Originaltitel: [Rec] (Spanien 2007)
Regie: Jaume Balagueró u.  Paco Plaza
Drehbuch: Jaume Balagueró, Luis Berdejo u. Paco Plaza
Kamera: Pablo Rosso
Schnitt: David Gallart
Darsteller: Manuela Velasco (Ángela Vidal), Ferran Terraza (Manu), Pablo Rosso (Pablo), David Vert (Álex), Jorge Yaman Serrano (jüngerer Polizist), Vicente Gil (älterer Polizist), Martha Carbonell (Senora Izquierdo), Carlos Vicente (Guillem Marimon), María Teresa Ortega (alte Frau), Manuel Bronchud (alter Mann), Akemi Goto (japanische Frau), Chen Min Kao (japanischer Mann), Maria Lanau (hysterische Mutter), Claudia Silva (Jennifer), Carlos Lasarte (César), Ben Temple (Arzt), Ana Isabel Velásquez (kolumbianische Frau), Javier Botet (Niña Medeiros) u. a.
Label: 3L Film (www.3l-film.de)
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment (www.ascot-elite.de) u. E-M-S (www.e-m-s.de)
Erscheinungsdatum: 04.11.2008 (Leih-DVD) bzw. 20.11.2008 (Kauf-DVD u. Blu-Ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1 – anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch
Länge: 75 min.
FSK: keine Jugendfreigabe

Das geschieht:

Moderatorin Ángela und Kameramann Pablo sind für einen spanischen Fernsehsender tätig. Sie begleiten und filmen sie Menschen, die in der Nacht arbeiten müssen. Aktuell sind sie zu Gast in einer Feuerwache der Hauptstadt Madrid. Sie dürfen die Feuerwehrmänner Manu und Álex auf einem Routine-Einsatz begleiten: In einem Mietshaus haben die Schreie der Senora Izquierdo ihre Mitbewohner dazu veranlasst, Polizei und Feuerwehr zu alarmieren. Als Einsatz- und Filmteam sich Einlass in die Wohnung der alten Dame verschafft haben, werden sie von dieser wie eine Furie attackiert, ein Polizist durch einen Biss in die Kehle schwer verletzt.

Als die entsetzten Mieter aus dem Haus flüchten wollen, finden sie die Türen verschlossen: Unter enormen Aufwand hat die Gesundheitsbehörde es inzwischen abriegeln lassen. Als Begründung wird der mögliche Ausbruch einer unbekannten Virus-Erkrankung genannt, deren Ursprung in dem Haus vermutet wird. Es wird durch Speichel übertragen und löst bei den Infizierten u. a. Wahnsinn, ungezügelte Aggression und Kannibalismus aus.

Unter den Hausbewohnern bricht Panik aus: Wer hat sich womöglich bereits angesteckt? Nicht alle Mieter haben ihre Wohnungen verlassen. Wie steht es um den Zustand derer, die noch nicht gesichtet wurden? Eine vorsichtige Untersuchung bestätigt die schlimmste Vermutung: Zombieähnliche Kreaturen streifen durch die verwinkelten Gänge des großen Gebäudes! Weitere Angriffe hinterlassen Tote und Verletzte, die zu Menschenfressern mutieren und sich der ständig wachsenden Schar der irren Untoten hinzugesellen.

Verzweifelt flüchten Ángela und ihre Leidensgenossen durch das Haus, doch nirgendwo sind sie sicher. Immer kleiner wird ihre Zahl, und zu allem Überfluss lauert der Ursprung des Grauens noch unerkannt unter dem Dach …

Ein Haus mit Zombie-Mietern?

Ein Horrorfilm aus subjektiver Kamerasicht? Das weckt Erinnerungen an Kino-Hypes wie „Blair Witch“ oder „Cloverfield“, an kunstvoll verwackelte und unscharfe Bilder und daraus erwachsendes Kopfweh des Publikums. Keine erfreulichen Assoziationen, obwohl einleuchtet, wieso dieser cineastische Trick so reizvoll erscheint: Kamera und Zuschauerauge sind quasi identisch, gezeigt wird (scheinbar) nur, was der Mensch sieht bzw. in diesem Fall aufzeichnet. Das Blickfeld bleibt beschränkt und lässt Unerfreulichkeiten wie hier den Zombies viele Möglichkeiten, sich aus dem Off und daher überraschend auf unsere Protagonisten zu stürzen. Fällt der Strom aus – was natürlich stets in heikler Lage geschieht –, bleibt es auch für das Publikum dunkel. Übersicht wird zum Fremdwort, Chaos und Panik werden nicht nur besser darstellbar, sondern wirken auch wesentlich verständlicher.

Auf diese Weise kann die subjektive Kamera auch eine sonst konventionelle Handlung in Bilder fassen, die sich vom geläufigen Filmstil unterscheiden. Wenn man es richtig macht, kommt dabei ein kleines Juwel wie „[Rec]“ zustande, obwohl hier von einer innovativen Story wahrlich keine Rede sein kann. Untote Menschenfresser treten in konventioneller Kulisse auf. Dort lässt sie der Film gern los; der Kontrast zwischen normaler Alltagsumgebung und grässlichen Kreaturen sorgt garantiert für einen Schock-Effekt. Der wird ausgebaut, indem die Zombies ihre ehemaligen Mitmenschen jagen, möglichst drastisch zu Tode bringen und verspeisen. Eine wackere Gruppe intern chronisch uneiniger Zeitgenossen versucht sich in Sicherheit zu bringen und wird ordentlich dezimiert, bis entweder eine Flucht gelingt oder die Untoten triumphieren.

Was geht hier vor?

Damit ist auch die Handlung von „[Rec]“ skizziert. Zudem muss wieder einmal ein mysteriöser Virus den Ausbruch einer Zombie-Seuche ‚erklären‘, die anschließend in einem anonymen Mietshaus irgendwo in der Millionenstadt Madrid ausbricht. Dieses Haus birgt ein Geheimnis, das es als Ursprungsort markiert, doch darüber informieren die Regisseure ihr Publikum erst in den letzten Filmminuten. Bis es soweit ist, herrscht allgemeine Ratlosigkeit.

Den Deckel auf dem Topf hält die Ordnungsmacht, die eine Flucht aus dem Horrorhaus verhindert. Ohne diesen Kunstgriff wäre „[Rec]“ noch deutlich kürzer als die ohnehin knappen 75 Minuten geraten. Allerdings muss man den beiden Regisseuren zugestehen, dass sie ihre Geschichte nicht künstlich in die Länge ziehen, nachdem sie erzählt ist.

Zurückhaltung wahren Balagueró & Plaza auch in den Spezialeffekten. Zombie-Horror ist in diesem Punkt für optische Drastik bekannt und berüchtigt. Auch in „[Rec]“ wird mächtig zugebissen, doch geschieht dies eher selten in direkter Draufsicht. Die subjektive Kamera bleibt der Realität entsprechend normalerweise bzw. sicherheitshalber ein gutes Stück vom tödlichen Geschehen entfernt. Auch ist es oft halb oder völlig dunkel oder die Sicht bleibt auf andere, klar nachvollziehbare Weise verdeckt. Es reicht aber für erschreckende Momente, was die Darsteller einschließt: Wenn beispielsweise die ‚Leiche‘ eines unglücklichen Feuerwehrmanns durch den Treppenhausschacht stürzt und zwischen den Mietern aufschlägt, wurden die Schauspieler darüber nicht informiert. Ihr Erschrecken ist folglich echt – und überzeugend.

Erstaunlich scheußlich ist dem Maskenbildner die ‚Zombie-Königin‘ vom Dachboden geraten. Der übergroße und skelettdürre Körper des Darstellers Javier Botet wurde zur menschlichen Basis für eine Maske, die es in sich hat und durch die effektvolle Inszenierung endgültig in einen Albtraum verwandelt wird.

Völlig außen vor bleibt Filmmusik. Sie widerspräche dem Doku-Charakter und wird auch nicht vermisst, da ausgeklügelte Toneffekte sie ersetzen. Die gruseligen Überraschungen sind ohnehin so geschickt in Szene gesetzt, dass sie einer Ankündigung durch suggestiv anschwellende Musik nicht bedürfen.

Jäger und Gejagte

Von den Regisseuren wird zu Recht die Bedeutung der Schauspieler hervorgehoben. Diese Bezeichnung müsste man hier eigentlich in Anführungsstriche setzen, denn um „[Rec]“ wie eine reale Reportage erscheinen zu lassen, durften die Darsteller eines eben nicht: sichtbar schau-„spielen“. Stattdessen mussten sie authentisch als ganz normale Zeitgenossen wirken, die sich vor der Kamera spreizen, sie fürchten, zu stottern beginnen oder kurz gesagt: sich natürlich benehmen.

Dies galt vor allem für Manuela Velasco, die nach eigener Auskunft privat nichts mit der eifrigen aber etwas dümmlichen Ángela Vidal gemeinsam hat, die eine billig hergestellte Nischensendung für einen wohl privaten Fernsehsender moderiert. Sie vermag den Wandel von der eingebildeten, das Geschehen von außen nur beobachtenden und als Quotenfutter kalkulierenden TV-Maus zur selbst betroffenen aber couragiert gegen ihr Schicksal ankämpfenden Teilnehmerin der eingeschlossenen Hausgemeinschaft bis zum hilflosen, jeder Selbstkontrolle entkleideten Opfer sehr überzeugend darzustellen.

Als zweite ‚Hauptfigur‘ neben Ángela fungiert die Kamera. Sie wird angeblich von einem „Pablo“ geführt, von dem indes höchstens seine Schuhe ins Bild geraten; ansonsten bleibt er eine körperlose Stimme. Pablo Rosso schafft es dennoch, seiner Figur Präsenz zu verleihen; wir Zuschauer ‚wissen’ jederzeit, dass hinter dem Objektiv ein Mensch steht (bzw. bald meist rennt …)

Die Kamera selbst musste so eingesetzt werden, dass sie einerseits die Handlung so festhielt, wie dies durch einen echten Pablo geschähe, während sich andererseits die gefilmten Szenen überhaupt zu einer Handlung zu fügen hatten. Das bedurfte nicht nur sorgfältigster Vorbereitung seitens des echten Kameramanns, sondern auch harter Arbeit durch die Schauspieler: Während eine Filmszene normalerweise in viele Takes zergliedert wird, besteht „[Rec]“ aus Plansequenzen, die bis zu einer Viertelstunde dauern – so lang halt, wie eine dokumentierende Kamera laufen und Filmszenen produzieren würde, die vor einer Ausstrahlung im Fernsehen noch geschnitten werden müssten, wozu es in unserem Fall nicht mehr kommt.

Eine Viertelstunde Handlung, die meist turbulent und wortreich ist und in deren Verlauf alle Schauspieler wie in einem Live-Ballett gemeinsam ‚funktionieren‘ müssen, bedeutet eine gewaltige Herausforderung, die nur durch ausgiebige Proben zu meistern ist. Gerät in Minute 14 jemand oder etwas aus dem Takt, muss die Aufnahme komplett wiederholt werden. Die daraus resultierenden Schwierigkeiten sieht man dem Film nie an. Die Kamera ‚fliegt‘ von Brennpunkt zu Brennpunkt und zerrt den Zuschauer erbarmungslos mit, die Schockeffekte ‚sitzen‘:„[Rec]“ bietet grundsoliden Horror auf handwerklich hohem Niveau.

Dem mochte man sich in den USA wie üblich nicht anschließen: Dort erfuhr „[Rec]“ 2008 als „Quarantine“ ein Remake. Dieses Mal steht das verseuchte Haus in Los Angeles. Wie es in Madrid weitergeht, verraten Balagueró & Plaza 2009 in „[Rec] 2“ …

DVD-Features

Wie der Hauptfilm ist auch das Feature-Beiwerk recht knapp ausgefallen. Es gibt die obligatorischen Trailer (Original und deutsche Fassung), TV-Spots, eine Bildergalerie sowie – der einzige Beitrag von Interesse – ein „Making of“. Es dauert zwar nur knapp 19 Minuten, ist aber sehr informativ und unterhaltsam, denn es verärgert nicht durch plump verkappte Zusatz-Werbung, sondern bietet echte Impressionen von den Dreharbeiten sowie Hintergrund-Infos der beiden Regisseure. Zudem ist dieses „Making of“ sehr elegant geschnitten; es lässt den bei Features nicht unbedingt häufigen Wunsch nach einer längeren Dauer aufkeimen.

Über „[Rec]“ informieren weiterhin zwei Websites – eine aus Spanien und eine aus sowie für Deutschland:
http://movies.filmax.com/rec
www.3l-filmverleih.de/rec/rec_1.html

(c) 2009 by Dr. Michael Drewniok

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