Sinister

Originaltitel: Sinister (USA 2012)
Regie: Scott Derrickson
Drehbuch: Scott Derrickson/C. Robert Cargill
Kamera: Chris Norr
Schnitt: Frédéric Thoraval
Musik: Christopher Young
Darsteller: Ethan Hawke (Ellison Oswalt), Juliet Rylance (Tracy), Clare Foley (Ashley), Michael Hall D’Addario (Trevor), James Ransone (Deputy Irgendwas), Victoria Leigh (Stephanie), Fred Dalton Thompson (Sheriff), Vincent D’Onofrio (Professor Jonas), Nick King (Bughuul/Mr. Boogie) u. v. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures
Erscheinungsdatum: 11.07.2013
EAN: 5050582952162 (DVD)/5050582952186 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 101 min. (Blu-ray: 104 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Einst war Ellison Oswalt ein gefeierter Schriftsteller und Sachbuchautor, doch sein letzter Bucherfolg liegt viele Jahre zurück. Nun wird das Geld knapp, und Oswalt sucht verzweifelt nach einer neuen Geschichte. Mit Gattin Tracy und den unwilligen Kindern Trevor und Ashley zieht er nicht nur in eine ferne Kleinstadt, sondern in ein Mordhaus: Die Vorbesitzer fand man im Garten, wo sie am starken Ast eines Baumes baumelten. Nur die jüngste Tochter blieb verschont, doch sie verschwand und wurde offenbar vom Mörder entführt.

Voller Elan begibt sich Oswalt an die Arbeit. Ein merkwürdiger Fund sorgt für Fortschritt und Schrecken: Auf dem Dachboden stößt der Autor auf einen alten Filmprojektor und einige Schmalfilmspulen. Die Aufschriften lassen zunächst auf harmlose Heimvideos schließen, doch die Sichtung legt Grausiges offen: Die Filme zeigen, wie ein unsichtbar bleibenden Mörder verschiedene Familien beobachtet, die er später brutal ermordet, während die Kamera weiterläuft. Bis 1966 reicht die Serie dieser Streifen zurück, die Oswalt der Polizei vorenthält, um sie für sein Buch auszuwerten.

Die Recherchen fordern ihren Tribut. Oswalts Nerven leiden. In der Nacht lassen ihn Geräusche nicht zur Ruhe kommen. Mehrfach findet er den Filmprojektor eingeschaltet. Auf dem Dachboden kommt eine Schachtel zum Vorschein. Im Innenteil des Deckels haben Kinderhände die Mordszenen aus den Filmen nachgezeichnet. Zu den Opfern gesellt sich dabei stets eine unheimliche Gestalt, die von den Kindern „Mr. Boogie“ genannt wurde und bei jedem Mord präsent war.

Weitere Nachforschungen führen auf die Spur eines uralten Dämons, der bevorzugt nach Kindern giert. Erst spät und durch das zunehmend irrationale Verhalten von Trevor und Ashley alarmiert, dämmert es Oswalt, dass ihm die Filme wohl nicht zufällig in die Hände fielen: „Mr. Boogie“ alias Bughuul streckt seine Klauen jetzt nach der Familie Oswalt aus …

Die Falle als lockendes Rätsel

Fällt das Doppelwort „found footage“, beginnt der Sehmuskel des erfahrenen Horrorfilm-Freundes nervös zu zucken. Zu viele mäßig begabte oder faule Filmemacher sind auf den 1999 rasant angefahrenen „Blair-Witch“-Zug aufgesprungen. Sie terrorisieren ihre Zuschauer mit angeblich ‚dokumentarischen‘ Aufnahmen, die im Zuge einer (für die nicht Betroffenen) unterhaltsamen Katastrophe entstanden und diese ausschließlich aus der Sicht der Kamera, darüber hinaus unbearbeitet und aufgrund der Entstehungsumstände nur fragmentarisch wiedergeben.

Auch in „Sinister“ spielen ‚zufällig‘ entdeckte Filme eine wichtige Rolle. Sie werden uns gezeigt, aber wir schauen sie uns gleichzeitig mit der Hauptfigur an, denn „Sinister“ ist ein ‚richtiger‘ Spielfilm, auch wenn uns Regisseur und Drehbuchautor Scott Derrickson trickreich möglichst abstandseng an das Geschehen zu binden versucht.

Das überdurchschnittliche Handwerk, das vor der Kamera durch einen ausgezeichneten Hauptdarsteller ergänzt wird, hebt „Sinister“ über jenen Durchschnitt, in den der Film aufgrund seiner Geschichte ansonsten spurlos verschwunden würde. Wohlwollend könnte man Derricksons Drehbuch die saubere und manchmal sogar elegante Variation traditioneller und bewährter Spannungselemente zubilligen. Neues bringt es dem Horrorfilm allerdings nichts, und eine enttäuschend farblose Auflösung konterkariert den Grusel, der über weite Strecken zuverlässig geschürt wurde.

Der Mann, der zu viel sah

Von „Sinister“ führt eine direkte Herkunftsspur zu „The Ring“, jenem 1998 entstandenen und inzwischen zum Franchise gewachsenen (bzw. ausgearteten) Horror-Mythos um einen Film, den man sich besser nicht anschauen sollte, weil sonst der Hauptdarsteller irgendwann aus dem Bildschirm springt und für grausig anzuschauende Leichen sorgt. Derricksons Sadako Yamamura heißt „Mr. Boogie“ alias Bughuul, ein schon den Babyloniern bekannter Dämon, der sich wie ein Heavy-Metal-Musiker in schwarzes Leder kleidet und sein Gesicht im „Kiss“-Stil schminkt.

Was Bughuul in den vielen, vielen Jahrhunderten getrieben hat, bevor der Film erfunden wurde, beantwortet uns Derrickson nicht. Aktuell ‚lebt‘ Bughuul jedenfalls in allen Bildern, die ihn zeigen. Er ist nicht kamerascheu und fördert deshalb Ellison Oswalts Bemühungen, ihn auf den gefundenen Schmalfilmbildern zu finden und Ausdrucke davon zu machen, die Bughuuls Auftrittsmöglichkeiten laufend vermehren.

Dabei schaltet Bughuul den Faktor Zufall aus. Er spielt Oswalt die Massenmord enthüllenden Homevideos persönlich zu und signalisiert damit zumindest uns, den Zuschauern, die deutlich weniger vernagelt sind als der vom Drehbuch limitierte Oswalt, dass Bughuul eine neue Opfer-Familie ins Visier genommen hat. Bis bei Oswalt selbst der Cent fällt, vergeht eine Menge Zeit, wobei der damit verbundene Lernprozess immerhin spukreich und spannend dargestellt wird.

Geräusche in der Dunkelheit

Das Grauen des von Geistern heimgesuchten Hauses wird durch die Tatsache auf die Spitze getrieben, dass sie ausgerechnet dort ihr Unwesen treiben, wo der Mensch sich heimisch niedergelassen hat. Daheim lässt er erleichtert die Schutzbarrieren fallen und will er selbst sein. Vor allem in der Nacht sucht er Erholung und verlässt sich auf die Sicherheit der eigenen vier Wände. Umso größer ist der Schrecken, wenn dies übernatürlich in Frage gestellt wird.

Geschickt vermittelt uns Derrickson in Zusammenarbeit mit Kameramann Chris Norr, wie sich das Heim plötzlich in eine Zone unbekannten Schreckens verwandelt. Vorschriftsmäßig spukt es bei den Oswalts ausschließlich nachts, was wie üblich von Stromausfällen begleitet wird; Geister besitzen offenbar Elektriker-Fachkenntnisse. Nicht mit einer Kerze, sondern im Lichtschein eines Handys tappt Oswalt durch sein fremd gewordenes Haus. Die Kamera bleibt meist eng bei ihm. Wenn sich Oswalt etwas Unerfreuliches oder Erschreckendes offenbart, trifft es uns Zuschauer genauso heftig wie ihn – ein alter Trick, der jedoch ausgezeichnet funktioniert, solange der Spuk sich auf Andeutungen beschränkt.

Selbst als die Geister schließlich buchstäblich über Tische und Bänke springen, bleibt „Sinister“ in einem Punkt erfreulich zurückhaltend: Zwar ist Bughuul durchaus ein Freund blutigen Schlitzen & Schnetzelns, doch in Bild und Ton sehen wir dies höchstens andeutungsweise. Meist spiegelt sich das Grauen in Oswalts Gesicht wider, der sich zum Wohle seines Buchprojektes Bughuuls filmische Werke antut. Für zartbesaitete Zuschauer wird „Sinister“ dennoch schon in den ersten Filmminuten zur Nervenprobe: Der Vierfach-Mord am improvisierten Galgen lässt an unangenehmer Unmittelbarkeit nichts zu wünschen übrig. Dies wird durch eine eindringliche „Electrocore“-Untermalung unterstrichen, die Heavy oder Death Metal mit ‚elektronischer‘ Musik mischt, was hier den Eindruck einer hinter dicken Türen nur gedämpft hörbaren Schwarzen Messe vermittelt.

Der Weg ist das Ziel, das Ziel der Tod

„Sinister“ erzählt nicht nur die Geschichte einer Heimsuchung, sondern präsentiert uns außerdem einen Mann, der von seiner Aufgabe besessen ist und sich ebenso rücksichts- wie ahnungslos in eine Herausforderung stürzt, die er zu spät als geschickt gestellte Falle erkennt. Ellison Oswalt ist nicht nur pleite. Er vermisst auch den Ruhm, den ihm seine Bestseller brachten. Deshalb unterschlägt er Beweise, manipuliert einen naiven Deputy Sheriff und bringt seine Familie nicht nur in ein Mordhaus, sondern in Lebensgefahr.

Ethan Hawke gibt diesem Ellison Oswalt mehr als ein Gesicht. Hawke überzeugt als von Ehrgeiz getriebener Schriftsteller, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, ohne sich über die Folgen Gedanken zu machen bzw. einfach ausblendet, wie er an die Filme gekommen ist, die ihm Bughuul wie die Möhre dem Esel vor die Nase hält. Wissentlich ignoriert Oswalt die Zeichen des nahenden Unheils. Selbst als es in der Nacht immer lautstärker umgeht, weigert er sich, das heimgesuchte Feld mit seiner Familie zu räumen.

Als der Erkenntnisprozess endlich nachgeholt wird, geschieht dies wenig überzeugend schnell. Die Handlung verzichtet nun auf jede Raffinesse und läuft auf genau jenes konventionelle Finale zu, das der Zuschauer schon viele Minuten im Voraus befürchtet hatte. Eine Gruselgeschichte ‚übel‘ für die Protagonisten ausgehen zu lassen, sorgt allein längst nicht mehr für Tragik, sondern schürt eher den Verdacht auf eine Fortsetzung. Derrickson ignoriert dies, verzichtet auf Variationen und ersetzt sie durch Klischees. Damit versetzt er seiner Geschichte und den Zuschauern einen Tritt, den beide nicht verdienen.

Ein-Mann-Spuk trotz Familienanschluss

„Sinister“ ist Ethan Hawkes Film. Gegen ihn bleiben sämtliche übrigen Rollen blass und schematisch. Dies schließt den Rest der Oswalt-Familie ein, was diese zu Zeitgenossen degradiert, deren Schicksale gleichgültig lassen. Vor allem Gattin Tracy ist eine Nervensäge: Tagsüber macht sie ihrem Ellison hysterisch Vorwürfe, nachts liegt sie taub wie ein Mehlsack im Bett, während Gatte und Geister mit Möbeln werfen oder Decken einreißen. Auf der Szene erscheint sie stets, wenn sich der Spuk gerade wieder verzogen hat.

Durch Anfälle von „Nachtangst“ bringt sich Sohn Trevor hin und wieder in Erinnerung. Er ist für das Geschehen ansonsten ebenso unwichtig wie Fred Dalton Thompson, der durch zwei überflüssige Auftritte den ohnehin überaus langen Film weiter streckt. James Ransone vertreibt sich die Zeit, indem er ein Kabinettstückchen als gleichzeitig intelligenter aber etwas lebens- und vor allem polizeiuntauglicher Deputy liefert. Warum Vincent D’Onofrio in seiner Rolle als Professor Jonas in den Titeln ungenannt bleibt, ist ähnlich rätselhaft aber nicht so ketzerisch wie die Frage, wie Bughuul an seine Opfer gekommen ist, bevor der Schmalfilm erfunden wurde: Die Serie der von ihm initiierten Morde setzt erst 1966 ein. Außerdem hat in der Zwischenzeit die Technik Fortschritte  gemacht. Wieso setzt Bughuul keine digitale Kamera ein? Dann könnte er es sich außerdem sparen, den altmodischen Filmprojektor mitzuliefern.

Interessant ist auch die Frage, wieso Bughuul nur die Geister der seit 1966 entführten Kinder folgen. Eigentlich müsste er einen endlosen Rattenschwanz von Gespenstern hinter sich herschleppen, wenn er wirklich schon seit babylonischer Zeit aktiv ist. Aber so passt er besser in eine (Film-) Welt, in der er sein Zeichen unübersehbar an jeder Mordstätte zurücklässt und die Polizei dennoch außerstande ist, eine Verbindung zwischen diesen Untaten herzustellen … Letztlich ist „Sinister“ eben kein Meisterwerk, sondern ‚nur‘ gute Unterhaltung mit logischen Fehlern und enttäuschendem Ende.

DVD-Features

Für einen recht aufwändig produzierten Film bleiben die Extras erstaunlich kümmerlich. Eine kaum fünfminütige „B-Roll“ zeigt Impressionen von den Dreharbeiten. Hinzu kommen die üblichen lobesschweren aber inhaltsleeren ‚Interviews‘.

Eine offizielle Website zum Film findet sich hier.

Kurzinfo für Ungeduldige: „True-Crime“-Auto Oswalt kommt einem übernatürlichen Serienmörder auf die Spur und riskiert das Leben seiner Familie, als er die Aufmerksamkeit desselben erregt … – Der Plot ist simpel, wird aber dank eines gut gewählten Hauptdarstellers, einer die Spannung schürenden Kamera und eines intensiven Soundtracks unterhaltungsstark umgesetzt, bis die Handlung allzu bekannte Finalwasser ansteuert, die dem bösen Spuk ein eher banales Ende bereiten.

[md]

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