In einem einsamen Wüstenmotel verfolgt ein metzelfreudiger Dämon einige jugendliche Pechvögel. Die meisten rafft es dahin, bis dem Rest eine Flucht gelingt, die sich indes als Illusion entpuppt … – Was wie eine Sammlung viel zu bekannter Filmklischees wirkt, entwickelt sich zu einem handwerklich gut gemachten Thriller, dessen Handlung sich keineswegs auf Blutspritzereien beschränkt. Stattdessen wird mit erstaunlich überzeugenden Darstellern spannend eine Mystery-Geschichte erzählt, die im Finale eine durchaus originelle Auflösung erfährt.

Das geschieht:

Irgendwo in der Wüste des US-amerikanischen Südwestens findet eine grandiose Rave-Party statt. An der wollen fünf Studenten beiderlei Geschlechts unbedingt teilnehmen. Leider verschweigt der geistig schlicht gestrickte Trip seinen Mitfahrern Gretchen, Cookie, Nelson und dem blinden Jack, dass er sich den Zorn des Drogenpanschers Radford zugezogen hat, als er diesem eine ganze Kiste Ecstasy-Tabletten klaute. Der erboste Pillerdreher droht mit handgreiflicher Vergeltung und macht sich an die Verfolgung des Quintetts.

Dieses ist inzwischen in einem heruntergekommenen Motel gestrandet, da das Vehikel den Geist aufgegeben hat. An Hilfe ist nicht zu denken; die Anlage ist völlig verlassen, für die Handys gibt es keinen Empfang. Wohl oder übel richtet man sich auf eine Nacht in der Wüste ein, was verständlicherweise vor allem Trip etwas nervös reagieren lässt. Tatsächlich glaubt er bald seinen rachsüchtigen Dealer zu sichten. Zunächst taucht allerdings nur der alte Henry auf, der seine Gattin vermisst, über Herzschmerzen und Gedächtnislücken klagt und sichtlich etwas verbergen möchte.

Doch für die fünf jungen Leute kommt die Gefahr, als sie sich buchstäblich materialisiert, aus einer ungeahnten Richtung: Flirrende Luft und ekelhafter Gestank nach faulendem Fleisch kündigen die Ankunft des skeletthaften „Reekers“ an, der sie mit einer Kollektion eindrucksvoller Mordmaschinen verfolgt und dabei nicht ohne Erfolg bleibt. Das Ungeheuer ist schnell und leider unverwundbar. Schlimmer noch: In dem und um das Motel beginnen scheußlich verstümmelte Gestalten umzugehen, die kryptische Botschaften verkünden, nach denen man sich gar nicht mehr in der Realität aufhalte. Was das bedeuten mag, muss ungeklärt bleiben, denn die Flucht vor dem Reeker hält die rasch zusammenschmelzende Schar unserer unglücklichen Partygänger in Atem. Ohnehin gibt es Faktoren, die ihnen verborgen bleiben werden, bis es zu spät ist bzw. das Wissen darum keine Rolle mehr spielen wird …

Kostengünstig & (trotzdem) gut

Schon wieder so ein Schlitzer-Filmchen, das hübsche, triebhafte, dämliche Jugendliche mit einem irren Killer konfrontiert? Genauso sieht es zunächst aus; bevor der Vorspann einsetzt, gibt es einige wirklich fiese Morde. Doch schon zu diesem frühen Zeitpunkt merkt der Zuschauer auf: Hier hält die Kamera nicht einfach platt aufs Geschehen – hier wird inszeniert und das mit erfreulichem Geschick: Gruseln und Neugier auf das, was noch kommen wird, stellen sich umgehend ein.

Wie hoch der „Reeker“ über dem Bodensatz des Horrorfilms schwebt, kann bzw. soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Dem insgesamt spannungsreichen Hauptteil folgt ein zwar nicht wirklich neuer aber sehr geschickt umgesetzter Twist, der die gesamte Handlung in ein völlig neues Licht stellt. Damit wird „Reeker“ zu einem der seltenen Filme, die man sich gleich ein zweites Mal anschauen und dabei eine ‚neue‘ Geschichte erleben kann: Was bisher erschreckend und rätselhaft blieb, fügt sich plötzlich logisch zusammen.

Auch sonst ist der Enthusiasmus, mit dem die Macher von „Reeker“ Slasher-Routinen weitgehend vermeiden, jederzeit spürbar. Mit erstaunlichem Einfallsreichtum gelingt es ihnen darüber hinaus, das geringe Budget vergessen zu lassen. Die Wahl eines isolierten, wenig aufwändigen Schauplatzes sowie das Engagement weitgehend unbekannter und deshalb kostengünstiger Darsteller sind bekannte Folgen chronischen Geldmangels, der im Horrorfilmgenre jenseits der großen Studios an der Tagesordnung ist. Scheinbare Nachteile können sich jedoch unter den Händen fähiger Drehbuchautoren, Regisseure und Ausstatter durchaus in Vorteile verwandeln. „Reeker“ ist so ein Film, der keinen Moment wie ein ständiger Kompromiss wirkt, sondern in seiner Kulisse zur idealen Spielwiese für die gewählte Geschichte wird.

Darsteller in gelungenen Rollen

Das positive Urteil des Kritikers schließt die Schauspielerriege ausdrücklich ein. Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit, da für Slasher-Filme üblicherweise gut gebaute Jungmänner und knackige Mädels gecastet werden, die für die kurze Zeit ihrer Darstellung notgeilen Jungvolks proper aussehen sollen, bevor sie möglichst einfallsreich gekillt werden. In „Reeker“ könnte dieses Klischees höchstens auf Cookie und Trip zutreffen, die trotz ihres hirnarmen Auftretens jedoch wichtige Rollen im Ensemble übernehmen: Sie bilden die Gegengewichte zum ‚vernünftigen‘ Trio Gretchen, Nelson und Jack.

Gretchen ist eine interessante Figur – dies sogar buchstäblich, denn sie entspricht erst recht nur bedingt den oben skizzierten Klischee-Anforderungen. Tina Illmans außerordentlich markant geschnittenes Gesicht verleiht ihr eine Individualität, die sich in der gespielten Persönlichkeit widerspiegelt: Gretchen kommt aus dem südafrikanischen Johannisburg und lässt sich schon deshalb schwer aus der Ruhe bringen. Sie ist von ernstem Wesen und verfügt über ausgeprägte ethische Grundsätze. In diesem Punkt entspricht „Reeker“ klassischen Horrorfilm-Vorgaben: Gretchen verhält sich gesellschaftskonform konservativ und empfiehlt sich damit schon früh als potenzielle Überlebende.

Das gilt auch für Jack, denn der ist blind und übernimmt deshalb eine Sonderrolle. „Reeker“ ist keiner dieser zynischen Neo-Schlitzer, die mit dem ausdrücklichen Willen politisch unkorrekt zu unterhalten die Schwachen und Hilflosen erst recht zu einem grausigen Tod verdammen. Jack ist blind aber kein Opfer, er hat sich mit trockenem Humor in seine Behinderung gefügt. Deshalb ist er auch in der Krise kein Hindernis, sondern weiß sich und seinen Gefährten zu helfen.

Wie visualisiert man Gestank?

Eine kleine aber schöne Rolle wird vom B-Movie-Veteranen Michael Ironside gemimt. Er gibt zur Abwechslung nicht den lautstarken Eisenfresser, sondern kommt ganz leise als Teil des Ensembles ins Geschehen. Er spielt gut und mit sichtlichem Vergnügen, aus dem er im Interview keinen Hehl macht: Ironside freut sich, wenn er nicht der böse Mann sein muss. Hier kommt ihm stattdessen eine zentrale Bedeutung bei der Auflösung des Reeker-Rätsels zu. Noch zwiespältiger wirkt in dieser Beziehung der verhinderte ‚Doktor‘ Radford, der dem Reeker scheinbar unfreiwillig zuarbeitet, während ihm in diesem Drama eine völlig unerwartete Rolle zufällt.

Die Spezialeffekte halten sich quantitativ in Grenzen. Dafür lassen sie in Sachen Qualität keinen Grund zur Klage aufkommen. Was den Pechvögeln widerfährt, die dem Reeker unter dessen Bohrer, Klingenpropeller oder Elektromesser kommen, wirkt ausgesprochen realistisch, ohne gleichzeitig nur auf den Effekt bedacht zu sein: Wenn es blutig wird, dann gehört es zur Handlung. Digitale Tricktechnik kommt selten aber gut überlegt zum Einsatz. Den Reeker umgibt ein flirrender, heißer Schwall stinkender Luft. Dieser ist optisch sehr gut gelungen und lässt die Spannung steigen, wer – oder was – sich hinter dieser Tarnung verbirgt.

Der Reeker zeigt sich im Verlauf der Handlung deutlicher. Die Skelettmaske ist ordentlich, kann aber nicht die Unheimlichkeit dieses Unholds ersetzen, der viele Filmminuten nur auftritt, wie es der Originaltitel ankündigt: als durchsichtiger, übel riechender Qualmer. (Wieso „Reeker“ als Titel in der deutschen Fassung beibehalten wurde, ist schwer nachzuvollziehen. Sonst ist man nicht zimperlich mit der Erfindung von Untertiteln, die plump & plakativ das Gezeigte ankündigen.) Freilich ist auch das letztlich Element der vielen Täuschungen, mit denen wir Zuschauer erfolgreich in die Irre geführt und erfreulich gut unterhalten werden.

DVD-Features

Der positive Eindruck, den die „Reeker“-DVD hinterlässt, bleibt beim Anschauen der Extras erhalten. Zwar müssen auch hier Features wie „Behind the Scenes“, „Making of“ und vor allem die Interviews mit Vorsicht genossen werden: Alle Beteiligten loben einander über den grünen Klee und vermitteln den Eindruck einer großen, glücklichen Familie. Das ist die werbetaktische Fortsetzung des Schauspielens im ‚Dokumentarischen‘; eine ‚Kunst‘, die längst global vollendet beherrscht wird. Über das reale Geschehen am Drehort oder die Stimmung erfährt man wenig. Hier durchbrechen zumindest Regisseur Dave Payne und Darstellerin Tina Illman – die gleichzeitig Produzentin des Films ist – das Schema, indem sie mit sympathischer Offenheit und erkennbarem Vergnügen von besonders fiesen Einfällen schwärmen.

Warum DVDs mit „Fotogalerien“ bepackt werden, muss ein Rätsel bleiben: Wem nützen die kommentarlos wiedergegebenen Abbildungen? Was sehen wir, wie können wir es einordnen? Es bleiben Schnappschüsse, die einfach deshalb zu sehen sind, weil die DVD den Speicherplatz dafür bietet.

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Reeker
Originaltitel: Reeker (USA 2005)
Regie, Drehbuch u. Musik: Dave Payne
Kamera: Mike Mickens
Schnitt: Daniel Barone
Darsteller: Devon Gummersall (Jack), Derek Richardson (Nelson), Tina Illman (Gretchen), Scott Whyte (Trip), Arielle Kebbel (Cookie), Michael Ironside (Henry), Eric Mabius (Radford), Marcia Strassman (Rose), David Hadinger (Reeker), Les Jankey (Trucker) uva.
Label: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 11.05.2006 (DVD)
EAN: 4042662331470 (DVD)
Bildformat: Widescreen 16 : 9 (1.85 : 1) anamorph
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min.
FSK: 16

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