasser färbt sich blutrot.

Inzwischen hat Jones seine Jacht im Kokainrausch auf Grund gesetzt. Auch hier tauchen die Piranhas auf. Wie der Zufall spielt, musste Jake kurz zuvor seine daheim durchgebrannten und später gestrandeten Geschwister bergen, die nun ebenfalls in Lebensgefahr schweben. Als Jake seiner Mutter per Handy die Notlage gesteht, kennt diese kein Halten mehr. Mit einem kleinen Boot steuert sie die Unfallstelle an, wo nicht nur ihre Kinder, sondern auch die Piranhas sie ungeduldig erwarten …

Die traurige Mär vom getretenen Quark

Es waren einmal … die 1980er Jahre und ein Horrorfilm, der zumindest in den USA durch vergleichsweise wenige gesetzliche Vorschriften gegängelt wurde. Die dramaturgischen und stilistischen Folgen verteilten sich auf drei Kategorien: Blut & Gekröse, rüde Scherze und blanke Busen. Obwohl die Reihenfolge wechselte, blieben dies die Primärmerkmale später kultisch verehrter, noch auf echtem Zelluloid gedrehter (bzw. billig heruntergekurbelter) Splatter-Streifen: „Freitag der 13te“, „Muttertag“, „Hügel der blutigen Augen“ …

Diese Aufzählung ist keineswegs komplett, aber die genannten und viele (viele, zu viele) andere Grob-Grusler jener Ära wurden und werden derzeit neu verfilmt. Selbst obskure Schlitzer-Schätze wurden inzwischen gehoben, sodass es nur eine Frage der Zeit war, bis es auch „Piranha“ erwischte. Dieses Verb wird hier mit Bedacht verwendet, denn es vermittelt die Zwiespältigkeit solcher Remakes: Sie wollen die Vergangenheit mit den Mitteln der Gegenwart wiederbeleben und ignorieren dabei das Phänomen des Zeitgeistes.

Der Original-„Piranha“ biss 1978 zu. Geplant war damals in keiner Weise ein Kultfilm, sondern ein hoffentlich lukratives Imitat des Mega-Blockbusters „Jaws“ (dt. „Der weiße Hai“), der drei Jahre zuvor gezeigt hatte, wie viel Geld aus salzigem Wasser destilliert werden konnte. Um die gewaltigen Klüfte zu vertuschen, die in Sachen Regie-Talent, Drehbuch-Geist und Budget zwischen den beiden Filmen klafften, wurde „Piranha“ zur „Jaws“-Parodie ernannt. Auf diese Weise konnten die Absurditäten und Dämlichkeiten des Ergebnisses verbrämt und einem vertrauensseligen Publikum verkauft werden.

Lasset die dümmlichen Spiele beginnen!

Im 21. Jahrhundert gehen flinke Produzenten ein wenig anders vor. Dilettantismus und Schmalspur-Budget werden jetzt als „Trash“ vermarktet und zum Kult erhoben. Bei nüchterner Betrachtung bleibt Mist indes Mist, selbst wenn suggeriert wird, er rieche nach Rosen. Ein Kult wird nicht erschaffen, sondern er entsteht – ein Phänomen, das Produzenten beschäftigt, seit es den Film gibt, weil es sich nicht künstlich generieren lässt. Das Publikum und der erwähnte Zeitgeist müssen eine seltsame und sehr flüchtige Verbindung eingehen, damit ein Kult ins Leben tritt.

„Piranha 3D“ sollte 2010 dennoch zum Event gehypt und wenn nicht Kult, dann wenigstens Trash-Blockbuster werden. Diese Mission wurde erfüllt; der Kassensturz in Hollywood ergab ein Einspielergebnis von 85 Mio. Dollar bei einem Budget von 25 Mio.; ein Fundament, auf dem man ein hoffentlich langlebiges „Piranha“-Franchise zu errichten plant, das schon 2011 mit „Piranha 3D – The Sequel“ fortgesetzt wird.

Was vielleicht der hoffnungslos optimistische Zuschauer begrüßen wird, der sich ratlos am Kopf kratzte, als „Piranha 3D“ mit einem Knalleffekt aber ohne Story-Finale endete. Dieser Rezensent mag zu alt für Filme dieser Art sein; vielleicht müssen Trash-Granaten zur Befriedigung ihres Publikums tatsächlich nur Därme & Titten verspritzen. Dann möge die Lektüre dieses Textes hier enden. Falls dem aber nicht so ist, bleibt ein Rätsel: Wie kommt der Erfolg eines Filmes zustande, der in erster Linie durch Versäumnisse und Fehler heraussticht?

Wo beißen sie denn?

Für manchen (Horror-) Film genügt eine Idee zur vergnüglichen Füllung von anderthalb Stunden. Dank „Piranha 3D“ wissen wir nun, dass die stetigen Attacken beißlustiger Fische in dieser Hinsicht ins Leere gehen können. Das kann auch das Schwenken freigelegter weiblicher Oberweiten – soweit dies aufgrund nachträglich überstraffer Aufpolsterung überhaupt möglich ist – nicht wirklich zum Positiven wenden.

Drehbuchautoren, Regisseur und Produzenten unterlagen zudem einem Irrtum, als sie glaubten, sich sklavisch auch an die definitiv spaßverderbenden Elemente des beschworenen Kult-Horrors halten zu müssen. Gemeint ist hier vor allem der ausgeleierte, unspannende und zu allem Überfluss lahm inszenierte Plot. Wer meint, „Piranha 3D“ biete Action pur, verwechselt Handlung mit Hysterie. Jede Story-Wendung kündigt sich viele Minuten an, ein Klischee reiht sich ungebrochen an das nächste. Kinder geraten in Not, gute Kids werden gerettet, böse Kids gefressen. Wer in welche Sparte fällt, folgt ebenfalls klassischen Vergaben: Nacktheit, Alkoholkonsum und laszives Benehmen werden zuverlässig und grausig bestraft. Die angepassten Langweiler überleben und können neue Generationen moralinsaurer Spaßbremsen in die Welt setzen. (Dass eine bisher stets präsente Figur so plötzlich wie unerklärt aus dem Geschehen verschwindet, erweist sich als Glücksfall – sie kann in der Fortsetzung wieder auftreten.)

Also schleppt sich „Piranha 3D“ dahin sowie von Attacke zu Attacke, als die Beißfische endlich auftauchen und das Geschehen nicht nur dominieren, sondern auch den Logikfaden fressen. Dass die Zerschnetzelung der Spring-Breaker den Höhepunkt des Films darstellt, muss man sich nachträglich zusammenreimen. Es folgt ihr nämlich die in Aufwand und Unterhaltungswert deutlich minderwertiger geratene Rettung der in Seenot geratenen Porno-Schiffer. Quasi nebenbei und an Lächerlichkeit schwer überbietbar erfolgt die (scheinbare) Vernichtung der meisten Piranhas.

Den Kopf über Wasser halten

Leid können einem die Schauspieler tun, die es in die wässrigen Kulissen verschlagen hat. Sie sind entweder Pappkameraden oder Fischfutter; nicht selten fallen sie erst ins Wasser und dann von der einen in die andere Kategorie. Besonderes Pech hat Elizabeth Shue. Anders als Christopher Lloyd oder Richard Dreyfuss kann sie sich nicht mit der Absolvierung einer Stargast-Rolle herausreden. Im „Making-of“ fällt ihr lobend nur die „sportliche Herausforderung“ ein, die sie – von Boot zu Boot springend oder an einem Seil hangelnd & dabei über Piranhas hängend – in der Tat zufriedenstellend meistert.

Falls Steven R. McQueen, der hier einmal mehr in die gewaltigen Fußstapfen seines Großvaters treten möchte, wirklich spielt, was ihm das Drehbuch vorschrieb, muss man ihn bewundern: So eine überzeugende Darstellung des verklemmten Langweilers hat man lange nicht gesehen (und keineswegs vermisst)! Ein Heuchler ist dieser Jake außerdem, der Danni und Crystal stieläugig beim Nackttauchen beobachtet, aber umgehend den Macho-Beschützer markiert, wenn Zeremonienmeister Derrick die ‚unschuldige‘ Kelly animiert, sich ihnen anzuschließen.

Jerry O’Connell weiß sich in seiner Rolle noch am besten zu behaupten. Er gibt gar nicht vor zu schauspielern, sondern chargiert schamlos nach Leibeskräften und parodiert glänzend den geilen Schmierfinken, der angetrunkene Mädchen sich für ein Butterbrot vor der Kamera blamieren lässt; kein Wunder, dass Joe Francis, der unter dem Label „Girls Gone Wild“ realiter solche Spanner-Filmchen dreht, sich als Vorbild für diese Figur erkannte sowie sauer und US-typisch reagierte und seine Piranhas (= Anwälte) ausschickte.

Weder Fisch noch Fleisch

25 Mio. Dollar hat „Piranha 3D“ verschlungen. Wo ist dieses Geld geblieben? Die Produktion war zugegeberweise schwierig. Massenszenen am und im Wasser sind kompliziert und kostspielig. Trotzdem wird echter Aufwand eigentlich nur deutlich, als die Piranhas den Spring Break sprengen. Im Wasser treiben spektakulär zerknabberte Leichen und Körperteile, fehlgesteuerte Boote oder Schiffsschrauben tragen ebenfalls zur Schlachtplatte bei.

Während die ‚mechanischen‘ Filmtricks handwerklich sauber umgesetzt wurden, sorgen die digitalen Effekte für Entsetzen. Man fühlt sich in einen „Mockbuster“ der Filmmüll-Fabrik „Asylum“ versetzt, wenn die vorgeblich brandgefährlichen Piranhas nicht schwimmen, sondern steif durch das Wasser wirbeln. Dabei bieten sie als prähistorische Fischmonster einen durchaus überzeugenden Anblick, wo sie ganz klassisch als Modell ‚belebt‘ werden.

Auch sonst leisten die Digital-Hexer sich ausschließlich Totalausfälle. Die Zweiteilung einer unglücklichen Bade-Nixe oder das erdbebenbedingte Erzittern des müllbedeckten Seebodens wirken in ihrer Ärmlichkeit kontraproduktiv. „Piranha 3D“ wimmelt nicht nur von bösen Fischen, sondern auch von ähnlichen digitalen Stimmungstötern.

Apropos 3D: Einmal mehr dient das dreidimensionale Bild ausschließlich als Jahrmarkts-Attraktion. Bootsruder u. a. lange, spitze Gegenstände werden in die Kamera gehalten, Flüssigkeiten in Richtung Publikum verspritzt, einmal sogar zwischen die Zuschauer gekotzt. Wichtig war Alexandre Aja nach eigener Auskunft außerdem die Pole-Position als erster Regisseur, der nackte Busen dreidimensional umsetzt.

Für den Unterhaltungswert ist das plastisch wirkende Bild offenbar unverzichtbar; die hier rezensierte Version ist jedenfalls nicht nur in Handlung und Bild, sondern generell flach, d. h. zweidimensional. So wurde „Piranha 3D“ übrigens auch gedreht, der Film nachträglich konvertiert. Dennoch wirkt auch die Flach-Fassung erschreckend künstlich. Viele Szenen wurden für die spätere Konvertierung eingerichtet. In 2D sind sie verschwommen – ein weiteres Glied in der langen, schweren Kette der Ärgerlichkeiten, die dem Zuschauer helfen, zum eigentlichen Bedeutungskern des Begriffes „Trash“ zurückzukehren: „Piranha 3D“ ist ein Film für die Mülltonne!

DVD-Features

Weil „Piranha 3D“ ein von der Werbung generierter ‚Kult‘ ist, wird sogar die DVD-Pressung mit reichem Beiwerk garniert. Zu einem Audiokommentar von Regisseur Alexandre Aja und den beiden Produzenten dieses Films kommen mehr als eine Stunde Hintergrund-Infos; jedenfalls wird so genannt, was sich tatsächlich aus gegenseitigem Eigenlob & verkappter Werbung zusammensetzt und zur dreisten Lügen-Show aufschaukelt. (Glücklicherweise wirft man sich dabei gegenseitig Knüppel zwischen die Beine: Während Aja sein Werk zum existenzialistischen „Coming-of-Age“-Epos aufwerten will, geben die Produzenten damit an, mit dem Kunstblut-Verbrauch einen neuen Film-Rekord aufgestellt zu haben.)

„Schrei nicht, schwimm einfach – Hinter den Kulissen von Piranha 3D“ ist der Obertitel dieser vier Features: „Aja, Besetzung und Story“, „Blut und Gore“, „Spezialeffekte und Stunts“, „Warum 3D?“. Die Interviews mit Regisseur Aja, den Produzenten und den meisten Darstellern können übersprungen werden; man kriecht sich gegenseitig in den Hintern, bis zumindest dem Zuschauer schlecht wird. Interessanter ist es, wenn die Handwerker hinter der Kamera zu Wort kommen. Vor allem der kernige Meister der handgemachten Spezialeffekte erklärt seinen Job, statt sich als verlängerter Arm der Werbeabteilung missbrauchen zu lassen. (Wer sich Zeit bzw. den Hauptfilm ersparen möchte, beschränke sich übrigens auf die Ansicht der Beiträge „Blut und Gore“ und „Spezialeffekte und Stunts“: Sie zeigen sämtliche lohnenswerten Szenen und dies oft sogar mehrfach; eine interessante Methode, den eigentlichen Film zu sabotieren.)

Hinzu kommen sieben Minuten geschnittener Szenen, von denen es mindestens eine (skelettierte Angler hängen unter ihrem Kanu) es in den Hauptfilm verdient hätte. Abgerundet werden die Features durch den Trailer und das Presseheft, das sich über die DVD online anwählen lässt.

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Piranha 3D
Originaltitel: Piranha 3D (USA 2010)
Regie: Alexandre Aja
Drehbuch: Pete Goldfinger u. Josh Stolberg
Kamera: John R. Leonetti
Schnitt: Baxter
Musik: Michael Wandmacher
Darsteller: Elisabeth Shue (Sheriff Julie Forester), Steven R. McQueen (Jake Forester), Jessica Szohr (Kelly), Jerry O’Connell (Derrick Jones), Christopher Lloyd (Mr. Goodman), Ving Rhames (Deputy Fallon), Richard Dreyfuss (Matt Boyd), Kelly Brook (Danni), Riley Steele (Crystal), Adam Scott (Novak Radzinsky), Ricardo Chavira (Sam), Dina Meyer (Paula Montellano), Paul Scheer (Andrew Cunningham), Brooklynn Proulx (Laura Forester), Sage Ryan (Zane Forester) uva.
Label/Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 17.03.2011 (DVD/Blu-ray)
EAN: 4006680051239 (DVD) bzw. 4006680051246 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min.
FSK: 18

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