Shiver – Die düsteren Schatten der Angst

Originaltitel: Escalofrío (Spanien 2008)
Regie: Isidro Ortiz
Drehbuch: Hernán Migoya, José Gamo, Alejandro Hernández u. Isidro Ortiz
Kamera: Josep M. Civit
Schnitt: Bernat Aragonès
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Junio Valverde (Santi), Blanca Suárez (Ángela), Mar Sodupe (Julia), Francesco Orella (Dimas), Josep Maria Domènech (Teófilo), Jimmy Barnatán (Leo), Paul Berrondo (Óscar), Ariadna Cabol (Raquel), Roberto Enríquez (Antonio Cifuentes), Andrés Herrera (Fabián), Blanca Martínez (Ángela), Christian Nájera (Raúl), Pau Poch (Tito), Miguel A. Barroso (Jonás), Berta Ros (Erica Hassel), Anna Ycobalzeta (Gloria) u. a.
Label: Legend Film (www.legend-films.de)
Vertrieb: Universum Film (www.universumfilm.de)
Erscheinungsdatum: 15.10.2008 (Leih-DVD) bzw. 03.11.2008 (Kauf-DVD)
EAN: 4013575553297 (Leih-DVD) bzw. 0886973531693 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min.
FSK: 16

Das geschieht:

Teenager Santi lebt mit seiner Mutter Ángela in der spanischen Großstadt Barcelona. Ein seltenes Hautleiden zwingt ihn, das Tageslicht und vor allem die Sonne zu meiden. Die Krankheit verschlimmert sich und zwingt Mutter und Sohn zum Umzug in das wolkenreiche Nordspanien. In einem abgeschiedenen Bergdorf in den Pyrenäen versuchen sie zwischen hohen Gipfeln eine neue Heimat zu finden. Ladenbesitzer Dimas, der ihnen auch ein einsam gelegenes Haus vermietet hat, nimmt sie freundlich auf und versucht sie in die misstrauische Dorfgemeinschaft einzuführen. Doch Santi, der „Vampir“, bleibt auch hier ein Außenseiter. Trotzdem beginnt sich die hübsche Julia, Tochter des Polizeiinspektors Cifuentes, für den Neuen zu interessieren.

Daheim fühlt sich Santi zunehmend unwohl. Das alte Haus steht am Rande eines Urwalds, den nur Wilderer und Dummköpfe betreten. Nachts wird es unheimlich in seiner Kammer, denn auf dem Dachboden scheint es umzugehen. Santi bildet sich nicht nur ein, dass eine seltsame Kreatur durch den Wald geistert: Der junge Tito wird auf dem Heimweg verfolgt. Als sein Mitschüler Jonás dies vor Ort nachprüfen will, schließt Santi sich ihm an. Das Unternehmen endet als Fiasko: Jonás wird die Kehle durchgeschnitten, und Santi ist plötzlich Hauptverdächtiger in einem Mordfall!

Nach einem weiteren Mord rotten sich die Dörfler bedrohlich gegen Santi zusammen. Der ruft seinen Freund Leo zur Hilfe, der aus dem fernen Barcelona anreist. Auch Julia stellt sich auf Santis Seite, der inzwischen entdeckt hat, wer einst in dem Haus am Waldrand gewohnt hat: Die deutsche Familie Hassel genießt im Internet einen gewissen Ruhm, denn Tochter Erika war ein „Wolfskind“, das in Afrika unter wilden Tieren im Dschungel aufwuchs. Später zog die Familie nach Spanien um und schließlich nach Deutschland zurück. Dort verliert sich allerdings ihre Spur, was in Santi den Verdacht aufkommen lässt, dass Erika den Wald nie verlassen hat …

Viel Atmosphäre um wenig Handlung

Spanien ist im noch jungen 21. Jahrhundert für den Freund des etwas anderen, sprich ideenreichen und überraschenden Horrors ein vielversprechendes Filmland geworden. „Pan’s Labyrinth“, „Das Waisenhaus“ und „[Rec]“ sind nur drei nicht nur mit Recht sondern auch im Ausland erfolgreiche Kinofilme, die neugierig auf weitere Phantastik aus Südwesteuropa machen.

Auch „Shiver“ beginnt verheißungsvoll. Als die Story in Barcelona ihr solides Fundament erhalten hat und in die Pyrenäen abgewandert ist, entwerfen Regisseur Isidro Ortiz und Kameramann Josep M. Civit eine ebenso stimmungsvolle wie abschreckende Welt abseits der Gegenwart. Zwar erkennt man am neuen Heim von Santi und Ángela eine Satellitenschüssel, doch vertrauter wird die archaische Landschaft dadurch nicht. Zwischen Barcelona und den Pyrenäen liegen nur 120 Kilometer, doch die gefühlte Distanz ist wesentlich größer.

Die wilde Schönheit der Berglandschaft verwandelt Civit in ein schattenreiches und düsteres, ständig feuchtes und klammes Labyrinth aus unterholzdichtem Urwald und schroffen, steilen Berghängen. Um den Eindruck einer ständigen Bedrohung zu unterstreichen, wurden die hellen Farben aus dem Film verbannt. Braun- und Grüntöne schaffen zusammen mit den allgegenwärtigen Schatten einen Tarneffekt, der das sich anschleichende Grauen wohl signalisiert aber nie deutlich werden lässt.

Das Bergdorf fügt sich ideal in die ungastliche Natur ein. Seine Bewohner sind misstrauisch und verschlossen, abergläubisch und vor allem sämtlich bewaffnet. Hier ist man es gewohnt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, wobei das Gesetz – ohnehin von fernen Stadtmenschen formuliert – gern außen vor bleibt.

Vom Regen in die Traufe

Dass der ersehnte Neubeginn für Santi und Ángela in dieser Umgebung problematisch werden dürfte, wundert den gut eingestimmten Zuschauer nicht. Er weiß, mit welchen Problemen Santi zu kämpfen hat, und nimmt Anteil an seinem bizarren Schicksal – ideale Voraussetzungen für das nunmehr einsetzende Hauptgeschehen.

An diesem Punkt beginnen die Probleme. Sie kommen nicht unerwartet, denn den Einbruch des Mysteriösen in die Realität glaubhaft zu machen ist eine Herausforderung, der seit jeher nur wenige Autoren und Regisseure gewachsen sind. Schon die Zahl der Drehbuchautoren ist verdächtig: Viele Köche verderben den Brei, so lautet ein altes aber inhaltswahres Sprichwort. Und richtig: „Shiver“ entwickelt sich deprimierend schnell in eine Mischung aus „Akte X“-Klon und Teenie-Dramolett auf TV-Niveau. Was da durch die Wälder geistert, ist viel zu rasch kein Geheimnis mehr. Als die Katze (bzw. Erika) aus dem Sack ist, ändert sich die Grundstimmung. Ortiz greift auf Klischees zurück: Polizei und Dumm-Dörfler verdächtigen Santi, auch Mama Ángela und der plötzlich aus der Versenkung aufgetauchte Papa ziehen zweifelnde Gesichter. Santi tut sich daraufhin mit der unbeirrbaren Freundin Julia und dem tumben Nerd-Kumpel Leo zusammen.

Zu dritt und in Eigenregie versucht man das Geheimnis zu lüften. Dabei stellt sich das  Trio exakt so dämlich an wie alle Teenies, denen ein Unhold mordlüstern auf den Fersen ist: Da wird in Drahtfallen getappt, Böschungen hinab gekugelt oder – ein Dauerbrenner – dem Feind im entscheidenden Moment der Rücken zugedreht, damit dieser umso nachhaltiger aus dem Off bersten kann.

Diese ausgelaugten Routinen kann der Finaltwist, mit der Ortiz der scheinbar erzählten Geschichte eine unerwartete Wende gibt, nicht mehr ausgleichen. Schade, denn die Dreiecks-Konstellation aus ‚tragischem Monster‘ (Santi), Schrecken des Waldes (Erika) und dem eigentlichen Bösewicht (dessen Name hier verschwiegen bleibt) hätte ihre Wirkung besser entfalten können. (Vielleicht würde darüber sogar in Vergessenheit geraten, dass dieser Finaltwist mit der Handlung logisch überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist: Ortiz setzt hier auf den simplen Überraschungseffekt.)

Der Dilettant ist dem Gesamteindruck sein Tod

Wenn „Shiver“ scheitert, so ‚verdankt‘ der Film dies zu einem guten (bzw. schlechten) Teil der schauspielerischen ‚Leistung‘ von Junio Valverde  als Santi. Solange dieser in seiner Rolle eher passiv bleibt und von seiner Lichtallergie beherrscht wird, kann er sie ausfüllen. Sobald Valverde vom Waldgeist und dann (wie weiland Frankensteins Ungeheuer) von den Dorfdeppen gejagt wird (Fackeln & Mistgabeln werden von Flinten ersetzt), fällt ihm nur ein, das Gesicht wie im Todeskampf zu verziehen und wie ein asthmatisches Walross zu schnaufen. Das zieht er konsequent durch, bis aus einem bedauernswerten jungen Mann ein Nervtöter geworden ist, dessen Ende durch Klinge oder Kugel gar nicht früh genug kommen könnte.

So bleibt „Shiver“ hauptsächlich als Film der verpassten Möglichkeiten in Erinnerung. Der Schein kann die Kläglichkeit des Inhalts eine ganze Weile verbergen. Die Enttäuschung ist umso größer, wenn der Zuschauer dann bemerkt, dass sich seine Erwartungen eines nicht nur stilvollen, sondern auch faszinierenden phantastischen Films nicht erfüllen werden.

DVD-Features

Die Extras zum Hauptfilm bleiben übersichtlich. Neben dem deutschen und dem spanischen Original-Trailer gibt es ein „Making of Shiver“, das kümmerliche achteinhalb Minuten läuft – glücklicherweise, entpuppt sich der ‚Hintergrundbericht‘ doch nach kurzer Zeit als dreiste Werbung. Darsteller und Crewmitglieder müssen maßlos über das geniale Filmwerk in die Kamera schwärmen; manchen kann man immerhin im Gesicht ansehen, wie peinlich ihnen ist, was nur als Unverschämtheit bezeichnet werden kann.

Die schön gestaltete Website zum Film ist in dieser Beziehung zwar auch nicht ohne Fehler, doch sie liefert (in spanischer oder englischer Sprache) immerhin einige Background-Infos: www.escalofriolapelicula.com [MD]

Titel bei Amazon.de
Shiver – Die düsteren Schatten der Angst