Ein Wochenendausflug an einen kanadischen See entwickelt sich für eine Gruppe junger Stadtmenschen zum Albtraum, denn ein psychisch derangierter Waldmensch macht Jagd auf sie … – Die übliche „Monster-meuchelt-Teenies“-Mär weist einige Variationen auf, ist gut besetzt und ausgezeichnet fotografiert. Ein guter = überraschender Film ist „Sam’s Lake‘ dennoch nicht geworden, sondern leider nur anschaubares Mittelmaß.

Das geschieht:

Vor einem Jahr ist Sams geliebter Vater durch einen Jagdunfall gestorben. Um die noch immer niedergedrückte junge Frau ein wenig aufzurichten, haben sich ihre Freunde Kate, Dominik, Franklin und Melanie dazu bereiterklärt, Sam für ein Wochenende an ‚ihren‘ See – „Sam’s Lake“ auf Vancouver Island in der kanadischen Provinz British Columbia – zu begleiten, wo die Familie eine einsam gelegene Ferienhütte besitzt.

Die Landschaft ist traumhaft, das Wetter perfekt, und vor allem Kate ist erfreut, als sich der schmucke Jesse, Sams Jugendfreund, der Gruppe zugesellt. Unruhe kommt indes auf, als Sam eine lokale Grusel-Legende erzählt: 1959 ist der geistesgestörte Rod aus dem Sanatorium, in das ihn seine ratlosen Eltern abgeschoben hatten, geflüchtet. Er kehrte heim, um seine ganze Familie abzuschlachten, und floh in die dichten Wälder, wo er seither angeblich sein Unwesen treibt und unvorsichtige Wanderer packt.

Eine Mutprobe fordert von den Jugendlichen, die „Sam’s Lake“ besuchen, das nächtliche Betreten des Mordhauses, das zwar verfallen ist aber noch immer steht. Auch ihre Freunde lädt Sam dazu ein, aber der scheinbare Gruselspaß endet dramatisch: Nachdem Franklin in einem Kaminversteck Robs heimliches Tagebuch gefunden hat, ertönen geisterhafte Schreie, die unsere Freunde panisch aus dem Haus treiben.

Sicher in Sams Hütte zurückgekehrt, studiert die Gruppe das Tagebuch interessiert. Es macht nicht nur deutlich, dass Rob lebt und in der Tat Touristen meuchelt, sondern informiert auch darüber, dass er sich eine Frau genommen und zwei Kinder bekommen hat, die ebenso verrückt und mordlustig sind wie ihr Vater. In den sich anschließenden Nachtstunden erfahren die Freunde, dass dies buchstabengetreu zutrifft, denn entsetzt sehen sie sich als aktuelle Jagdopfer der irren Familie …

Familie oder Familienbande?

Nein, die Kritik ist wahrlich nicht freundlich mit diesem Film umgegangen. „Freitag der 13te für Arme“ war eine typische Abqualifizierung, deren Sinn nicht abstreiten lässt. Allerdings lassen sich bei näherer Betrachtung gewisse Gegenargumente finden, die „Sam’s Lake“ unterm Strich wenigstens filmisches Mittelmaß bescheinigen.

Da ist die gekonnte Fotografie, die aus einer „low-budget“-Produktion zumindest optisch einen ‚richtigen‘ Film macht, der durchaus im Kino bestehen könnte. Nahe Nanaimo, der zweitgrößten Stadt auf der kanadischen Pazifikinsel Vancouver Island, fand Regisseur Andrew Christopher Erin nicht nur einen kostengünstigen, sondern auch einen landschaftlich überwältigenden Schauplatz für sein kleines aber finsteres Drama. „Sam’s Lake“ ist entgegen der Filmwerbung – der man generell nie trauen sollte – kein Tümpel des Teufels, aus dem sich in düsterer Nacht schlecht animierte Mord-Monster schleichen, sondern genau das, was er zu sein vorgibt: ein traumhaft schöner Ort, der mit seiner ‚Unschuld‘ die Bösartigkeit der Menschen konterkariert, die hier leben und ihr Unwesen treiben.

Auch das „Freitag-der-13te“-Argument sticht nicht, denn hier sind es eben nicht Teenies oder ähnlich dauerbrünstige Highschool-Studenten, die am Seeufer ihren Trieben frönen und dafür abgeschlachtet werden. Sam und ihre Freunde sind „twentysomethings“ hart an der Grenze ihrer 30er, und so benehmen sie sich auch – sie verfügen bereits über Lebenserfahrungen und die Fähigkeit, sie zu berücksichtigen. Wenn Sam sich mit Dominik ein Hüttenbett teilt, bleibt das folgenlos, da dieser schwul ist – eine Tatsache, die als solche in die Handlung einfließt, ohne für die üblichen ‚Witze‘ zwischen diversen Bluttaten missbraucht zu werden: Diese sechs Menschen sind erwachsen.

Was im Detail allerdings Unterschiedliches hervorbrachte – und das ist untertrieben ausgedrückt! Der Plot von „Sam’s Lake‘ macht es schwierig über die Handlung zu schreiben, ohne sie dem neugierig gewordenen Filmfreund und damit den Aha-Effekt zu verraten. Vorsichtig ausgedrückt geht es um eine vom Wahnsinn gezeichnete aber keineswegs dysfunktionale Familie. Rob hat seine maroden darwinistischen Vorstellungen mit beachtlicher Konsequenz verwirklicht und auf die nächste Generation übertragen. „Sam’s Lake“ beschreibt in seiner zweiten Filmhälfte sowohl die – in der Tat konventionell inszenierte – Jagd auf neue Opfer als auch den Kampf der Familienangehörigen miteinander.

Nur die Starken überleben

Was „Sam’s Lake“ gegenüber den meisten Horrorfilmen der Billig-Klasse auszeichnet, ist die konsequente Umsetzung der verqueren Grundidee. Hier metzelt kein schier unsterbliches Ungeheuer aus reinem Spaß an der blutigen Freude sowie ohne Sinn und Verstand. „Survival of the fittest“ lautet Robs Motto; so glaubt er seine Lebenserfahrung interpretieren zu können, und entsprechend hat er sie an seine Kinder weitergegeben. Der Krieg zwischen den Generationen wird auf dieser Ebene zur Notwendigkeit, und so sehen das die Beteiligten auch.

Dies seinem Publikum zu vermitteln, ist Regisseur und Drehbuchautor Erin nur bedingt gelungen. Er patzt wie schon angedeutet vor allem in der zweiten Filmhälfte. Viel Zeit nimmt er sich, die Landschaft und die Figuren einzuführen. Die sechs Männer und Frauen sind kein eindimensionales Kanonenfutter für das Monster, das ebenfalls keines ist. Wir lernen sie kennen – scheinbar, denn tatsächlich werden wir in die Irre geführt.

Im Verlauf der Handlung streut Erin irritierende und verräterische Andeutungen ein, dass manche/r nicht ist, was sie oder er vorgeben zu sein. Die eigentliche Offenbarung ist wenig wirkungsvoll. Sie deutet außerdem an, dass nunmehr das Klischee neben dem Regisseur Platz nimmt. Alles rennt, rettet, flüchtet sich in den Wald. Der ist riesig, aber irgendwie landet jeder Flüchtling immer wieder dort, wo schon ein Verfolger wartet. Nicht einmal der uralte Spannungskiller „Wo ist der Autoschlüssel?“ wird ausgelassen (und parodiert, als nach ausgiebiger Suche im unheimlichen Haus besagter Schlüssel gefunden wird, der Start des Fluchtwagens aber trotzdem misslingt: Der Motor fehlt …)

Dem Regisseur gelingt es nicht, die Schere zwischen panischer Flucht der Figuren und Langeweiler der Zuschauer zu schließen. Das hat man alles schon gesehen, und es wird durchaus besser, wenn dabei wenigstens drastisch gesplattert wird! Genau das verkneift sich Erin; brutal gemordet wird meist andeutungsweise oder ganz außerhalb des Bildrands. Das entspricht dem Film, der nicht Horror, sondern Psycho-Thriller sein will. Schade nur, dass sich dieser Thrill nur selten einstellt. Hier offenbart sich ein Problem, das Erin nicht zufriedenstellend lösen konnte: „Sam’s Lake“ basiert auf einem 25-minütigen Kurzfim, den Erin 2002 drehte. Das Drehbuch hat er für die neue Langfassung gestreckt. Es hat dabei an Dichte verloren.

Jäger und Gejagte

Eine Liste der Filme und TV-Episoden, in denen die Darsteller von „Sam’s Lake“ spielten, würde selbst bei einem kleinen Schriftfont eine eindrucksvolle Länge erreichen. Sie haben alle jung angefangen und sind fleißig gewesen – keine Stars, aber Profis durch und durch. Nur mit solchen Schauspielern kann ein Film wie dieser realisiert werden und trotzdem sehenswert sein.

Fay Masterson ist eine aparte Rothaarige mit schmalem Fuchsgesicht – keine Hollywood-Plastikpuppe, sondern bereits optisch überzeugend als (hübsche) junge Frau von nebenan. Geschickt verbirgt Masterson die seelischen Abgründe ihres Alter Egos, um diese später umso intensiver auszustellen.

Unter den Darstellern der Freunde fällt noch Sandrine Holt auf, die offenbar Haupt- und Gastrollen in allen erfolgreichen TV-Serien des 21. Jahrhunderts spielt. Das trifft auf ihre Mitmimen generell zu. Sie können ihren Job. Wenn sie sich in ihren ansonsten ausdifferenzierten Rollen hin und wieder irrational benehmen, ist dies dem Drehbuchautoren Erin anzulasten.

Die Summe der positiven Elemente ergibt dieses Mal kein stolzes Ergebnis. „Sam’s Lake‘ ist nicht der schlechte Film, als der er beschimpft wird. Es ist schlimmer: Viele gute Ansätze, gute Ideen und eine gut aufgelegte Schauspielertruppe ließen dennoch nur Mittelmaß entstehen. Diese Erkenntnis ist die Quelle der eigentlichen Enttäuschung, die den Zuschauer erfasst, wenn die Schlusstitel zu laufen beginnen.

DVD-Features

Kleiner Film – wenig optimistisches Label: Das Ergebnis ist eine DVD, der nur der Trailer zum Hauptfilm als Extra aufgespielt wurde. Der kann sich dafür umso breiter auf der Scheibe machen, was primär der Bildqualität zugute kommt.

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Sam’s Lake – See des Grauens
Originaltitel: Sam’s Lake (Kanada 2005)
Regie u. Drehbuch: Andrew Christopher Erin
Kamera: David A. Armstrong
Schnitt: Miklos Wright
Musik: Gary Chang
Darsteller: Fay Masterson (Sam), Sandrine Holt (Kate), William Gregory Lee (Jesse), Stephen Bishop (Franklin), Salvatore Antonio (Dominik), Megan Fahlenbock (Melanie), Peter Beks (Rod), Jeff McCormick (Rod als Teenager), Richard Foster (Ladenschwengel) u. a.
Label u. Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 30.08.2007
EAN: 4030521490437
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1 anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch)
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min.
FSK: 16

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