Aus großer Macht erwächst hier auf Umwegen große Verantwortung: Dass ein kleiner Gauner Superkräfte entwickelt, kommt ihm zugute, als er unfreiwillig zwischen einen irren Terroristen und die Mafia gerät … – Die Genese eines ‚Helden‘ gestaltet sich anders als im Marvel- oder DC-Kosmos ‚europäisch‘, d. h. erzähltief und profilstark, dabei spannend und erstaunlich effektsicher, ohne Story und Figuren unter Spezialeffekten zu begraben: ein Lichtblick im aktuellen Blockbuster/Hohlkopf-Kino.

Das geschieht:

Enzo Ceccotti ist ein kleiner Gauner, der in der römischen Trabantenstadt Bella Monaca ein trostloses Dasein fristet. Wenn er nicht gerade vor der Polizei flüchtet, lässt er sich vom Hehler Sergio über Ohr hauen oder hockt abgestumpft in seiner kahlen Hochhauswohnung, wo er Pornos schaut und Joghurt isst.

Sergio ‚arbeitet‘ mit dem ehrgeizigen Bandenboss Fabio zusammen, der vom Aufstieg in die kriminelle Oberliga, Medienruhm und Anerkennung träumt. Dafür lässt er sich mit der Mafia ein und ordert bei der gefürchteten Nunzia eine große Menge Rauschgift. Fabio bleiben sieben Tage, um über den Verkauf das nötige Geld aufzutreiben; sollte er scheitern, werden Nunzias Schergen ihn und seinen Männern das Fürchten lehren.

Die Übergabe des Rauschgifts geht schief, Sergio stirbt dabei, Fabio steht mit leeren Händen da. Einziger Überlebender ist Enzo, der Sergio begleitet hatte, dabei aus dem neunten Stock eines Hochhauses gefallen ist, angeschossen wurde aber zur eigenen Überraschung überlebt: Bei einem Sturz in den Fluss Tiber war Enzo zwischen heimlich versenkte und leckgeschlagene Fässer mit Atommüll geraten. Es dauert einige Zeit, bis ihm bewusst wird, dass ihm dieser Unfall Superkraft beschert hat, was Enzo seine Tätigkeit als Dieb erheblich erleichtert.

Allerdings hängt sich Alessia, Sergios geistig verwirrte Tochter, wie eine Klette an ihn. Sie hält Enzo für die Reinkarnation eines japanischen Manga-/Anime-Superhelden und fordert ihn auf, seine Kräfte in den Dienst der Gerechtigkeit zu stellen. Als Fabio und seine Bande Allessia auf der Suche nach Sergio bedrohen, springt Enzo ihr bei und erregt Fabios Zorn. Als er hinter Enzos Geheimnis kommt, entführt er Alessia, um Enzo zu zwingen, ihn über die Herkunft seiner Kräfte zu informieren: Der größenwahnsinnige Fabio träumt davon, unbesiegbar die ganze Welt in Angst und Schrecken zu versetzen, und setzt beim Versuch, dieses Ziel zu erreichen, alles auf eine Karte …

Wie wird man ein Superheld?

Wirft man einen Blick auf die „origin storys“ klassischer Superhelden, eint diese in der Regel eine unscheinbare Herkunft. Batman alias Bruce Wayne stellt die große Ausnahme dar, und Marvels Thor ist gar ein waschechter Göttersohn, doch Superman, Spiderman und viele andere im DC- bzw. Marvel-Kosmos beheimatete Übermacht-Gestalten mit nur einem Ansprechnamen sind in der (unteren) Mittelschicht verwurzelt. Dort wurden sie mit jenen traditionellen Werten geimpft, denen sie dann im Kampf gegen allerlei ebenso kräftige Widersacher oder korrupte Schlips-Schurken handgreiflich Geltung verschaffen.

Im fortschreitenden 21. Jahrhundert hat sich das – natürlich – geändert. Die zynische Gegenwart bejubelt längst auch superkräftige Zeitgenossen, die eindeutig keine Helden sind. Geblieben ist eine meist nachgelieferte Ursprungs-Saga, die positive wie negative Kraftmeier im Stil einer trivialisierten Heiligen-Legende in diese oder andere Welten treten lässt. (Wer wissen möchte, wie in diesem Zusammenhang „lächerlich“ zu definieren ist, schaue sich Batmans ‚Geburt‘ in „Batman v Superman“  – in der dreistündigen „Ultimate Edition“ – an.) Theatralisches Spektakel soll den Eindruck erwecken, dass ein Helden-Schicksal besiegelt ist, sobald die Kräfte sich melden.

Laut und pseudo-gewichtig aber inhaltsleer kommen die zahllosen Blockbuster der vergangenen Jahre daher. Das Kino spuckt förmlich Superhelden aus, die sich eigentlich nur durch ihre Kostüme voneinander unterscheiden. Sobald sich ihre Münder öffnen, quellen jedenfalls ausschließlich Phrasen heraus, was auch eine Untermalung durch pompöse Filmmusik nicht vertuschen kann. Ansonsten beschränkt sich die Dramaturgie auf die Präsentation dessen, was Tausendschaften von Trickspezialisten digital zu leisten vermögen.

Kleine Ursache – vergnügliche Wirkung

Die Ergebnisse sind – zumindest außerhalb des angeblichen Zielpublikums – Kopfweh, Überdruss und Langeweile. Dabei ist es theoretisch durchaus spannend zu verfolgen, wie ein normaler Zeitgenosse Superkräfte entwickelt, wenn er oder sie diese nicht à la Hollywood umgehend einsetzt, um den Mond auf einen kapitalkriminellen Riesen-Roboter zu werfen. Dass die Kombination aus großer Kraft und geistiger Überforderung viel spannender sein kann, hat u. a. M. Night Shyamalan 2000 in „Unbreakable“ (dt. „Unzerbrechlich“) ohne hysterisches Gehampel unter Beweis gestellt – einen Film, den Gabriele Mainetti offensichtlich gesehen und verstanden hat, ohne ihn zu kopieren.

Stattdessen geht Mainetti mit „Sie nannten ihn Jeeg Robot“ weiter – und dies simultan in zwei Richtungen. So fügt er dem Plot vom Superhelden wider Willen mehr als einige Umdrehungen hinzu, während er aus dem Irrsinn der Idee nie einen Hehl macht: Letztlich sind Superhelden komische Gestalten, was durch ihren Drang, sich papageienbunt und/oder textilknapp zu ‚kostümieren‘, unfreiwillig unterstrichen wird; eine Angewohnheit übrigens, die Mainetti im Finale für einen der vielen gelungenen und komischen Einfälle nutzt, mit denen er knapp zwei Stunden Filmzeit in kurzweilige Unterhaltung verwandelt.

DC oder Marvel könnten mit dem Budget, das Mainetti zur Verfügung stand, wohl nicht einmal eine jene Spezialisten bezahlen, die für den Hochglanz von Wonder Womans Brustpanzerschalen verantwortlich sind. Nichtsdestotrotz hat er einen Film gedreht, der einschlägige Schauwerte keineswegs ausklammert. Sie mögen nicht lawinenhaft über das Publikum hereinbrechen, sondern sind stattdessen in die Handlung integriert. Das Ergebnis bietet großes Vergnügen bei deutlich niedrigem materiellen Aufwand: Story und Idee tragen den Sieg davon.

Tiber-Toxie als Retter einer Stadt

Ebenfalls Pate an Enzo Ceccottis Wiege stand der „Toxic Avenger“, jener Underdog, der in ein Fass mit Atommüll stürzte (!), saurierstark und unverwundbar wurde aber Außenseiter blieb, weil er grässlich mutierte. Enzo bleibt äußerlich ganz Mensch, hat aber trotzdem Schwierigkeiten, in eine Heldenrolle zu schlüpfen. Wie „Toxie“ ist er geistig der Herausforderung nicht gewachsen, was Mainetti in ebenso komischen wie rührenden Szenen zu verdeutlichen weiß. Zur sorgfältigen Zeichnung der Enzo-Figur kommt dabei ein Umfeld, das ebenfalls sorgfältig und detailreich gestaltet ist. Ungeachtet der überdrehten Handlung entsteht in diesem Rahmen eine erstaunlich ‚realistische‘ Geschichte – ein Paradoxon, das dem sprichwörtlichen Tanz auf des Messers Schneide gleicht, die hier besonders scharf ist.

Claudio Santamaria ist hervorragend als ausgebrannter, gleichgültiger Mann, der eher vor sich hin vegetiert als zu leben. Nachdem er seine Kräfte entdeckt, fällt ihm nur ein, sie kriminell einzusetzen. Da er auch als superstarker Gauner ebenso untauglich ist wie zuvor, bringt ihn das keineswegs weiter. Ein Umdenken setzt erst ein, als Enzo Alessia kennenlernt. Sie verkörpert die „Jungfrau in Not“ auf der Flucht vor dem Drachen – hier in Gestalt von Fabio -, ohne den üblichen Klischees zu unterliegen. Alessia ist laut und lästig, dabei geistig labil, was Ilenia Pastorelli so in ihre Rolle einfließen lässt, dass aus Alessia keine Witzfigur, sondern der einzig mögliche Katalysator für Enzios Erwachen wird. Sie weckt Enzo aus seiner Lethargie und ist verantwortlich dafür, dass er tatsächlich ein ‚echter‘ Superheld werden könnte.

Fabio – eindrucksvoll dargestellt von Luca Marinelli – ist Enzo ein würdiger Gegner und sein Spiegelbild. Beide stehen sie ganz unten in der sozialen Hierarchie, doch während Enzio sich dem Milieu ergeben hat, begehrt Fabio wütend auf. Er betrachtet Bella Monaca als Gefängnis, aus dem er nicht nur ausbrechen, sondern die Welt auf sich aufmerksam machen will: Als Jugendlicher hat Fabio an einem obskuren Talentwettstreit teilgenommen und sehnt sich seitdem nach einem Ruhm, die er notfalls durch Mord und Todschlag erzwingen will.

Dieses Dreieck aus ‚Held‘, Schurke und „love interest“ wird durch eine Kollektion schräger und gruseliger Typen ergänzt, die zwischen comichafter Überzeichnung und grausamer Realität hin- und herschwingen. Damit passen sie perfekt in diese Geschichte bzw. diesen Film, der über zwei volle Stunden unterhält und dabei – man glaubt es kaum – immer wieder überrascht.

„Jeeg Robot“: Manga und Anime

Anfang der 1970er Jahre schufen Go Nagai (Story) und Tatsuya Yasuda (Zeichnungen) die Manga- und Anime-Serie „Kōtetsu Jīgu“ („Steel Jeeg“). Ein genialer (oder verrückter) Wissenschaftler verwandelt den Rennfahrer Hiroshi Shiba nach einem eigentlich tödlichen Unfall in einen Cyborg. Als ‚Kopf‘ des gigantischen Kampfroboters „Steel Jeeg“ legt sich Hiroshi mit allerlei ähnlich überdimensionierten Schurken an, die das moderne Japan bedrohen.

Obwohl die TV-Serie nur zwei Jahre (1975/76) lief und es dabei auf gerade einmal 46 Episoden brachte, konnte sie nicht nur in Japan, sondern auch in den USA und in Europa ein Publikum fesseln, das „Steel Jeeg“ nicht vergaß. Vor allem in Italien besitzt die Serie eine solide Fan-Basis, auf die Gabriele Mainetti setzen konnte. obwohl sein Film alles andere als eine Nacherzählung der Originalgeschichte darstellt.

DVD-Features

Einmal mehr fehlen Hintergrund-Infos dort, wo man sie sich tatsächlich wünschen würde. Während die Marvel-/DC-Blockbuster massiv durch plump als „Making of“ etikettierte Zusatz-Werbung flankiert werden, findet sich auf dieser deutschen DVD-Ausgabe von „Jeeg Robot“ nur der Trailer zum Film. (Auf der Blu-ray ist das übrigens nicht anders.)

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Sie nannten ihn Jeeg Robot
Originaltitel: Lo chiamavano Jeeg Robot (Italien 2015)
Regie: Gabriele Mainetti
Drehbuch: Nicola Guaglianone u. Gabriele Mainetti
Kamera: Michele D’Attanasio
Schnitt: Andrea Maguolo
Musik: Gabriele Mainetti u. Michele Braga
Darsteller: Claudio Santamaria (Enzo Ceccotti), Ilenia Pastorelli (Alessia), Luca Marinelli (Fabio „Zingaro“ Cannizzaro), Stefano Ambrogi (Sergio), Maurizio Tesei (Biondo), Francesco Formichetti (Sperma), Daniele Trombetti (Tazzina), Joel Sy (Claudietto), Antonia Truppo (Nunzia Lo Cosimo), Gianluca Di Gennaro (Antonio), Salvatore Esposito (Vincenzo), Juana Jimenez (Marcellone), Giampaolo Crescenzio (Pinocchio), Tommaso Di Carlo (Efeso) u. a.
Label: Pandastorm Pictures
Erscheinungsdatum: 03.02.2017
EAN: 4260428050636 (DVD)/4260428050643 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch, Italienisch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 112 min. (Blu-ray: 118 min.)
FSK: 16

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