Reykjavík Whale Watching Massacre

Originaltitel: Harpoon/The Reykjavík Whale Watching Massacre (Island 2009)
Regie: Júlíus Kemp
Drehbuch: Sjón Sigurdsson
Kamera: Jean Noel Mustonen
Schnitt: Sigurbjorg Jonsdottir
Musik: Hilmar Örn Hilmarsson
Darsteller: Pihla Viitala (Annett), Nae Yuuki (Endo), Terence Anderson (Leon), Miranda Hennessy (Marie-Anne), Helgi Björnsson (Tryggvi), Guðrún Gísladóttir (Mamma), Stefán Jónsson (Siggi), Aymen Hamdouchi (Jean François), Carlos Takeshi (Nobuyoshi), Miwa Yanagizawa (Yuko), Halldóra Geirharðsdóttir (Helga), Snorri Engilbertsson (Anton), Gunnar Hansen (Kapitän Pétur) u. a.
Label/Vertrieb: KNM Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 28.09.2010 (Leih-DVD/Blu-ray) bzw. 19.10.2010 (Kauf-DVD/Blu-ray)
EAN: 4260144380987 (DVD) bzw. 4260144381014 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min.
FSK: 18

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Das geschieht:

Längst ist auch die Insel Island zum beliebten Reiseziel geworden. Kapitän Pétur fährt nicht mehr zum Fischen hinaus aufs Meer, sondern bringt mit seiner „Poseidon“ Touristen dorthin, wo sich wieder Wale tummeln, die nach erbarmungsloser Jagd fast ausgerottet waren. Aber nicht alle Isländer sind mit dem Fangverbot einverstanden. Verbittert hausen Mamma und ihre Söhne Tryggvi und Siggi auf einem verlotterten Walfänger. Den Lebensunterhalt müssen sie sich durch den Verkauf von Souvenirartikeln an reiche Touristen verdienen. Voller Hass sind sie zu Piraten und Mördern geworden, die Touristenboote auf See aufbringen, um die Insassen zu berauben und umzubringen.

Auch die Passagiere der „Poseidon“ geraten in ihre Gewalt, nachdem Kapitän Pétur durch einen Unfall umgekommen ist. Während Mamma umgehend der Mordgier verfällt, steht dem schwachsinnigen Siggi der Sinn nach weiblicher Nähe. Beides stößt bei den Schiffbrüchigen auf heftige Ablehnung. Fluchtartig zerstreut man sich auf dem Walfänger, sucht nach Verstecken oder einem Funkgerät, während die böse Familie sich mit Messern, Bootshaken und Harpunen auf ihre Fersen setzt. Unter der Führung von Leon formiert sich der Widerstand. Anderswo unter Deck nimmt die Japanerin Endo ihr Schicksal ebenfalls entschlossen in die Hand.

An Bord bricht ein Kampf auf Leben und Tod aus. Mamma und ihre Söhne dürfen keine Zeugen überleben lassen, wenn sie ihr übles Treiben fortsetzen wollen. Ihren Opfern ist dies sehr wohl bewusst, sodass auch sie die Samthandschuhe abstreifen und sich mit allem Inventar wehren, das ihnen in die Finger fällt …

Eine Slasher-Horror-Komödie?

Bereits der Titel ist als deutlicher Hinweis zu verstehen, das Geschehen bitte nicht gar zu ernst zu nehmen: Kein Marketing der Welt würde einem ‚richtigen‘ Horror-Film dieses sperrige und völlig unsinnige „Reykjavík Whale Watching Massacre“ aufbürden. Stattdessen wird der Titel zum ersten Beleg für eine zwar ruppige und blutreiche, aber letztlich eher schwarzhumorige Horror-Komödie. Selbstverständlich soll er an den Kult-Klassiker „Texas Chainsaw Massacre“ erinnern und entsprechende Neugier generieren. Außerdem ist Gunnar Hansen, das leibhaftige „Leatherface“, aus ebendiesem Grusel-Schocker, als Kapitän Pétur kurz an Film-Bord. Dieser Besetzungswitz bekommt sogar eine zweite Ebene: Hansen, der so glänzend den Killer aus der US-Provinz des Mittelwestens mimte, wurde auf Island geboren und fügt sich daher völlig harmonisch in die Darstellerschar des (angeblich) „ersten Thrillers aus Island“.

Damit sind die gelungenen Elemente dieses seltsamen Films fast schon aufgezählt. Witzig kann man (muss man aber nicht) noch die Prämisse finden, dass die Isländer, Nachfahren kühner Wikinger und Walfänger, sich nicht wirklich dem Gesetz beugen mögen, das ihnen die Jagd auf Wale verbietet. Im Akkord schnitzen sie ausgerechnet Walfigürchen aus Abfallknochen, um sie an hochnäsige Touristen zu verhökern, deren Reichtum und Benehmen für Ingrimm sorgen. Kein Wundern dass einigen Seefahrern schließlich der Kragen platzt!

Punkten kann „R.W.W.M.“ darüber hinaus mit seiner exotischen Kulisse. Island ist – zumal für das Horror-Genre – kein geläufiger Schauplatz. Freilich sieht man nur zu Beginn ein wenig von Land und Leuten; auf See verlieren sich die lokalen Besonderheiten. Unsere Geschichte könnte nun überall spielen, wo es salzig, nass, kalt und nebelig ist. Wenigstens ist der alte Walfänger echt, und der Kameramann weiß, wie er das breitformatige Bild ansehnlich füllen kann: Dies ist kein Film, der in engen, billigen Studiokulissen entstand. 4 Mio. Dollar soll „R.W.W.M.“ gekostet haben, und hin & wieder sieht man ihm dies an.

Wozu der Aufwand?

Da ist es schade, dass sich echter Zuschauerspaß selten einstellen möchte. Dieser steht bekanntlich in direkter Relation zum Unterhaltungsgehalt eines Films. Um den steht es hier so schlecht wie um Kapitän Pétur, nachdem er vom König der unglücklichen Zufälle bzw. von einem Stahlrohr durchbohrt wurde. Die Handlung basiert auf keiner originellen Idee, um es vor- und nachsichtig auszudrücken. Debiles Gesindel wie Mamma und ihre Brut werden filmisch üblicherweise in den Hinterwäldern der USA lokalisiert. Einen spezifisch isländischen Irrsinn legen sie höchstens im Detail an den Tag, wenn Mamma eines ihrer Opfer beispielsweise auffordert, „wie ein Wal“ zu singen.

Trotz ihrer denkbar simplen Struktur wird die Geschichte wirr und planlos erzählt, denn Drehbuchautor Sigurdsson begeht diverse Kardinalfehler. So splittert er Täter und Opfer auf und lässt sie weitgehend separat auf dem Walfangschiff umhertappen. Die Touristen sind kaum an Bord, da haben Mamma und ihre Söhne die Kontrolle bereits verloren. Sie gewinnen sie niemals zurück. Diese Tölpeligkeit kostet sie ihre Bedrohlichkeit, die ohnehin nur schwach ausgeprägt war, weil Sigurdsson seine Mörder als Karikaturen überzeichnet.

Weder Fisch noch Fleisch

Die Unentschlossenheit der Story kündet von Ratlosigkeit hinter der Kamera. „R.W.W.M.“ ist als Komödie zu ernsthaft und als Slasher zu komisch. Die Handlung entbehrt nicht nur der Logik, sondern auch der einschlägigen Elemente beider Genres. Immer wieder kommen sich Horror und Humor in die Quere. Ein gutes Beispiel ist Tryggvis (gelungener) Versuch, den sein Heil in schwimmender Flucht suchenden Nobuyoshi per Kanonen-Harpune ‚zurückzuholen‘. Selbst der nachsichtige Zuschauer kann sich der Frage nicht erwehren, wieso ausgerechnet dieses Mordinstrument einsatzbereit oder überhaupt noch vorhanden ist; seine Existenz würden die isländischen Behörden wohl auch als ‚Andenken‘ kaum an Bord dulden. Außerdem ist es schwer zu glauben, dass sich mit dieser Kanone ein kleiner, durch Wellengang hin und her geworfener Mensch anvisieren und treffen lässt, weshalb schlecht realisierte CGI-Technik diese Illusion erzwingen soll.

Gemetzelt wird also mit einem Zwinkern im Augenwinkel, was eine Herausforderung ist, die weder Drehbuchautor Sigurdsson noch Regisseur Kemp meistern konnten. Die offensichtliche Übertreibung der Mordszenen ist zu viel des Guten; sie wirken weder schockierend noch komisch, sondern lächerlich. Ihr Gore-Gehalt hält sich ohnehin in Grenzen, nicht einmal die deutsche FSK hatte etwas einzuwenden. Geht Kemp ein wenig vom Gas, klappt der Spagat besser; vor allem das Ende des Dümmlings Jean François weist jene absurde und blutige Zweisamkeit auf, die Autor und Regisseur anstreben.

Kopf ab – nächster!

„R.W.W.M.“ ist ein Film ohne sympathische Figuren. Mit Terence Anderson gibt es zwar einen Helden, was ironisch gebrochen werden soll – Leon ist ein schwarzer, jedoch schwuler Supermann: einer der vielen fragwürdigen ‚Gags‘. Kemp und Sigurdsson bemühen sich generell, die Stereotypen des Horrorfilms zu unterlaufen. Zwar bleiben die Widerlinge widerlich, doch in der Krise zeigen auch die ‚Guten‘ hässliche Gesichter. Eigennutz und nackter Selbsterhaltungstrieb triumphieren, eine weitere Metamorphose, die nur bedingt überzeugt. Noch am besten kommt  Nae Yuuki als Endo davon, die nicht nur um ihr Leben kämpft, sondern eiskalt die Chance nutzt, die verhasste Knechtschaft als Fußabtreter reicher japanischer Emporkömmlinge abzuschütteln.

Die einzige sympathische Figur ist – auch dies erfüllt definitiv den Tatbestand der zufällig gelungenen Ironie – ausgerechnet Kapitän Pétur. Als er das Zeitliche gesegnet hat, ist es dem Zuschauer gleichgültig, wen es erwischt. Die Handlung löst sich in eine konventionelle Hetzjagd auf. Regisseur Kemp fehlt es am Geschick, diese spannend und überraschungsstark zu gestalten. Er versucht es, steht sich dabei aber so ungeschickt im Weg, dass man unwillkürlich aufstöhnt, wenn er schon wieder einen Knalleffekt zu einer feuchten Fehlzündung gerinnen lässt. Irgendwann ist man müde und ignoriert resignierend tausend Fragwürdigkeiten wie diese: Wieso wird die frisch verwitwete Marie-Anne spontan mannstoll? Wieso flüchtet Maat Bjorn nach Péturs Tod (an dem er unschuldig ist) von der „Poseidon“, die er mit allen Passagieren versenken will (wobei er das Funkgerät unbeschädigt lässt)? Was geschieht mit Mamma, die noch nicht tot aus der Handlung verschwindet?

Ende mit aber ohne Schrecken

Die Unentschlossenheit hinter der Kamera hat sich offensichtlich den Schauspielern mitgeteilt. Dort, wo sie das Drehbuch stützt, leisten sie gute Arbeit. Kleine Szenen wie die im Hafen strotzen vor trockenem, politisch unkorrektem Witz, den die Darsteller wie nebenbei und deshalb umso überzeugender präsentieren. Als die Jagd beginnt, stehen sie auf verlorenem Posten. Der Holzhammer kreist. Er geht auch auf das Finale nieder, das keineswegs die zentralen Figuren sammelt und zur Entscheidung zwingt, sondern abermals das licht gewordene Feld zerstreut und die Überlebenden in Ereignisse verwickelt, die oft nur lose mit der Handlung zu tun haben.

Vor allem Annetts und Marie-Annes schließlich doch erfolgende Begegnung mit leider gar nicht freundlichen Walen wird zum viel zu lang ausgespielten und letztlich harpunierten Witz. Die völlig missglückten ‚Spezialeffekte‘ tragen kräftig dazu bei; Kemp montiert Überwasser-Szenen mit Archiv-Aufnahmen tauchender Schwertwale zusammen – eine filmtechnische Lösung, die eindeutig nicht mehr zeitgemäß ist.

So beginnt Islands Aufbruch in das moderne Horror-Kino mit einem Fehlstart. Viel guter Wille, engagierte Schauspieler und ein ordentliches Budget ersetzen weder eine solide Story noch deren lebendige Umsetzung. „R.W.W.M.“ schleppt sich eher schlecht als recht und ganz sicher nicht gelungen über anderthalb Stunden Laufzeit. Schade um die guten Ansätze – und hoffentlich mehr Glück (bzw. Talent) beim nächsten Mal! Skøl!

DVD-Features

Viel Vertrauen hatte das deutsche Label offenbar nicht in den Kultstatus dieses Films, dessen Features sich deshalb auf einige Bilder vom Set beschränken, die das Anschauen jedoch nicht lohnen.

[md]

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