Raining Blood – Run for Your Life!

Originaltitel: Raivu (Japan 2014)
Regie u. Drehbuch: Noboru Iguchi
Kamera: Yasutaka Nagano
Schnitt: Tsuyoshi Wada
Musik: Yasuhiko Fukuda
Darsteller: Yuki Yamada (Naoto Tamura), Ito Ono (Rumi), Yuki Morinaga (Shinsuke), Mari Iriki (Akari), Suzuka Morita,  Airi Yamamoto, Asami Sugiura, Kokone Sasaki, Ryunosuke Kawai, Seminosuke Murasugi, Mitsuki Koga, Shinji Kasahara, Yuka Eda, Aoi Nakabeppu, Kanji Tsuda, Yoshiyuki Morishita, Taro Suwa, Akiko Ikuina, Taro Shigaki u. a.
Label: Mad Dimension
Vertrieb: Alive AG
Erscheinungsdatum: 24.04.2015
EAN: 4260336460718 (DVD)/4260336460725 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 101 min. (Blu-ray: 105 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Nachdem der Vater Frau und Sohn für eine andere verlassen hatte, wuchs Naoto Tamura zu einem faulen, aufsässigen Nichtsnutz heran. Gerade hat ihn die Mutter hinausgeworfen, weshalb Naoto in einem ärmlichen Loch irgendwo in Tokyo haust. Dorthin schickt ihm ein unbekannter Schurke ein Exemplar des Bestseller-Romans „Live“. Naoto soll ihn lesen und darin codierte Botschaften entschlüsseln, die eine Reihe von Stationen und im Zusammenhang eine Strecke vorgeben, der Naoto tunlichst folgen sollte: Ein Video zeigt seine Mutter, die entführt wurde und der man eine tödliche Spritze geben wird, sollte der Sohn seine Teilnahme verweigern.

Auf dem Weg zum ‚Start‘ fallen Naoto mehrere verzweifelte Männer und Frauen auf, die alle den Roman bei sich tragen und demselben Ziel zustreben. Dort sammelt sich eine Gruppe aufgeregter Zeitgenossen, die sämtlich über gekidnappte Familienangehörige und Freunde klagen. Endlich meldet sich per Handy der anonyme Drahtzieher. Er verkündet den Beginn eines ganz besonderen Marathonlaufes, der die Teilnehmer durch die ganze Stadt führen wird. Nur der Gewinner darf auf die Freilassung seiner oder ihrer Lieben hoffen. Wer aussteigt, die Polizei benachrichtigt oder anderweitig ausfällt, muss per Video mit ansehen, wie Eltern oder Lebenspartner zu Tode kommen.

Eine wilde Jagd beginnt, denn von Kameradschaftsgeist kann in dieser Gruppe keine Rede sein. Nur widerwillig tut sich Naoto mit der neurotischen Rumi und dem abgebrühten Shinsuke zusammen. Kooperation kann nicht schaden, denn der unbekannte Marionettenspieler hat den Parcours mit fiesen Todesfallen gespickt, in denen einige ‚Marathonläufer‘ hässliche Ende nehmen. Zudem findet mancher Teilnehmer plötzlich Geschmack am blutigen ‚Spiel‘, das eine angenehme Abwechslung zum trostlosen Alltagsleben darstellt, und wendet sich voller Freude und vom ‚Spielleiter‘ mit Messer, Pistole oder Kettensäge ausgestattet gegen die Leidensgenossen, die nunmehr als Konkurrenz betrachtet und entsprechend behandelt werden …

Ed Wood lebt – auch in Japan!

„Andere Länder – andere Sitten“: Auch hinter einer Binsenweisheit können elementare Weisheiten stecken. Zumindest für diese Erkenntnis darf man Regisseur und Drehbuchautor Noburu Iguchi danken, während ihm ansonsten ein kräftiger Tritt in den Hintern gebührt – dies nicht, weil er mit „Raining Blood“ eine grobe Splatter-Komödie bar jeder Feinfühligkeit präsentiert, sondern für die Ergebnisse seiner Konsequenz, Dilettantismus und Null-Talent als Höhepunkte kultigen „Trash“-Kinos verkaufen zu wollen.

„Trash“ ist ohnehin ein Qualitätsmerkmal, an dem sich die Geister scheiden. Boshaft könnte man konstatieren, dass es eine bestimmte Zuschauergruppe gibt, die sich an Unvermögen vor und hinter der Kamera delektiert. Dies geschieht offenbar aus einem Überlegenheitsgefühl heraus und dürfte damit in die Kategorie „Schadenfreude“ fallen. Da die Filmgeschichte reich an seltsamen Gestalten ist, die mit katastrophalen Folgen dem Traum vom Kino-Ruhm nachjagen, gab und gibt es keinerlei Nachschubprobleme.

Natürlich wurden irgendwann jene aufmerksam, die im Film vor allem ein Geschäft sehen. Wenn es ein Publikum für miesen, billigen Schund gibt, könnte man diesen eigentlich absichtlich produzieren – ein Gedanke, der zum Fundament beachtlicher Trash-Imperien wie „Asylum“ oder „Syfy“ gerann. Dass auf diese Weise der eigentliche ‚Sinn‘ des Trash-Kultes verraten wird – was ist an Unfähigkeit witzig, wenn sie bloß simuliert wird? -, scheint die Mehrheit der entsprechend geeichten Fans nicht zu stören.

Solche Gedanken keimen unvermeidlich auf, noch während man ein Machwerk wie „Raining Blood“ (nüchtern und wach) ertragen muss. Iguchi hat in seiner Film-Jugend Porno-Filme gedreht, die in Japan genretypisch, d. h. kostengünstig bzw. billig und schnell heruntergekurbelt werden, darüber hinaus aber auch die gewaltigen Abgründe demonstrieren, die zwischen den Kulturen dieser Erde klaffen.

Fetisch ist wichtiger als Handlung

Was unsere japanischen Weltmitbürger „sexy“ (oder schlicht geil) finden, sorgt hierzulande für Staunen, Ekel oder Fremdschämen. Iguchi gibt dem heimischen Publikum (im Einklang mit der wachsamen Zensur), was es diesbezüglich fordert, indem er beispielsweise die Kamera gern in der knapp beslipten Äquatorregion seiner Darstellerinnen verharren lässt. Um dies zu forcieren, gibt es u. a. eine ausführliche Szene, in der die Protagonistin ihre zu weit geschnittene Sporthose verliert – immer und immer wieder, während die Kamera unbarmherzig draufhält.

Eine andere Szene spielt in einer Umkleidekabine für Frauen. Der einzige Grund für diese Ortswahl ist sehr offensichtlich die Gelegenheit, zwei Vertreterinnen dieser Spezies im Zustand weitgehender Entkleidung zu präsentieren, wobei die Ungeheuerlichkeit dieses Tabubruchs dadurch unterstrichen wird, dass die betroffenen Frauen kräftig quietschen, schreien und ihre Oberweiten umklammern, was wiederum die Kamera präzise dokumentiert. (Später stirbt eine Läuferin oberteillos, hält aber auch im Tod eisern die Arme über dem Busen verschränkt.)

„Raining Blood“ ist generell ein Sammelsurium solcher und anderer Peinlichkeiten, die – nur außerhalb Japans? – den Tatbestand pubertärer Proll-Fantasien erfüllen. Im Lande Nippon sollen sie ‚lustig‘ sein, was objektiv nur in einer Hinsicht zutrifft: Iguchi hat eine Klamauk-Tiefe erreicht, die selbst der deutsche Film in seiner jämmerlichsten Phase – dem „Pauker“-&-„Schulmädchen-Report“-Anti-Kino der 1970er Jahre – nicht ansteuern konnte.

Es hat den Anschein, dass Iguchi sich von Augenblickslaunen leiten ließ. Eine Handlung lässt sich zwar erkennen, doch sie wird weder entwickelt noch aufgebaut. Dass sie außerdem ‚inspiriert‘ wurde von aktuellen und unvergessenen Blockbustern wie „Battle Royale“ oder „The Hunger Games“ („Die Tribute von Panem“), ist eine lässliche Sünde, da Ideen nicht nur in Hollywood Mangelware sind und ständig recycelt werden. Nichtsdestotrotz sollte selbst Geschehen aus zweiter oder dritter Hand dramaturgisch aufbereitet werden und unterhaltsam sein.

Das Greinen der Lämmer

Iguchi ver(sch)wendet keinen Gedanken an solides Filmhandwerk. Die Handlung startet mit Naoto als Hauptfigur. Aufwändig wird er eingeführt, geht aber wenig später in einer Gruppe ähnlich gebeutelter Pechvögel unter. Immer wieder setzt Iguchi das Geschehen einfach aus, um in Rückblenden Nebenfiguren vorzustellen, deren Schicksal niemanden interessiert, da sie eindeutig als Kanonenfutter konzipiert wurden.

Auch sonst nimmt sich Iguchi gern und unbekümmert Zeit, um schmalztriefende Todesszenen zu zelebrieren. Taktvoll ziehen sich der unbekannte Drahtzieher und seine Schergen zurück, während ausführlich und reuevoll Rücksprache gehalten und sich verabschiedet wird, bevor der Tod solchem Gewinsel endlich ein Ende macht.

Loser und Trottel werden als solche bereits optisch gekennzeichnet. Sie sehen lächerlich aus, benehmen sich entsprechend und sind – buchstäblich! – kaum des aufrechten Ganges fähig. Dies bringt uns zu einer weiteren Kulturscheider: „Schauspiel“ bedeutet in Asien nicht das möglichst deckungsgleiche Verschmelzen mit der Rolle. Die Rolle selbst steht im Vordergrund und bestimmt die Darstellung, die vorgegebene Eigenschaften – mutig, feige, ängstlich, verliebt, böse, skrupellos etc. – schematisch in den Vordergrund stellt.

Dies geschieht mit einer Intensität, die den westlichen Zuschauer ins Fremdschämen treibt, weil sich erwachsene Männer und Frauen buchstäblich zu Affen machen. „Angst“ wird beispielsweise interpretiert, indem die Darsteller ihre Knie schlottern lassen, sich die Haare raufen, den Gesichtszügen die anatomisch größtmögliche Entgleisung gestatten und dazu greinen, jaulen und heulen. Sie tun es mit einer Intensität, die im (westlichen) Zuschauer blanke Aggression weckt. Die Darsteller nimmt man nicht ernst, die Figuren hasst man, weshalb sich nie Trauer über ihr Ableben einstellt.

Unfähigkeit – zur Kunst erhoben

Je länger man dem tumben Treiben folgt, desto stärker wird der Verdacht, Iguchi habe seine Darsteller einfach durch den Alltagsverkehr über Tokyos Straßen gejagt, ohne Autofahrer oder Passanten darüber in Kenntnis zu setzen, dass hier ein Film gedreht wird. Darüber hinaus hat Iguchi sich wohl geschworen, „Raining Blood“ so billig wie möglich sowie in Rekordzeit herunterzukurbeln. Jede Szene wurde nur einmal gedreht, Wiederholungen als Ausgleich für Verpatztes gab es nicht: Wie sonst lässt sich eine Unbeholfenheit erklären, die fortgesetzt jegliche Illusion zerstört? Besonders schmerzvoll ins Gedächtnis graben zwei sich auf Rollschuhen fort-‚bewegende‘ Killer-Bienen, die sich kaum auf ihren Rädern halten können.

Überhaupt bieten die zahlreichen ‚Kampfszenen‘ Schauwerte der kontraproduktiven Art: Endlos flüchten die Opfer vor den mit digitalen Armbrustpfeilen ständig danebenschießenden Rollschuh-Amazonen. Dabei scheinen sie völlig vergessen zu haben, dass zwei von ihnen im Besitz scharf geladener Pistolen sind. Kein Schuss wird abgegeben, während man nicht rennt, sondern ‚ulkig‘ umhertorkelt, bis man sich endlich so in einer Ecke verheddert, dass doch mal ein Pfeil trifft.

Zu allem Überfluss mutieren manche Mitspieler urplötzlich von Jekyll zu Hyde. Vor allem die verhuschte, vom ehrgeizigen Vater geschurigelte – laaange Rückblende! – Tänzerin Akari wird zur grell lachenden Mordmaschine, sobald sie zwei Kettensägen an ihre Hände geschraubt hat. Dann liefern sich wilde Weiber in ‚aufreizenden‘ Kleinmädchen-Kleidern Catfights, deren inszenatorische Brillanz von jeder Kneipenschlägerei in den Schatten gestellt wird.

Selbstverständlich sind die ‚Spezialeffekte‘ von einer Machart, die man positiv als ‚trashkompatibel‘ bezeichnen könnte; genauso gut möglich ist dieses Generalurteil: „Bockmist“. CGI-Fontänen lassen Blut in Hektolitern spritzen, was ebenfalls lustig sein soll. Hinzu kommt Ulk-Splatter – abgerissene Gesichtshaut, gekappte Beine, vom Körper geklemmter Schädel -, der nicht einmal die hiesigen Zensurorgane auf den Plan rufen konnte, da jedes Kasperletheater mit glaubhafteren Effekten aufwartet. (Echte, tatsächlich für geistige Schäden verantwortliche Schrecken bleiben dagegen unangetastet; dazu gehört in erster Linie ein Soundtrack, der vermutlich „Smooth Jazz“ darstellen soll und wohl aus einem ganz anderen Film übernommen wurde.)

Die Auflösung ist dem erratischen Geschehen angemessen. Plötzlich will Iguchi große Dramatik inszenieren; die Komik ist abgehakt. Muss eigens erwähnt werden, dass auch dieser Vorstoß (primi-) tief in die Hose geht? Die rostige Klammer dieses wirren Bündels zusammengeklitterter Szenen, das im Original den (besseren) Titel „Raivu“ – „Mein Leben für …“ trägt, bleibt bis zuletzt steinerweichende Qualitätsflucht, die nicht Trash, sondern nur Müll ist.

DVD-Features

Außer dem Trailer gibt es keine Extras, was schade ist, da man – vielleicht im Rahmen eines Making-ofs – gern gesehen hätte, wie Ramsch der Marke „Raining Blood“ produziert wird. Einige Darsteller sind durchaus richtige Schauspieler, die bereits in echten Filmen auftraten.

Unbeantwortet bleibt auch die Frage, ob die ‚Synchronisation‘ absichtlich so schändlich ist, um den Komik-Faktor des Films zu unterstützen. Das ist einmal tatsächlich geglückt: Ein Sprecher gurgelte anscheinend mit grobem Kies, bevor er seine Worte ansonsten wie seine Kollegen stammelte und bellte.

Kurzinfo für Ungeduldige: Um das Leben entführter Angehöriger und Freunde zu retten, muss eine scheinbar willkürlich zusammengewürfelte Gruppe nicht nur auf eine mit Todesfallen gespickte Marathonstrecke absolvieren, sondern auch gegeneinander kämpfen … – Inhaltlich wie formal dilettantische, mit grauenvoll grimassierenden Anti-Darstellern besetzte, dazu erbärmlich ‚synchronisierte‘ Japan-Trash-‚Komödie‘: eine Beleidigung für Hirn & Augen!

[md]

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