Place of Darkness

Originaltitel: From a Place of Darkness (USA 2007)
Regie: Douglas A. Raine
Drehbuch: Scott Kenyon Barker u. Douglas A. Raine
Kamera: Hugh Johnson
Schnitt: Charles David Lee
Musik: Enrique C. Feldman, Srdjan Kurpjel, Drew Martinez u. Jamie Mitchell
Darsteller: John Savage (Vic), Travis Schuldt (Miles Kody), Natalie Zea (Brenda), Conor Duffy (Sean Kody), Valery M. Ortiz (Rosa), Bronson Pinchot (Carl), Carmen Palumbo (Jacqui), Carmen Mormino (Officer Diebel), Jeffrey T. Unterkofler (Officer Paulson), Cristen Irene (Ausreißerin), Nikki Flux, Elina Madison, Jennifer Pfalzgraff (Nutten) u. a.
Label: I-On New Media (www.ionnewmedia.de)
Vertrieb: Splendid Entertainment (www.splendid-entertainment.de)
Erscheinungsdatum: 24.04.2009 (Kauf-DVD)
EAN: 4260034632226 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 84 min.
FSK: 18 (keine Jugendfreigabe)

Das geschieht:

Für den erfolglosen Dokumentarfilmer Miles Kody scheint sich das Blatt endlich zum Besseren zu wenden, als es ihm gelingt, den legendären „Snuff“-Filmemacher Vic zu einem Interview zu überreden. Vic äußert sich offenherzig über sein Gewerbe, das darin besteht, Männer und Frauen vor der Kamera zu foltern und abzuschlachten. Gegen seinen Willen ist Miles von dem charismatischen Psychopathen fasziniert und lässt sich immer tiefer in dessen abgründige Welt ziehen, was Gattin Brenda, Bruder Sean und Schwägerin in spe Rosa voller Besorgnis registrieren.

Miles weiht Sean in ein weiteres Geheimnis ein: In dem einsam gelegenen und heruntergekommenen Gebäude, das Vic als Dreh- und Mordstätte benutzt, spukt es! Durch das Objektiv seiner Kamera nimmt Miles die Geister jener Pechvögel auf, die Vic in die Snuff-Falle gingen. Sie müssen die grausamen letzten Momente ihres Lebens wieder und wieder durchleiden.

Snuff und Geister! Das ist ein Doppeltreffer, denkt sich Miles, der damit den skrupellosen Carl als Sponsor für die geplante Dokumentation gewinnen will. Mit dem Erfolg endlich in greifbarer Nähe vermag Miles zu verdrängen, dass im Keller des Gebäudes eine Kreatur lauert, die ganz und gar kein schattenhaft harmloses Gespenst ist. Auch merkt er nicht, wie hilflos er bereits in Vics Netz zappelt, der womöglich auch nicht von dieser Welt ist und ganz eigene Pläne mit Miles und dessen Begleitern hat. Eines unschönen Abends lockt er sie alle in seinen Bau, den sie nicht mehr verlassen sollen …

Mord als intellektuelles Konzept betrachtet

Wird ein Thriller von der Werbung als „intellektuell“ gepriesen, reagiert der aus Erfahrung klug & verdrießlich gewordene Zuschauer misstrauisch. „Intellektuell“ ist auch kein Wort, das professionelle Marktschreier freiwillig in den Mund nehmen; meist versuchen sie damit ein Filmwerk aufzuwerten, das seinem allzu ehrgeizigen Regisseur und/oder Drehbuchautor (in unserem Fall sowohl als auch Douglas A. Raine) geistig entglitten und als kassenfüllende Unterhaltung missraten ist.

„Place of Darkness“ – wann wird die Phase der krampfhaft denglisierten ‚deutschen‘ Filmtitel endlich zu Ende sein? – ist so ein Querschläger. Nach Jahren im zweiten Glied der Filmindustrie, in denen er als Regieassistent tätig war oder der „second unit“-Crew vorstand, hat Raine sich für sein Debüt viel vorgenommen; wenig ist ihm gelungen. Dabei stimmten die Rahmenbedingungen: eine gute Idee, engagierte Darsteller, eine grandiose Kulisse.

Zum Stolperstein wird das Drehbuch. Die erste Filmhälfte verspricht Ungewöhnliches. Zwar geht es um grausame Lustmorde, doch „Place of Darkness“ ist deutlich kein weiterer „torture porn“, wie sie seit „Hostel“ kopiert und in Serie fabriziert werden. Raine geht es um das Phänomen des alltäglichen Grauens, das in jedem Menschenhirn nistet. Normalerweise bleibt es gut kontrolliert in seinem düsteren Winkel, ist aber präsent, und manchmal fordert es seinen Willen. Erst Miles und Sean, dann Brenda und Rosa sind gleichermaßen angeekelt wie gefesselt, als sie mit Vics ‚Arbeit‘ konfrontiert werden – schlüssig in Szene gesetzte, gut gespielte Szenen, die den Ekel als primär politisch korrekte Reaktion offenlegen, die nicht lange die Leidenschaft für das Böse übertünchen kann. In jedem Mensch steckt ein Vic, so Raines Schlussfolgerung, und damit mag er richtig liegen.

Vielversprechende Ideen zu Beginn

Tucson im US-Staat Arizona bot Raine die ideale Kulisse für seinen Thriller: In einer öden und menschenleeren Vorstadtgegend fand er einen verkommenen Flachbau, der angeblich einst ein Krankenhaus war. Von fähigen Bühnenbildnern und Ausstattern unterstützt, mutierte dieser ohnehin trostlose Ort zu einem der schmierigsten, finstersten und abstoßendsten Schauplätze der Filmgeschichte. Dies IST ein Ort des Bösen, der seinen Einfluss auf Miles nicht verfehlen KANN.

Die schleichende Manipulation, mit der Vic den ahnungslosen und willigen Miles in seinen Bann zieht, gehört zu den besten Sequenzen des Films. John Savage ist ein fabelhafter, entsetzlicher Vic – oberflächlich beherrscht, sogar freundlich, lässt er von einem Moment zum nächsten sardonische Bosheit und akute Gefährlichkeit durchschimmern, die er sogleich wieder kaschiert; kein Wunder, dass er Miles aus dem ohnehin labilen Gleichgewicht bringt.

Interessant ist die Idee, dass die Geister derer, die Vic in seinem abgelegenen Unterschlupf zu Tode brachte, dort weiterhin umgehen. Raine versucht sogar eine ‚wissenschaftliche‘ Erklärung: Lebensenergie ist Energie, und die kann nicht zerstört, sondern höchstens verändert werden. Die Mauern des alten Krankenhauses sind quasi vollgesogen mit den letzten und besonders intensiven Lebenszeichen der Snuff-Opfer. Da diese nicht selten selbst Täter waren, die dann von Vic umgebracht wurden, sind es keine um Erlösung bittenden Geister, die sich hier manifestieren.

Ebenfalls gelungen ist der Kunstgriff, Vic selbst als einen der Geister zu entlarven. (Das geschieht relativ früh und wird bereits in den ersten Filmminuten angedeutet, sodass diese Offenbarung nicht als Spoiler zu werten ist.) In dieser Rolle kann Vic wesentlich bedrohlicher auftreten denn als Lebender. Wer Vic wirklich ist – der Geist eines bösen Menschen oder ein höllischer Dämon, wie Raine mit schlaglichtartig andeutet -, bleibt offen: eine gute Entscheidung, die mit dem missratenen Finalgag versöhnt, als Vic plötzlich körperlich wird und durch die USA reisen kann, um an neuem Ort seine alte Mordmasche zu reiten.

Absturz in der zweiten Hälfte

„Place of Darkness“ gehört zu den Filmen, deren Untergang sich szenengenau festmachen lässt. Ziemlich genau zum Ende der ersten Hälfte gingen Raine offensichtlich die Ideen aus. Was bisher doppeldeutig war und auf verschiedenen Verständnisebenen spielte, bricht zusammen und zerfließt zu plattem Splatter-Humbug, der zu allem Überfluss nicht einmal gut gemacht ist. Wurden die Snuff-Morde nie im Detail gezeigt, metzelt man einander jetzt offen mit Messer, Kamerastativ oder Pistole.

Mit der ‚Intellektualität‘ des Thrillers ist es allemal vorbei, als die Geister die Bühne betreten. Der Snuff-Plot wird Nebensache, vordergründige Buh!-Effekte ersetzen die diffuse Drohung, die bisher über der Szene lag. Die philosophischen Fragen über das Wesen des Bösen, den Voyeurismus und die Mitschuld des scheinbar unschuldigen Betrachters werden ad acta gelegt. Der beste Spielfilm, der sich mit dem Snuff-Thema beschäftigt, bleibt „Tesis“ (Spanien 1996; dt. „Tesis – Faszination des Grauens“).

Miles besinnt sich stattdessen plötzlich seiner Ghostbuster-Wurzeln und macht sich daran, Vic die (wie gesagt angeblich unzerstörbare) Lebensenergie zu entziehen. Aus dramaturgischen aber wenig einleuchtenden Gründen vermag ihm Vic, der bisher problemfrei durch seine Höhle spukte, dabei nicht auf die Schliche zu kommen. Also ruft er Miles‘ Gattin, Bruder, zukünftige Schwägerin und den Widerling Carl herbei, springt von Hirn zu Hirn und lässt sie mit allerlei zufällig vorhandenen Mordwerkzeugen aufeinander losgehen. Zwei Polizisten eilen, um sich haarsträubend unprofessionell zu verhalten, damit sie Vics Jagdstrecke verlängern, d. h. ebenfalls umgebracht werden können.

So geht das eine frustrierende halbe Stunde lang ohne Überraschungen hin und her, bis Miles und Rosa dem fiesen Vic endlich das jenseitige Lebenslicht ausgeblasen haben. Dann beginnt abrupt ein neuer Film – quasi die Fortsetzung von „Place of Darkness“ als Film im (oder am) Film: Miles und Rosa stöbern Vic in dessen neuen Schlupfwinkel auf und setzen zur neuen Attacke an. Das ist unerhört schlecht realisiert und kostet Raine und seinen Film die letzten Zuschauersympathien.

Darsteller in der Dunkelheit

Für „Place of Darkness“ castete Raine Schauspieler, die relativ kostengünstig und gewöhnt sind, schnell und präzise zu arbeiten, denn dies ist ein Film mit sehr beschränktem Budget, was Raine freilich geschickt zu bemänteln weiß. Schnelle Schnitte bringen Bewegung ins Geschehen, die Kamera ist agil, nutzt einfallsreich Licht und Schatten. Die Darsteller drehen meist für das Fernsehen. Der einzige ‚Star‘ ist John Savage, ein Schauspieler von unbändigem Schaffensdrang, der gern einmal für wenig Geld auftritt, wenn ihn das Projekt interessiert.

Savage gibt wie gesagt erschreckend gut einen erzbösen Vic. Travis Schuldt ist überzeugend als Mann, der den „place of darkness” in sich entdeckt und Vics Lockruf nach und nach verfällt – schade, dass auch dies in der zweiten Hälfte belanglos wird. Natalie Zea bleibt die undankbare Rolle der (über-) besorgten und liebenden Gattin, die immer wieder zur Rückkehr in die Normalität aufruft, bis auch sie Vics Sirenengesängen erliegt.

Conor Duffy, Valery M. Ortiz und besonders Bronson Pinchot sind Chargen und Kanonenfutter. Ihre ‚Besessenheit‘ wird vom Drehbuch nicht gestützt und wirkt deshalb aufgesetzt. Als Snuff-Opfer heuerte Raine Wrestlerinnen und silikonverstärkte Kleinmiminnen an, die es gewohnt sind, sich busenfrei vor der Kamera zu tummeln. Ihr Ende in „Place of Darkness“ erzeugt ein unbehagliches Gefühl beim Zuschauer – dies allerdings nicht, weil es niederträchtig ausfällt, sondern weil diese Darstellerinnen fast durchweg so hässlich anzuschauen sind, dass sich Mitgefühl nicht einstellen will. Womit der Teufelskreis sich geschlossen hat, denn der Eindruck, dass mit diesem Film etwas grundsätzlich schlief gegangen ist, wird den Zuschauer mit Recht bis zu den Schlusscredits nicht mehr verlassen.

DVD-Features

Bis auf den Trailer zum Hauptfilm hat das Label sich und den Zuschauern das Aufspielen von Extras erspart. Auch eine Website zum Film lässt sich nicht finden.

[Michael Drewniok]

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Place of Darkness