Eine Routine-Reportage verwandelt sich in einen tödlichen Albtraum, als ein kleines Filmteam zufällig Zeuge des Ausbruchs einer grässlichen Seuche wird. Vom Militär gewaltsam am Ort des Geschehens festgehalten, geraten die Anwesenden unter die Kranken, die sich in kannibalische Zombies verwandelt haben … – Die US-Version des spanischen Horrorfilms „[REC]“ ist eine 1 : 1-Kopie, aber handwerklich hochwertig und schauspielerisch überzeugend, sodass „Quarantäne“ vor allem bei Unkenntnis des Originals sehr unterhaltsam ist.

Das geschieht:

Angela Vidal und Scott Percival stehen vor bzw. hinter der Kamera eines kleinen Lokalsenders. In dieser Nacht sind sie Gäste einer Wache der Feuerwehr von Los Angeles. Während sie die Männer beim Polieren ihres Trucks, beim Duschen und bei anderen Alltagstätigkeiten filmen, hoffen sie auf einen telegenen Alarmeinsatz.

Sie haben Glück: die Feuerwehrmänner Jake und George, die ihnen für diese Nacht als Kontaktpersonen zugeteilt wurden, müssen ausrücken; ein medizinischer Notfall wurde gemeldet. In einem alten Mietshaus haben die Schreie der alten Ms Espinoza die anderen Bewohner verschreckt. Auch zwei Polizisten sind bereits eingetroffen. Als sie die Tür zur Wohnung der Mieterin aufbrechen, werden sie von ihr angefallen und einer der Polizisten durch Bisse schwer verletzt. Wenig später schleudert Ms Espinoza George in den Treppenschacht.

Die schwer verletzten Männer können nicht abtransportiert werden, denn plötzlich wird das Haus von außen abgeriegelt. Ein mannstarkes S.W.A.T.-Team und das Seuchenschutzkommando haben es als Brutstätte einer tollwutähnlichen, hoch ansteckenden und unheilbaren Seuche ausgemacht. Die Hausinsassen werden eingeschlossen und ihrem Schicksal überlassen.

Während Scott seine Kamera laufen lässt, breitet sich Panik aus. Mehrere Mieter sind bereits infiziert, und durch die verwinkelten Gänge des alten Hauses schleicht eine unbekannte Zahl beißwütiger Bewohner. Die Krankheit bricht immer wieder blitzartig aus und dezimiert die Gruppe. Eine Flucht nach draußen ist unmöglich, denn unbarmherzig wird auf ‚Ausbrecher‘ geschossen. Wie Ratten in der Falle rennen die verängstigten Mieter durch das Haus, während die Zahl ihrer unheimlichen Verfolger stetig zunimmt …

Mach’s noch einmal, Hollywood!

Seltsame USA: Die „Vereinigten Staaten“ sind angeblich ein Schmelztiegel, in dem alle Völker dieser Erde zu „Amerikanern“ gerinnen. Wenn das geschieht, geben sie anscheinend auch jegliche Weltoffenheit auf, denn anschließend denken & handeln sie einheitlich – nämlich amerikanisch.

Des kulturellen Bereiches dieses Phänomens nimmt sich u. a. Hollywood seit vielen Jahrzehnten zuverlässig an. Seit jeher werden hier Filme produziert, die möglichst den Massengeschmack treffen. Anregungen von „draußen“ werden zwar gern aber nie ungefiltert aufgenommen: Ausländische Filmstoffe kauft man, lässt sie auf US-Verhältnisse herunter brechen und neu verfilmen, wobei man sich nicht scheut, für die Arbeit hinter der Kamera die originalen Filmemacher anzuheuern; davor tummeln sich natürlich einheimische Schauspieler bzw. Darsteller, die der amerikanischen Sprache mächtig sind, denn der US-Zuschauer hasst Synchronisiertes und fürchtet Untertitel.

Manchmal lässt dieser Prozess durchaus Interessantes entstehen. Das geschieht immer dann, wenn die Vorlage neu interpretiert und mit eigenem Ideengut variiert wird. Meist geht es jedoch in die sprichwörtliche Hose, wenn ursprünglich provokative und gerade deshalb erfolgreiche Filme ‚weichgespült‘, d. h. ihrer Ecken und Kanten beraubt werden; so muss offensive Nacktheit für die USA beispielsweise eliminiert werden, weil ihr Anblick tollwutähnliche Zuckungen hervorruft, die denen der Opfer in „Quarantäne“ gleichen. (Sie kann aber problemlos durch plakative Gewalt ersetzt werden.)

Den blechernen Mittelweg gehen Filme wie dieser, die das Original in US-Kulissen versetzen, der US-Alltagswelt angleichen und es ansonsten einfach nachfilmen. Dass „Quarantäne“ auf dem spanischen Film „[REC]“ basiert, wird im Filmkommentar und in den Interviews mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen tun vor allem hinter der Kamera alle Beteiligten so, als seien sie es, die alle vertrackten Probleme gelöst hätten, mit denen sie der stilistisch anspruchsvolle Film konfrontierte. Dabei offenbart der Vergleich zwischen Original und Remake, dass „Quarantäne“ nicht selten ganze Einstellungen übernimmt, die zu allem Überfluss Bild für Bild à la „[REC]“ umgesetzt wurden. Diese Dreistigkeit ist es, die „Quarantäne“ die meiste Negativkritik einbringt. (Abgesehen von der Frage nach dem Sinn einer reinen Kopie, die aber hier weder beantwortet werden kann noch soll; das muss jeder Zuschauer mit sich selbst ausmachen.)

Keine eigenen Ideen, aber mehr Logik und besseres Handwerk

Das ist schade, denn „Quarantäne“ ist ein Film, der das Anschauen durchaus lohnt. Die Story erfüllt ihren Zweck auch als Aufguss völlig, was an zwei Qualitäten liegt, die glücklicherweise ebenfalls von der Vorlage übernommen wurden: eine handwerklich makellose Machart und gut ausgesuchte, engagierte Darsteller.

Beides war unverzichtbar für ein Gelingen eines Projekts, das sich recht anspruchsvoll als „Film im Film“ präsentiert: Wir sehen ausschließlich, was Scott durch die Linse seiner Kamera aufnimmt. Sie wird zum subjektiven Auge und zum Auge des Zuschauers, dem vor allem in turbulenten Momenten nie die Übersicht einer Totalen gegönnt ist. Das Ergebnis ist Unsicherheit; wir können buchstäblich nicht erkennen, was ‚hinter‘ uns geschieht. Erst wenn Scott die Kamera herumreißt, werden wir mit möglichen Gefahren aus dem Hintergrund konfrontiert.

Das Prinzip der subjektiven Kamera ist riskant. Es reicht keinesfalls, dem Darsteller des Scott eine Kamera auf den Kopf zu setzen und ihn & sie einfach laufen zu lassen. Im Making-of werden die zahlreichen Probleme anschaulich geschildert. Tatsächlich wurde „Quarantäne“ mit einer ‚richtigen‘ Filmkamera aufgenommen, wie sie für ‚echte‘ Kinofilme eingesetzt wird. Sie hängt an langen Kabeln und ist schwer und sperrig. Trotzdem musste der arme Kameramann mit ihr treppauf und treppab laufen und sich in jedes Getümmel stürzen.

Außerdem verbietet des Konzept die übliche Schnittdramaturgie. Ein ‚Zufallsprodukt‘ wie Angelas und Scotts Filmzeugnis kann und darf natürlich nicht so perfekt geschnitten sein wie ein normaler Spielfilm. Die Kamera läuft und läuft, während sie aufzeichnet, was geschieht. Folgerichtig muss sich die Inszenierung dem Konzept anpassen: „Quarantäne“ besteht aus vier- bis sechsminütigen Plansequenzen. Die Darsteller probten ihre Rollen mehrere Stunden und spielten sie dann in Realzeit. Jeder Fehler führte dazu, dass u. U. eine Szene mit mehr als zehn Schauspielern von Anfang an wiederholt werden musste. Dabei ist „Quarantäne“ ein actionreicher Film. Ein und dieselbe Szene kann sich durchaus in drei Stockwerken und düsteren, klaustrophobisch engen Wohnungen abspielen und komplexe Handlungen beinhalten. Die Umsetzung stellte Darsteller und Kamerateam vor unerhörte Herausforderungen, die indes gemeistert wurden.

Auch die Lichtsetzung ist Hollywood vom Feinsten. Kameramann Ken Seng ist ein Meister seines Fachs; er arbeitete unglaublich erfindungsreich mit den wenigen Leuchtquellen, die ihm zur Verfügung standen – Tischlampen, Außenscheinwerfer, Reflexionen. Man sieht stets, was man sehen soll, während das, was Regisseur und Drehbuchautoren gern im Verborgenen halten wollen, im Schatten bleibt. Seng reduzierte außerdem die authentischen aber kopfschmerzförderlichen Kamerawackeleien der „[Rec]“-Vorlage auf ein deutlich erträglicheres Maß.

Generell ist „Quarantäne“ ein Film der Tricks, die man als solche nicht erkennt, sondern zur Kenntnis nimmt. Cutter Elliot Greenberg leistete Großes; er ‚versteckte‘ die wenigen Schnitte so perfekt, dass vor allem die zweite Filmhälfte keine Unterbrechungen aufzuweisen scheint.

Auf ein Medium wurde vollständig verzichtet: Es gibt keine musikalische Untermalung, die gerade in einem Horrorfilm Wunder wirken kann (oder muss). Ein Klangteppich aus Geräuschen aller Art – rumpelnde Rohre, Hubschrauber-Rotoren, Schreie – wird geschickt ‚choreografiert‘ und sorgt dafür, dass die Musik keine Sekunde vermisst wird. Solcher Verzicht sollte viel öfter geleistet werden …

Nicht die üblichen Grusel-Verdächtigen

Schon mehrfach klang an, welcher Belastung die Darsteller ausgesetzt waren: Sie mussten nicht nur einer ausgefeilten, höchst komplizierten Bewegungsdramaturgie folgen, sondern dabei ständig konzentriert spielen: Die übliche Auflösung einer Szene in Totale – Nahaufnahme oder Schnitt – Gegenschnitt war hier unmöglich. Was die Darsteller daraus machten, ist bemerkenswert. Sie ‚funktionieren‘ in ihren Rollen nicht nur ‚technisch‘, sondern wirken ungemein überzeugend als völlig durchschnittliche Menschen, die in eine existenzielle Krise geraten und darüber allmählich zerbrechen. Das Drehbuch unterstützt dies durch gutes Timing; „Quarantäne“ ist kein Film, in dem begriffsstutzige Blondinen in den Keller steigen, wo das Monster lauert.

Allen voran liefert Jennifer Carpenter eine hervorragende Darstellung. Sie ist beinahe ständig im Bild und in jeder Plansequenz dabei. Angela Vidal ist ein Kind der modernen Mediengesellschaft. Für sie ist alles öffentlich. Deshalb kann sie lange nicht begreifen, was mit ihr und ihren unfreiwilligen Mitgefangenen geschieht, als man sie von allen Kommunikationskanälen trennt: So etwas kann doch nicht geschehen – und ganz sicher nicht ihr! Als sie endlich akzeptiert, dass die Falle sich geschlossen hat und sie eine der Mäuse ist, zerbröckelt die Maske Stück für Stück – ein Prozess, den Carpenter deutlich zu machen versteht, wenn man sich vom ‚europäischen‘ Denken lösen und Hysterie als mimisches Gestaltungselement akzeptieren kann …

Wie üblich in einem Film mit beschränktem Budget – „Quarantäne“ wurde für schlanke 12 Mio. Dollar realisiert -, wurden vor allem TV-erfahrene Darsteller sowie Schauspieler ohne Star-Status gecastet, wobei die Horrorfilm-üblichen Dumm-Klischees ausgespart blieben bzw. gemildert wurden. Hier und da erkennt der erfahrene Zuschauer bekannte Gesichter; in einer kleinen Rolle spielt beispielsweise Greg Germann, dem man sein grässliches Chargieren in der TV-Zumutung „Ally McBeal“ daraufhin zu verzeihen beginnt. (Und nein: Jermaine Jackson, der den Nadif mimt, ist NICHT identisch mit dem Bruder von Michael Jackson!)

Unterm Strich ist „Quarantäne“ ein nie origineller Film, sondern vor allem professionell produzierter Horror. Schamlos wurde die Vorarbeit des Originals ausgebeutet, amerikanisiert und glattgebügelt, aber zum Teil und vor allem im filmtechnischen Bereich verbessert. Ohne Kenntnis der Vorlage bietet „Quarantäne“ solide Genrekost; die Kenntnis derselben macht interessante Vergleiche möglich. Den Puristen wird das nicht versöhnen, doch der Unterhaltungswert des Films ist trotzdem nicht zu leugnen.

DVD-Features

Schlicht aber informativ sind die Extras der „Quarantäne“-DVD. Zum Film gibt es einen Audiokommentar mit Autor und Regisseur John Erick Dowdle und seinem Bruder, dem Autor und Produzenten Drew Dowdle. (Er wurde deutsch untertitelt was keine Selbstverständlichkeit ist.) Sie gehen intensiv auf ‚ihr‘ Projekt ein und geizen nicht mit Hintergrundinformationen und Anekdoten, verschweigen aber wie bereits erwähnt die enorme künstlerische Vorleistung, die u. a. Jaume Balagueró, Luis Berdejo und Paco Plaza mit „[REC]“ erbracht haben.

Wieso man gerade den „Brothers Dowdle“ – so treten sie wirklich auf … – „Quarantäne“ anbot, muss man sich übrigens zwischen den Zeilen erschließen: 2007 drehten sie „The Poughkeepsie Tapes“, einen hoch gelobten Horrorfilm, der ebenfalls unter Einsatz der subjektiven Kamera entstand.

Das zehnminütige „Making of Quarantäne“ liefert informative Einblicke in die Dreharbeiten, ärgert aber durch die US-typischen gegenseitigen Lobhudeleien, die etwas zu offensichtlich nie ein Ende nehmen wollen. Siebeneinhalb Minuten dauert eine Featurette über „Robert Halls Make-Up Design“, aus dem u. a. hervorgeht, dass es sich bei den Irrsinnigen im abgeriegelten Mietshaus nicht um klassische Zombies handelt, sondern man sich tatsächlich an den Symptomen der echten Tollwut orientierte, die als Krankheit erschreckend genug ist.

Nur dreieinhalb Minuten kurz aber wichtig ist „Anatomie eines Stunts“, denn auch in dieser Hinsicht musste man für „Quarantäne“ eigene Wege gehen: In einer Schlüsselszene wird eine tobsüchtige Mieterin in der dritten Etage über die Brüstung geworfen. Sie stürzt, schlägt dabei mit dem Schädel an die Brüstung des zweiten Stocks und prallt schließlich auf den Boden – das geschieht wiederum alles ohne Schnitte und in Realzeit, wirkt erschreckend glaubhaft und musste im Ablauf aufwendig ausgetüftelt werden.

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Quarantäne
Originaltitel: Quarantine (USA 2008)
Regie: John Erick Dowdle
Drehbuch: John Erick Dowdle u. Drew Dowdle
Kamera: Ken Seng
Schnitt: Elliot Greenberg
Darsteller: Jennifer Carpenter (Angela Vidal), Steve Harris (Scott Percival), Jay Hernandez (Jake), Johnathon Schaech (George Fletcher), Columbus Short (Danny Wilensky), Andrew Fiscella (James McCreedy), Rade Serbedzija (Yuri Ivanov), Greg Germann (Lawrence), Bernard White (Bernard), Dania Ramirez (Sadie), Elaine Kagan (Wanda Marimon), Marin Hinkle (Kathy), Joey King (Briana), Jermaine Jackson (Nadif), Sharon Ferguson (Jwahir), Denis O’Hare (Randy), Stacy Chbosky (Elise Jackson), Jeannie Epper (Ms. Espinoza), Barry Sigismondi (Bob Orton) uva.
Label u. Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 07.05.2009
EAN: 4030521515550 (DVD)/4030521716827 (Blu-Ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-Ray: 89 min.)
FSK: 16

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Quarantäne 2: Terminal

[REC]

[REC]2 – Die nächste Dimension des Grauens

[REC]4 – Apocalypse