Prowl

Originaltitel: Prowl (USA 2010)
Regie: Patrik Syversen
Drehbuch: Tim Tori
Kamera: Håvard Andre Byrkjeland
Schnitt: Celia Haining
Musik: Theo Green
Darsteller: Courtney Hope (Amber), Ruta Gedmintas (Suzy), Joshua Bowman (Peter), Perdita Weeks (Fiona), Jamie Blackley (Ray), Oliver Hawes (Eric), Saxon Trainor (Veronica), Bruce Payne (Bernard), Atanas Srebrev (Max), Michael Johnson (Keith), Laurel Lefkow (Ambers Mutter) uva.
Label: Senator Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 23.09.2011 (DVD/Blu-ray)
EAN: 0886979269392 (DVD) bzw. 0886979269491 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 84 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Amber will raus aus Famfield, einem öden Nest irgendwo im US-Staat Illinois, raus aus ihrem Job als Fleischverkäuferin und raus aus ihrer Familie, die nur noch aus ihrer stets betrunkenen Mutter besteht, welche ihr gerade im Suff gestanden hat, dass sie adoptiert wurde. In Chicago könnte Amber in eine preisgünstige Wohnung einziehen, aber sie muss dem Vermieter die Kaution binnen weniger Stunden bar übergeben. Amber besitzt kein Auto, weshalb ihre Freunde Suzy, Peter, Fiona, Ray und Eric einspringen und sie nach Chicago bringen bzw. begleiten wollen. Leider macht der Wagen schon kurz nach der Ortsausfahrt schlapp. Frustration breitet sich aus, bis der hilfreiche Trucker Bernard hält und sich überreden lässt, das Sextett mitzunehmen, denn auch er muss nach Chicago.

Im kaum gefüllten Laderaum des Trucks ist genug Platz für eine improvisierte Party, die ihr Ende findet, als Bernard sich weigert, seine schlagartig ernüchterten Fahrgäste aus dem Truck zu lassen. Als dieser endlich wieder steht und sich die Türflügel nach außen öffnen, findet die Gruppe sich im Inneren eines alten, dunklen, längst aufgegebenen Schlachthofes, ohne Handynetz und ohne Hoffnung auf Rettung.

Eigeninitiative ist gefragt, aber die Befreiungsversuche werden rüde durch Vampire unterbrochen, die plötzlich von der Decke hangeln und über unsere Pechvögel herfallen. Nach verlustreichem Gemetzel gelingt nur Amber und Suzy – vorläufig – die Flucht. Aus der Deckung beobachten sie, wie Bernard sich von der mysteriösen Veronica bezahlen lässt: Er bringt ihr Blutkonserven sowie lebendes Frischfleisch, an dem Veronicas vampirische ‚Kinder‘ ihre Fähigkeiten als Jäger erproben sollen.

Da die Nacht noch jung ist, beginnt auf dem riesigen Gelände die Suche nach den flüchtigen Frauen. Je länger sie währt, desto heftiger weiß sich Amber ihrer Haut zu wehren; kein Wunder, denn wie der Zufall und Drehbuchautor Tim Tori es wollen, existiert eine Verbindung zwischen dem Adoptivkind Amber und ihren Häschern …

Zwei halbe Filme, kein ganzes Vergnügen

Ist dieser letzte Satz ein Spoiler? Leider nicht, denn was es mit dieser Beziehung auf sich hat, wickeln Regisseur Patrik Syversen und Drehbuchautor Tim Tori um jenen Zaunpfahl, mit dem sie anschließend wild winken, bevor sie ihn abschließend auf die Schädel ihres Publikums niedersausen lassen: Selbst der dümmste und/oder im Tiefschlaf befindliche Zuschauer ahnt beklagenswert zeitig, welche Katze hier aus dem Sack gelassen wird.

Bis es soweit ist, lenkt uns das genannte Duo unfreiwillig geschickt mit einer sinnlos intensiven und in die Länge gezogenen Studie US-amerikanischen Kleinstadt-Elends ab. Die eigentliche Geschichte kommt in erst Gang, als sie Famfield verlässt. Man merkt es an dem groben Bruch: Während die Exposition konventionell gefilmt ist und das Tempo adagio bleibt, beginnt die Kamera plötzlich zu wirbeln, zu wackeln und zu springen, als der schurkische Bernard auf das Gaspedal drückt, um seine Beute abzuliefern.

Ab jetzt überstürzen sich die Ereignisse. „Prowl“ wird ein völlig anderer und deutlich besserer Film: Die Vorgeschichten unserer sechs Hauptfiguren sind völlig unwichtig geworden und kommen nur in Ambers speziellen Fall noch einmal zur Sprache. Action ersetzt sinnfreies Gerede. Was nun geschieht, gleicht zwar ebenfalls einer Kette, deren Glieder aus Klischees geschmiedet wurden, aber es geschieht endlich etwas.

Auch Vampire müssen lernen

Für das angelsächsische Publikum besitzt das Wort „Prowl“ eine Bedeutung, deren Sinn sich ihm sofort erschließt. In Deutschland genügt offenbar der englische oder US-amerikanische Klang eines Titels, um die Zuschauer in freudige Erwartung zu versetzen, denn wer weiß hierzulande auf Anhieb, was „Prowl“ bedeutet? Will es denn wirklich niemand wissen? Klingt „Prowl“ so viel ‚besser‘ als „Pirsch“ oder „Beutejagd“?

Darum geht es jedenfalls: Unsere Pechvögel geraten in eine Schule für Vampire. Die haben erfreulich wenig bzw. gar nichts mit jenen bleichsüchtigen Zimperlingen zu tun, die ärgerlicherweise aus den kollektiven Träumen einer ganzen Jungmädchen-Generation ausbrechen und sich wie untoter, zäher Schleim über die Leinwände & Bildschirme dieser Welt ergießen konnten. Die „Prowl“-Vampire sind zwar tölpelhaft im Vorgehen aber wild entschlossen, wie Ströme von Blut und abgebissene Gliedmaßen verdeutlichen.

Mit ihren Kräften können sie freilich schlecht umgehen. Es nützt Vampiren wenig, klafterhoch in die Luft zu springen oder Opferkörper wie Luftballons zu stemmen. Bis sie endlich begriffen haben, wie man in der modernen Welt Blut saugt, ohne sogleich eingebuchtet oder gepfählt zu werden, müssen sie unter Veronicas liebevoller aber strenger Aufsicht trainieren. Als Arena dient wie gesagt ein Schlachthof, was ja durchaus Sinn ergibt.

Chicago ist Europa näher als gedacht …

Dieser Schlachthof – falls es denn tatsächlich einer ist oder war – steht übrigens irgendwo im Randgebiet der bulgarischen Hauptstadt Sofia: „Prowl“ gehört zu jenen Filmen, die zwar in den USA spielen, aus Kostengründen jedoch im Ausland gedreht werden. (Die einheimischen Komparsen lassen sich übrigens daran erkennen, dass sie den Mund halten, weil sie kein Englisch sprechen; dies ist auch ein Grund, wieso die Vampire in toto so wortkarg bleiben.) Ein paar taktisch in den Kulissen verteilte Requisiten sorgen für das erforderliche USA-Feeling, wobei sich der Aufwand hier in Grenzen hält, da die Handlung primär in genannter Schlachthof-Ruine spielt.

Kameramann Byrkjeland, den Regisseur Patrik Syversen  aus dem heimatlichen Norwegen mit nach Hollywood genommen hat, nachdem beide durch den Schocker „Rovdyr“ (2008; dt. „Manhunt“) milde erfolgreich wurden, hält sich mit künstlichem Licht weise zurück. Auch oder gerade in der Dunkelheit werden dem Zuschauer die gewaltigen Dimensionen der Räumlichkeiten vage und ungemütlich bewusst. (Auf jeden Fall ist Byrkjeland nicht derjenige, dem man einige bohrende Fragen wie diese stellen müsste: Wer gibt eine Anlage wie den Schlachthof auf und lässt mit teurem Benzin gefüllte Fässer dort zurück? Wieder ist wohl Tim Tori der Schuldige, denn ohne diesen Zünder würde sein Hirnspar-Finale nicht funktionieren.)

Aus der US-Provinz über den Atlantik

Eine erfreuliche Entdeckung bietet unsere Darstellerschar. Sie haben die eigentliche Teenager-Phase schon hinter sich gebracht und dürfen das sogar zur Sprache bringen; alle sind sie um die 20 und bereits berufstätig. Noch besser: Obwohl diverse Macho-Sprüche gedroschen oder pubertäre Spielchen getrieben werden, kopieren die Figuren nicht die bis zum Erbrechen abgenudelten Klischees des College-Horrors. Sogar Eric, der durch Wischmopp-Frisur und Harry-Potter-Brille klar als Nerd gekennzeichnet ist, muss nicht den Prügelknaben mimen oder als Lachnummer dienen. Tatsächlich ist er sogar unentbehrlich, denn er allein ist bereits 21 Jahre alt, was in Illinois erforderlich ist, wenn man Bier kaufen möchte …

Mit Courtney Hope hat Syversen sogar einen Hauptgewinn gezogen. In der Hauptrolle der Amber zeigt sie, dass es durchaus Models gibt, die schauspielern können. Ihre texanische Schönheit kann sie ohnehin nicht einsetzen, da diese die meiste Filmzeit unter einer dicken Schicht aus Schmutz und (Kunst-) Blut steckt. Hope überzeugt, wenn sie ihrem Kleinstadt-Knast entkommen will, sie kämpft nicht elegant, sondern entschlossen oder sogar stur um ihr Leben, und sie meistert die Herausforderung, den Vampir in sich zu entdecken.

Schauspielerisch Paroli können ihr Saxon Trainor als Veronica und vor allem der vielbeschäftigte Bruce Payne als Trucker Bernard bieten. Sie legt ein beachtliches Charisma an den Tag, das sofort klar macht, wieso Veronica ihre Vampir-Horde fest im Griff hat. Er beeindruckt als ebenso freundlicher wie skrupelloser Trucker, der heimwehkrank zwischen diversen Verschleppungs-Untaten telefonisch mit seiner Familie plaudert.

Kurz & schmerzhaft aber nie sehr deutlich

Dem erfahrenen Horrorfilm-Publikum schwant vermutlich Übles, wenn es die FSK-Freigabe mustert: „Prowl“ darf in Deutschland ab 16 Jahren angeschaut werden. Obwohl die Fetzen wie schon erwähnt zeitweilig buchstäblich fliegen, ist diese niedrige Freigabe gerechtfertigt. Wenn es zur Sache geht, dann wird entweder im Off oder in einer dusteren Ecke gemetzelt; ist es hell, zappelt die Kamera wie im Fieberwahn, sodass der kluge Zuschauer Seekrankheit lieber vermeidet und sich nicht gar zu intensiv auf das Geschehen konzentriert.

„Prowl“ ist kein Splatter und soll es auch nicht sein. Die Einleitung mag Syversen allzu ungelenk geraten sein, sie gibt nichtsdestotrotz den roten Faden vor: Amber erlebt ihr Frühlingserwachen. Dies zu verfolgen ist spannend, da die Figur gut gezeichnet und gespielt ist, sowie tragisch, da Amber zwar Veronicas Vampiren entkommt, in einem (zwar schlecht vorbereiteten bzw. nie gut verborgenen) Finaltwist aber erkennen muss, dass sie nur vom Regen in die Traufe geraten ist; kein Wunder, dass Veronica die Verfolgung abbrechen ließ: Amber wird zu ihr zurückkehren und zurückkehren müssen, denn die Welt der ‚normalen‘ Menschen ist ihr endgültig verschlossen.

Selbst die größte Drohung, die ein mittelteurer, mittelmäßig gelungener Horrorfilm ausströmen kann, lässt den Zuschauer kalt: „Prowl“ bietet sich für eine Fortsetzung an. Sollte es Courtney Hope sein, die ein weiteres Mal in Ambers Filmhaut schlüpfen würde, könnte es sogar spannend werden zu verfolgen, ob und wie und in welcher Gesellschaft sie einen Platz für sich finden wird.

DVD-Features

Einen zweieinhalbminütigen Blick hinter die Kulissen ein „Making Of“ zu nennen, kann im besten Fall als Scherz bezeichnet werden. Dabei entstand „Prowl“ in einem Winkel der bulgarischen Hauptstadt Sofia, über den man gern mehr erfahren würde. Was ist das für ein gigantischer Industrie-Schrottplatz, der aussieht wie das Relikt eines primär atomar geführten III. Weltkriegs?

[md]

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