Salvage – Die Epidemie

Originaltitel: Salvage (GB 2009)
Regie: Lawrence Gough
Drehbuch: Lawrence Gough, Colin O’Donnell u. Alan Pattison
Kamera: Simon Tindall
Schnitt: Anthony Ham
Musik: Stephen Hilton
Darsteller: Neve McIntosh (Beth), Linzey Cocker (Jodie), Shaun Dooley (Kieran), Ben Batt (Trooper Jones), Trevor Hancock (The Savage), Shahid Ahmed (Dr. Sharma), Sufian Ashraf (Mrs. Sharma), Kevin Harvey (Akede), Ray Nicholas (Sergeant Major), Paul Opacic (Corporal Simms), Dean Andrews (Clive), Alan Pattison (Peter Davis) u. a.
Label: MIG Film
Vertrieb: EuroVideo
Erscheinungsdatum: 13.03.2011 (DVD/Blu-ray)
EAN: 4009750208915 (DVD) bzw. 4009750391365 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 75 min. (Blu-ray: 78 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Seit sie vor Jahren von ihrer Mutter Beth verlassen wurde, hegt Jodie ihren großen Groll. Zu Weihnachten würde Beth gern Frieden schließen. Der Ex-Gatte ist einverstanden und liefert den heftig protestierenden Teenager bei der Mutter ab, die in einer Kleinstadt nahe der nordwestenglischen Küste lebt. Die Versöhnung unter dem Christbaum fällt jedoch aus, weil Jodie die Mutter bei der Ankunft prompt mit einem fremden Mann im Bett erwischt. Empört flüchtet sie sich in ein Nachbarhaus und weigert sich, Beth zu sehen.

Bevor der Familienstreit eskalieren kann, stürmen plötzlich Soldaten einer Spezialeinheit schwerbewaffnet die Siedlung, schießen den Arzt Dr. Sharma nieder und treiben sämtliche Anwohner in ihre Häuser. Dort sollen sie bis zu ihrer Evakuierung ausharren. Beth und Kieran, ihr Liebhaber, glauben zunächst an eine Aktion gegen eine terroristische Al-Kaida-Untergrundzelle und fügen sich. Doch seltsame Schreie und durch das Fenster sichtbare Soldatenleichen stimmen sie misstrauisch. Beth sorgt sich außerdem um ihre Tochter.

Mit Kieran kann sie einen der Soldaten retten. Trooper Jones ist schwer verletzt aber weiterhin im Dienst: Nur zufällig bekommt Beth mit, dass eine Rettung gar nicht geplant ist. Ein obskures Geheimprojekt der Regierung ist schiefgelaufen, und ein bösartiges Monster, das eigentlich im Nahen Osten Terroristen ausrotten sollte, noch in England entkommen. Die Soldaten sollen es ausschalten und alle Bewohner der Siedlung als unerwünschte Zeugen buchstäblich mundtot machen.

Als die Kreatur in das Haus eindringt und sich Jones und Kieran greift, beginnt für Beth eine wilde Flucht. Zwischen dem mörderischen Wesen und den ähnlich gestimmten Soldaten gefangen, versucht sie ins Nachbarhaus vorzudringen, wo Jodie sich hoffentlich verbarrikadiert hat …

Monströse Verschwörung um ein Monster

Alle Jahre wieder bemüht sich ein ehrgeiziger Regisseur, dem Genre Horrorfilm neue inhaltliche oder formale Aspekte abzuringen. Da in dieser Hinsicht die Möglichkeiten ausgereizt scheinen, beschränken sich die Realisten darauf, die bekannten Klischees ein bisschen gegen den Strich zu bürsten. Lawrence Gough entschied sich für diesen Weg, auf dem er die Fäden fest in der Hand hielt, indem er „Salvage“ nicht nur inszenierte, sondern auch das Drehbuch schrieb (wobei ihn zwei Autoren unterstützten).

Geld hatte Gough natürlich nicht oder nur wenig, weshalb „Salvage“ jederzeit als Low-Budget-Produktion erkennbar ist. Gedreht wurde im nordwestenglischen County Merseyside nahe Liverpool in den alten Kulissen der TV-Seifenoper „Brookside“, die man nach 21-jähriger Laufzeit 2003 eingestellt hatte. Die Kulissen beschränken sich auf einen Straßenzug und drei kleinbürgerlich eingerichtete Wohnungen; hinzu kommt ein kleiner Wald: wenig spektakuläre Schauplätze also, was der Intention des Regisseurs jedoch entsprach, denn Gough erzählt eine ‚kleine‘ Geschichte.

Der Ereignishorizont ist bewusst eng und beschränkt sich auf die Siedlung, sodass Beth und Kieran nicht nur unter ihrer Angst, sondern auch unter ihrer Ungewissheit über das Ausmaß der Katastrophe leiden, die über sie hereingebrochen ist. Dass die Vorgänge in der Siedlung mit Geschehnissen in der Außenwelt verknüpft sind, wird nur bruchstückhaft durch TV-Nachrichten vermittelt, die Beth und Kieran (und mit ihnen die Zuschauer) verfolgen, bevor ihnen der Strom abgestellt wird.

Familienalltag ist höllisch genug

Ohnehin konzentriert sich Gough die meiste Zeit auf seine drei Hauptfiguren Beth, Kieran und Jodie. Mutter und Tochter sind heillos zerstritten. Kieran ist ein ansonsten begeisterter Familienvater und Ehegatte; er konnte der Verlockung eines Seitensprungs nicht widerstehen. Nun macht er sich deshalb Vorwürfe und leidet nachträglich unter seiner Untreue beinahe ebenso stark wie unter seiner Angst vor Terroristen und Monstern.

Auch sonst ist Kieran ein einfacher Kerl und niemals ein Held. Diese Rolle übernimmt Beth, die plötzlich zur Löwenmutter mutiert und sich mutig dem Grauen stellt. Neve McIntosh gelingt es, diesen Entwicklungssprung nicht in Hollywood-Manier zu übertreiben und damit ins Lächerliche zu verkehren. Sie wirkt absolut überzeugend, zumal ihre entschlossenen Versuche meist fruchtlos oder böse enden.

Kieran ergeht es noch schlimmer: Er bringt in seiner Furcht sogar einen harmlosen Nachbarn um. Später fasst er sich, aber seine Mutanfälle verpuffen jedes Mal schnell. Eindeutig ist es Beth, die das Kommando hat. Deshalb ist es ein durchaus bewegender Moment, als die endlich gefundene Jodie der mächtig mitgenommenen Mutter keineswegs freudig in die Arme fliegt: Manche Bitterkeit löst sich auch in der Krise nicht auf – erneut ein Klischee, das Gough aushebelt.

Das Ding aus dem Container

Leider gelingen ihm solche Kunststücke nur selten. Der Plot selbst ist uninspiriert und dient sehr offensichtlich der eigentlichen Geschichte von Beth, Jodie und Kieran nur als Treibriemen. Stillstand stellt sich ein, sobald Gough sich an typischen Horror-Elementen versucht. Er hat ein schlechtes Gefühl für Timing, was zu dem paradoxen Phänomen führt, dass in einem Film, der gerade 75 Minuten dauert, manches ängstliche Schleichen durch Treppengänge, Dachböden oder dunkle Zimmer einfach zu lang dauert. „Salvage“ benötigt Tempo, aber für die Umsetzung der damit verbundenen Tumulte fehlte offenbar das Geld. Also sind jene Orte, die Beth und Kieran betreten, zwar verwüstet und blutverschmiert, während jene, die dort rauften, längst verschwunden sind.

Natürlich ist es unter diesem Aspekt eine kluge Entscheidung, das Monster so lange wie möglich aus der Handlung zu halten. Es kündigt sich durch Schatten und Schreie an, bevor es endlich sein ‚Gesicht‘ zeigt. Der Maskenbildner tat, was er konnte, aber unser „Salvage“ wird nicht als Grusel-Ikone in die Geschichte des Horrorfilms eingehen.

Viel schlimmer wüten die Soldaten, was zusammen mit dem (vagen) Hintergrund-Komplott einer Regierung, die endgültig zum schmutzigen Krieg gegen den Terror übergegangen ist, die Zuschauer erschüttern soll. Freilich werden sich diese davon kaum erregen lassen. Längst traut der moderne Bürger seiner Regierung jede Bos- und Dummheit zu. Hier ist selbst der „Salvage“ ein Opfer verschwörerischer Machenschaften. (Wer sich in der englischen Sprache auskennt, kommt übrigens in den Genuss eines gelungenen Wortspiels: „Salvage“ bedeutet „Bergung“ oder „Rettung“ aber auch „Entsorgung“. Der ominöse Container wird fatalerweise geborgen, und die vorgeblichen Retter sollen seine bissige Fracht sowie allzu neugierig Bürger aus dem Weg räumen.)

Das Grauen darstellen

Großes Glück hatte Gough mit seinen Schauspielern. Abseits jeder Stromlinie agieren sie authentisch, schonen sich nicht und scheuen nie vor Szenen zurück, in denen sie schlecht oder charakterschwach aussehen. Sie gleichen in sämtlichen Rollen immer wieder aus, was die Handlung nicht bieten kann, und meistern Drehbuchlücken, in denen weniger fähige Darsteller gestrandet wären. Dies bezieht sich vor allem auf Goughs merkwürdigen Entschluss, nach einer Einleitung, die Tochter Jodie in den Mittelpunkt stellt, den Handlungsfokus plötzlich ausschließlich auf Beth und Kieran zu richten. Jodie bekommen wir erst im Finale wieder zu sehen. In diesem Punkt schlägt das Bemühen um den Bruch mit dem Klischee negativ zu Buche.

Erfreulich ‚europäisch‘ ist die Konsequenz der Handlung. Rasch wird klar, dass niemand sakrosankt ist. Der Biss der Kreatur oder der Schuss aus der Waffe eines ‚Retters‘ kann jede Figur treffen. Das Ende ist schmutzig und jämmerlich. Ein Happy-End bleibt aus. Vermutlich ist es dieses Element der Hoffnungslosigkeit, die „Salvage“ die Freigabe schon für 16-jährige Zuschauer verwehrte. Was die Spezialeffekte betrifft, sind diese definitiv stärkeren Tobak gewöhnt. Geblutet wird heftig aber selten, und wie schon gesagt finden die meisten Gräueltaten im Off statt.

Zugunsten des Regisseurs wollen wir die nach heutigen Standards bescheidene Bildqualität auslegen: Die oft leicht unscharfen, ausgewaschen wirkenden und kontrastschwachen Bilder können auf das Budget zurückgehen aber auch gewollt sein, da sie das Blickfeld der Figuren zusätzlich einschränken: Der Schrecken kann überall in der Dunkelheit lauern, mit der er verschmilzt. Zum quasi dokumentarischen Charakter trägt eine sparsame Musikuntermalung bei.

Auch wenn „Salvage“ nur durchschnittlich unterhält und dabei manchmal stolpert, ist es gerade das Raue, Ungeschönte, das mit solchen Mankos versöhnt. Lawrence Gough hat sich mit seinem ersten Spielfilm mit einigem Recht für Größeres empfohlen. 2011 drehte er mit ungleich üppigerem Budget den Endzeit-Thriller „The Drought“, auf den man gespannt sein darf.

DVD-Features

Erfreulich umfangreich sind die Extras zum Hauptfilm geraten. Zum obligatorischen Trailer kommt ein zehnminütiger Blick hinter die Kulissen einer mager budgetierten und von Ideen-Input lebenden Produktion. Regisseur Gough, „Kieran“-Darsteller Shaun Dooley sowie die Drehbuch-Mitautoren Colin O‘ Donnell und Alan Pattison sprechen in einem Audio-Kommentar über Interna und Intentionen. Mehr als abgerundet werden die Features durch einen Interview-Block von 45-minütiger Länge.

Website zum Film

[md]

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