Acht straffällig gewordene Jugendliche sollen ein abbruchreifes Hotel ausräumen. Dort hat sich ein irrer Serienkiller eingenistet, der hoch erfreut auf neue ‚Sünder‘ wartet, die er ihrer augenausquetschenden Bestrafung zuführen kann … – Die Story ist uralt, ihre Umsetzung nur dort einfallsreich, wo gefoltert und gekillt wird. Schauspielerische Leistungen bleiben rudimentär, Blut & Gekröse heißen die beiden Hauptdarsteller: billiger, immerhin solider Simpel-Horror für jung im Kopf gebliebene Zuschauer, die es kreischkomisch finden, wenn Köpfe gespalten und Gliedmaßen abgehackt werden.

Das geschieht:

Seit ihm in Ausübung seines Polizeidienstes ein Arm abgehauen wurde, betreut Officer Frank Williams jugendliche Strafgefangene, denen das Gesetz eine Chance zur Rehabilitation einräumt. Dieses Mal sind es vier junge Männer und vier Frauen, die sich ein Wochenende im alten Blackwell-Hotel bewähren sollen. Nachdem es mehr als 30 Jahre leer stand, soll es nun vom Müll befreit und saniert werden.

Natürlich sind Kira, Christine, Michael, Zoe, Tyson, Melissa, Russell und Richie keineswegs erfreut oder gar dankbar, doch es winkt ein Monat Straferlass, wenn sie den Job erledigen. Also ergeben sie sich in ihr Schicksal, gedenken jedoch keinesfalls zu arbeiten, sondern durchstöbern das Hotel, wobei sie nach verstecktem Geld oder einem Fluchtweg suchen, kiffen, bumsen und bereiten auch sonst Officer Williams keine Freude.

Anders denkt Jacob Goodnight, ein hünenhafter Psychopath und Serienkiller, der es sich im Penthouse gemütlich gemacht und eine Folterkammer eingerichtet hat. Von seiner Mutter, einer religiösen Fanatikerin, als Kind gequält, jagt Jacob ‚Sünder‘, denen er die Augen aus den Schädeln reißt. Die jugendlichen Delinquenten entsprechen in Wort & Tat exakt seiner Ziel-Beute. Also greift sich Jacob Axt und Fleischerhaken, steigt durch die zahllosen Geheimgänge hinab und macht sich flugs ans Werk.

Diverse Todesfälle später dämmert es den Überlebenden, dass es jemand auf sie abgesehen hat. Officer Williams kennt Jacob gut, denn ihm verdankt er den Verlust seines Arms, wofür er sich damals immerhin mit einem Schuss durch des Killers Schädel revanchieren konnte. Seitdem ist Jacob nicht nur endgültig irre, sondern wartet auch auf die Gelegenheit, es Williams heimzuzahlen. Die Jungkriminellen sind eine willkommene Zugabe. Im von der Außenwelt abgeschlossenen Blackwell setzen sie sich verzweifelt zur Wehr, was Jacob zu mörderischen Höchstleistungen aufstachelt …

Ringen um das Publikum

„See no Evil“ ist das bemerkenswerte Ergebnis einer Entscheidung der „World Wrestling Entertainment Inc.“ (WWE), ins Spielfilmgeschäft einzusteigen. „See no Evil“ wurde einem Regisseur anzutragen, der zuvor unter diversen Decknamen vor allem Fließband-Pornos in Szene gesetzt hatte. Die Kombination von Hardcore-‚Erotik‘, Horror & Haudrauf-Klamauk ist nicht abwegig: Es geht um das vordergründige Spektakel, die reine Aktion, den möglichst weitgehenden Verzicht auf Raffinesse und Originalität, welche das Zielpublikum der drei genannten Sparten in der Regel stärker hasst als der Teufel das Weihwasser.

Die größte und bekannteste Wrestling-Liga der Welt expandiert durchaus planvoll. Ein Budget von 8 Mio. Dollar stellt für sie kein finanzielles Risiko dar. Mit diesem Geld lässt sich ein handwerklich solide produzierter Horrorstreifen inszenieren, der ziemlich sicher seinen Einsatz im Kino und als DVD und einen hübschen Gewinn einspielen wird. Als Hauptdarsteller wählte man wenig überraschend einen bekannten und beliebten Wrestler aus dem WWE-Pool, dessen Fans gern dafür zahlten, ihn einen Multi-Mörder à la Freddy Krueger, Jason Vorhees oder Michael Myers mimen zu sehen.

Diese Liste nüchterner geschäftlicher Entscheidungen schließt Plot und Story von „See no Evil“ ein. Nichts in diesem Film ist eine originäre Schöpfung. Jeder Einfall, jede Wendung lehnt sich an die Slasher der letzten Jahrzehnte an. Übernommen wurde, was sich bewährt hat und faule Tricks und billige Klischees ausdrücklich einschließt. Also findet man hier Klassiker wie den Schultergriff aus dem Off (Ätsch: war nur ein Kumpel!), die Duscheinlage der knackigen Hauptdarstellerin, die dröhnend anschwellende Musik als Vorbereitung gruseliger Taten. Selbstverständlich geistern unsere Knackis endlos durch die Gänge und Zimmer des Hotels, deren Türen stets nur dann abgeschlossen sind, wenn man gerade auf der Flucht vor dem schnaubenden Jacob ist und einen Schlupfwinkel sucht.

Allzu betonter Verzicht auf Anspruch

Dieser erledigt seinen Job, der allein den ‚Sinn‘ des Films ausmacht: Er foltert und tötet möglichst viele Pechvögel auf möglichst unterhaltsame, d. h. blutige Weise. In der Regel reißt Jacob ihnen die Augäpfel heraus, was sehr explizit und überzeugend dargestellt wird; an den diesbezüglichen Spezialeffekten wurde nicht gespart. Jacob legt grandios los und muss sich ordentlich anstrengen, wenn er seine Übeltaten noch steigern will – und ihm bleibt kaum etwas anderes übrig, da die Mordszenen die einzigen sind, die einen als Zuschauer bei der Stange halten.

Nun ließe sich konstatieren, dass „See no Evil“ primär für Bierdosen leerende, Chips & Popcorn mampfende, kollektiv gröhlsüchtige Dimm-Brains – zu denen wir ja alle hin und wieder ganz gern gehören – gedreht wurde und deshalb die üblichen Qualitätsmaßstäbe nicht angelegt werden dürfen. Muss man dennoch sein Hirn an der Garderobe abgeben, um einem Film wie diesem gerecht werden können? Wer nicht gar zu dämlich (oder betrunken) ist, wird die gewaltigen Logiklöcher im Plotgewebe bemerken und sie keineswegs gutheißen. (Einer der Produzenten gönnt sich im Audiokommentar das Vergnügen, die hanebüchenen Brüche anzusprechen und lächerlich zu machen.)

Die angeblich so ulkigen = comichaft irrealen Metzeleien kommen wie der ganze Film bitterernst daher. Mit Jacob Goodnight alias Kane soll ein neuer Horror-Serienheld lanciert werden; Regisseur Dark spricht es offen an. Selbstironie ist offenbar eine Gabe, die in der Wrestling-Szene unbekannt ist; zu diesem Schluss kann man freilich schnell kommen, wenn man sich die plump und unfreiwillig komisch inszenierten Prügeleien zwischen bunt maskierten, schwitzenden Fleischbergen anschaut: Das Publikum scheint den zirzensischen Zinnober zu glauben, den jeder geistig gesunde Zehnjährige durchschauen müsste.

Wenn es einen Aspekt positiv hervorzuheben gilt, so ist dies die erstaunlich gelungene Kulissenausstattung. „See no Evil“ spielt in einem verlassenen Hotel, das seit Jahren vor sich hin rottet. Dieser Effekt wurde meisterhaft realisiert. Wieso der Mensch Moder, Schimmel, fauliges Wasser, Staub, Kakerlaken und Ratten für ekelhaft hält, wurde selten so überzeugend visualisiert wie in diesem Film. Auch Jacobs Folterkammer kann sich sehen lassen – Blut und Verwesung, eine Kollektion eingelegter Augäpfel, Leichenteile und verkrustetes Chirurgenbesteck lassen des Zuschauers Mageninhalt höher steigen.

Wrestler kämpft mit dem Drehbuch

Er misst 2,13 Meter, sein Kampfgewicht dürfte sich deutlich jenseits der Drei-Zentner-Marke bewegen, und er ist erstaunlich flink auf seinen Riesenfüßen: Glen Jacobs, geboren 1967 im spanischen Madrid, im WWE-Milieu berühmt geworden als böser, böser Halbbruder Kane (= Kain!) des fast ebenso bösen „Undertaker“, ist schon optisch ein schwerer Brocken. Als solcher gibt er sich, sobald irgendwo eine Kamera läuft; er muss schwierig sein, den fiesen Choleriker und Schlagetot nicht nur zu mimen, sondern zu verkörpern. Schaltet Jacobs (wie im Audiokommentar) den Kane ab, hört man einen Menschen, der sich gut auszudrücken und kluge Dinge über seinen seltsamen Beruf zu äußern weiß.

Ein Schauspieler ist Glen Jacobs freilich nicht bzw. nur auf dem Niveau eines WWE-Kampf-Clowns. Er macht sich da kaum Illusionen und redet freimütig darüber, dass „See no Evil“ in erster Linie ein Produkt ist, mit dem die WWE und er noch mehr Geld verdienen wollen. Die Story wurde für Jacobs maßgeschneidert; er muss groß, gemein und hässlich sein. Das ist auch dank der Kunst der Maskenbildner gelungen. Jacob Goodnight spricht nur im Finale einige Worte; ein pistolenkugelbedingter Hirnschaden erklärt, wieso er Gefühle in Grimassen umsetzt.

Erstaunlich zahlreich ist die Zahl der anderen Darsteller. Auch das ist Kalkül, denn „See no Evil“ setzt nicht nur auf Gore, sondern – sicher ist sicher – auf einen hohen Bodycount. Die Schauspieler sind vor allem Kanonenfutter oder – seien wir ruhig deutlich – Schlachtvieh für Jacob. Bekannte Namen findet man nicht; es wäre auch Geldverschwendung. Hübsch sind sowohl Männlein als auch Weiblein, und jung zu sein ist slashertypisch die Umschreibung für Gesetzlosigkeit und moralische Verderbnis, was brutal bestraft gehört. Originell soll sein, dass es den zunächst als Hauptfigur eingeführten Darsteller des Officer Williams schon im Mittelteil erwischt. Nun, damit ist er anders als die Zuschauer wenigstens erlöst.

Das erhoffte Franchise lief übrigens eher mühsam an. Erst Ende 2014 erschien „See No Evil 2“. Regie führten dieses Mal die Zwillingsschwestern Jen und Sylvia Soska; Gregory Dark hat sich offenbar 2009 ins Privatleben zurückgezogen. Dagegen rauft Kane, der abermals den Jacob Goodnight gibt, weiterhin im Ring. Die Begeisterung über die Fortsetzung hielt sich in engen Grenzen, doch spielte der Film genug ein, um die Drohung eines weiteren Teils am Leben zu halten.

DVD-Features

Unter dem Titel „Do You See the Sin?“ finden wir ein „Making of“. Es ist – wie die ebenfalls gut zu ignorierenden Interviews – einerseits die US-übliche, gegenseitige Beweihräucherung der am Film Beteiligten (unter besonderer Berücksichtigung der WWE) und andererseits eine sicherlich ungewollte Selbstentlarvung der hinter der Kamera für „See no Evil“ Verantwortlichen.

Regisseur Gregory Dark ist ein wundervoller Insider-Gag. Selten hat es einen Menschen gegeben, der mit seinem Schrumpfschädel, den zerfurchten, wie eingetrocknet wirkenden Gesichtszügen und den gigantischen Segelohren simultan die Karikatur eines schmierigen Pornografen UND eines spinnerten Horrorfilmers verkörpert. Mit völlig unbewegter Miene streut er ungeheuerliche Lügen aus, nennt das Drehbuch „tiefgründig“, weist auf angebliche religiöse Untertöne hin und wirkt insgesamt wesentlich unheimlicher als Jacob Goodnight.

Es gibt auch Interessantes zu erfahren. „See no Evil“ wurde in 32 Tagen abgedreht, was wenig Spielraum für Proben oder sonstige Experimente ließ. Gespart wurde überall, Kulissen fanden (geschickt) mehrfach Verwendung. Trotz seines zwielichtigen Lebenslaufes beherrscht Regisseur Dark sein Handwerk. Er setzte z. B. uralte Kameras mit Handkurbeln ein, um kostengünstig sehr überzeugende Effekte zu erzielen.

Gedreht wurde „See no Evil“ übrigens nicht in Hollywood, sondern kostengünstiger in Australien – in Brisbane, um genau zu sein. Die Mehrheit der Schauspieler wurde hier rekrutiert und auch sonst mit Köpfchen getrickst, um zu sparen, ohne den Zuschauer dies ausbaden zu lassen. Das Blackwell-Hotel ist ein CGI-Effekt, sein Inneres wurde im Studio realisiert – nicht sämtliche Räume, sondern sparsam Raum für Raum, so dass geschlossene Szenen oft über Tage und Wochen und in unzähligen Einzelaufnahmen entstanden. Dilettanten waren hinter der Kamera eindeutig nicht am Werk, denn die Beschränkungen beim Dreh werden kaum jemals offenbar.

Die Featurette „Kane: Journey into Darkness“ reiht Höhepunkt der Wrestler-Karriere des Hauptdarstellers aneinander. Wir sehen ihn, wie er im und am Ring lachhaft inszenierte ‚Kämpfe‘ austrägt, die ihn allerdings als geschickten Stuntman und Athleten ausweisen. Wir erfahren weiterhin, dass Kane zumindest in den vom Wrestling faszinierten USA quasi eine Kultfigur darstellt, die der WWE stabil genug für ein Franchise erschien.

„Storyboard vs. Film – Ein Vergleich“: Statt dummdreiste Leute ebensolche Kommentare über „See no Evil“ platzieren zu lassen, hätte man den handwerklichen Aspekt des Drehs hervorheben sollen. Hier hat man sich wie erwähnt viel Mühe gegeben und Hirnschmalz investiert. Diese Featurette spiegelt das deutlich wider, indem Teilen des Storyboards – dem gezeichneten Drehbuch – die entsprechenden Filmsequenzen gegenüber gestellt werden.

Weiterhin gibt es zwei Audiokommentare, TV Spots, eine Fotogalerie und den Trailer.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok, all rights reserved

See no Evil
Originaltitel: See no Evil (USA 2006)
Regie: Gregory Dark [d. i. Gregory Hippolyte Brown]
Drehbuch: Dan Madigan
Kamera: Ben Nott
Schnitt: Scott Richter
Musik: Tyler Bates
Darsteller: Kane [d. i. Glen Jacobs] (Jacob Goodnight), Samantha Noble (Kira), Christina Vidal (Christine), Luke Pegler (Michael), Rachael Taylor (Zoe), Michael J. Pagan (Tyson), Penny McNamee (Melissa), Craig Horner (Richie), Mikhael Wilder (Russell), Steven Vidler (Frank Williams), Cecily Polson (Margaret Gayne), Tiffany Lamb (Hannah Anders) u. a.
Anbieter: Studiocanal
Erscheinungsdatum: 18.05.2007 (DVD) [27.10.2017 (DVD/Blu-ray)]
EAN: 4006680041452 (DVD/geschnitten)
Bildformat: Widescreen (1.78:1 anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (deutsch, englisch), 6.1 DTS ES (deutsch)
Untertitel: deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 78 min. (DVD/geschnitten) [81 min. (DVD)/84 min. (Blu-ray)]
FSK: 18

Anmerkung: Die ungeschnittene Version des Films ist in Deutschland indiziert, weshalb an dieser Stelle nicht explizit auf die Möglichkeit hingewiesen wird, wo genau der Film z. B. über Österreich ohne Schnitte erworben werden kann; wer schon einmal vom sog. „Internet“ gehört hat, wird sich zweifellos zu helfen wissen.

Titel bei Amazon.de (DVD)

Deathgasm

Baskin – Willkommen in der Hölle

Cannibals – Welcome to the Jungle

The Rezort – Willkommen auf Dead Island