Aus der Tiefsee schleicht ein gefräßiges Ungeheuer an Bord einer Öl-Plattform, wo es die meisten Arbeiter verspeist hat, ehe die Verbliebenen es bemerken und den Kampf aufnehmen … – Einer der ersten 3D-Filme des südkoreanischen Kinos ist ausschließlich auf den Bildeffekt reduziertes Action-Kino; die Story weist hanebüchene Logiklöcher auf, die Figurenzeichnung ist eher flüchtige Schraffur: kann in den zahlreichen Spektakel-Szenen unterhalten und muss sonst ertragen werden.

Das geschieht:

Seit einem Jahr bohrt man zunehmend frustriert weil vergeblich im Meer der Koreastraße nach Öl. Vor allem die junge aber höchst energische Hae-joon hat sich auf die Ölsuche im Sektor 7 versteift, weil hier 1985 ihr Vater bei einem mysteriösen Tauchunfall ums Leben kam. Sie will nicht aufgeben und wird von ihrem Onkel und Mentor Lee unterstützt, einem erfahrenen Bohrspezialisten, der sich einfliegen lässt, um die Arbeiten zu unterstützen.

So lautet zumindest die offizielle Erklärung. Tatsächlich knüpft Lee dort an, wovon er schon vor einem Vierteljahrhundert besser die Finger gelassen hätte. Er weiß sehr genau, was dem Bruder einst zugestoßen ist. Dieser war unter Wasser auf eine unbekannte Tierart gestoßen, durch deren Adern eine Art Super-Benzin kreist, das sich kommerziell nutzen ließe. Zwar waren diese Wesen ziemlich aggressiv und recht klein, doch womöglich lässt sich zumindest die Größe unter Einsatz nicht unbedingt legaler wissenschaftlicher Methoden ändern.

Als erst Forschungsassistentin Hyeon-jeong und dann einige Besatzungsmitglieder ums Leben kommen, wird Lee klar, dass die in einem sorgfältig abgesperrten Labor der Plattform gezüchtete Kreatur entkommen ist! Auf die Größe eines Elefanten angeschwollen sowie mit unzähligen Zähnen und einer langen Greifzunge ausgestattet, ergreift sie keineswegs die Flucht, sondern beginnt die Jagd auf schmackhafte Menschen.

Durch einen schweren Sturm ist die Ölplattform von der Außenwelt abgeschnitten. Die Gegenwehr ist schwierig, denn das Wesen ist sowohl zu Lande als auch im Wasser lebensfähig; auch klettern kann es gut. Außerdem ist es schier unverwundbar. Auf allen Ebenen der Station bricht ein erbitterter Kampf aus, bei dem Schrotflinten, Harpunen und Eisenstangen ebenso zum Einsatz kommen wie der Ölbohrkopf oder ein Motorrad …

Hohles Pathos vor brüllender Seegurke

2006 gelang dem südkoreanischen Kino ein Achtungserfolg, von dem vor allem der phantastische Film dieses Landes weiterhin kräftig zehrt: „Gwoemul“ (‚dt‘ „The Host“) erzählte von einem mutierten Riesenfisch, der die Einwohner der Millionenstadt Seoul terrorisiert. „The Host“ war spannend, schnell und auch tricktechnisch auf der Höhe der Zeit; kein Wunder, dass der Erfolg sich nicht auf den südkoreanischen oder asiatischen Raum beschränkte: Solches Kino macht weltweit Spaß!

Ein vergleichbarer Blockbuster ist dem südkoreanischen Kino bisher nicht mehr gelungen. „Sector 7“ markiert einen der seither unternommenen Versuche. Regisseur Kim und Drehbuchautor Yoon pickten sich die scheinbaren Höhepunkte aus der Vorgabe heraus und schmeckten diese Mischung mit dem aktuell allgegenwärtigen Element 3D ab. Was theoretisch nach einem lukrativen Selbstläufer klang, scheiterte umgesetzt in beinahe jeder Hinsicht. Kim und Yoon wollten zu viel und investierten zu wenig – in eine Story beispielsweise, die nicht ausschließlich Transportmittel für möglichst eindrucksvolle 3D- und Trickeffekte ist, welche zu allem Überfluss aus Mangel an Knowhow und Budget oft kümmerlich ge- oder besser missraten sind.

Weiteres Manko ist eine praktisch nicht vorhandene Figurenzeichnung, was freilich auch ein spezifisches Problem des westlichen Zuschauers mit dem asiatischen Kino darstellt: Hier werden Emotionen nicht durch Schauspieler gemimt; der Schauspieler verkörpert stattdessen das Gefühl. Also gibt Monteur Sang-goo, dem die Bestie buchstäblich im Nacken sitzt, nicht das verängstigte Opfer: Er ist die Angst, zittert, greint, weint, schreit – und übertreibt dabei aus westlicher Sicht in einem Maß, das die gewünschte Wirkung vollständig konterkariert und in Fremdschämen umschlagen lässt.

Die Rolle dominiert den Schauspieler

Selbst im Wissen um diese besondere Art des Schauspiels und dem daraus erwachsenen Verständnis kann ein westliches Publikum solches Gebaren nur als Schmierentheater bezeichnen. Da sich die Figuren in „Sector 7“ oft fürchten, ist es um den Geduldsfaden des Zuschauers bald geschehen, der ständig aus der Film-Illusion gerissen wird, weil er nicht Menschen unter Druck, sondern Figur-Hülsen wie die taffe Frau, den weisen Alten, den hochherzigen Freund, die fröhlich-dümmlichen Kumpels oder den feigen Verräter sieht.

Hinzu kommt ein Pathos, das erst recht unerträglich ist. Dabei ist es durchaus interessant, die Story in einigen Punkten zu hinterfragen. Immer wieder klingt deutlich durch, dass die Suche nach Öl für die Besatzung nicht nur Job, sondern vor allem patriotische Pflicht ist. Die Koreastraße trennt Südkorea von seinem östlichen Nachbarn Japan. Beide Länder gieren nach Öl, das sie – zumal wenn in relativer Grenznähe gefunden – dem anderen keineswegs gönnen. Nur mühsam hat man eine politische Lösung gefunden: Südkorea und Japan bohren in der Koreastraße nach Öl. Wer es findet, kann die Fundstelle ausbeuten. Der ‚Verlierer‘ darf keineswegs in der Nähe eigene Bohrstellen anlegen. Dies erklärt das vor allem dem ökologisch angehauchten Zuschauer seltsam anmutende Finale, eine endlose Kamerafahrt über vier nagelneue südkoreanische Bohrinseln, die sich über Sektor 7 erheben: Wichtiger als der Kampf gegen das Monster und das Überleben der ursprünglichen Crew ist der Sieg über den Erzkonkurrenten Japan.

Was nützt indes solches Wissen, wenn man mit Szenen wie dieser konfrontiert wird: Sang-goo und Jong-yoon sitzen in der Falle, die Kreatur hat den einen schon im Zungengriff, während der andere noch eine Hand umklammert. In dieser Situation entspinnt sich ein Gespräch über Freundschaft und Opferbereitschaft. Zeit und Handlung werden einfach ‚eingefroren‘, dazu dröhnt dramatische Musik. Auch das Ungetüm wartet geduldig, bis die Freunde sich ausgesprochen haben. Erst dann metzelt es sie nieder.

Gurken-Monster in Film-Gurke

Stichwort Dramaturgie: Eindeutig klaffen zwischen den Filmwelten Ost und West auch hier Abgründe. Kim und Yoon halten nichts davon, den Einsatz ihres Ungeheuers sorgfältig zu dosieren. Schon kurze Zeit, nachdem es die Bohrinsel geentert hat, zeigen oder besser enthüllen sie es uns beiläufig in einer Szene, die das Spannungselement der gruseligen Erstsicht vollständig ignoriert.

Die Filmsprache ist in jeder Hinsicht eine andere. Das verrät auch ein Finalkampf Mensch gegen Monster, der in die Länge gezogen wird, bis jegliche Spannung verpufft ist. Natürlich ist es die zierliche aber kämpferische sowie – dies ist wichtig! – ehrenhafte Hae-joon, die anzutreten hat. Sie schießt der Kreatur Harpunen in den Leib, zündet sie mehrfach an, jagt sie in die Luft und wird umgekehrt schwungvoll gegen Stahlwände geworfen, baumelt an öligen Drahtseilen oder fliegt durch Glasscheiben. Nach jeder Runde winden sich die Gegner qualvoll am Boden – sie zunehmend blutverschmierter, es stetig angekokelter –, bevor sie sich aufrappeln und behände zurück ins Getümmel stürzen. Dies wiederholt sich – wiederholt sich – wiederholt sich – und wird immer alberner, bis die inzwischen quasi in Stücke geschlagene Hae-joon endlich siegt.

An solchen Hirnrissigkeiten besteht dank Drehbuchautor Yoon nie Mangel. Sind südkoreanische Öl-Bohrinseln tatsächlich mit einem Selbstzerstörungsmechanismus ausgerüstet? Oder mit einem gut bestückten Waffenschrank? Wieso ruht die Monster-Forschung zwischen 1985 und der Gegenwart? Warum kümmern sich nur der Stations-Arzt und eine Assistentin um dieses Projekt, das konzernseitig allerhöchste Priorität einnehmen sollte? Wie viele Menschen arbeiten überhaupt über Sektor 7? Mehr als 15 Personen sieht man nie gleichzeitig auf der gigantischen Anlage.

Was für & auf die Augen

Plant man ehrgeizig ein Action-Spektakel der Superlative, sollte man über die dafür erforderliche, d. h. prall gefüllte Geldbörse verfügen. Auf jeden Fall benötigt man Spezialisten, die wissen, was zu tun ist, damit faktisch nicht Existentes beim Publikum einen überzeugenden Eindruck hinterlässt. „Sector 7“ ist in diesem Punkt von einer beinahe schizophrenen Ambivalenz: Auf grandiose Effekte folgen nahtlos augenschmerzende Erbärmlichkeiten. Dabei funktioniert die Kamera gänzlich außerhalb physikalisch bedingter Einschränkungen. Sie rast über die See oder durch endlose Plattform-Gänge, durchdringt Wände, und schwingt sich hoch in die Lüfte, um sich anschlusslos in die Tiefsee zu stürzen. Dabei gelingen Bilder, die bereits im 2D-Normalformat für offene Zuschauermünder sorgen.

Dafür sorgen auch die Unterwasser-Effekte. Das Staunen speist sich hier freilich aus der Frage, wieso verschwommen und kümmerlich aussieht, was oberhalb des Meeresspiegels faszinieren kann. Das südkoreanische Kino scheint manchmal nach dem Ed-Wood-Prinzip zu funktionieren: Wir wissen, wie es aussehen sollte, haben aber keine Ahnung, wie uns das gelingen könnte; also bitten wir, dass ihr es euch vorstellt. Nur so lassen sich z. B. die miserablen Rückprojektionen erklären, wenn Hae-joon mit ihrem Motorrad (oh ja!) über die Plattform rast und springt.

Noch offen ist die Frage nach unserem Monster. Sie muss zwiespältig beantwortet werden: Im Prinzip ist das Konzept gelungen. Die Kreatur ist eine hübsch hässliche Mischung aus Seegurke und Tiefseefisch. Merkwürdigerweise hat sie Beine; vermutlich haben die Konzern-Frankensteine nicht nur mit dem Wachstum experimentiert. Dies würde auch erklären, wieso eine Kreatur, die aus der Tiefsee kommt, wie ein Löwe brüllen kann.

CGI ist kein Zaubermittel, das Können und finanziellen Einsatz überflüssig macht. Hier bietet sich dem Zuschauer wieder einmal die (nicht unbedingt geforderte) Bestätigung dieser Aussage. Wenn unsere Gurke steht, wirkt sie sehr realistisch. Setzt sie sich in Bewegung, ähnelt sie vor allem in den Kletterszenen einer mit Wackelpudding gefüllten Socke. Diese Schlampigkeit ärgert doppelt angesichts der unerhörten Mühe, die man sich mit anderen Effekten wie beispielsweise der unerhört detaillierten Textur der feuergegerbten Monsterhaut gemacht hat.

Letztlich ging die Rechnung nicht auf – nicht einmal im südkoreanischen Kino. „Sector 7“ wurde kein Blockbuster, stattdessen war die Enttäuschung bei Kritikern und Zuschauern groß. Das ist schade, denn zwischen dem Misslungenen blitzt immer wieder Erstaunliches auf. Ein Film ist jedoch mehr als die Summe seiner Einzelteile. Die Mischung muss harmonisch aufgehen. Hier ist sie in sich zusammengefallen.

DVD-Features

Zwar gibt es Extras zum Film – man kann sie u. a. auf dieser Website sehen –, wurden sie für die deutsche Fassung ignoriert, um die Kosten für eine unumgängliche Übersetzung zu sparen.

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Sector-7
Originaltitel: 7-gwanggu (Südkorea 2011)
Regie: Kim Ji-hoon
Drehbuch: Yoon Je-kyoon
Darsteller: Ha Ji-won (Cha Hae-joon), Ahn Seong-gi (Lee Jeong-man), Oh Ji-ho (Kim Dong-soo), Park Cheol-min (Do Sang-goo), Song Sae-byeok (Go Jong-yoon), Park Jeong-hak (Hwang In-hyeok), Lee Han-wi (Dr. Jang Moon-hyeong), Park Yeong-soo (Jang Chi-soon), Cha Ye-ryeon (Park Hyeon-jeong), Jeong In-gi (Hae-joons Vater) uva.
Label: MFA + Filmdistribution
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 24.07.2012
EAN: 4048317370313 (DVD) bzw. 4048317470310 (Blu-ray) bzw. 4048317570317 (Blu-ray 3D)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 93 min. (Blu-ray: 97 min.)
FSK: 16

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