Nach Scott Charles Stewarts Film „Legion“ aus dem Jahre 2010, versucht sich der Regisseur 2011 mit seinem Actionstreifen „Priest“ erneut auf der Leinwand. Mit im Boot ist auch wieder Paul Bettany, der in „Legion“ ebenfalls die Hauptrolle spielte. Beide Männer vereint, versuchen sich also nun an einem scheinbar anderen Thema.

Auf den ersten Blick wartet „Priest“ mit einem spannenden Genremix und abwechslungsreichen Kulissen auf. In einer alternativen Welt haben die Menschen seit jeher gegen die Vampire gekämpft, blutdurstige und augenlose Kreaturen. Doch erst vor wenigen Jahren ist es mit Hilfe der Kirche gelungen, die Vampire in ihre Schranken zu weisen und in Reservate zurückdrängen.

Das geschah mit Hilfe der Priester, ausgebildeten Elitekämpfern, die über besondere Fähigkeiten verfügten und der Kirche treu ergeben waren. Nach dem Krieg waren die Priester jedoch plötzlich arbeitslos und die besiegten Vampire gerieten in Vergessenheit.

Und genau an diesem Punkt muss der Zuschauer das Hirn abschalten. „Priest“ ist ein Actionstreifen, der keinesfalls hinterfragt werden darf. Denn schlussendlich ist es doch so, dass es ziemlich unlogisch ist, dass die Menschheit nach jahrhundertelangem Krieg die Vampire einfach mal so vergisst und ihre Lebensretter – die Priester – dann halt mal bei der Müllabfuhr arbeiten lässt. Vor allem der Kirchenobere Monsignor Orelas (Christopher Plummer) besteht darauf, dass es keine Vampire mehr gibt. Stellt sich die Frage, was dann die Reservate sollen.

Davon abgesehen, ist der Stil des Films schon ziemlich einzigartig. Es gibt gigantische, von der Kirche regierte Städte, kleine autarke Dörfer inmitten der trockenen Steppe, umauerte Reservate und monströse Bauten der Vampire. Optisch ähnelt alles dem Wilden Westen, doch gleichzeitig gibt es fortschrittliche Technologien. Diese sind offensichtlich der Kirche vorbehalten, was vor allem bei den Waffen erkennbar ist. Während der normale Farmer oder Städter ein einfaches Gewehr sein Eigen nennt oder Musik vom Grammophon abspielt, rasen die Priester auf hochmodernen Zweirädern durch die Wüste, setzen blankpolierte Klingenwaffen ein oder mechanisch aufgerüstete Wurfsterne in Form von Kruzifixen. Dieser Kontrast ist sehr stark und dennoch nachvollziehbar. Die Kirche und ihre Priester sind im Grunde eine militärische Organisation – und das Militär bekommt halt das meiste Geld und die beste Technik.

Die eigentliche Geschichte des Films dreht sich um einen dieser kirchlichen Elitekämpfer. Es wird kein Name genannt, was natürlich schlecht ist, um eine Bindung zu der Figur aufzubauen. Da die anderen männlichen Priester nur kurze Auftritte haben, kann der Held des Films schlicht Priester (Paul Bettany, bekannt aus „Tintenherz“, „Legion“, „Kiss Kiss (Bang Bang)“)) genannt werden.

Nun wird dessen Nichte Lucy (Lily Collins) entführt, der Bruder schwer verletzt und Schwägerin gemeuchelt. Die Täter waren Vampire. Darüber informiert Sheriff Hicks (Cam Gigandet) den Priester und bittet ihn um Hilfe. Der sagt natürlich zu und verstößt damit gegen die Gesetze der Kirche. Während der Priester und Hicks nun losfahren um Lucy zu retten, schickt die Kirche eine Gruppe Priester los, um den Abtrünnigen zur Strecke zu bringen. Bei den Verfolgern dabei: Die Priesterin (Maggie Q)!

Es ist eine wirklich bescheuerte Idee, seinen Protagonisten keine Namen zu geben oder nicht wenigstens einen prägnanten Spitznamen oder ähnliches anzubieten. Aber wie bereits oben geschrieben: Hirn abschalten!

Der Priester und Hicks sind nun auf der Spur von Lucy. Dabei erfährt der Zuschauer langsam, warum die Kleine entführt wurde, was für eine Beziehung Lucy zu dem Priester hat und was der Oberbösewicht Black Hat (Karl Urban) für ein schlimmer Finger ist. Obwohl die Wendungen im Film voraussehbar sind, wurden sie von Stewart gut umgesetzt. Dadurch bleibt die Handlung trotz allen bedienten Klischees und geklauten Ideen unterhaltsam. Und geklaut hat Stewart wie ein Rabe. Hier eine kleine Auswahl: „Der große Eisenbahnraub“, „Django“, „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Metropolis“, „Mad Max“, „Blade Runner“, „Matrix“, „Blade“, „Alien“, „Underworld“, „Book of Eli“ und „The Descent“.

Das ist einfach zu viel, um als Hommage gelten zu können. Selbst die Grundidee des Films stammt von jemand anderem, nämlich vom Koreaner Min-Woo Hyung und dessen Manhwa-Serie „Priest“. Allerdings fällt Stewarts Adaption ziemlich frei aus.

Wie in „Legion“ muss sich Stewart auch in „Priest“ Kritik gefallen lassen, die seine Weltanschauung und seinen Umgang mit der Kirche betrifft. Die Kirche ist in „Priest“ ein herzloser und bürokratischer Moloch, der seinen Klerus als Werkzeug einsetzt und nach der Benutzung herzlos fallen lässt. Außerdem sind die Kirchenoberen dumm und riskieren fahrlässig das Leben der Gläubigen. Stewart arbeitet hier mit plakativen Bildern und Meinungen, meidet tatsächliche Argumente und installiert mit dem Priester einen Helden, der ebenfalls keine Reflexion seiner Person zulässt oder vornimmt. Der Priester bricht aus den alten Strukturen aus, um sie selbst für seinen eigenen Kampf einzusetzen. Stewart kritisiert ohne Lösungen anzubieten, er kritisiert auf einem polemischen Niveau.

Die Hauptdarsteller in „Priest“ sind allesamt bekannte Gesichter. Leider bleiben sie recht blass. Paul Bettany und Maggie Q („Deception“, „Mission: Impossible III“, „The King of Fighters“) sind wortkarge Gesellen. Kommt es einmal zu Dialogen mit den beiden, wirken diese aufgesetzt und störend. In den Actionszenen wissen beide zu überzeugen. Lily Collins („Blind Side – Die große Chance“, „90210“) als Lucy und Cam Gigandet („Burlesque“, „Pandorum“, „Twilight – Biss zum Morgengrauen“) als Hicks könnten also das Spiel problemlos übernehmen, werden aber an der kurzen Leine gehalten. Dabei haben gerade Lucy und Hicks das Potenzial, echte Gefühle zu vermitteln.

Lily Collins sieht ziemlich adrett aus, aber nach einem kurzen Blick auf ihren Busenansatz, knöpft sie sich auch schon züchtig zu. Überhaupt ist das jugendliche Eyecandy des Films ziemlich schnell verschwunden. Cam Gigandet spielt Lucys Freund Hicks. Schlussendlich reicht die emotionale Bindung der beiden nur aus, um zwei oder drei schwülstige Sätze zu präsentieren. Hicks bleibt ohne Ecken und Kanten, seine Liebe zu Lucy macht ihn keinesfalls blind. Ziemlich glattgebügelt und verschenktes Potenzial.

So züchtig die liebe Lucy, so blutarm auch die Action auf der Leinwand. Dabei bietet das Thema ziemlich viel Spielraum. Aber bevor es zu brutal wird, steigt Stewart stets auf die Bremse. Des Rätsels Lösung dürfte beim FSK liegen, denn der Film wurde ab zwölf Jahren freigegeben. Tja, das ist wohl die Erklärung für seichte Dialoge, züchtige Frauen, weitgehend blutarme Gewalteskapaden und einer Handlung, der auch Kinder folgen können. Die Kunst unterwarf sich ein weiteres Mal dem Diktat der Kinokasse. Dementsprechend sind die 3D-Effekte auch nur aufgesetzt und im Grunde unnötig.

Trotz allem ist der Film spannend und weiß kurzweilig zu unterhalten. Es ist schon bitter zu beobachten, wie viel Potenzial verschenkt wurde, was aus den hervorragenden Ansätzen und diesem tollen Stil schlussendlich Durchschnittliches entstand. Für einen einfachen Kinoabend mit Popcorn und ohne Anspruch reicht „Priest“ allemal aus.

Copyright © 2011 by Günther Lietz

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Priest

Land: USA 2011
Laufzeit: 87 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Regie: Scott Charles Stewart
Drehbuch: Cory Goodman (basierend auf der Graphic Novel von Min-Woo Hyung)
Produktion: Michael De Luca, Sam Raimi, Joshua Donen, Mitchell Peck

Bildgestaltung: Don Burgess
Montage: Lisa Zeno Churgin
Musik: Christopher Young

Darsteller: Paul Bettany, Cam Gigandet, Maggie Q, Karl Urban, Lily Collins, Stephen Moyer, Mädchen Amick, Christopher Plummer, Brad Dourif, Alan Dale, Cameron Cash, Jacob Hopkins, Julie Mond

http://www.priest-film.de