Primal

Originaltitel: Primal (Australien 2010)
Regie u. Schnitt: Josh Reed
Drehbuch: Josh Reed u. Nigel Christensen
Kamera: John Biggins
Musik: Rob Gibson
Darsteller: Zoe Tuckwell-Smith (Anja), Krew Boylan (Mel), Lindsay Farris (Chad), Rebekah Foord (Kris), Damien Freeleagus (Warren), Wil Traval (Dace) u. a.
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 22.09.2011
EAN: 4030521724051 (DVD) bzw. 4030521724075 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 84 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Sechs vor allem im Feld der männlichen Teilnehmer geistig stark unterbelichtete Twentysomethings planen einen Ausflug in die australische Waldwildnis. Survival-Freak Dace kennt dort ein Felsmassiv mit einer Höhle, in der sich ein Ureinwohner dieser Region vor vielen tausend Jahren künstlerisch verewigt hat.

Leider kennt er (anders als wir Zuschauer) nicht den Vorspann und damit nur einen Teil der ganzen Geschichte: Sie zeigt den Maler, der von einem irren Stammesbruder gekillt und in Stücke gerissen wird. Das schöne Gemälde ist nämlich eine Warnung: In besagter Höhle hat sich ein riesiges, blutegelähnliches Scheusal eingenistet, das Sporen oder Samen in die angrenzenden Gewässer absondert. Wer von dem Wasser trinkt oder darin badet, wird befallen und verwandelt sich binnen weniger Stunden in eine primitive, nur noch von tierischen Instinkten gesteuerte, blutrünstige Kreatur, der – egal ob Mensch oder Kaninchen – spitze Zähne aus dem Kiefer ragen.

Wie beschrieben ergeht es der geilen Mel nach einem mitternächtlichen Bad im Fluss. Ihre Freunde wollen sie zunächst fangen und zu einem Arzt bringen, aber der Wagen ist defekt, und man befindet sich – wer hätte es gedacht! – in einem Handy-Funkloch. Schnell dreht Mel den Spieß um, tötet den sauerkrauthaarigen Warren, frisst ihn und beißt Dace, der auf diese Weise ebenfalls infiziert wird. Bald sind nur noch der feige Chad und die taffe Anja am Leben. Sie werden aus dem Unterholz von ihren mutierten Gefährten attackiert, und im Hintergrund lauert der große Egel auf seine Stunde …

Im Süden nichts Neues

Es ist wirklich erstaunlich, wie zäh manche Story ist, die eigentlich kaum Fleisch und nur ein morsches Knochengerüst besitzt. Dies ist kein Kompliment, sondern eher widerwillige Bewunderung. Wie viel Dummvolk haben wir inzwischen wohl in den Wildnissen dieser Welt scheitern sehen? Meist sind es die Hinterwälder der USA, in denen das Böse auf die Blöden wartet, die zuverlässig kommen werden, solange man Horrorfilme drehen wird. Dieses Mal geht es zwar einigen Australiern und daheim an die Kragen, aber der Unterschied besteht höchstens in einer Landschaft, die erheblich größere Schauwerte aufweist als beispielsweise jene dürren Forste, in denen das thematisch ähnlich ausgerichtete „Wrong-Turn“-Franchise seine Flach-Fortsetzungen fabrizieren lässt.

Sogar „total film maker“ Josh Reed (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produktion) ist immerhin aufgefallen, dass er in einem Land lebt, das nicht nur reich an filmschönen Orten ist, sondern auch eine aufregende Vergangenheit besitzt. Die schönen und symbolstarken Felszeichnungen der Aborigines sind ein guter Anknüpfungspunkt, auch wenn sie hier nur als Variante der modernen „Warnung vor dem Hunde!“ dienen.

Dann allerdings fallen moderne Landesbewohner lärmend und so dämlich, dass sie ihr Schicksal verdienen, über den so verfluchten Waldwinkel her: Wer zeltet ausgerechnet dort, wo eine simple Panne dich rettungsresistent stranden lässt? Natürlich muss dies so geschehen, weil unsere Pechvögel sonst nicht aufgeregt in dieser Todesfalle herumflattern könnten. Um ganz sicher zu gehen, schlägt das Drehbuch die allzu agile Anja mit heftiger Klaustrophobie, was eine Flucht durch die bereits erwähnte Höhle dramatisch erschwert.

Die üblichen (nicht der Intelligenz) Verdächtigen

Ansonsten sorgt bereits vor Ansteckung mit dem Waldschrat-Virus die kollektive Hirnarmut der Beteiligten für jene leere Hektik, die ein aufregendes Geschehen vortäuscht. Sollen wir flüchten oder uns verstecken? Sollen wir den Wagen noch weiter entfernt von den Zelten abstellen, damit wir später, wenn wir darin nach Verbandszeug oder unserer Machete suchen, auf dem Weg dorthin ganz sicher gepackt werden? Sollen wir Mel fangen oder abmurksen? Sollen wir Daze abmurksen, den wir schon (bzw. noch) haben? Oder ihm wenigstens Fesseln anlegen, während wir darüber diskutieren, ob wir ihn abmurksen? (Dies unterbleibt natürlich – mit entsprechenden Folgen.) Oder einen weiteren Tag hysterisch im Kreis herumlaufen, damit es dunkel werden kann und die Kannibalen besser meucheln können?

Wenn sie brüllen oder kreischen, sprechen unsere Urlauber wenigstens nicht. Die Dialoge sind steinerweichend bescheuert – und manchmal Sternstunden unfreiwilligen Humors: Als die noch nicht verwilderte Mel nackt in den nächtlichen Fluss springt, ermahnt ihr spießig-miesepetriger Lover Chad sie zu „ein wenig mehr Würde“, was nicht nur Mel erstaunlich findet, nachdem ebendieser Chad sie kurz zuvor im Inneren ihres Zwei-Mann-Zeltes und unter den Ohren sämtlicher Gefährten schnaufend beschlafen hatte.

Das Böse mit dem Lückengebiss

Wenn ich meine Figuren glaubwürdig in den Urschleim zurücksinken lassen möchte, sollte ich als Filmemacher über das dafür notwendige Kleingeld verfügen. Allen Ernstes glaubt Josh Reed, es reiche aus, menschenfressendes Mutantentum durch den Einschub stalaktitenartigen Zahnwerks zu simulieren. Der Rest des Körpers bleibt unverändert. Kannibalin Mel geistert also in ihrer Pyjamahose durch den Urwald, was den Anspruch auf Furcht & Schrecken seitens ihrer Gefährten und besonders der Zuschauer beinahe ebenso nachhaltig untergräbt wie das schrille Röhren, das ihr nach der Degeneration die Sprache ersetzt.

Lobenswert ist der Entschluss, das Wirken übernatürlicher Mächte nicht auf den Einsatz sparsam maskierter Menschenfresser zu beschränken. Hinter den Mutanten gibt es eine Kreatur, die buchstäblich die Fäden zieht. Sie bleibt wohltuend lange ungesehen, was die Spannung fördert, als sie sich endlich offenbart, und vor allem das Publikum daran hindert, sie allzu früh durch hässliche und höhnische Bemerkungen zu sabotieren: Obwohl es erstaunlich bewegungsfreudig ist, sieht unser Monster leider trotzdem wie der lebendig gewordene Sack des Weihnachtsmanns aus. Einige Tentakel entsprießen dem plumpen Gebilde bei Bedarf, die jedoch noch miserabler animiert werden als der Hauptkörper.

Beißen & schnetzeln

Sehr klassisch ist das Scheusal in Sachen Vermehrung auf die körperliche Mitwirkung junger Frauen angewiesen, was für jene Selbstläufer-Ekelszenen sorgt, die buchstäblich unter die Gürtellinie gehen. Was biologisch fragwürdig wirkt, beschert dem Zuschauer (der nicht geschnittenen Fassung) immerhin eine echte Splatter-Szene, die sich als „Geburtshilfe per Machete“ umschreiben lässt.

Der dicke Egel ist ein CGI-Geschöpf, das sich in Form und Bewegungsdynamik nach Kräften und ungemein erfolgreich bemüht, seine digital künstliche Herkunft deutlich werden zu lassen. Womöglich bleibt uns auf diese Weise Schlimmeres erspart; man denke nur an das als Voll-Modell realisierte „Wer-Kaninchen“, das als erster Keimträger den Stein bzw. Mel per Wadenbiss ins Rollen bringt und wie ein allzu flüchtig umgenähter Teddybär aussieht, dem man das Gebiss eines Tiefseefisches unter die Schnauze geklebt hat.

Ansonsten wird zwar mit Kunstblut nicht gespart, obwohl man hier und da meinen könnte, die Make-up-Handwerker müssten Überbestände abbauen; das Spritzen & Sudeln steht jedenfalls in keinem Verhältnis zu den ‚Wunden‘; es hilft aber, die Unzulänglichkeiten manches Effektes zu verschleiern. Droht es gar zu schlimm zu werden, greift hilfreich die deutsche Zensur ein, die uns beispielsweise vor dem Anblick bewahrt, Mels Schädel schließlich unter einem großen Stein zerplatzen zu sehen.

Sextett des unfreiwilligen Grauens

Schade, dass dies erst recht spät geschieht. Steine gab es am Drehort genug – und mindestens fünf Köpfe, die entsprechend gekrönt gehören. Eine Ausnahme bildet höchstens Zoe Tuckwell-Smith, die weiß, wo sie gedämpft zu spielen hat, wo die übrigen Darsteller nur nuancenlos chargieren.

Die Figuren bleiben der Handlung entsprechende Hülsen, die aus dem Klischee-Kasten für angehende (oder ideenlose) Horrorfilm-Drehbuchautoren gezogen wurden. Da haben wir Kraftmensch Daze, das besserwisserische Arschloch mit Haarausfall und mikroskopisch kurzem Geduldsfaden, dann Slacker Warren, das manisch fröhliche Arschloch ohne Verstand, und Chad, das verklemmte Arschloch ohne Arschloch. Diesen Unsympathen stehen das Flittchen Mel und das Nervenbündel Kris gegenüber. Anja ist die Vernünftige. Man weiß sofort, dass sie überleben wird: Die ‚erwachsenen‘ Spaßbremsen, die auch oder gerade in der Krise das Richtige tun, überleben im Horrorfilm immer.

Fortsetzung folgt? Der Egel ist zwar angeschlagen, spukt aber weiter in seinem Berg umher. Anja wurde gekratzt, gebissen und anderweitig von hochinfektiösen Kannibalen malträtiert. Sollte dies wirklich ohne Folgen bleiben? Der merkwürdigen ‚Logik‘ dieses Films würde es entsprechen. So bleibt also eine gewisse Hoffnung, von weiteren Primalitäten verschont zu bleiben.

DVD-Features

Ein Trailer und eine Bildergalerie wurden als ‚Extras‘ aufgespielt. Schade; über den CGI-Egel und seine Vermehrungspraktiken hätten wir gern Näheres erfahren …

[md]

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