Nach dem Absturz einer Weltraum-Rakete irrt der von Alien-Energie in ein Monster verwandelte Astronaut Carroon durch London und absorbiert jedes Lebewesen, das ihm bis zum Finale in der Westminster Abbey in die Quere kommt … – Trotz (oder gerade wegen?) der beschränkten zeitgenössischen Filmtechnik wird die absurde Geschichte schwarz-weiß, semi-dokumentarisch und höchst spannend erzählt: ein Klassiker des SF- und Horror-Genres.

Das geschieht:

Die britische Regierung schickt unter Leitung des Physikers und Ingenieurs Bernard Quatermass eine Rakete in den erdnahen Weltraum. Der Kontakt mit den drei Insassen bricht ab. Wenig später stürzt die Rakete in einer abgelegenen Gegend Englands ab. In dem Wrack finden die Retter nur den Astronauten Victor Carroon. Er ist schockstarr, seine Haut weist mysteriöse Veränderungen auf. Von seinen Gefährten findet sich nur eine gallertartige Masse, die aus den Raumanzügen gesickert ist.

Unter strenger Geheimhaltung versucht Quatermass herauszufinden, was hoch über den Wolken geschehen ist. Zu seinem Missfallen mischt sich Inspektor Lomax ein, der das Schicksal der beiden toten Astronauten als Mordfall betrachtet. Aus Carroon ist weiterhin kein Wort herauszubringen. Carroons Ehefrau Judith, die nicht zu Unrecht fürchtet, dass Quatermass Victor als Versuchskaninchen betrachtet, entführt ihren Mann aus dem Krankenhaus. Doch die Mutation schreitet rapide fort. Carroon verwandelt sich in ein Wesen, das jede Lebensform, die mit ihm in Berührung kommt, mit tödlicher Wirkung absorbiert und in seinen Körper ‚einfügt‘.

Zu diesem Schluss kam inzwischen auch Quatermass nach der Sichtung eines Films, der den Raumflug der drei Astronauten dokumentiert hat. Außerdem musste er feststellen, dass die Kreatur sich durch ‚Ableger‘ fortpflanzt. Eine Invasion durch Körperfresser droht, wenn Carroon nicht festgesetzt werden kann. Dieser hat jedoch inzwischen eine Absorptions-Orgie im Zoo von Chessington gefeiert und ist zu einem gigantischen Ungeheuer angeschwollen, das keinerlei Menschenähnlichkeit mehr aufweist.

Ausgerechnet in der historischen Westminster Abbey von London kann die Kreatur gestellt werden. Schüsse oder Granaten könnten sie zwar in Stücke reißen, die jedoch ein ungutes Eigenleben entwickeln würden. Quatermass entwickelt einen riskanten Plan, der das Übel ein für alle Mal stoppen soll …

Ein Klassiker und sein zorniger Schöpfer

Im Sommer des Jahres 1953 steckte auch in Großbritannien das Fernsehen noch in den Kinderschuhen. Trotzdem flimmerte im Juli die sechsteilige Serie „The Quatermass Experiment“ über die noch winzigen Bildschirme. Den ersten Teil spielte man live im Studio, erst die übrigen Episoden wurden aufgezeichnet.

Der BBC gelang ein früher ‚Straßenfeger‘. Noch waren die Ansprüche des Publikums gering, was die Filmtricks anging; ein zerfledderter Handschuh genügte, um als Monster aus dem Weltraum durchzugehen. Den Rest erledigten engagierte Schauspieler im Bund mit einer Fantasie, die beim zeitgenössischen Zuschauer noch in der Hirnmitte ausgeprägt war und sich nicht auf die Augäpfel beschränkte.

Mit Nigel Kneale (1922-2006) besaß Quatermass einen streitbaren geistigen Vater. Kneale besaß feste Vorstellungen über seinen Professor, den er als besessenen aber gleichzeitig skrupulösen Forscher zeichnete, der die Augen vor den Konsequenzen seiner Arbeit nicht verschloss und unter ihnen litt.

Dieser Quatermass war nicht massentauglich für ein Kino, das Männer der Tat bevorzugte. 1955 sicherte sich die Produktionsfirma „Hammer“ – noch in ihrer Schwarzweiß-Phase und nicht die Horror-Fabrik der späteren Jahre – die Filmrechte für „The Quatermass Experiment“. Aus „Experiment“ wurde „Xperiment“, und die Titelrolle ging von Reginald Tate – der im August 1955 einem Herzanfall erlag – an Brian Donlevy (1901-1972), den Kneale ebenso verabscheute wie die Tatsache, dass er als fester BBC-Mitarbeiter nicht für die Filmrechte bezahlt wurde.

Dieser Schock wirkt auch heute

In der Tat herrschte in der „Hammer“-Version ein deutlich rauerer Tonfall. Die Handlung, die sich über sechs TV-Episoden erstreckt hatte, musste gerafft werden. Mit dem Ergebnis war Kneale unzufrieden. Doch am meisten ärgerte ihn der ‚neue‘ Quatermass – ein sichtlich US-amerikanischer, energischer, rücksichtsloser von Selbstzweifeln niemals geplagter ‚Macher‘, der eher an einen Gangsterboss – eine Rolle, die Donlevy mehrfach verkörpert hatte – als an einen Wissenschaftler erinnerte.

Aber Kneale war zu streng. „Schock“ besitzt unabhängig von der Fernseh-Fassung (die heute ohnehin kaum jemand kennt) ganz eigene und sehr filmische Qualitäten. Die Geschichte wird in 78 Minuten erzählt. Mehr benötigt sie nicht, sie wird nicht künstlich gestreckt, eine Romanze bleibt ausgespart. Das Tempo ist von Anfang an hoch und lässt niemals nach. Der Tenor ist nüchtern, die Filmmusik ist instrumentell reduziert und hält sich zurück; in vielen Szenen werden nur Geräusche und Dialoge eingesetzt: „Schock“ arbeitet mit Mitteln des Dokumentarfilms und unterstreicht damit den Eindruck eines ‚authentischen‘ Geschehens.

Val Guest (1911-2006) war ein begnadeter Film-Handwerker, der sich durch Budget- und Zeitbeschränkungen nicht einschränken ließ. Einfallsreich holte er aus den vorhandenen Mitteln das Optimale heraus. Unterstützt wurde er von einem erfahrenen Team, in dem Kameramann Walter Harvey (1903-1979) hervorsticht, der einmal mehr belegt, dass der Schwarzweiß-Film kein altmodischer Notbehelf, sondern eine eigenständige Kunstform ist. Gedreht wurde selten im Studio und viel im Freien, wobei die Dunkelheit echt war und mit Lampen dort erhellt wurde, wo der Zuschauer etwas sehen sollte.

Schauder ohne Splatter

Das Grauen wird zeittypisch vor allem angedeutet. Es spiegelt sich in den Gesichtern derer, die ihm ausgesetzt sind. Zum Teil basiert dies auf der Schwierigkeit, Phänomene wie die allmähliche Mutation eines Menschen technisch zu realisieren. Daneben dominiert hier eine eigene, uns heute fremde Auffassung von Schrecken: Die offene Darstellung blutiger Untaten oder grässlicher Metamorphosen war nicht nur zensurbedingt eingeschränkt. Solche Effekte galten überhaupt als gewagt und unseriös. Zwar sollte gerade „Hammer“ schon 1957 diese Konvention vergessen und mit ganzen „Frankenstein“- und „Dracula“-Serien eine blutrote und ungemein erfolgreiche Erfolgsgeschichte schreiben. In „Schock“ nehmen entsprechende Gruselbilder nur wenige Szenen und Augenblicke ein. Trotzdem gab die strenge Zensur den Film ursprünglich erst für Zuschauer ab 16 Jahren frei.

Großartig ist jene Sequenz, in der Quatermass und seine Mitstreiter den Film sichten, der von einer automatischen Kamera im Inneren der Rakete aufgenommen wurde. Er ist ohne Ton und von mäßiger Qualität: Was sich außerhalb der Erdatmosphäre ereignete, wurde aufzeichnet, aber es lässt sich nur interpretieren und wird nie wirklich erklärt. Zusammen mit den gespannten Betrachtern reißt auch der Zuschauer die Augen auf, um zu erkennen, was den armen Carroon und seine unglückseligen Gefährten getroffen hat.

Geschickt vermeidet Guest auch den direkten Blick auf das aufgedunsene, tintenfischähnliche Monster, in das Carroon sich schließlich verwandelt hat. Es existierte nur als Miniatur und wurde aus Gummi und Innereien vom Schlachter zusammengefügt. An seinen ‚Tentakeln‘ waren dünne Drähte befestigt, mit denen diese hinter den Kulissen in Bewegung gesetzt wurden; dies kann auch der Zuschauer verfolgen, da die unbarmherzig präzise Kamera die Drähte keineswegs ignorierte. Doch als die Kreatur in der Westminster Abbey wütet, ist gerade ein Kamerateam der BBC vor Ort. Das Wesen gerät in den Fokus einer Kamera. Nur durch deren Linse sehen wir es –  indirekt, so ‚künstlich‘, wie uns das vertraute Fernsehbild erscheint, und gerade deshalb überzeugend.

Der Wissenschaft gehört die Welt!

Brian Donlevy ist als Quatermass eine erstaunliche, eindrucksvolle und erschreckende Figur. Er besteht auf dem Primat der Wissenschaft. Auf der Suche nach Wissen ignoriert er Gesetze und Regeln. Ein hilflos zeternder Vertreter der Regierung kann Quatermass nicht bändigen. Quatermass befiehlt ganz selbstverständlich Polizisten, Feuerwehrleute u. a. Autoritäten. Den kranken Carroon isoliert er in einem Krankenhauszimmer und gestattet dort nicht einmal der Ehefrau Zutritt. Forschung erfordert manchmal Opfer, so Quatermain, und es besteht keinerlei Zweifel daran, dass er bereit ist sie zu bringen. Brutal manipuliert er die Menschen in seiner Umgebung, zwingt den überforderten Dr. Briscoe, Carroon weiter zu behandeln, obwohl er am Ende seines ärztlichen Lateins angekommen ist. Quatermain will Carroon nicht heilen, sondern beobachten und dokumentieren, was mit ihm geschieht.

Bemerkenswert ist auch die letzte Szene: Am Kadaver der ausgeschalteten Kreatur zitiert jemand die in vielen Filmen zu hörende Warnung, es gäbe womöglich Sphären, die der Mensch besser meiden solle, weil ihn die Folgen das Leben kosten könne. Quatermain sagt kein Wort; er blickt den irritierten Mahner nicht einmal an, sondern lässt ihn stehen und verlässt Westminster Abbey; draußen trifft er seinen Assistenten, der ihn fragt, ob er helfen könne. Quatermain bejaht und beauftragt ihn, den nächsten Raketenstart vorzubereiten: Er blendet moralische Bedenken einfach aus.

Die andere Seite der Medaille verkörpert hervorragend Richard Wordsworth als Victor Carroon. Durch geschicktes Make-up scheint der Schädel des ohnehin hageren Schauspielers durch die Gesichtshaut zu stechen. Wordsworth spricht kein Wort; er muss die Verzweiflung Carroons, der anfänglich gegen seine Veränderung ankämpft, wie Boris Karloff in der Rolle des Frankenstein-Monsters (auf das Guest in einer Szene deutlich anspielt) durch Mimik und Körpersprache deutlich machen.

Alter Film in neuem Glanz

„Schock“ wurde 2003 auf DVD und 2016 auf Blu-ray neu veröffentlicht. Dem Alter des Films muss selbstverständlich Tribut gezollt werden. Dies bezieht sich primär auf den Ton, der mit dem Raumklang des 21. Jahrhunderts nicht einmal ansatzweise mithalten kann. Dafür wurde das Filmmaterial für die DVD-Fassung ordentlich aufbereitet. Das Bild ist erstaunlich kontrastscharf und detailreich.

Die deutsche „Schock“-DVD bietet zwei Synchronfassungen. Eine jüngere wurde für die TV-Ausstrahlung angefertigt. Die ursprünglich für den Kino-Einsatz hergestellte Version erfreut durch die stimmlichen Qualitäten der eingesetzten Sprecher, wurde aber zeittypisch ‚eingedeutscht‘, sodass urbritische Darsteller plötzlich „Schmidt“ oder „Müller“ heißen. Noch härter traf es Professor Quatermass selbst, dessen Name das deutsche Publikum anscheinend überforderte: Aus Quatermass wurde „Braun“, was unfreiwillig den Charakter der Figur unterstrich: Quatermass alias Braun geht für seine Forschung über Leichen; ein Verhalten, das für den deutschstämmigen Raketen-Pionier und „Vater der Weltraumfahrt“ Wernher von Braun (1912-1977) – der womöglich Pate für diesen Namen gestanden hat – historisch überliefert ist aber lange sorgfältig vertuscht wurde.

DVD-Features

„Schock“ wurde von Anolis Entertainment als 7. Teil der „Hammer Edition“ veröffentlicht. Glücklicherweise genießt dieser Film einen ausgezeichneten Ruf, weshalb es zahlreiche, oft viele Jahre nach den Dreharbeiten entstandene Features gibt.

1994 strahlte das englische Fernsehen die 13-teilige Dokumentarserie „The World of Hammer“ aus. Oliver Reed (1937-1999), der 1961 „The Curse of the Werewolf“ (dt. „Der Fluch von Siniestro“) für „Hammer“ gedreht hatte, kommentierte die der „Schock“-DVD als Extra aufgespielte Folge 7, die den Science-Fiction-Filmen der Firma und damit auch den „Quatermass“-Filmen gewidmet war. Über eine halbe Stunde dauert ein an Hintergrundinformationen reiches Interview mit Val Guest, das im Jahre 2000 auf dem „Festival of Fantastic Films“ in Manchester mit ihm geführt wurde.

Zeitgenössisch sind der US-Trailer und zwei Filmprogramme, die sich selbst vor dem Zuschauer auf- und umblättern. Witzig ist ein sechsseitiger „Werberatschlag“, dessen Methoden heute rührend schwerfällig wirken. Eigens für diese DVD zusammengestellt wurden ein Booklet, in dem der Fachmann Uwe Sommerlad über den Film informiert, und eine Galerie mit Bildern. Zu guter Letzt kann der Zuschauer einen „Schock“-Comic ablaufen lassen.

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Schock [Quatermass 1]
Originaltitel: The Quatermass Xperiment (GB 1955)/Shock! aka The Creeping Unknown (US-Titel)
Regie: Val Guest
Drehbuch: Richard H. Landau u. Val Guest (nach einem Drehbuch von Nigel Kneale)
Kamera: Walter J. Harvey
Schnitt: James Needs
Musik: James Bernard
Darsteller: Brian Donlevy (Professor Bernard Quatermass), Jack Warner (Inspektor Lomax), David King-Wood (Dr. Gordon Briscoe), Richard Wordsworth (Victor Carroon), Margia Dean (Judith Carroon), Harold Lang (Christie), Lionel Jeffries (Blake), Gordon Jackson (Aufnahmeleiter), Thora Hird (Rosie) uva.
Label: Anolis Entertainment
Erscheinungsdatum: 18.09.2003 (DVD)/03.06.2016 (Blu-ray)
EAN: EAN: 4020974152143 (DVD)/4041036370442 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,33 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 Mono (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 78 min. (Blu-ray: 82 min.)
FSK: 12

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