In einem verfallenden Hochhaus irgendwo in Hongkong kämpfen ein ausgebrannter Schauspieler und ein Exorzist im Ruhestand gegen böse Geister und einen mörderischen Vampir … – Juno Maks Hommage an das phantastische Hongkong-Kino der 1980er Jahre ist spannend, tragisch und witzig, dabei grandios bebildert und ausgezeichnet besetzt; zum Problem werden die dem abendländischen Zuschauer oft unverständlichen Verweise auf die chinesische Mythologie: trotzdem ein Genuss!

Das geschieht:

Einst war Chin Siu-ho ein berühmter Schauspieler. Schon lange wird er nicht mehr engagiert, ist pleite und wurde von seiner Familie verlassen. Mit dem festen Entschluss sich umzubringen mietet Chin Apartment 2442 in einer verfallenden Wohnanlage. Bald hängt er in einer Schlinge – und muss erleben, wie plötzlich zwei weibliche Geister erscheinen, die es auf seinen sterbenden Körper abgesehen haben.

Bevor sie ihn übernehmen können, erscheint Garkoch Yau, ein Exorzist im Ruhestand, der Chin in letzter Sekunde abschneidet und die Geisterschwestern vertreibt. Die beiden Männer freunden sich an. Zwar gibt es keine Vampire mehr, die Yau jagen müsste, doch noch immer sieht er die Geister der Verstorbenen, von denen es in dem riesigen, alten Gebäude mehr als genug gibt.

Zu den Mietern gehört auch Gau, ein dilettierender Schwarzmagier mit erschreckender Fehlerquote. Gerade hat der alte Tung die Begegnung mit einem von Gau beschworenen und dann entwischten Dämon nicht überlebt. Die untröstliche Gattin Mui bittet ahnungslos ausgerechnet Gau um Hilfe. Er kann der Herausforderung nicht widerstehen, den alten Mann aus dem Jenseits zurückzuholen. Dazu muss er dessen Körper in einen Untoten verwandeln. Da sich Mui in ihrer Ungeduld Gaus Vorgaben ignoriert, mutiert Tungs Körper zu einem blutrünstigen Vampir, der wenig später zu allem Überfluss von den Geisterschwestern besessen wird.

Nachdem das Ungeheuer sich den kleinen Pak gegriffen hat, rüsten Chin und Yau zum Kampf. Doch sie haben die Rechnung ohne die alte Mui gemacht, die notfalls zur Mörderin wird, um zu verhindern, dass man Tungs Körper zerstört. Ohnehin ist der Vampir übermenschlich stark und beinahe unverwundbar. In den endlosen Fluren, Kellergängen und Kammerfluchten des Hauses bricht eine blutige Schlacht aus, die mit Zauberei ebenso wie mit handfester Gewalt geschlagen wird …

Das Beste zweier unterschiedlicher Welten

Der asiatische Horror ist eine zwiespältige Angelegenheit. Auf der einen Seite erfreut die Vielfalt einer Mythologie, die auch dem westlichen Publikum bekannte Schreckgestalten neue Seiten aufprägt. Hinzu kommt eine Vielzahl originaler Phantome, deren Gruselpotenzial sich auch ohne intime Kenntnis des kulturellen Umfelds mitteilt.

Auf der anderen Seite ist das Asia-Kino dem Theater zumindest in der Figurenzeichnung noch sehr oder allzu nahe. Rollen werden nicht gespielt, sondern zelebriert. Das Spiel gibt die Reaktionen des Zuschauers sehr viel deutlicher vor als im Kino des Westens: Seit dem Ende des Stummfilms ist hier die Vermittlung von Emotionen deutlich subtiler geworden. Übertriebenes Mienenspiel gilt als „Chargieren“ und wird höchstens eingesetzt, um Komik zu erzeugen.

Im Asia-Kino ist Chargieren quasi Pflicht. Gerade bitterernst gemeinte, weil hochdramatische Momente werden dem West-Publikum dadurch zur Qual: Wie können sich erwachsene Menschen nur so kindisch aufführen? Dieses spezielle Schauspiel verdirbt deshalb den Genuss zahlreicher Filme, die ansonsten interessante Geschichten und große Schauwerte zu bieten haben.

Wenn Ost und West einen gemeinsamen Nenner finden, kann allerdings Großartiges entstehen, wie Regisseur Juno Mak mit „Rigor Mortis“ beweist. Wahrscheinlich liegt es daran, dass dieser Film in Hongkong entstand. Zwar ist die Stadt keine britische Kronkolonie mehr, doch der jahrzehntelange Kontakt zur Kultur der westlichen Hemisphäre hat das Verständnis dafür geweckt, was außerhalb Asiens cineastisch goutiert wird – oder eben nicht.

Eine gemeinsame Filmsprache finden

„Rigor Mortis“ ist beileibe nicht gänzlich frei vom emotionalen Overkill, doch in der Regel drückt Mak in dieser Beziehung deutlich auf die Bremse. Statt Knallchargen treten Menschen auf, die ihre Geschichten erzählen. Man nimmt Anteil an ihren Schicksalen, die Mak geschickt in die Handlung einfließen lässt.

Gleichzeitig ist „Rigor Mortis“ ein höchst artifizielles Projekt. Dass es mindestens eine zusätzliche Verständnisebene geben muss, bemerkt der Zuschauer, sobald etwas geschieht, das ihn (und sie) ratlos zurücklässt, während die Figuren es als selbstverständlich hinnehmen: Der Verzicht auf groteskes Überspielen macht noch deutlicher, dass diese Geschichte in einem mannigfaltigen aber dem westlichen Publikum weitgehend unbekannten Kulturkreis spielt. Manchmal folgen rätselhafte aber offensichtlich logische Handlungen so rasch aufeinander, dass der nicht eingeweihte Zuschauer schlicht den Anschluss verliert.

Ehrgeizig versucht er ihn jedoch jedes Mal wiederzufinden, denn „Rigor Mortis“ ist ein Film, der solchen Aufwand verdient. Selbst ohne die Kenntnis der filmischen Vorgeschichte – dazu mehr weiter unten – brennt Juno Mak ein faszinierendes Feuerwerk ab. Inhalt und Form ziehen in den Bann, wie dies nur ein guter Film vermag. Die Geschichte beginnt, nimmt sofort Tempo auf und kennt auf dem Weg in ein spektakuläres Finale keine Längen.

Rasanz in Formvollendung

Schon die Kulisse ist grandios. Die gesamte Handlung spielt in einem Hochhaus. Es soll mitten in Hongkong stehen, doch die Stadt bleibt wie die Außenwelt überhaupt außen vor. Nicht einmal die Sonne hat echten Zugang; sie muss sich farblos und kränklich ihren Weg durch winzige Fenster und verhängte Scheiben kämpfen.

Das Haus bildet einen isolierten Mikrokosmos. Niemand scheint es zu verlassen, was auch nicht nötig ist. Im Erdgeschoss gibt es ein Restaurant und kleine Läden. Die Architektur ist beklemmend, die Wohnungen gleichen Schließfächern, sind klaustrophobisch eng und zusätzlich mit Möbeln überfrachtet. Der Verfall hat längst eingesetzt; der Putz bröckelt, Schlingpflanzen und Pilze wuchern. Wer hier lebt, ist ganz unten gelandet, wie Hauswart Yin es ausspricht. Man kann einen Schritt weitergehen: Wer hier lebt, wartet auf den Tod.

Schon bevor der Vampir zu morden beginnt, gehen Geister in dem Haus um. Wieder ist es der asiatischen Kultur geschuldet, dass niemand daran zweifelt. Mit Yau und Gau leben sogar zwei Magier im Haus. Gau lebt gut von den Wünschen seiner Kunden, die lieber zu ihm als zu einem modernen Arzt gehen. Die Verschmelzung von Diesseits und Jenseits ist wichtig für die Handlung, denn es geht nie darum, jemanden von der Existenz eines Spukes zu überzeugen. Stattdessen kann Mak sich ihm voll und ganz widmen und muss keine Zeit für seine Etablierung aufwenden.

Deshalb geht es bald hoch her in den endlosen Fluren und Kammern des Hauses. Kameramann Ng Kai-ming fordert seinem Arbeitsinstrument alles ab. Hinzu kommen unzählige Spezialeffekte, die der Kamera buchstäblich Flügel verleihen, sie durch Schlüssellöcher oder Wände fliegen, kippen, springen oder kreisen lassen. Die Künstlichkeit vieler Effekte ist dabei gewollt. Sie verstärkt den Eindruck einer parallel zum Alltag existierenden Realitätsebene.

Die Rückkehr des hüpfenden Blutsaugers

Viel Subtext entgeht dem Zuschauer durch die Unkenntnis der separaten filmischen Vorgeschichte von „Rigor Mortis“. 1985 inszenierte der hongkong-chinesische Regisseur Ricky Lau die Horror-Komödie „Geung si sin sang“ („Mr. Vampire“). Sie war so erfolgreich, dass sie ein eigenes Franchise hervorbrachte. In den nächsten Jahren entstanden weitere Filme, die mit dem Original meist keine inhaltlichen Verbindungen aufwiesen.

Bereits 1980 hatte Sammo Hung mit „Gui da gui“ („Spooky Encounters“) den ersten Horrorfilm des Subgenres „Geung-si-Fiction“ gedreht. Hier traten erstmals die bereits in der Qing-Dynastie erwähnten „geung si“ (auch „jiangshi“) prominent auf: durch taoistische Magie wiederbelebte Leichen, die in sich die Eigenschaften von Zombies und Vampiren vereinen. Charakteristisch ist ihre Fortbewegungsweise: Sie laufen nicht, sondern hüpfen. (Nebenbei trieben sie schon früher ihr Unwesen; Filmfreunde kennen sie u. a. aus dem „Hammer“-Klassiker „The Legend of the 7 Golden Vampires“, 1974, Dt. „Die sieben goldenen Vampire“ mit Peter Cushing in seiner Paraderolle als Professor van Helsing.)

Die ‚klassische‘ Ära der „Geung-Si“-Filme endete um 1995; wie üblich hatten zu viele Köche Geld mit eigenem Brei verdienen wollen und das Publikum überfüttert. Knapp zwei Jahrzehnte später ist die Zeit offensichtlich reif für eine Wiederkehr. „Rigor Mortis“ ist gleichzeitig Relaunch, Reboot und Hommage, was dem filmhistorisch kundigen Publikum in Asien besonders gut gefiel. Mak und seine beiden Drehbuchautoren Jill Leung und Philip Yung wussten genau, welche Elemente die Erinnerung an das „Geung-si“-Phänomen vergoldet hatten. Diese modernisierten sie, stellten aber gleichzeitig über die Darstellerriege eine direkte Verbindung zu „Mr. Vampire“ her, indem sie viele der damals eingesetzten Schauspieler für „Rigor Mortis“ besetzten. Chin Siu-ho, der nicht nur im Originalfilm, sondern auch in mehreren Fortsetzungen mitspielte, bewahrt in seiner gleichnamigen Rolle sogar die dabei getragenen Kostüme im Apartment 2442 auf – eine der Verschränkungen zwischen Fiktion und Realität, wie  Mak sie gern einsetzt.

Im Augenblick des Todes

Ohnehin ist die gesamte Handlung irreal, wie Mak in einem gewagten aber gelungenen Finaltwist offenbart. Die Fiktion hat sich verselbstständigt, aber die Realität ist noch bitterer. Chin Siu-ho spricht es selbst an einer Stelle an, doch es ist erneut ein leicht überhörter Hinweis, der sich in ein auch nachträglich überraschendes Gesamtbild einfügt. Man muss die Augen offenhalten, um der Handlung auf der Spur bleiben zu können!

Die Darsteller stellen tatsächlich Rollen dar (s. o.) und leisten dabei hervorragende Arbeit, wobei Mak einen Wagemut an den Tag legt, den man ihm in Hollywood nicht gestatten würde. So ist Tante Mui eine bedauernswerte alte Frau, die keine Witwe sein will und dafür notfalls über Leichen geht; im Gedächtnis bleibt die Szene, in der sie dem Vampir ein Kind vorwirft.

Sicher die interessanteste Figur ist der Taoist und Exorzist Yau, der über notdürftiger Bekleidung einen alten Bademantel trägt und dem Abenteuer angeblich abgeschworen hat. Hinter dieser Maske steckt ein tragischer Charakter: Wie das Kino, sein Publikum und seine Familie Chin Siu-ho verließ, hat die Welt Yau, den Exorzisten vergessen und in das alte Haus abgeschoben, das zu einem Lager ausgegrenzter Existenzen wird, die von den Geistern, mit denen sie ihre Bleibe teilen, kaum zu unterscheiden sind.

Selbstverständlich besinnt sich Yau, um voller Vehemenz am epischen Endkampf mit dem Vampir teilzunehmen. Dieser leidet ein wenig unter dem beschränkten Produktionsbudget, das einige Spezialeffekte allzu durchsichtig geraten lässt. Wieder einmal zeigt sich, dass eine Maske, ein Kostüm oder eine Kulisse der CGI-Technik jederzeit überlegen sind. Nichtsdestotrotz geht es hart zur Sache. „Rigor Mortis“ hat humorvolle Momente, aber eine Komödie ist dies nicht! Das Blut fließt in Strömen, Körperteile werden durchbohrt oder ruppig entfernt. Maks Verdienst liegt darin, sich nicht auf diese Splattereien zu stützen, sondern sie in ein Geschehen zu integrieren, das insgesamt tiefgründig oder einfach nur unterhaltsam ist: Das Publikum entscheidet.

DVD-Features

Die Ausstattung ist kümmerlich. Es gibt einen deutschen und den Originaltrailer und eine kaum halbminütig ablaufende „Artwork Galerie“. Informativer und werbungsärmer als sonst ist das „Making of“, das vermutlich deshalb nur 11 Minuten läuft.

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Rigor Mortis – Leichenstarre
Originaltitel: Geung si (China/Hongkong 2013)
Regie: Juno Mak
Drehbuch: Jill Leung u. Philip Yung
Kamera: Ng Kai-ming
Schnitt: David Richardson
Musik: Nate Connelly
Darsteller: Chin Siu-ho (Chin Siu-ho), Anthony Chan Yau (Yau), Kara Hui Ying-Hung (Feng), Lo Hoi-pang (Onkel Yin), Richard Ng Yiu-Hon (Onkel Tung), Pau Hei-ching (Tante Mui), Chung Faat (Gau), Billy Lau Nam-kwong, Ko Cheun-Man, Morris Ho Kwong-yui, Oggy Ho Hong-man, Zip Ho Kin-man, Bobo Tsang Bo u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 15.04.2014
EAN: 7613059804852 (DVD)/7613059404854 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Kantonesisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 101 min.)
FSK: 18

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