Ein von Zombies heimgesuchtes und von der Außenwelt isoliertes Mietshaus erweist sich als Pforte zur Hölle … – Die Fortsetzung des spanischen Überraschungserfolges von 2007 knüpft zwar chronologisch direkt an den Vorgänger an, schlägt aber inhaltlich eine neue, nur bedingt gelungene Richtung ein; der „Mockumentary“-Stil hat seinen Überraschungseffekt verloren, die immerhin rasant erzählte Story weist Brüche auf: eine nicht zwingend notwendige aber unterhaltsame Fortsetzung.

Das geschieht:

Vorgeschichte (s. „[Rec]“): Ein unglücklicher Zufall verschlägt Moderatorin Ángela Vidal und Kameramann Pablo, die für einen kleinen TV-Sender arbeiten, in ein Mietshaus der spanischen Großstadt Barcelona. Auf ein telegenes heimisches Drama hoffend, geraten sie in eine von unbekannten Erregern verseuchte Todeszone, in der sich die Bewohner in tollwütige Zombies verwandeln und ihre entsetzten Mit-Mieter, die Polizei sowie das Fernsehteam attackieren. Flucht nach draußen ist unmöglich, denn Militär und Gesundheitsamt haben das gesamte Gebäude unter Quarantäne gestellt.

Fortsetzung: Ein vierköpfiges SWAT-Team wird in das Haus geschickt. Es schützt Dr. Owen, einen Seuchen-Spezialisten, der den Auslöser der Katastrophe in der Dachwohnung vermutet. In der Tat findet die Gruppe dort Beweise für geheime und krude medizinische Experimente. Die entsetzten SWAT-Männer zwingen Owen, die Hintergründe des Einsatzes zu enthüllen. Der ‚Arzt‘ entpuppt sich als Priester und Mitglied einer kirchlichen Spezial-Einheit. In der Dachwohnung wurde die von einem Dämon besessene Niña Medeiros festgehalten. Wissenschaftler des Vatikans suchten im Blut des grässlich entstellten Mädchens nach einem Gegenmittel. Niña konnte sich befreien, ihre Bewacher ausschalten und sich verstecken. Außerdem hat sie die Mieter infiziert, die ihr nun als ‚Leibwächter‘ dienen.

Das SWAT-Team wird von den Zombies dezimiert. Owen weigert sich, das Haus zu verlassen, bevor er eine irgendwo verborgene Blutprobe des Niña-Dämons geborgen oder den diesen persönlich zur Ader gelassen hat. Die Suche wird sich zum Desaster. Zur Verwirrung tragen drei neugierige Jugendliche bei, die sich Einlass ins Haus verschaffen konnten. Auch die völlig verstörte Ángela Vidal taucht wieder auf. Die Überlebenden fahnden im Wettlauf mit den Zombies nach Niña. Als diese endlich in ihrem Versteck aufgespürt wird, entwickelt sich ein bizarres Duell, das auf zwei Dimensionsebenen ausgetragen werden muss …

Irgendwie muss es ja weitergehen …

„[Rec]“ war 2007 ein in jeder Hinsicht ‚kleiner‘ Film. Mit geringem Budget gedreht und nur 75 Minuten laufend, erwies er sich dessen ungeachtet als beachtlicher Erfolg. Die beiden Regisseure und Drehbuchautoren Jaume Balagueró und Paco Plaza hatten aus der Not eine Tugend gemacht und eine Story ersonnen, die in der überschaubaren Kulisse eines einzigen Mietshauses spielte. Mit großem Einfallsreichtum hatten sie das Drehbuch in eine straffe, spannende Handlung umgesetzt. Dabei waren sie von einer fabelhaft aufspielenden Darstellerschar unterstützt worden.

Der Erfolg war also verdient, doch er zeitigte die im Filmgeschäft üblichen Folge: Als Balagueró & Plaza ihre Prominenz für neue Projekte nutzen wollten, lenkten potenzielle Produzenten das Verhandlungsgespräch stets auf ein bestimmtes Thema: Sie wünschten keine Experimente, sondern Investitionssicherheit, und das bedeutete: Auf „[Rec]“ sollte „[Rec] 2“ folgen. Die Filmindustrie hasst das Unbekannte. In dieser Hinsicht ist sie international. Sie kann dabei auf die Zustimmung eines Publikums bauen, das in seiner Mehrheit an der Fortsetzung einer spannenden Geschichte interessiert ist.

Balagueró & Plaza bissen in den vielleicht gar nicht allzu sauren Apfel und schmiedeten ihr Eisen, solange es noch heiß war. Dummerweise ergab sich ein Problem: Die [Rec]-Geschichte war erzählt und hatte ihr offenes aber logisches Ende gefunden. Das von Zombies befallene Mietshaus war vom Keller bis zum Dach genutzt. Für neue Entwicklungen gab es buchstäblich keinen Raum mehr.

Vom Doku-Drama zum Genre-Spektakel

In Hollywood hätte die Konsequenz so ausgesehen: Machen wir es einfach noch einmal, aber dieses Mal größer! In gewisser Weise haben auch Balagueró & Plaza diesen Weg beschritten. „[Rec] 2“ bietet mehr Beißereien, mehr Blut, mehr Tricks, mehr Geschrei & rennendes Zombie-Futter.

Immerhin erfährt der Plot eine echte Erweiterung. Der Zuschauer muss entscheiden, ob ihm die neue Richtung gefällt. Balagueró & Plaza waren sich des Risikos bewusst, wie sie im „Making Of“ betonen. „[Rec]“ faszinierte als „Mockumentary“, d. h. als Mischung aus fiktiver, aber realistisch wirkender Dokumentation und Spielfilm. Die Handlung blieb Beobachtung; eine Begründung dafür, dass brave spanische Bürger sich in kannibalische Untote verwandelten, wurde nie gegeben. Das Rätsel unterstützte die Atmosphäre ständiger Unsicherheit. Die noch nicht infizierten Mieter schwebten nicht nur in Lebensgefahr, sondern in Ratlosigkeit. Dank der subjektiven Kamera gesellten wir, die Zuschauer, uns zu ihnen.

In „[Rec] 2“ geben Balagueró & Plaza die Illusion der Realität vollständig auf. Aus Zombies werden plötzlich Dämonen, das Haus wird zur geheimen Experimentierstätte einer obskuren Kirchentruppe, die – Dan Brown lässt grüßen – in einem seit Jahrzehnten oder Jahrhunderte währenden, der Öffentlichkeit sorgsam verschwiegenen Kampf mit dem Teufel verwickelt ist.

Dämonen sind schwatzhaft

Gänzlich abwegig ist die Kombination von Zombies und Dämonen nicht. Im „Making Of“ nennen die beiden Regisseure den Filmklassiker „Der Exorzist“ als Vorbild. Wenn dort die vom Heuschrecken-Unhold Pazuzu befallene Regan grässlich flucht, in Stimmen spricht und Erbsensuppe spuckt, wirkt sie tatsächlich wie eine Vorgängerin der unglücklichen Niña Medeiros.

Mit der höllischen Herkunft unserer Dämonen-Zombies erben wir freilich auch ein dickes Bündel einschlägiger Klischees. Während Zombies wohltuend stumm bleiben, reden Dämonen gern und viel. Auf diese Weise erfahren wir, dass die seltsamen Vorgänge in unserem Mietshaus nur einen weiteren von Beelzebubs ständigen Versuchen darstellt, sich die Erde untertan zu machen. Dies ist Kindergarten-Theologie auf Fundamentalisten-Niveau: einfach lächerlich.

Wo Film-Dämonen heulen, sind die Diener der Kirche nie weit. Dr. Owen erweist sich als typisches Exemplar seiner Gattung: Er ist fromm, verschlagen und liebt es, sich in kryptischen Andeutungen zu ergehen, statt klipp und klar zu erläutern, was vor sich geht. Stattdessen murmelt er beschwörende Gebete und schwenkt das Kruzifix, denn offenbar beschränkt sich der Krieg zwischen Himmel und Erde auf die christlich geprägen Regionen unseres Erdballs.

Roter Faden mit deutlichem Knick

Ein ökonomisches Erzählen wie in „[Rec]“ gelingt Balagueró & Plaza mit der Fortsetzung nicht mehr. Dies liegt nicht nur an der Entscheidung, die Ereignisse nicht konventionell zu filmen, sondern wie gehabt aus der Sicht einer vermeintlich ins Getümmel geworfenen Kamera zu zeigen; ein Effekt, der gut variiert wird aber nicht mehr überraschen kann. Auch die Story ist eine (in den Effekten aufgeladene) Kopie des Vorgängerfilms; nicht Reporter, sondern SWAT-Männer erfahren nun das Grauen im Mietshaus. Sie tragen Helmkameras, die über eine Bild-im-Bild-Funktion verfügen, sodass wir zeitweise in den Simultan-Genuss zweier schwankender, schaukelnder, absichtlich schlecht belichteter und ‚authentischer‘ Filme kommen. (Übrigens kann die Einnahme eines Mittels gegen Seekrankheit die daraus unter Umständen resultierende Übelkeit verhindern.)

Verhängnisvoll ist der Entschluss, in der zweiten Filmhälfte den chronologischen Fluss der Ereignisse zu stoppen, in der Zeit zurückzuspringen und das Haus zu verlassen, um ‚frisches Blut‘ in Gestalt eines Feuerwehrmannes und dreier Teenies zu rekrutieren. Die klaustrophobische Enge der Räume und die daraus resultierende Unmittelbarkeit der Handlung prägen die [Rec]-Atmosphäre entscheidend. Es ist schwer nachvollziehbar, wieso Balagueró & Plaza dies aufgeben, zumal sie dabei drei ausgesprochen unsympathische Charaktere einführen: Mire, Tito und Ori sind dämliche Schwachköpfe, die viel zu lange greinen und die Handlung aufhalten, bis sich die Zombies endlich ihrer bzw. unser erbarmen.

Wenn dies geschieht, laufen die beiden getrennten Handlungsstränge endlich wieder zusammen. Kurz zuvor ist Ángela Vidal ins Geschehen zurückgekehrt. Auf die Prominenz von Manuela Velasco wollten Balagueró & Plaza offensichtlich nicht verzichten, auch wenn ihre Figur eher schlecht als recht in die neue Story passt und Velasco lange tatenlos herumsteht.

Ein Meisterwerk des Kulissenbaus

Schaut man sich „[Rec]“ und „[Rec] 2“ direkt hintereinander an, beeindruckt die Leistung der Kulissenbauer und Ausstatter noch stärker. Obwohl zwei Jahre zwischen beiden Filmen liegen, konnte die Kontinuität bruchlos gewahrt werden. Dies betrifft nicht nur die ‚großen‘ Kulissen wie das Treppenhaus, die Dachwohnung oder die Weberei im Keller. Jedes Foto, jedes Reagenzglas, jedes Bild liegt, steht oder hängt dort, wo wir es im ersten Teil gesehen haben.

Vor allem die Dachwohnung ist ein (Alb-) Traum aus Schmutz, Gilb und Verkommenheit. Allerdings haben wir auch sie bereits kennengelernt. Folgerichtig öffnen Balagueró & Plaza in der Fortsetzung weitere Räume und Gänge. Überzeugend ist dies nicht bzw. wird es erst, als eine der wirklich neuen Film-Ideen zündet: Nur der Monitor der Nachtbildkamera enthüllt Türen und Winkel, die im normalen Licht unsichtbar bleiben, weil sie außerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums existieren. Solcher Einfallsreichtum steht „[Rec] 2“ wesentlich besser zu Gesicht als ein exzessives Plus an digitalen Effekten, so gelungen sie auch sind!

Obwohl „[Rec] 2“ anders als der Vorgänger bereits ab 16 Jahren freigegeben wurde, spritzen Blut und Körperfetzen wesentlich großzügiger als 2007. Die Zensur reagiert anscheinend weniger empfindlich, wenn es ‚nur‘ Zombies sind, denen die Köpfe weggeschossen werden. Die meisten Metzeleien gehen ohnehin im Gewackel der Kamera unter.

Neue Gesichter und alte Bekannte

„[Rec]“ war ein Horror-Kammerspiel mit sorgfältig gezeichneten, gut differenzierten Figuren, die das Publikum kennenlernen und an deren Schicksalen es Anteil nehmen konnte. Auch dies ging in der Fortsetzung über Bord. Wohl unfreiwillig fanden Balagueró & Plaza die perfekte Illustration für diesen Verlust: Die meisten Zuschauer werden vermutlich gar nicht registrieren, dass sämtliche Darsteller aus Teil 1 wieder mit dabei sind. Sie sind nun Zombies und haben unter ihren Masken fast jede Individualität verloren. (Die arme Senora Izquierdo wird wieder in Stücke geschossen, kommt aber im Handlungs-Off unverdrossen wie immer auf die Füße – eine der vielen Parallelen zum Vorgängerfilm.)

Die neuen Hauptfiguren sind Klischees. Zum Priester in göttlicher Mission gesellen sich harte Kämpfer mit weichen Herzen oder die schon erwähnten Dumm-Teenies. Es bleibt meist nur wenig Zeit, sich wenigstens ihre Gesichter zu einzuprägen, bis sie buchstäblich der Teufel holt. WEN erwischt es? Gleichgültig; interessant ist höchstens, WIE der Tod kommt.

Den Darstellern kann man deshalb primär für die ausgezeichnete Bewältigung eines handwerklich komplizierten Jobs gratulieren. Sie agierten nicht klassisch vor der Kamera, die sich stattdessen mitten unter ihnen befand und sich mit ihnen bewegte. Ohne die gewohnte Distanz waren sie zu einem Spiel gezwungen, das nie Schau sein durfte, weil dies die gnadenlos direkt auf sie gerichtete Linse entlarvt hätte. Die Darsteller mussten die Kamera gleichzeitig vergessen und in ihr Spiel integrieren. Hinzu kamen technische Schwierigkeiten, die sich aus den Dreharbeiten in einem echten Haus mit beschränkten Raumverhältnissen ergaben.

Die Erfahrungen, die das Team mit „[Rec]“ machen konnte, ließen es vor und hinter der Kamera die Herausforderungen bestehen. Obwohl die Fortsetzung wie so oft dem Original deutlich unterlegen ist, ist „[Rec] 2“ manchmal enttäuschend aber niemals langweilig. Das Tempo ist und bleibt enorm, und zumindest im Haus bleibt die Handlung ohne Abschweifungen.

DVD-Features

Auch in Deutschland lief „[Rec]“ nicht im Kino, sondern vor allem auf DVD bzw. Blu-ray sehr erfolgreich. Damit „[Rec] 2“ daran anschließt, wurde recht großzügig Bonusmaterial aufgespielt. Anderthalb Stunden läuft dieses Hintergrundmaterial, das sich allerdings eher durch Masse als durch Klasse auszeichnet.

So finden wir die meisten Szenen des „Making Of“ im 50-minütigen Feature „Behind  the Scenes“ wieder. Letzteres stellt anhand dreier exemplarischer Szenen den Alltag vor und hinter der Filmkamera dar, der durch Proben, Aufbauen und Warten geprägt ist. Zwischendurch kommen Balagueró & Plaza zu Wort, die einerseits mit interessanten Infos aufwarten, während sie sich andererseits vergeblich bemühen, den Kommerz als Primärquelle für „[Rec] 2“ zu verschleiern.

Weiterhin gibt es Impressionen von den Filmfestspielen in Venedig und Sitges 2009 sowie von der Vorpremiere des Films in Paris („Rec 2 on Tour“) und von einer Pressekonferenz in Sitges; der Informationsgehalt hält sich in engen Grenzen, da die Fragen der Journalisten meist dumm und die Antworten der Filmleute unverbindlich sind.

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[REC]2 – Die nächste Dimension des Grauens
Originaltitel: [Rec]2 (Spanien 2009)
Regie: Jaume Balagueró u. Paco Plaza
Drehbuch: Jaume Balagueró, Manu Diez u. Paco Plaza
Kamera: Pablo Rosso
Schnitt: David Gallart
Darsteller: Jonathan Mellor (Dr. Owen), Oscar Sánchez Zafra (Jefe), Alejandro Casaseca (Martos), Manuela Velasco (Ángela Vidal), Juli Fàbregas (Bombero), Ferran Terraza (Manu), Andrea Ros (Mire), Pau Poch (Tito), Àlex Batllori (Ori), Claudia Silva (Jennifer), Martha Carbonell (Senora Izquierdo), Ariel Casas (Larra), Pablo Rosso (Pablo), Pep Molina (Jennifers Vater) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 20.08.2010
EAN: 0886976609993 (DVD)/0886976610098 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 84 min.)
FSK: 16

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[Rec]

[REC]3 – Genesis

[REC]4 – Apocalypse

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