Autoreifen Robert erwacht in der Wüste. Er kann Gegenstände (und Köpfe) zerspringen lassen und findet Lust am Morden. Als er eine Mülldeponie entdeckt, auf der alte Reifen verbrannt werden, dreht Robert durch und läuft mordend Amok … – Seltsame Mischung aus Arthouse-Kino und Trash-Komödie, die am besten dort funktioniert, wo sich die Kamera auf das Treiben des Reifens konzentriert, der durchaus eine Persönlichkeit entwickelt; eher schräg als komisch.

Das geschieht:

In der Wüste des US-Staates Kalifornien erwacht Robert, der Autoreifen, zum Leben. Kurz nachdem er gelernt hat, selbstständig zu rollen, entdeckt er, dass es ihm großes Vergnügen bereitet, Dinge unter seiner Lauffläche zu zerquetschen. Wer ihm entkommt, wird garantiert erwischt, wenn Robert seine telekinetischen Fähigkeiten zur Anwendung bringt und sein Opfer explodieren lässt.

Als Robert den Highway erreicht, kreuzt er den Weg der schönen Sheila in ihrem Cabrio. Er ist fasziniert und bringt den Wagen zum Anhalten, aber bevor er sich dem Objekt seiner Begierde nähern kann, überfährt ihn ein achtloser Truckfahrer. Der wütende Reifen heftet sich an die Fersen des Frechlings. Als dieser an einer Tankstelle anhält, ist Robert zur Stelle und bringt den Schädel des Mannes zum Bersten.

Später nistet sich Robert in einem schäbigen Motel ein. Ein allzu neugieriges Zimmermädchen wird ausgeschaltet. Der junge Zach erkennt Robert als Mörder, aber weder sein Vater noch die Polizei wollen ihm glauben. Lieutenant Chad ist ohnehin abgelenkt, denn er weiß, dass neugierige Zuschauer per Fernglas die Ereignisse beobachten und kommentieren. Seine geistig nicht besonders rege Truppe ist keine große Hilfe. So ist es kein Wunder, dass Robert problemlos entkommen kann.

Er folgt dem Highway, bis eine Rauchwolke seine Aufmerksamkeit erregt. Als Robert zur Quelle des Feuers rollt, muss er entdecken, dass er auf eine Deponie geraten ist. Hier werden alte Reifen unter freiem Himmel verbrannt. Der Anblick seiner in Flammen stehenden Artgenossen lässt Robert durchdrehen. Er läuft Amok und tötet alle Menschen, die ihm begegnen.

Mit Sheilas Hilfe stellt Chad Robert eine Falle. Doch der ist misstrauisch. Kann man ihn aus dem Haus locken, in dem er sich verbarrikadiert hat? Oder schmiedet er bereits Pläne, wie er die geknechteten Reifen dieser Welt in den Krieg führen wird …?

Kunstvoller Ernst oder listige Parodie?

Das Horrorkino hat in über 100 Jahren sehr seltsame Kreaturen hervorgebracht. Blutrünstige Meuchel-Hasen („Night of the Lepus“, 1972, dt. „Rabbits“) waren ebenso darunter wie mordende Tomaten („Attack of the Killer Tomatoes“, 1978, dt. „Angriff der Killertomaten“), aber ein amoklaufender Autoreifen ist durchaus neu.

Allzu ernst sollte man dem dieser Idee entsprungenen Film nicht nehmen. Natürlich wird „Rubber“ von der Arthouse-Fraktion des Kino-Publikums trotzdem vereinnahmt; dies allerdings mit einigem Argwohn, denn es könnte sein, dass Total-Film-Maker Quentin Dupieux (Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Musik) sich einen launigen Scherz auf Kosten der allzu hehren Kunst erlauben möchte.

Weniger überzeugend ist dagegen die Theorie, es handle sich bei „Rubber“ um die Parodie einer Horror-Trash-Komödie. Wie sollte man etwas parodieren, das im Original seine durchschlagendste Wirkung ausübt? Außerdem werden die Ereignisse in „Rubber“ keineswegs auf die mögliche Spitze getrieben. Tatsächlich folgt die Handlung über weite Strecken einschlägigen Strukturen (und Klischees) des Unterhaltungsfilms, die – der kunstkundige und -sinnige Kritiker besteht auf Hintersinn – durch die Verfremdung herausgestellt, hinterfragt und bei Bedarf ad absurdum geführt werden.

Die Frage nach dem Sinn

Erklärungen sollte man von Quentin Dupieux nicht erwarten. Er bereitet sein Publikum mit einem Prolog vor, dessen Handlung später als Film im Film weitergeführt wird: Darsteller Stephen Spinella, schon im Rollenkostüm des Lieutenant Chad, hält sowohl der genannten Gruppe als auch uns, den Zuschauern vor der Leinwand, einen Vortrag über die Willkür im Spielfilm. Er illustriert anhand ausgesuchter Beispiele, welche Unlogik das Publikum zu schlucken bereit ist, ohne dass dies den Erfolg eines Filmes beeinträchtigen würde.

„Rubber“ ist der Versuch, diese These zu verdeutlichen. Die Handlung ist reine Willkür, wobei die Kette bizarrer Absurditäten sich keineswegs auf eine Hauptfigur beschränkt, die aus Gummi besteht, sich aber ohne Gehirn, Augen oder Arme überaus ‚menschlich‘ verhält. Auch sonst konfrontiert Dupieux uns mit Seltsamkeiten, die den Handlungsfluss immer wieder brechen. So stellt er ein Publikum in die Wüste, das dem Geschehen live mit Hilfe von Ferngläsern folgt. Wie ein Griechischer Chor diskutiert und kommentiert man die Ereignisse, wie es wohl auch in einem mit Zuschauern gefüllten ‚richtigen‘ Kinosaal oder Wohnzimmer geschieht.

Später kommt es sogar zur Durchdringung beider Welten, als sich ein aufdringlicher Zuschauer in die Filmhandlung einmischt und Nachbesserung fordert. Umgekehrt weiß Lieutenant Chad – aber nur er – von dem fernen Publikum, das – auch hier schwebt ein großes Fragezeichen über dem Geschehen – nach und nach vergiftet wird, um der Haupthandlung ein (willkürliches) Ende zu bereiten.

Runder Held mit hohem Rollwert

Ist Dupieux nun eher ein Samuel Beckett oder ein Ed Wood jr.? Wohl weder noch; womit die Frage nach einem möglichen künstlerischen (oder artifiziellen?) Hintergrund von „Rubber“ zumindest an dieser Stelle ad acta gelegt wird. „Rubber“ funktioniert vermutlich am besten, wenn man sich seiner schrägen Kompromissarmut erfreut.

Als Film steht oder fällt „Rubber“ mit der ‚Figur‘ seines Helden. Robert ist ein erstaunlich präsenter Hauptdarsteller. Dabei ist und bleibt er ein Reifen – rund, schwarz, stumm. Er besitzt kein Gesicht und somit keine Mimik, vermag aber seinen Stimmungen sehr wohl Ausdruck zu verleihen: Dieser Reifen verfügt über eine ausgeprägte Körpersprache, und auch sein Verhalten lässt wenige Fragen offen.

Wie üblich spart sich Dupieux eine Erklärung, wieso ausgerechnet Robert zum ‚Leben‘ erwacht und ein Bewusstsein entwickelt. Auf einmal ist er ‚da‘. Es dauert eine Weile, bis Robert sich seiner Fähigkeiten bewusst ist. Dazu gehört sein Zerstörungsdrang oder besser: seine Mordlust. Sehr eindringlich sind diese Szenen einer ganz besonderen Selbstfindung. Robert beginnt mit einer Plastikflasche, die er langsam und lustvoll zermalmt. Es folgt ein Skorpion, und es gelingt Dupieux zu verdeutlichen, dass es Robert sehr viel stärker befriedigt, Lebewesen umzubringen.

Natürlich kann auch der klügste Reifen nicht jeden Gegner bezwingen. Als Kunstgriff verleiht Dupieux Robert telekinetische Fähigkeiten: Er fixiert sein Gegenüber und lässt die Gummiflanken wabern, bis die Luft zu flimmern beginnt. Dann platzt dem Opfer der Schädel. Auch dies ‚übt‘ Robert an einem Kaninchen und einer Krähe. Als er sich dem ersten Menschen in den Weg stellt, ist er schon ein perfekter Killer.

Die Wüste als Bühne

Ausgiebig ließe sich über die Frage grübeln, wieso Robert sein Unwesen gerade in der kalifornischen Wüste treibt. Letztlich ist dies auch die Frage, wieso der Franzose Dupieux in den USA und fast ausschließlich mit US-amerikanischen Schauspielern drehte. Die Antworten könnten simpel sein: Die Wüste ist ein ebenso schöner wie Lebensfeindlichkeit symbolisierender und ausstrahlender Ort. In der unendlichen Weite konzentriert sich das Auge auf die wenigen beweglichen Objekte, die es sehr viel intensiver beobachtet als in der reizüberflutenden Umgebung einer Stadt. Die US-Affinität kann zudem der Vermarktung eines Filmes helfen, der es eindeutig schwer haben wird, ein Publikum zu finden.

Robert, Lieutenant Chad, Sheila, Zach: Sie sind keine Figuren, sondern repräsentieren Stereotypen – der Schurke, der Polizist, die schöne Frau, der aufmerksame Jugendliche. Manche Figuren tragen nicht einmal Namen; sie benötigen sie nicht. Folglich müssen sich die Protagonisten nicht ‚logisch‘ verhalten. Dies gibt Dupieux die Gelegenheit, das Geschehen mit jeder denkbaren Absurdität anzureichern. Manches ist komisch, anderes nur seltsam, einiges ist entweder dämlich, oder es erschließt sich nur Dupieux.

Blut für Gummi

Obwohl Dupieux Menschenschädel in Großaufnahme und Serie platzen lässt, wurde „Rubber“ hierzulande ab 16 Jahren freigegeben. Die Realitätsferne dieses Films erkannte demnach sogar die Zensur. Es könnte aber auch geholfen haben, dass Dupieux sich geheimnisvoll gibt. Wenn ein Film der Kunst dient, lassen ihm unsere kulturbeflissenen Zensoren mehr Blut oder Busen durchgehen als einem schnöden, die Gewalt verherrlichenden Horrorstreifen.

Dabei wirken diese explosiven Dekapitationen bemerkenswert echt. Dies gilt erst recht, wenn man das schmale Budget berücksichtigt, das Dupieux zur Verfügung stand. Auch Roberts Streifzüge durch die Wüste wecken nie den Verdacht, ein überarbeiteter Assistent habe von außerhalb der Kamera einen Reifen durch das Bild rollen lassen. Robert bewegt sich zielstrebig, und man fragt sich, wie dieser Eindruck realisiert werden konnte.

Herzblut investieren auch die Schauspieler in ihre Rollen. Dupieux konnte viele zwar nicht berühmte aber dem Film- und Fernsehfreund bekannte Gesichter engagieren, die der Herausforderung nicht widerstehen konnten, sich für wenig Gage mit einem Amok-Reifen zu messen. Auch hier gestattet sich Dupieux einige Insider-Gags, indem er beispielsweise den B-Movie-Haudegen Wings Hauser in einen Rollstuhl setzt. Die schöne aber unnahbare Roxane Mesquida mimt erfolgreich das Objekt von Roberts heimlicher Begierde. (Absonderlich ist der Anblick des Reifens, der aus einem Versteck die nackte Sheila unter der Dusche beobachtet.) Jack Plotnick gibt einen nerdigen Buchhalter, dessen Aufgabenbereich Massenmord einschließt.

Das Profil ist abgefahren

Natürlich flaut der Überraschungseffekt, den „Rubber“ erzeugt, relativ rasch ab. Das Verhaltensspektrum eines mordenden Autoreifens ist limitiert, weshalb nach und nach die menschlichen Darsteller mehr Handlungsspielraum beanspruchen. Robert gerät zeitweilig aus dem Fokus, und aus „Rubber“ wird eine bemüht ‚originelle‘ Komödie. Längen breiten sich aus.

Faktisch geht der Handlung irgendwann die Luft aus (falls der Kalauer gestattet ist). Irgendwann hat man sich an berstenden Köpfen sattgesehen. Die Witzeleien der tumben Polizeitruppe bleiben lau. Es gibt einen Schlusstwist, der indes dem Geist der bisher erzählten Geschichte widerspricht und zu breit ausgewalzt wird. Obwohl „Rubber“ gerade 80 Minuten läuft, rettet der Film sich nur mühsam über diese Distanz.

Was bleibt, ist ein Film der etwas anderen Art. Er wird sein Publikum spalten, was Dupieux zweifellos so beabsichtigt. Schließlich konfrontiert er seine Zuschauer regelmäßig mit kruden Geschichten, die Titel wie „Nonfilm“ (2001), „Steak“ (2007) oder „Wrong“ (2011) tragen. (Wer immer noch nicht von Dupieux‘ Sinn für absurde Komik überzeugt ist, erinnere sich an die scheußliche Plüschpuppe „Flat Eric“, die der Filmemacher in seiner Parallel-Karriere als Musiker „Mr. Oizo“ erfand.) Wer sich auf „Rubber“ einlässt, wird – eher amüsiert als fasziniert – das sinnfreie Treiben verfolgen. Wem dies nicht gelingt oder wer filmische Einheitskost erwartet, wird sich womöglich für dumm verkauft fühlen und den Film hassen.

DVD-Features

Die Extras zum Hauptfilm sind mager. Es gibt den Kinotrailer, einen Teaser sowie Interviews mit Quentin Dupieux, Stephen Spinella, Roxane Mesquida und Jack Plotnick.

Übrigens gibt es eine „Limited Collector’s Edition“, die den Hauptfilm auf DVD und Blu-ray – über den Sinn bzw. Unsinn dieser Kombination darf gerätselt werden –  sowie den Original Soundtrack von Mr. Oizo & Gaspar Augé auf CD und ein 24-seitiges Booklet enthält.

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Rubber
Originaltitel
: Rubber (Frankreich 2010)
Regie, Drehbuch u. Kamera: Quentin Dupieux
Schnitt: Quentin Dupieux u. Kevos van der Meiren
Musik: Gaspard Augé u. Quentin Dupieux
Darsteller: Stephen Spinella (Lieutenant Chad), Jack Plotnick (Buchhalter), Wings Hauser (Mann im Rollstuhl), Roxane Mesquida (Sheila), Ethan Cohn (Ethan), Charley Koontz (Charley), Daniel Quinn (Vater), Devin Brochu (Sohn), Hayley Holmes (Cindy), Haley Ramm (Fiona), Cecelia Antoinette (schwarze Frau), David Bowe (Hughes), Remy Thorne (Zach), Tara Jean O’Brien (Zimmermädchen), Thomas F. Duffy, Pete Di Cecco, James Parks, Courtenay K. Taylor, Blake Robbins (Cops), Michael Ross (Truckfahrer) u. a.
Label: Capelight Pictures
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 01.07.2011 (DVD/Blu-ray/Limited Collector’s Edition)
EAN: 4042564128437 (DVD) bzw. 4042564128444 (Blu-ray) bzw. 4042564131543 (Limited Collector’s Edition)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 79 min. (Blu-ray: 82 min.)
FSK: 16

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Titel bei Amazon.de (Limited Collector’s Edition)

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