Seconds Apart

Originaltitel: Seconds Apart (USA 2011)
Regie: Antonio Negret
Drehbuch: George Richards
Kamera: Yaron Levy
Schnitt: William Yeh
Musik: Lior Rosner
Darsteller: Edmund Entin (Jonah), Gary Entin (Seth), Orlando Jones (Detective Lampkin), Samantha Droke (Eve), Louis Herthum (Owen Trimble), Morgana Shaw (Rita Trimble), James DuMont (Hardesty), Jennifer Foreman (Katie Dunn), Shanna Forrestall (Brenda), Marc Macaulay (Vater Zinselmeyer) uva.
Label: Senator Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 14.10.2011
EAN: 0886979284395 (DVD) bzw. 088697928449 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-ray: 89 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Sie sind Söhne liebender, vermögender Eltern, hochintelligent und gutaussehend. Trotzdem werden die Zwillinge Jonah und Seth Trimble von ihren Schulkameraden geschnitten und sind ohne Freunde. Aufgrund verbotener Experimente während der mütterlichen Schwangerschaft haben sich bei ihnen telepathische und telekinetische Fähigkeiten entwickelt: Die Brüder können Gedanken lesen und sich ihre Mitmenschen geistig unterwerfen, wobei sich ihre Kräfte potenzieren, wenn sie diese bündeln.

Seit Jahren manipulieren die Zwillinge ihre Umwelt. Sie können Menschen zu Sex und Selbstmord zwingen; für sie ist dies ein Spiel, das sie außerdem filmen, um ihre nur rudimentär vorhandenen Gefühle zu stimulieren. Gerade haben sie die besten Football-Spieler ihrer Schule zu einigen Runden russischen Roulettes genötigt, die niemand überlebte.

Mit der Aufklärung dieses Falls wird Detective Lampkin beauftragt. Er ist nach dem tragischen Feuertod seiner Frau gerade in den Dienst zurückgekehrt und psychisch noch angeschlagen. Dies macht ihn verletzlich aber auch hellhörig. Davon bekommen die Zwillinge Wind, weshalb sie vorsichtshalber alle töten, die Lampkin etwas über ihre nicht immer sorgfältig genug geheim gehaltenen Übeltaten berichten könnten. Hochmütig lassen sie den Detective trotzdem spüren, dass er auf der richtigen Fährte ist; auch seine Schwachstelle haben sie bereits gefunden und planen seinen Tod.

Da geschieht etwas Unvorhersehbares: Die hübsche Eve ist neu auf der Schule und teilt die Vorbehalte gegen die Trimble-Zwillinge nicht. Sie verliebt sich in Jonah, der diese Gefühle zum ersten Mal in seinem Leben erwidern kann. Seth steht eifersüchtig im Abseits; er will die Beziehung zerstören. Ernsthafter Streit bricht zwischen den Brüdern aus. Jonah muss begreifen, wie weit Seth zu gehen bereit ist – und wie weit er ohne sein Wissen bereits gegangen ist. Ein mörderisches Duell der Mutanten bricht aus, in dem Lampkin und Eve zwischen die Fronten geraten …

Doppelt vorhanden & vielfach böse

(Eineiige) Zwillinge faszinieren seit jeher: Da stehen zwei Menschen vor uns, die (in gewisser Weise) buchstäblich aus einem Ei geschlüpft sind und sich zum Verwechseln ähnlich sehen, was gern durch einheitliche Kleidung unterstrichen wird. Wer wie das Spiegelbild seines Gegenübers aussieht, muss ihm auch im Wesen entspreche; diese Vermutung liegt nahe. Bis zur Theorie einer ‚unsichtbaren Brücke‘ zwischen Zwillingshirnen ist es dann nur noch ein kurzer Schritt. Die Wissenschaft geriert sich wie üblich als Spielverderber und besteht auf Fakten: Charakterische Parallelen lässt sie vorsichtig gelten, aus der Doppelung resultierende ‚übernatürliche‘ Fähigkeiten nicht.

Was natürlich vor allem den unterhaltenden Medien gleichgültig ist und sein kann. Hier ist das Prinzip des „Was-wäre-wenn“ wichtiger als wissenschaftliche Akkuratesse. Deshalb dürfen Zwillinge gern unheimlich und böse sein, wobei dies noch besser zur Geltung kommt, wenn sich ein wenig Tragik in das Geschehen mischt. In diesem Fall sind Jonah und Seth grundsätzlich unschuldig an ihrer monströsen Fehlentwicklung. Sie wurden von einem eher besessenen als fähigen ‚Forscher‘ als moderne Frankenstein-Monster geschaffen.

Der Fluch der bösen Tat

Wie hätte man solche Kinder erziehen müssen – oder können? Erziehung bedarf einiger Disziplin und Grundsätze, die selten die Zustimmung der Betroffenen findet. Sind diese nun in der Lage, entsprechende Maßnahmen zu verhindern, entsteht daraus ein Problem. Altmeister Ray Bradbury hat in der Kurzgeschichte „The Small Assassin“ (dt. „Baby“) bereits 1943 drastisch gezeigt, wie sich ein Säugling mit Mutanten-Kraft aber ohne Wissen um die gesundheitsschädlichen Folgen gegen seine Eltern ‚wehrt‘. Einen ähnlichen, schon etwas älteren Teufelsbraten können wir in dem Episodenfilm „Twilight Zone – The Movie“ (dt. „Unheimliche Schattenlichter“) 1983 als familiären Terroristen wüten sehen.

Auch die Trimble-Brüder leben in einer Welt, die sie sich nach ihrem Gusto geformt haben. Sie manipulieren, ‚spielen‘ und ‚experimentieren‘, weil sie es können und dies nie anders gewesen ist. Hin und wieder kommt man ihnen auf die Spur, aber das lässt sich per Telepathie und Telekinese unter Kontrolle halten.

In einem schlechten Film hätten sich Jonah und Seth in wahnsinnige Cäsaren verwandelt, die im wahrsten Sinn des Wortes die Puppen tanzen für sich ließen. Regisseur Antonio Negret und Drehbuchautor George Richards lassen den Stumpfsinn des zeitgenössischen Teenie-Horrors nicht nur in diesem Punkt beiseite. Das Leben der Brüder ist bei nüchterner Betrachtung öde und leer: Trotz aller Macht haben sie nie gelernt, wie ein erfülltes Leben aussieht. Entsprechende Versuche scheiterten, da jeder Rückschlag nicht gelernt und akzeptiert, sondern ausgebügelt wurde.

Böse und hilflos im Gleichgewicht

Schon der filmische Auftakt ist gleichzeitig Schock und Verunsicherung: Eine Gruppe angetrunkener Testosteron-Bolzen plappern in fröhlicher Runde Frauenverachtendes, als plötzlich ein Revolver auf dem Tisch liegt. Ohne dass die Stimmung umschlägt oder das Thema gewechselt wird, schießt sich jeder der Anwesenden eine Kugel durch den Kopf. Wie kann so etwas geschehen? Nicht nur Detective Lampkin, sondern auch der Zuschauer ist ratlos – und neugierig geworden.

Die „Seconds-Apart“Geschichte glänzt vielleicht wieder einmal nicht durch Originalität. Die Umsetzung ist jedoch jederzeit gelungen. Negret hält die Zügel fest in der Hand. Die Spannung bricht auch nicht ab, als wir das Geheimnis – die Zwillinge sind Mutanten – kennen bzw. zu kennen glauben, denn uns erwartet ein noch größeres Mysterium. „Seconds Apart“ ist ein Film, der gleich mehrere Subtext-Ebenen besitzt, ohne dadurch irgendwann prätentiös oder verwirrend zu werden.

Die Überraschungen reißen nicht ab. Stück für Stück fügen sie sich zu einer Geschichte, die es in sich hat, wenn sie sich in einem rasanten, tragischen und logischen Finale endlich auflöst; das ist angesichts des eindrucksvollen Bodycounts ein Verb mit Doppelbedeutung. Kaum jemand überlebt das Geschehen, doch wiederum ist dies kein plakativer, sich selbst genügender Knalleffekt, sondern ein Element der Handlung, die in der Nachschau ihr planmäßiges Ende findet.

Die richtigen, weil richtig guten Leute

„Seconds Apart“ steht und fällt mit der Besetzung der beiden Titelrollen. Negret fand tatsächlich Zwillingsbrüder, die im Filmgeschäft aktiv sind. Edmund und Gary Entin verstehen darüber hinaus ihr Handwerk, und vor allem haben sie erkannt, welcher Glücksfall sich ihnen hier bot: „Seconds Apart“ ist einer von acht Horrorfilmen, die von der Produktionsfirma „After Dark Films“ 2010 möglichst kostengünstig hergestellt wurden. Die Ergebnisse entsprechen diesem Anspruch; es entsteht manchmal unterhaltsames aber mittelmäßiges und beklagenswert oft miserables Futter für den anspruchsarmen aber kaufwilligen Grusel-Kunden – und „Seconds Apart“, der eine ganz andere Qualitätsstufe erreicht, ohne an Unterhaltsamkeit einzubüßen.

Hauptrollen für Zwillinge sind im Film relativ selten; meist treten sie in exotischen Nebenrollen auf, die gern erotisch sein dürfen, wenn besagte Zwillinge weiblich sind. In „Seconds Apart“ gehört den Entin-Brüdern das Feld, das sie mit schauspielerischem Einsatz exzellent bestellen. Das müssen sie auch, da ihre Darstellerkollegen ihnen gar nichts schuldig bleiben. Vor allem Orlando Jones ist ein großartiger Detektiv Lampkin: klug, gerissen, sensibel, verletzt und verletzlich, überfordert und niemals Herr der Lage aber hartnäckig und willens, seine eigenen Dämonen zu benutzen, um hinter das Geheimnisse der Trimble-Brüder zu kommen.

Eine weitere Entdeckung ist Samantha Droke, die noch sehr jung ist und noch jünger aussieht, was hervorragend zu ihrer Rolle passt. Eve ist hübsch aber kein Dummchen, in vielen Dingen sehr selbstbewusst, in anderen unsicher. Selten erlebt man – zumal ‚nur‘ in einem Horrorfilm – eine derart glaubhafte Darstellung weiblicher Jugend, so wie Negret überhaupt alle jugendlichen Rollen niemals zu dummen, geilen Karikaturen verkommen lässt.

Es kracht nur dort, wo es krachen muss

Obwohl „Seconds Apart“ kein Film ist, der über Spezialeffekte funktioniert oder funktionieren müsste, spart Regisseur Negret nicht an manchmal durchaus aufwändigen Tricks und auch nicht am Kunstblut. Die Zwillinge sind einfallsreich im Ersinnen abwechslungsreich gestalteter Morde. Was dies in der Umsetzung bedeutet, enthält Negret seinem Publikum nie vor. Gleichzeitig inszeniert er bizarre Wahnvorstellungen, blutige Selbstmorde oder grässliche ‚Unfälle‘ gerade so deutlich, dass die Zensoren ihre Scheren im Halfter lassen: Die Effekte sind der Handlung geschuldet, und das merken sogar Gesetzeshüter und Tugendwächter.

Auch wenn keine Köpfe rollen, sind die Tricktechniker am Werk. Die Filmszenerie entspricht nicht der sommerlichen Realität des sonnendurchfluteten US-Staates Louisiana, in dem „Seconds Apart“ sowohl spielt als auch entstand. Das Kamerabild wurde nachträglich seiner Farben beraubt. Die Welt, in der sich unser Drama abspielt, wirkt monochrom und spiegelt auf diese Weise die emotionalen Beschränkungen und Verletzungen der Figuren wider. Dies unterstützt ein Score, der sich nicht einmal dann aufdringlich ins Ohr bohrt, wenn (klug ausgesuchte) Songs eingestreut werden. Musik ist für Negret offensichtlich ein filmisches Instrument und kein Merchandising-Produkt.

Wenn die Schlusstitel zu rollen beginnen, stellt sich vor allem beim gewohnheitsmäßigen (und gewohnheitsmäßig enttäuschten) Grusel-Freund ein seltenes Gefühl der Zufriedenheit ein: „Seconds Apart“ ist kein Dünn- und Dummfug, den man sich schönreden (oder -saufen) muss, um das unerfreuliche Gefühl zu übertünchen, schon wieder anderthalb Lebensstunden vergeudet zu haben. Stattdessen wurde man gut unterhalten und hat einige Namen im Hinterkopf verankert, wo es in Zukunft klingeln wird, wenn das Auge die dazugehörenden Gesichter in einem anderen Film identifiziert.

DVD-Features

Als Extra zum Hauptfilm gibt es nur ein ca. zehnminütiges „Behind the Scenes“, das jedoch nicht wie viel zu oft üblich als Werbemittel missbraucht wird, sondern tatsächlich Hintergrundinformationen liefert.

[md]

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