Überlebende einer Krankheit, die ihre Opfer in rasende Zombies verwandelt, werden auf einem Quarantäne-Schiff isoliert; da dort gleichzeitig der Erreger erforscht wird, dauert es nicht lange, bis neue Killer-Zombies durch die Gänge toben … – Der vierte Teil bringt (hoffentlich) das „[REC]“-Franchise formal gelungen und leidlich spannend aber enttäuschend banal zu Ende: statt des erhofften Höhepunktes nur ein ganz ‚normaler‘, d. h. mittelmäßiger Horrorfilm.

Das geschieht:

In der spanischen Großstadt Barcelona ist an zwei Stellen eine seltsame Krankheit ausgebrochen. die Opfer verlieren den Verstand, verfallen in blinde Raserei und stürzen sich auf ihre Mitmenschen, um sie in Stücke zu reißen. Wer von diesen ‚Zombies‘ gebissen wird, verwandelt sich umgehend ebenfalls in eines dieser Monster, die überaus schwierig umzubringen sind.

Aus einem Mietshaus in der Innenstadt konnten Guzmán und Lucas, Mitglieder einer militärischen Spezialeinheit, eine Überlebende retten: Reporterin Ángela Vidal wird auf ein Schiff gebracht, das umgehend in See sticht. Weit jenseits der spanischen Küste sucht Dr. Ricarte mit seinem Team fieberhaft nach einem Mittel gegen die Krankheit. Zu ihrem Missfallen landen Guzmán und Lucas ebenfalls auf dem Schiff. Ihr Zorn steigert sich, als sie feststellen, dass Ricarte in seinem Labor mit dem Original-Erreger experimentiert.

Tatsächlich dauert es nicht lange, bis sich infizierte Affen durch die Luftschächte ihren Weg in das Schiffsinnere bahnen. Zuerst mutiert der Koch zum rasenden Irren, dann folgen die meisten der Soldaten, die mit den Wissenschaftlern an Bord gekommen sind.

Guzmán und Lucas können zusammen mit Ángela auf die Kommandobrücke flüchten, wo sie sich zusammen mit Kapitän Ortega und dem Informatik-Spezialisten Lucas verbarrikadieren. Doch sie müssen den ohnehin zweifelhaften Unterschlupf wieder verlassen, denn der Antrieb streikt und kann nur im Maschinenraum wieder in Gang gesetzt werden. Der Weg dorthin ist buchstäblich mit Zombies (und Affen) gepflastert. Außerdem spielt Ricarte mit dem Gedanken, das Schiff mit den von seinem Team installierten Bomben zu sprengen. Zu allem Überfluss steckt hinter der ‚Krankheit‘ ein intelligenter Parasit, der sich im Leibesinneren eines der Flüchtlinge versteckt hält und mit zurück ans Festland will, um dort sein böses Werk fortzusetzen …

Was bisher geschah

„[REC]“ war 2007 eine kleine Offenbarung als schneller, spannender, formal ausgeklügelter Horrorfilm, zu dem sogar der (damals noch nicht totgerittene) „Found-Footage“-Stil ausgezeichnet passte und einfallsreich eingesetzt wurde. Die Darsteller waren in ihren scharf gezeichneten Rollen ausgezeichnet, die Stimmung düster, und an erschreckenden Effekten mangelte es nicht.

„[REC]2“ setzte 2009 die Geschichte nahtlos fort – eine Geschichte, die eigentlich erzählt war, wie sich rasch herausstellte. Um dies zu vertuschen, kamen neue Figuren und Klamauk-‚Humor‘ zum Einsatz, während ansonsten Teil 1 quasi nacherzählt wurde. Erst im letzten Drittel kam wieder echte Spannung auf, als die Drehbuchautoren Jaume Balagueró und Manu Diez die Zombie-Story mit womöglich dämonischer Besessenheit anreicherten sowie einige wahrlich schauerliche Schauplätze präsentierten.

„[REC]3“, 2011 als einziger Teil der Serie nicht von Balagueró, sondern von Diez inszeniert, war eine Enttäuschung und Frechheit: An anderer Stelle brach dieselbe Seuche aus und setzte die übliche Flucht in Gang. Der Klamauk nahm überhand, bis das dramatisch gemeinte Finale wie ein Missklang wirkte. Einzige positive Neuerung: Zur Filmmitte wurde die längst ausgereizte ‚subjektive‘ Kamera aufgegeben.

„[REC]4“ kehrt glücklicherweise zu „[REC]2“ zurück. Einzige Verbindung zum missglückten dritten Teil ist der Auftritt einer verwirrten Greisin, die das in einem Schlachtfest mündende Auftreten von Zombies auf einer Hochzeitsfeier überlebt hat und ebenfalls auf das Laborschiff geschafft wurde. Endlich werden wir über das weitere Schicksal der Reporterin Ángela Vidal informiert, die in Teil 2 nicht mit der Krankheit infiziert wurde, sondern von der gruseligen Patientin 1 – Tristana Medeiros – einen Parasiten eingepflanzt bekam, der nunmehr ihr Denken und Handeln steuert.

Irgendwann ist irgendwie (und endlich) Schluss

Auf diese Weise schufen Balagueró & Diez einen Cliffhanger, denn natürlich wartet der Zuschauer gespannt darauf, dass und wie sich der ‚Gast‘ in Ángelas wohlgestalten Leib offenbart. Dass er dort nistet, zeigt uns Balagueró, als Ángela des Nachts in ihrer Schiffskabine ihr Nachthemd hebt und man unter der straffen Bauchdecke etwas unheilverkündend seine Kurven ziehen sieht.

Abgesehen davon spielt die Vorgeschichte keine Rolle mehr. Ein letztes Mal kehrt die Handlung für die Einleitung in das Mietshaus zurück, in dem die beiden ersten Teile spielten. Dann beginnt eigentlich eine einerseits altbekannte und andererseits völlig neue Geschichte: Zombies jagen Überlebende nicht mehr durch ein Haus, sondern unter Deck eines Schiffes. Die Begleitumstände blieben: Die Räume und Gänge sind eng und unübersichtlich, der Strom fällt aus, weshalb das Licht mindestens irritierend flackert. Überall gibt es dunkle Winkel, in denen die Zombies lauern. Man muss vor ihnen flüchten oder sich ihnen stellen, wobei gern improvisierte Waffen – Axt, Küchenmesser, Harpune etc. – zum Einsatz kommen; den Höhepunkt bildet sicherlich ein zweckentfremdeter Bootsmotor, dessen Schraube offenbar aus bestem Messerklingenstahl besteht: Neben einem Zombie-Pechvogel werden infizierte Affen mit beachtlicher Effizienz in Scheiben geschnitten. (Möglicherweise erweisen Balagueró & Diez hier dem Kollegen Marino Girolami ihre Reverenz; der hatte in seinem Trash-Klassiker „Zombi Holocaust“ – dt. einen Tick weniger plakativ „Zombies unter Kannibalen“ betitelt – 1980 ebenfalls einen Motorbootpropeller zum blutigen Einsatz gebracht.)

Diese Hatz ist turbulent und wird wiederum unter geschickter Ausnutzung der Schauplätze in Szene gesetzt. Etwas Neues bietet sie jedoch nicht; alles hat man nicht nur in den „[REC]“-Filmen schon viel zu oft gesehen. Besonders ärgerlich ist jedoch der beiläufige Schnitt, mit der die übergreifende Storyline gekappt wird. Vor allem „[REC]2“ enthüllte hinter den abstrusen ‚Forschungen‘ des Dr. Medeiros ein viel größeres Komplott, in das sogar der Vatikan verwickelt war: Der Teufel steckte offensichtlich hinter der Zombie-Seuche, die sich damit zur biblischen Plage und Vorbote der Apokalypse deuten ließ.

Vergessen wir einfach, was nie geschehen sollte

Davon ist buchstäblich nur noch in einem Nebensatz die Rede, den Soldat Lucas in ein Streitgespräch einfließen lässt. Damit geben Balagueró & Diez den aufwändig und interessant gestalteten Überbau einfach auf. ‚Ersetzt‘ wird er durch das Treiben eines Allerweltmonsters: Plötzlich reduziert sich die monumentale Bedrohung auf einen simplen ‚Parasiten‘, der offenbar im Alleingang seit Jahrhunderten Wissenschaft und Kirche in Atem hält. Das ist alles andere als originell und wirft zudem Fragen auf, die nicht beantwortet werden: Gibt es nur diesen einen Parasiten, der sich nie vermehrt hat? (Offensichtlich ja.) Wieso kreiert diese Kreatur Zombie-Horden, die blindwütig umhertoben, statt einem Masterplan zu folgen, der doch heißen müsste, den Parasiten an die Weltherrschaft zu bringen? Warum will der Parasit im Finale zurück in Ángelas Bauch? Sein neues Opfer ist deutlich stärker und der bessere Wirt.

So geht das ständig weiter. Nicht einmal die ständigen Raufereien mit den Zombies oder dem heimtückischen Dr. Ricarte können den Zuschauer davon ablenken, bohrende Fragen zu stellen und zu zweifeln. (Zu den Zombies gesellen sich zwischendurch infizierte Affen. Die sind zur angenehmen Abwechslung wirklich unheimlich, weil sie in dem für Menschen engen Schiff mehr als genug Raum zur Entfaltung, d. h. zum Verstecken und zum unerwarteten Auftauchen finden.) Noch ein paar? Bitte: Warum installiert die Regierung ein Labor zur mindestens national überlebenswichtigen Entwicklung eines Impfstoffes ausgerechnet auf einem halbwracken Seelenverkäufer, der sich durch ständige Maschinenschäden und Stromausfälle auszeichnet? Welches Anti-Genie installierte dort eine Hilfsmaschine, die sich nicht von der Kommandobrücke aus starten lässt? Wie viele Männer sind eigentlich auf dem Schiff? Der Nachschub an Zombies scheint jedenfalls unerschöpflich zu sein.

Mit letzter Kraft ins provisorische Ziel

Leid müssen einem die Schauspieler tun. Die sorgfältige Figurenzeichnung des ersten Teils ist nur noch eine ferne Erinnerung. Wahrscheinlich hätten Balagueró & Diez am liebsten auch auf Ángela Vidal verzichtet. Eine echte Rolle spielt Manuela Velasco unzweifelhaft nicht in diesem Drama. Zeitweise verschwindet sie gänzlich aus der Handlung und taucht erst wieder auf, als es zu flüchten gilt. Nur einmal wird für Ángela dramatisch, als Dr. Ricarte darauf besteht, ihr den Parasiten gleich auf dem Kartentisch aus dem Leib zu schneiden. Somit hat Manuela Velasco endlich einen Grund, grimmig die perlweißen Zähne zu fletschen, was ihre generelle Reaktion auf krisenhafte Vorfälle ist. (Ihre Stunde schlägt erst im „Making-of“, durch das sie mit der Professionalität jener erfahrenen TV-Moderatorin, die sie eben auch ist, deutlicher lebendiger als im Hauptfilm führt.)

Auch die übrigen Rollen bieten kaum gebrochene Klischees. Vor allem Nerd Nick ist eine Nervensäge und gar nicht komisch. Möglicherweise gelingt es dem Zuschauer, sich die Zeit mit der Frage zu vertreiben, in welchem Unterleib der Parasit gerade haust. Als er sich offenbart, hält sich die Überraschung wieder einmal in Grenzen.

„[REC]4“ bestätigt drastisch, was „[REC]3“ vermuten ließ: Nur noch der Erfolg hielt das Franchise am Leben und sorgte für weitere Fortsetzungen. Auf dieser Ebene lassen sich sogar die beiden US-Versionen „Quarantäne“ und „Quarantäne 2 – Terminal“ integrieren. Überhaupt könnte man so noch eine Weile weitermachen: An einem neuen Ort bricht die Seuche erneut aus, denn der Parasit überlebt natürlich die Sprengung des Zombie-Schiffes. Das ist kein Spoiler, weil damit die Vorwegnahme einer Überraschung verbunden wäre, die es in diesem Film nicht gibt, sondern eine düstere Drohung, die sich abhängig vom Einspielergebnis erfüllen wird – oder hoffentlich nicht!

DVD-Features

Zu einem wahren Trailer-Schauer, der sämtliche „[REC]“-Teile abdeckt, gesellt sich als Extra das übliche (und wie üblich überflüssige) „Making of“. Knapp eine halbe Stunde werden beliebig-belanglose Bilder von den Dreharbeiten gezeigt. Zwischendurch dürfen/müssen zentral Beteiligte wie Manuela Velasco oder Jaume Balagueró über den Film sprechen, den sie unisono (und ohne rot zu werden, was den Profi auszeichnet) als güldene Gemme in ihrem Lebenslauf hochleben lassen.

Außerdem führt Velasco kurz durch den Drehort, der sich als russischer Handelsfrachter herausstellt. Mit der Hauptdarstellerin kommt der Zuschauer zu dem Schluss, dass nicht viel verändert werden musste, um den Eindruck eines heruntergekommenen Geisterschiffs zu erzielen.

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[REC]4 – Apocalypse
Originaltitel: Rec4 – Apocalipsis (Spanien 2014)
Regie: Jaume Balagueró
Drehbuch: Jaume Balagueró u. Manu Diez
Kamera: Pablo Rosso
Schnitt: David Gallart
Musik: Arnau Bataller
Darsteller: Manuela Velasco (Ángela Vidal), Paco Manzanedo (Guzmán), Héctor Colomé (Dr. Ricarte), Ismael Fritschi (Nick), Críspulo Cabezas (Lucas), Paco Obregón (Dr. Ginard), Mariano Venancio (Kapitän Ortega), María Alfonsa Rosso (Anciana), Cristian Aquino (Edwin), Carlos Zabala (Goro) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 19.12.2014
EAN: 0888430991699 (DVD)/888430991798 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min. (Blu-ray: 95 min.)
FSK: 16

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[Rec]

[Rec] 2 – Die nächste Dimension des Grauens

[REC]3 – Genesis

Quarantäne