Sindbads fünfte Reise

Originaltitel: Sinbad – The Fifth Voyage (USA 2011/14)
Regie: Shahin Sean Solimon
Drehbuch: Shahin Sean Solimon u. Evelyn Gabai
Kamera: Roger Mende
Schnitt: Herbert Dwight Raymond IV.
Musik: Smart Sound Inc.
Darsteller: Shahin Sean Solimon (Sindbad), Danielle Duvale (Parissa), Said Faraj (Weißer Deev), David Light (Sultan), Lorna Raver (Zoreh), Marco Khan (Mujeed), Isaac C. Singleton Jr. (Tod), Sadie Alexandru (Firoozeh), Jon Jon Briones (asiatischer Flaschengeist), William Romeo (afrikanischer Flaschengeist), Patrick Stewart (Erzähler/Stimme) uva.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 28.10.2014
EAN: 4048317373741 (DVD)/4048317473748 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 76 min. (Blu-ray: 80 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Sindbad ist zwar ein berühmter Seefahrer und Entdecker, aber leider ein Mann ohne Adel und Vermögen. Deshalb reagiert der Sultan des Stadtstaates Malek ungehalten, als sich Sindbad ausgerechnet in Prinzessin Parissa, die Tochter und Thronerbin, verliebt und selbst durch die Androhung einer Hinrichtung nicht davon abbringen lässt, um sie zu werben.

Das Blatt wendet sich, als sich der Weiße Deev, ein böser Zauberer, Zutritt zum Palast des Sultans verschafft. Im Rahmen einer magischen Vorstellung verwirrt er sein Publikum, entführt die Prinzessin und flieht mit seinem Opfer in einem Ballon. Sindbad war gerade auf See, um ein Hochzeitsgeschenk zu besorgen. Nach seiner Ankunft ringt der Sultan verzweifelt die Hände: Um den Preis seines väterlichen Segens soll Sindbad Parissa suchen und befreien, wofür ihm 40 Tage und 40 Nächte Frist bleiben.

Dies ist leichter gesagt als getan, denn der Deev residiert auf einer nie kartierten Insel irgendwo im Ozean. Zudem sollten prähistorische Bestien und Dämonen dort ihr Unwesen treiben. Sindbads Mannschaft ist deshalb wenig erbaut von dem neuen Unternehmen ihres Kapitäns, dem sie nichtsdestotrotz folgen – direkt ins Verderben, denn der Deev sorgt für eine gewaltige Woge, die Sindbads Schiff auf den Grund des Ozeans reißt.

Zwar gelingt es der Besatzung, sich auf eine einsame Insel zu retten. Dort werden die Männer (und Sindbads Kampf-‚Schwester‘ Firoozeh) jedoch von Ungetümen, Vampiren und anderen unerfreulichen Zeitgenossen empfangen. Da nur Sindbads IQ (vielleicht) einen zweistelligen Wert erreicht, lichten sich die Reihen, bis allein der Kapitän dem Ziel entgegenstrebt. Dank einer Wette mit dem Tod persönlich sowie der Überlistung eines Flaschengeistes erreicht Sindbad schließlich die Insel des Deev, gerät dort aber erwartungsgemäß vom Regen in die Traufe …

Seefahrerheld mit filmischer Vergangenheit

Mit dem Namen Sindbad verbinden sich für den Fan des Phantastischen schöne Erinnerungen und große Erwartungen, die allerdings durch böse Erfahrungen getrübt wurden. Zumindest jene Zeitgenossen, die einige Jahrzehnte vor dem Millennium geboren wurden, haben Sindbad vor allem als Leser kennengelernt: Seine Geschichten sind Teil jener Sammlung, die als „Märchen aus 1001 Nacht“ berühmt wurden.

Viele Autoren haben sich seither von Sindbads sieben überlieferten Reisen ‚inspirieren‘ lassen, und selbstverständlich stand der legendäre Seefahrer auch im Film früh ans Steuerrad. Doch ausgerechnet „Sinbad the Sailor“ (1947; dt. „Sindbad der Seefahrer“), der erste Großproduktion, wurde zur Quelle einer Enttäuschung, der sich zumindest jene Sindbad-Fans ausgesetzt sahen, die auf die bildhafte Darstellung der beschriebenen Schrecken und Wunder warteten: Die Tricktechnik jener vergangenen Zeit war durchaus effekttauglich aber kostspielig. Während 1940 „Der Dieb von Bagdad“ („The Thief of Bagdad“) alles lieferte, was das Fan-Herz begehrte, wurde „Sindbad der Seefahrer“ auf eine abenteuerliche Love-Story in orientalisch angehauchten Kulissen zusammengedampft.

Solche Als-ob-Sindbad-Streifen gab es genug, bis sich 1957 endlich jemand des Stoffes annahm, der ihn vollständig meisterte: Nicht als Regisseur, sondern als Trickkünstler und Meister der „Stop-Motion“-Technik realisierte Ray Harryhausen (1920-2013) „The 7th Voyage of Sinbad“ (dt. „Sindbads siebente Reise“). Hier trat Sindbad gegen Zyklopen, baumhohe Fabelwesen und fechtende Skelette an. Wer in seiner Jugend diesen Film sah, konnte ihn nie vergessen. Selbst heute, in einer Ära digitaler Hexereien, können sich Harryhausens Tricks immer noch sehen lassen.

Mit „The Golden Voyage of Sinbad“ (1973; dt. „Sindbads gefährliche Abenteuer“) und „Sinbad and the Eye of the Tiger“ (dt. „Sindbad und das Auge des Tigers“) kehrte Harryhausen zweimal zum Stoff zurück, doch schon 1989 mussten sich Fans gruseln, als unser Held im Trash-Epos „Sindbad of the Seven Seas“ (dt. „Sindbad – Herr der sieben Meere“) durch Lou Ferrigno eher karikiert als dargestellt wurde.

Hommage oder Nachahmung?

2011 griff Shahin Sean Solimon auf sehr eigene Weise den Sindbad-Mythos auf. Er betrat insofern Neuland, als Sindbad erstmals tatsächlich von einem aus Persien stammenden Darsteller gespielt wurde – von Soliman selbst, der seit seinem sechsten Lebensjahr in den USA lebt und sich dort nach langer Vorbereitung den persönlichen Traum erfüllen konnte, einen eigenen Film zu drehen.

Solimon gehört zu denen, die lebenslang durch „Sindbads siebente Reise“ fasziniert wurden. Er wählte diesen Film nicht nur als inhaltliche Vorlage, sondern ging sogar soweit, für „Sindbads fünfte Reise“ die Stop-Motion-Technik neu zu beleben. Ihr hatte um 1980 vor allem George Lucas den Garaus gemacht, der sie in die computergestützte „Go-Motion“-Technik überführt und später durch vollständige Digitalisierung ersetzt hatte. Mit der Brillanz dieser Effekte konnte Stop-Motion nicht mithalten. Selbst Harryhausen musste 1981 nach „Clash of the Titans“ (dt. „Kampf der Titanen“) die Segel streichen.

Argwöhnische Kritiker warfen Solimon vor, nostalgische Tricktechnik zu verwenden, um sein vergleichsweise kümmerliches Budget zu bemänteln. Dies dürfte zutreffen. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass Stop-Motion noch immer funktioniert. Die ‚Künstlichkeit‘ der Tricks unterstützt sogar den Eindruck der Märchenhaftigkeit, die einer Geschichte aus 1001 Nacht stets gut bekommt.

Auch der Einsatz nicht digital geschaffener, sondern als Miniatur tatsächlich gebauter Kulissen kann weiterhin überzeugen, da die erwünschte Dreidimensionalität nicht imitiert wird, sondern tatsächlich existiert. Das menschliche Auge kann dies auch im 2D-Film erkennen und lässt sich bereitwillig täuschen. Ebenfalls klassisches Matte-Painting sowie ein Minimum moderner CGI-Effekte runden die Effekt-Palette ab.

Schliddernd in übergroßen Fußstapfen

Mit Harryhausens Sindbad-Filmen teilt Solimons Werk nicht nur die Tricktechnik, sondern auch ein Drehbuch, das vor allem dem Zweck dient, diverse Monster-Kämpfe zu verknüpfen. Eine wirklich interessante Geschichte sieht definitiv anders aus, zumal Solimon – der auch am Drehbuch mitschrieb – es sich besonders einfach macht: Im Grunde erzählt er „Sindbads siebente Reise“ einfach nach! Die ‚Änderungen‘ sind marginal, während der Unterschied zwischen den Schaueffekten und den ‚Füll-Szenen‘ eindeutig zuungunsten Solimons ausfällt: Leibhaftige Darsteller und echte Kulissen konnte er sich nur ansatzweise leisten. Einige Statisten und viele wehende Stoffbahnen sollen für exotisches Flair sorgen. Stattdessen betonen sie die Ärmlichkeit dieser Szenen.

Hinzu kommen unschöne Löcher in der Geschichte: Wieso ist Sindbad kurz vor der Hochzeit nicht bei Hofe? (Diese Frage stellt sogar der Weiße Deev!) Wie ergeht es Sindbads Mannschaft, für die der Seefahrer seine Seele dem Tod angeboten hat? Solche und viele andere Fragen bleiben unbeantwortet. Die Inkongruenz des Drehbuches wird durch seltsame Brüche zwischen der Rahmenhandlung und den Kämpfen verstärkt: Die Handlung scheint erst Sekunden nach Ausbruch der Feindseligkeit einzusetzen, was auf die Dauer arg irritiert.

Die Stop-Motion-Monster belegen unfreiwillig deutlich, welcher Meister Ray Harryhausen war: Jede Bewegung einer solchen Kreatur muss per Hand vorgegeben werden. Eine Filmsekunde erforderte 24 Veränderungen! Trotzdem gelang es Harryhausen nicht nur, seinen Wesen einen flüssigen Bewegungsablauf zu verschaffen: Er schaffte es auch, ihnen ‚Seelen‘ zu geben. Harryhausens ‚Ungeheuer‘ sahen schauerlich aus, konnten aber nach dem Willen ihres Schöpfers Gefühle ausstrahlen, die an die Herzen der Zuschauer rührten. Solimons Tricktechnikern gelingt das niemals. Ihre Ungetüme sind glatt und ausdruckslos. Zudem bleiben diese Szenen meist enttäuschend kurz. Harryhausens Kreaturen konnte man ausgiebig beobachten!

Das könnte hässlich werden

Für Harryhausens Sindbad-Filme traten nie besonders prominente oder gar begabte Schauspieler vor die Kamera. Entsprechende Leistungen waren nicht erforderlich, da das Publikum ohnehin auf das nächste Ungeheuer wartete. Doch gleichgültig, ob Sindbad nun Kerwin Matthews (1958), John Phillip Law (1973) oder Patrick Wayne (1977) hieß: Diese Darsteller konnten ihre Figuren so mit Leben füllen, dass man sie dabei beobachten und den Film genießen konnte, statt sich fremdschämen zu müssen!

Dies trifft auf „Sindbads fünfte Reise“ nicht zu, um es wertneutral auszudrücken. Für wenig Geld lockte Solimon eine durchweg talentarme Besetzung vor die Kamera, zwischen die er einige Profis mischte. Patrick „Picard/Prof. Xavier“ Stewart liest aus „1001 Nacht“ vor, bleibt aber klug unsichtbar. Veteran Isaac C. Singleton, jr., stürzt sich abermals mit Vehemenz auf eine jener obskuren Rollen, denen er offensichtlich nicht widerstehen kann, wie sein Werksverzeichnis zeigt. Immerhin ist er als Tod so gut maskiert, dass man ihn ohnehin nicht erkennt; faktisch hätte selbst Solimon diese Rolle übernehmen können.

Der hat freilich mit der Hauptrolle stärker zu kämpfen als mit jedem Ungeheuer. Hier hat sich jemand übernommen. Statt sich eine Vollglatze scheren zu lassen, hätte sich Solimon lieber einen Rauschebart wachsen lassen sollen: So wäre es möglich zu tarnen, dass er nur über zwei Gesichtsausdrücke verfügt.

Damit ist er der weiblichen Hauptdarstellerin sogar weit  voraus, denn das Modell Danielle Duvale ist zwar eindeutig morgenländischer Herkunft und passt deshalb ausgezeichnet in ihre Rolle. Damit erschöpft sich ihre Präsenz, was selbst Solimon nicht entgangen ist. Meist sitzt oder liegt Prinzessin Parissa deshalb in einer Bildecke, sieht hübsch aus oder fleht um Hilfe. Kein Wunder, dass selbst der Deev nicht an ihrem Körper oder ihrer Seele interessiert ist!

Schreckliches Ende ohne Schrecken

Unbeabsichtigt sorgt Said Faraj, der diesen Deev mimt, für die humoristischen Höhepunkte dieses Films. Er könnte ein Bruder von Freddy Mercury sein und orientiert sich in seiner Rolle eindeutig an Vincent Price (1911-1993). Der war allerdings nicht nur für seine „Tongue-in-Cheek/Over-the-Top“-Darstellungen bekannt, sondern ihrer auch fähig. Faraj hat bereits verloren, wenn er seinen ersten Zauberspruch äußert: Er spricht ihn nicht, sondern würgt ihn buchstäblich aus tiefster Kehle hervor, weshalb der Zuschauer fürchtet, sein Frühstück werde umgehend folgen. Hat man diese Vorstellung zum wiederholten Male beobachten müssen, ist der Weiße Deev unwiderruflich zur Witzfigur geschrumpft.

Damit passt er gut ins ‚Finale‘. Es markiert beileibe keinen Höhepunkt, sondern nur das Ende der Primärhandlung. Nachdem Sindbad sich gerade noch langatmig dem Deev unterworfen hat, weil dieser drohte, einen Drachen auf Prinzessin Parissa zu hetzen, rammt er diesem wenig später ganz nebenbei einen Speer in den Schädel und jagt dem Deev hinterher, der nun eine sekundenkurze Zeitreise unternimmt, um Sindbads schwangere Mutter zu killen; diese Szenen hatten wir – sepiafarben getönt – schon als Prolog zur eigentlichen Handlung gesehen.

So endet „Sindbads fünfte Reise“, wie sie begann: als Trash-Opus der immerhin unterhaltsamen Art, weil Solimon die Fehler, Schlampigkeiten und Ofenschüsse nicht absichtlich zelebriert, wie es beispielsweise zynische Bockmist-Produzenten wie „Asylum“ oder „Syfy“ praktizieren. Solimon wollte die Taube auf dem Dach und bekam den (Dreck-) Spatz. Das macht sein (Mach-) Werk nicht ‚besser‘ aber so sympathisch, dass man es sich anschauen kann, ohne in zyklopisches Wutgebrüll auszubrechen.

DVD-Features

Zusatzmaterial (oder Untertitel) gibt es nicht; schade, da auf diese Weise eine Quelle weiterer Belustigung entfällt. Speicherplatz dürfte es sowohl auf der DVD als auch & erst recht auf der Blu-ray genug gegeben haben: Mühsam konnte Solimon sein Werk auf 70 Minuten Spielzeit strecken. Es folgt ein zehnminütiger (!) Abspann, der sich so gemächlich entrollt, dass man problemlos die Weitläufigkeit des Solimon-Clans feststellen kann, deshalb Mitglieder offenbar sämtlich für diesen Film tätig wurden.

Leider dringt bei dieser Gelegenheit auch erstmals wirklich ans Ohr, was Regisseur Solimon als „Filmmusik“ genehmigt hat. Primär scheint der ‚Komponist‘ eine schlaftrunkene Katze in eine große Trommel gesteckt und das Ergebnis aufgezeichnet zu haben.

Kurzinfo für Ungeduldige: Ein böser Magier entführt Prinzessin Parissa, die dem Seefahrer und Abenteurer Sindbad versprochen ist; der macht sich zur Rettung auf und muss sich dabei mit Ungeheuern, untoten Skeletten, Vampiren, Geistern u. a. Widrigkeiten plagen … – Kruder Film-Trash mit (absichtlich) altmodischen Spezialeffekten, (unabsichtlich) unbeholfenen Darstellern und dreist zusammengeklaubter Story; die Begeisterung der Beteiligten teilt sich dem Publikum phasenweise mit: ein bizarres Erlebnis!

[md]

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