shroomsUS-amerikanische Studenten unternehmen einen Irland-Trip, in dessen Verlauf sie „magic mushrooms“ verkosten, die ihre ohnehin raren Hirnzellen durcheinanderwirbeln und sie in einen Zustand versetzen, in dem sich Realität und Rausch vermischen. Das ist übel, da in dem Wald, durch den sie torkeln, etwas sehr Böses zu hausen scheint … – Ein wenig zu deutlich um Originalität bemühter Durchschnitts-Slasher, der nach dem strapazierten Prinzip der „10 kleinen Negerlein“ leidlich funktioniert: trotz ‚Überraschungsfinale‘ Konfektionsware für Grusel-Komplettisten.

Das geschieht:

Fünf US-amerikanische Studenten besuchen die Insel Irland, die dort, wohin Gastgeber Jake seine Freunde Tara, Troy, Lisa, Holly und Bluto führt, ganz besonders grün und auch einsam ist. Letzteres ist wichtig, denn das Sextett plant ohne Störung durch die Polizei das Sammeln von „magic mushrooms“ – Pilzen, die rauschgiftähnliche Substanzen enthalten, nach deren Genuss der Ausflug zum buchstäblichen Camping-Trip werden soll.

Leider steht das Unternehmen unter keinem guten Stern. Es regnet, man streitet, der hirnarme Anaboliker Bluto säuft Pilz-Tee für sechs Personen. Durch das dichte Unterholz schleichen die inzestuös degenerierten Brüder Ernie und Bernie. Tara beißt in einen falschen Pilz und beinahe ins Gras. Sie wird von wilden Halluzinationen geschüttelt und ist fest davon überzeugt, in die Zukunft schauen zu können.

Dann erzählt Jake zu allem Überfluss, dass man sich im verwilderten Park der ehemaligen Jugendstrafanstalt Glengarrif House aufhält. Vor nicht allzu vielen Jahren übte hier der sadistische Leiter, den man den „Schwarzen Bruder“ nannte, sein Schreckensregiment aus, bis ein vom Terror wahnsinnig gewordener Insasse giftige Pilze in die Kantinensuppe mischte. Unter den mehr als 80 Opfern suchte man sowohl den Mörder als auch den „Schwarzen Bruder“ vergebens. Sie sollen, so Jake, durch die Ruine von Glengarrif und die angrenzenden Wälder spuken.

In der Tat scheint es nachts im Zeltlager umzugehen. Allerdings sind unsere Pilzfreunde inzwischen so zugedröhnt, dass Rausch und Realität sich mischen. Tara hat Visionen von schrecklichen Morden, denen ihre Gefährten zum Opfer fallen. Als Bluto tatsächlich ein grässliches Ende findet, bricht wilde Panik aus. Die entsetzten Freunde wanken planlos durch den Wald. Sie werden verfolgt, wobei sich zum „Schwarzen Bruder“ ein zweites Phantom gesellt, das ebenso blutrünstig auftritt …

Ganz alte Pilze (bzw. Hüte)

Eine gänzlich ausgelaugte Vorlage wird nicht dadurch origineller, dass man sie aus dem US-amerikanischen Hinterwald ins alte Europa verlegt. Dem war sich Regisseur Paddy Breathnach durchaus bewusst, weshalb er versuchte, der langbärtigen Mär von der zivilisierten Reisegruppe, die in der Wildnis auf mörderisches Gesindel stößt, neue Seiten abzuringen. „Shrooms“ ist nach seiner (im Making-of dargelegten) Meinung eine Mischung aus modernem Slasher und innovativem Asia-Horror. Man kann ihn entweder für seine Dreistigkeit bewundern oder ob der tragischen Fehleinschätzung bedauern.

Faktisch ist „Shrooms“ auf Kommerz getrimmte Dutzendware mit einem schmalen Budget, das irgendwie ausgeglichen werden musste. Da das Geld nicht für aufregende oder wenigstens drastische Effekte reichte, verlieh man den finsteren Gestalten, die unsere Pilzköpfe heimsuchen, die dringend notwendige Unheimlichkeit vor allem durch Bildsprünge: In dieser Sekunde steht der „Schwarze Bruder“ noch fern am Horizont, in der nächsten springt er uns ins Gesicht. Das lässt sich kostengünstig umsetzen und funktioniert unter Beifügung von „Buh!“-Musik zuverlässig.

Auch die heute technisch leicht realisierbare und wohl deshalb so beliebte Entfärbung der Bilder, die hier einen Sommerwald in eine grau-blaue, düster dräuende Stätte verwandeln sollen, kann die Mankos nicht übertünchen. „Shrooms“ serviert alten Wein in neuen Schläuchen. Im Making-of betonen alle Interviewten die Aufhebung zwischen Wahn und Wirklichkeit und die daraus resultierende Auflösung der Story. Wer nicht weiß, dass „Shrooms“ keineswegs der erste Film ist, der sich dieses Plots bedient, mag überzeugt sein. Der versierte Zuschauer wird freilich den angeblich schockierenden Finaltwist schon sehr früh kommen sehen. Er löst die Story auf, was auf jeden Fall anzuerkennen ist. Nur überraschend ist er eben nicht.

Vielleicht bemüht, trotzdem gescheitert

Was kann heute noch überraschen? Nach mehr als einem Jahrhundert (Horror-) Film gibt es Neues, Frisches, Originelles nur noch alle Jubeljahre. Paddy Breathnach spielt mit offenen Karten. Er will das Rad gar nicht neu erfinden. Im Making-of gibt er offen zu, dass er nach dem Misserfolg früherer Filme einen Erfolg benötigte, um im Geschäft zu bleiben. „Shrooms“ ist das redliche Ergebnis des daraus resultierenden Gehens auf Nummer Sicher. Die Feststellung, dass europäische Filmkunst nicht automatisch sämtliche Filme erfasst, die in Europa gedreht werden, wiegt die Eintönigkeit leider nicht auf, die „Shrooms“ über weite Strecken verbreitet. Wirklich innovativ ist einzig das hübsche DVD-Cover.

Es wäre ein zu hartes und sicherlich nicht zutreffendes Urteil, die Darsteller hauptverantwortlich für die beklagte Durchschnittlichkeit zu machen. Breathnach hat durchweg Schauspieler gecastet, die nicht nur altersmäßig in ihre Rollen passen – was im Horrorfilm-Genre beileibe keine Selbstverständlichkeit ist -, sondern auch trotz ihrer Jugend viel Erfahrung vorzuweisen haben. Zu den Meistern ihrer Kunst gehören sie jedoch nicht.

Zweitens können sie aus einem verbrämten Einheits-Drehbuch kein Filmereignis machen. Dazu hätte es mehr Mut seitens des Autors erfordert, der die üblichen Slasher-Klischees nur leicht abwandelt und sich ansonsten auf sie verlässt. Also treffen wir den besonnenen Anführer, den Widerling, den Deppen, das brave Mädchen, die Zicke und die Tussi im Wald. Bluto ist die reinste Karikatur, Troy erinnert stark an Jay ohne Silent Bob. Die Darstellerinnen fallen durch die Unerschrockenheit auf, mit der sie sich in schlammigen Teichen und in schwarzem Walddreck wälzen, bis Oben und Unten nur noch durch die laserweißen Gebisse zu unterscheiden sind. Don Wycherley und Sean McGinley mimen die irren Brüder Ernie und Bernie mit sichtlicher Freude an der Übertreibung.

Nach 90 Minuten bleibt der Zuschauer frustriert zurück: Die Ambitionen der Beteiligten haben sich ihm mitgeteilt, doch das gilt ebenfalls für den limitierten Plot und dessen entsprechende Umsetzung. „Shrooms“ ist handwerklich gelungen aber inhaltlich eine Zumutung, was konturenscharfe Bilder nicht jederzeit ersetzen können. Deshalb ist von einer Sichtung zwar nicht nachdrücklich abzuraten. Eine Empfehlung kann jedoch ebenso wenig ausgesprochen werden. Die 2013 nachgeschobene „Extended Version“ kann daran grundsätzlich nichts ändern bzw. bessern: Der „Shrooms“-Quark wird hier einfach nur breiter getreten, statt publikumsschmackhafter zubereitet zu werden.

DVD-Features

„Shrooms“ ist ein ‚kleiner‘ Film, dem für die Veröffentlichung nur wenige Extras beigegeben wurden, die immerhin mehr als 45 Minuten dauern: Trailer, Making-of und Interviews. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass diese Features mit einiger Liebe zum Detail gefertigt wurden. (In der Blu-ray-Fassung kommen noch „Deleted Scenes & Bloopers“ hinzu.) Zwar erschöpfen sich die Interviews weitgehend in Allgemeinplätzen und gegenseitigen Lobhudeleien (Maya Hazen scheint übrigens wirklich „magic mushrooms“ genascht zu haben, was eine Erklärung für ihr zusammenhangsfreies Gefasel wäre), doch die ausgiebigen Blicke hinter die Kulissen, die das übliche Making-of ersetzen, entschädigen dafür: Die Ausschnitte wurden so gut gewählt, dass Kommentare überflüssig sind; es gibt deshalb auch keine. Der schwierige Alltag einer ‚kleinen‘ Filmproduktion teilt sich dem Zuschauer jedenfalls mit.

Wer sich die Originalfassung von „Shrooms“ anschaut bzw. die Originalstimmen der Darsteller hört, wird feststellen, dass der Film in der deutschen Version viel von seiner Wirkung durch die Synchronisation verliert. Die ist einfach nur schlecht; inspirationslose Sprecher/innen scheinen die Rollen vom Blatt abzulesen, die Stimmen sind flach und ausdrucksarm = eine Katastrophe.

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Shrooms – Im Rausch des Todes
Originaltitel: Shrooms (Irland 2006)
Regie: Paddy Breathnach
Drehbuch: Pearse Elliott
Kamera: Nanu Segal
Schnitt: Dermot Diskin
Musik: Dario Marianelli
Darsteller: Lindsey Haun (Tara), Jack Huston (Jake), Max Kasch (Troy), Maya Hazen (Lisa), Alice Greczyn (Holly), Robert Hoffman (Bluto), Don Wycherley (Ernie), Sean McGinley (Bernie) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 13.03.2008 (DVD)/04.07.2013 (Blu-ray)
EAN: 7613059800328 (DVD)/ 7613059400320 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1 – anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 88 min.)
FSK: 16

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