Portrait of a Zombie

Originaltitel: Portrait of a Zombie (Irland 2011)
Regie u. Schnitt: Bing Bailey
Drehbuch: Bing Bailey u. Laura Morand Bailey
Kamera: Clayton H. Haskell
Musik: Amanda Rose Smith
Darsteller: Patrick Murphy (Billy Murphy), Geraldine McAlinden (Lizzy Murphy), Rory Mullen (Danny Murphy), Paul O’Bryan (Darren), Sonya O’Donoghue (Louise), Todd Fletcher (Regisseur), Steven Neeson (Kameramann), Sara Eavan (Regieassistentin), Tom O’Sullivan (Nachbar), Gerry Shanahan (Gary), Diane Jennings (Aoife) uva.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 23.07.2013
EAN: 4048317373062 (DVD)/4048317473069 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min. (Blu-ray: 87 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Die Murphys sind eine Arbeiterfamilie aus dem irischen Dublin. Vater Danny und vor allem Mutter Lizzy sind echte Familienmenschen, die ihre beiden Söhne und Tochter Louise von Herzen lieben und unterdrücken. Billy, der Älteste, hat seine Jugendliebe geschwängert.. Man wollte gerade heiraten, als sich der zukünftige Kindsvater bei der Arbeit in der Fleischerei etwas eingefangen hat. Ein Virus lässt ihn immer elender werden. Schließlich stirbt Billy – und wacht wenig später als Zombie auf!

Seinen Verstand hat er verloren, nur die Gier nach Menschenfleisch beherrscht Billy noch. Seine Eltern denken trotzdem nicht daran ihn aufzugeben. Da die Gesetzgebung untote Mitbürger bisher ausspart, können sie ihn nach Haus mitnehmen. Versehen mit Zwangsjacke und Maulkorb, wird Billy in seinem alten Kinderzimmer angekettet. Danny und Lizzy behandeln ihn noch immer wie ihren Sohn, während Bruder Darren und Louise erkannt haben, dass der Billy, den sie kannten, tot ist.

Ein windiger Filmemacher wird auf das häusliche Drama aufmerksam. Er stellt ein Kamerateam zusammen, das sich bei den Murphys einnistet. Den geistig schlicht gestrickten Eltern wird weisgemacht, dass Billy eine Dokumentation Geld und Ruhm und eine Zukunft bescheren wird. Stattdessen bringt das Team gezielt Unruhe in die Familie, um für dramatische Szenen zu sorgen.

Außerhalb des Hauses beginnen Freunde und Nachbarn sich gegen die Murphys zu wenden. Sie fürchten den Zombie im Haus nebenan, zumal die Krankheit sich ausbreitet und immer neue Untote durch Dublins Straßen ziehen. Die Situation wird kritisch, nachdem Billy seine allzu vertrauensselige ‚Braut‘ überfallen und getötet hat. Vor allem Gangsterboss Gary vertritt eine harte Linie. Mit seinen Schergen bläst er zum Angriff auf die Zombiehorden. Auch Billy soll endgültig sterben, doch hat Gary diese Rechnung ohne Lizzy gemacht, die es an Entschlossenheit leicht mit ihm aufnehmen kann …

Familientragödie der (bisher) unbekannten Art

Die Schilderung sozialer Missstände gehört zu den Traditionen des britischen Kinos. Im Mittelpunkt stehen die ‚kleinen Leute‘ der Arbeiter- oder Unterschicht; gesellschaftliche Außenseiter, die von Geburt an auf der Schattenseite des Lebens stehen. Ihr Alltag wird scharf und realistisch dargestellt, gern aber auch komödiantisch gebrochen, ohne dadurch negiert zu werden.

Bing Bailey – der sich als Jünger von George A. Romero outet, welcher einst nicht nur den modernen Zombie-Film schuf, sondern ihn mit Sozialkritik würzte – greift diesen Ansatz auf, den er einerseits ernstnimmt und andererseits ins Absurde übersteigert. Mit den Figuren Danny und Lizzy Murphy geht diese Rechnung beinahe erschreckend gut auf. Vor allem Geraldine McAlinden glänzt als Muttertier, das für ihre Kinder über Leichen geht – und sei es die eigene: Um ihrem Billy die einzig verträgliche Kost zu verschaffen, schneidet sie sich selbst Fleischfetzen aus den üppig gepolsterten Hüften.

Danny und Lizzy sind rührend, witzig und furchtbar in ihrer unbedingten Kinderliebe. Was sich auszuschließen scheint, wirkt hier völlig natürlich: Menschen wie die Murphys haben wenig Geld und keinen Einfluss. Sie konzentrieren sich deshalb auf das kleine, heimische Glück, das sie im Notfall mit brutaler Gewalt verteidigen. Bisher hat die ähnlich strukturierte Nachbarschaft zusammengehalten. So hat man sich vor einiger Zeit zusammengetan, um Drogendealer aus der Nachbarschaft zu vertreiben.

Jetzt müssen die Murphys erleben, dass sie es sind, die ausgeschlossen werden und völlig allein stehen. Freunde und Bekannte ziehen sich zurück; der Pfarrer dreht und windet sich wie ein Aal, um Billy nicht ‚besuchen‘ zu müssen, die Baufirma entlässt Danny, der sich wie Lizzy weigert den Sohn aufzugeben: Die Familie spielt heile Welt, Billy wird behandelt wie bisher. Gebrüll, Gestank und das Schnappen nach Körperteilen werden einfach ignoriert.

So geht’s offenbar nicht

Doch die Fassade bröckelt. Bruder Darren und Schwester Louise haben genug. Sie wollen weg von Billy und raus aus ihrer allzu kleinen Alltagswelt. Deshalb verbünden sie sich mit dem Filmteam. Arglos öffnen die Eltern dem wahren Teufel die Tür. Für den skrupellosen, stets namenlos bleibenden Regisseur sind die Murphys nur Schachfiguren, die er so manipuliert, dass sie zu Schauspielern in einem möglichst einträglichen Film werden. Um das Publikumsinteresse zu steigern, sorgt der Regisseur hinter den Kulissen für dramatische Zwischenfälle. Für ein ‚richtiges‘ Finale lässt er Billy heimlich frei. Er bekommt, was er sich gewünscht hat, doch die Dinge gleiten ihm dabei schnell und erbarmungslos aus den Händen.

Die Tragik der Familie Murphy ist dank der großartigen Schauspieler DAS Pfund, mit dem Film-Debütant Bing Bailey wuchern kann. Er ist selbst in ähnlichen Verhältnissen (aber mit acht Geschwistern) aufgewachsen und kennt diesen Menschenschlag. Der Zuschauer kann mit den Murphys mitfühlen. Dabei sind sie nicht einmal besonders sympathisch, sondern intellektuell deutlich beschränkt und kreisen gnadenlos um sich selbst. Dennoch sind dies die Szenen, in denen Drama und Komödie sauber miteinander verzahnt sind. Ansonsten überfordert der mehrfache, stets abrupte Sturz vom Komischen ins Grässliche oder Traurige den Zuschauer, der noch erschrocken lacht, während er bereits betroffen sein müsste.

Immerhin in Ansätzen gelungen ist das gedankliche Planspiel einer ‚realen‘ Welt, die sich mit der Präsenz von Zombies auseinandersetzen muss. Die Murphys können den untoten Billy tatsächlich aus dem Krankenhaus heimführen, weil es keine juristische Handhabe dagegen gibt. Die Ausbreitung der Zombie-Seuche wird seitens der Obrigkeit ignoriert, solange sie sich auf die ohnehin politisch, wirtschaftlich und sozial abgekoppelten Viertel der Stadt beschränkt. Gutmenschen fordern stellvertretend für die sprachlosen Zombies deren „Bürgerrechte“ ein. In diesen Szenen gehen Fiktion und Realität erschreckend glatt ineinander über, die „mockumentary“ ist perfekt.

Improvisation ist (nicht) alles

Für „Portrait of a Zombie“ stand Bailey nur ein fünfstelliges Budget zur Verfügung. Man erkennt die finanziellen Beschränkungen stets dann, wenn die Handlung das Haus der Murphys verlässt. Die ‚Zombies‘ waren aus Spaß an der Sache und ihre fünfzehn Sekunden (Film-) Ruhm dabei. Besonders gruselig sehen sie nicht aus; gebissen und gemetzelt bzw. durch Köpfe geschossen wird kostensparend so oft wie möglich außerhalb des Bildes. Pistolen- und Gewehrschüsse klingen wie feuchte Feuerwerks-Kracher, gern ‚ersetzt‘ die Kamera die Augen eines Zombies, den wir dann in subjektiver Sicht an sein Opfer heranschleichen sehen.

Das Geschehen stellt eine Mischung verschiedener Dokumentaraufnahmen dar. Die Rahmenhandlung spielt in der Gegenwart bzw. ein Jahr nach dem Untergang der Familie Murphy, deren Überlebende noch einmal zu den Ereignissen befragt werden. Diese werden als Ausschnitte jenes Materials gestaltet, die das Kamerateam im Vorjahr gefilmt hatte. Einige Szenen sind ‚normaler‘ Film: Gezeigt wird, was keine Kamera dokumentierte. (Darüber, wie diese zustande gekommen sein könnten, schweigt sich Bailey wohlweislich aus …) Die absichtlich in Schärfe, Farbintensität oder Helligkeit schwankenden Bilder unterstreichen die unterschiedlichen Quellen.

Das Grobe, Unfertige, Lückenhafte kaschiert die Enge des finanziellen Rahmens. Es wahrt außerdem den ‚sachlichen‘ Charakter der Aufnahmen, die ja (angeblich) abbilden, was geschehen ist. Davon profitiert die Figur des Billy Murphy. Wir sehen ihn als kranken, verstörten Mann und als Zombie. Mit drastischer und geradezu brutaler Deutlichkeit konterkariert Billy die Bemühungen der Familie, ihn weiterhin als vollwertiges Mitglied zu betrachten. Doch dieser Billy ist unberechenbar und gefährlich, daran lässt Bailey keinen Zweifel. Da ist kein Rest von Menschlichkeit geblieben: Viel zu spät sieht auch Danny Murphy seinen Fehler ein und handelt endlich entsprechend. Da ist die Katastrophe allerdings schon über ihn und seine Familie gekommen.

Politisch völlig unkorrekt deutet Bailey eine unkonventionelle Lösung des Zombie-Problems an: Ausgerechnet Gangster Gary, den wir zuerst dabei beobachten, wie er einen aufgeflogenen Spitzel ermordet, hat begriffen, was zu tun ist. Mit Feuerwaffen rotten er und seine Kumpane die wandelnden Leichen aus und bewahren auf diese Weise ihre Mitmenschen vor dem Untod.

Kein Horror von der Stange

„Portrait of a Zombie“ kam bei vielen Zuschauern schlecht an. Sie erwarteten entweder eine reine Komödie à la „Shaun of the Dead“ oder beinharten Zombie-Horror im „Walking-Dead“-Stil. Das kann – und will – Bailey nicht bieten. Er spielt auf mehreren Ebenen und mit mehreren Genres. Oft verschmilzt er grundsätzlich Inkompatibles zu etwas Neuem, Erstaunlichen. Großartig in ihrer Absurdität ist beispielsweise die Diskussion zwischen der schwangeren Aoife und dem jungen katholischen Pfarrer, der sie auf Anordnung seines Bischofs nicht mit Billy, dem Zombie trauen darf; Aoife wäre dann anteilsberechtigt an Billys Berufsunfähigkeitsrente, die er im Untod bezieht …

Mit solchem Witz darf man dem Hardcore-Horror-Freund wohl nicht kommen. Andererseits drückt sich Bailey niemals vor klassischen Zombiefilm-Szenen. Fleischfetzen werden aus Körpern gerissen, Zombieköpfe durchlöchert, angebissene Gliedmaßen mit Hackmessern amputiert. Er kann es sich wie gesagt nicht leisten, allzu in entsprechenden Schlächtereien zu schwelgen.

„Portrait of a Zombie“ ist aus Kritikersicht kein ‚großer‘ oder guter Film. Die Mehrheit des Publikums mag sich diesem Urteil anschließen. Ein gar nicht so kleiner Teil könnte sich freilich durch einen Film unterhalten fühlen, der ‚anders‘ ist als viele, viele Horror-Heuler. Bing Bailey hat es versucht und geschafft – ein wenig ungelenk und in der zweiten Hälfte zusehends zerfasernd aber jetzt schon besser als manche allzu stürmisch gefeierte Hoffnung des Horror-Kinos.

DVD-Features

Die Spärlich-Ausstattung verrät, dass seitens des deutschen Labels keine große Hoffnung in diesen ‚Kultfilm‘ gesetzt wird. Features werden zwar angekündigt, fehlen aber tatsächlich gänzlich. Dabei gibt es u. a. ein „Making of“, das der auch nach Sichtung des Hauptfilms weiterhin interessierte Zuschauer unter Nutzung einer Suchmaschine schnell im Internet finden wird.

Immerhin werden zumindest die Hauptfiguren von echten Sprechen synchronisiert. Die heutzutage viel zu üblichen weil billigen Dialog-Laller beschränken sich auf einige Nebenrollen.

Eine Website zum Film gibt es hier.

Ein (auch für diesen Text) informatives Interview mit Bing Bailey findet man hier.

Kurzinfo für Ungeduldige: Obwohl sich Sohn Billy in einen menschenfleischfressenden Untoten verwandelt hat, versuchen seine Eltern die Familie zusammenzuhalten, was die wütenden Nachbarn auf den Plan ruft … – Mischung aus „mockumentary“ und „Found-Footage“-Horror, die das Null-Budget kaschiert sowie eine interessante Geschichte erzählt; die Darsteller sind vorzüglich, während der Erzählton unglücklich zwischen blankem Horror und Komödie schwankt: Horror der etwas anderen Art.

[md]

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