Ein außerirdisches Schleimwesen nistet sich erst in den Hirnen biederer US-Kleinstädter ein, um sie in einem zweiten Schritt zu einem amöbenhaften Kollektivwesen zu verschmelzen. Ein geistig schlicht gestrickter Sheriff und einige entwischte Bürger versuchen die Kreatur zu stoppen … – Neuauflage des Ekel-Horrors der 1980er Jahre, der hier jedoch durch trockenen Humor entschärft und mit besseren Tricks präsentiert wird. Gut ausgesuchte und spielfreudige Darsteller runden das kleine, gar nicht feine Gruselvergnügen ab.

Das geschieht:

Wheelsy ist eine verschlafene Kleinstadt irgendwo im Nordosten der USA. Wenig ist los hier, Sheriff Bill Pardy hat ein leichtes Leben, was nur gut ist, da weder er noch seine Kollegen geistig besonders rege sind. Deshalb kann eine außerirdische Schleimkreatur, die per Meteorit die Erde angesteuert hat, zunächst unbemerkt ihr Unwesen treiben. Sie befällt den verschrobenen Grant, und steuert von nun an seine Gedanken. Der Parasit lässt ihn die prollige Brenda als Gebärmaschine entführen, in der bald unzählige wurmähnliche Nachkommen heranwachsen.

Grant kann seine hübsche und deutlich jüngere Gattin Starla trotzdem nicht vergessen. Er will seine Ehe fortsetzen, obwohl er zu einem feuerroten Tintenfisch mutiert und Kühe roh frisst. Starla, die ihn zwar nicht liebt, ihm jedoch dankbar ist, weil er sie aus einem Leben im Ghetto befreit hat, steht zu ihm. Als Pardy und seine Leute endlich bemerkt haben, was vor sich geht in ihrem Städtchen, und Grant zu jagen beginnen, begleitet sie die schießwütige Meute, um das Ende ihres Ehemanns zu verhindern.

Der stellt sich allerdings als ziemlich wehrhaft heraus. Außerdem schlüpfen die jungen Schleim-Aliens, die in die Nacht hinauswuseln, die Bürger von Wheelsy infizieren und in Zombies verwandeln. Auch die junge Kylie hätten sie beinahe erwischt, doch sie kann entkommen und schlägt sich zum Sheriff durch, der gemeinsam mit Starla und dem großmäuligen Bürgermeister MacReady ebenfalls entkommen konnte. Das ungleiche Quartett muss beobachten, wie der Schleimparasit mit seinen Opfern zu einem gigantischen Kollektivwesen verschmilzt und sich anschickt, die Welt jenseits von Wheelsy zu überfallen. Das wollen sie verhindern, und Pardy hat auch einen Plan, der den Einsatz einer Handgranate vorsieht, die im Polizeirevier verwahrt wird, das freilich ziemlich genau im Zentrum des Ortes liegt, durch dessen Straßen wachsam die Zombies streifen …

Gute, alte, schleimige Zeiten

In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts geriet der Horrorfilm in eine Grauzone. Zwar noch ohne CGI aber ansonsten mit eindrucksvollen Ergebnissen hatte eine sich sprunghaft entwickelnde Filmtechnik Spezialeffekte möglich gemacht, die sowohl dem Erscheinen von Außerirdischen, Monstern oder Geistern als auch den drastischen Gewalttaten, mit denen diese ihre Fans unterhielten, eine Überzeugungskraft verliehen, die es schwierig werden ließ, zwischen Film und Realität zu unterscheiden.

Natürlich relativiert sich dieser Eindruck in der Rückschau bzw. angesichts der Möglichkeiten, die heutzutage schon im Fernsehen Effektalltag sind. Doch damals wirkte eindrucksvoll genug, was eine Reihe junger Filmemacher mit Freude und ohne Rücksicht auf den guten Geschmack einzusetzen begannen. Streifen wie „The Evil Dead“ (dt. „Tanz der Teufel“), „The Fly“ (dt. „Die Fliege“) oder „Friday the 13th“ (dt. „Freitag der 13te“) und viele andere, krude (Mach-) Werke schwelgten mit Wonne in Blut und Gekröse, pfiffen auf politische Korrektheit und überboten sich mit liebevoll inszenierten Abscheulich- und Abseitigkeiten.

Die erwähnte Grauzone entstand, weil dieser wahrlich harte Horrorfilm so rasch und so nachdrücklich auf der Bildfläche erschien, dass die Zensur zunächst überfordert war. Zudem waren die 1980er das Zeitalter, in dem der Videofilm seinen Durchbruch feierte. Vor allem kostengünstig entstandene Filme waren nun nicht mehr auf das Kino angewiesen, um ihre Fans zu erreichen. So konnte der neue Horror sich erst einmal entfalten und seine absurd-unterhaltsamen Blüten entfalten. James Gunn, Jahrgang 1970, gehört zu der Generation, die mit solcher Film-Kost aufwuchs und sie schätzte. Als er später – als Drehbuchautor – ins Lager der Professionellen wechselte, geschah dies in Lloyd Kaufmans Troma-Studio, dem die Filmwelt einige der wüstesten und schleimblutigsten Streifen überhaupt verdankt.

Inhaltlich retro, formal modern

Die Reaktion holte den Brachialhorror irgendwann natürlich ein; da das Verbieten von Filmen einfacher (und billiger) ist als die Bekämpfung gesellschaftlicher Missstände, ging die Politik gern auf entsprechende ‚Anregungen‘ geistig und sittlich gefestigter Kreise ein. Der harte Horror verschwand nie gänzlich, doch er wanderte in gänzlich obskure Gefilde ab. Phantastische Filme wurden mainstreamtauglich, Blut und Gekröse blieben außen vor oder wurden weniger offensichtlich in den Mittelpunkt gerückt. Mitte der 1990er Jahre kam mit „Scream“ die Welle der ironischen Horrorfilme auf.

Erst im 21. Jahrhundert kehrte der fiese Horror zurück. Er wurde wieder von so vielen (zahlenden) Zuschauern goutiert, dass moralische Bedenken zumindest seitens der Filmstudios zur Nebensache wurden. Ein inzwischen als Drehbuchautor und Schriftsteller erfolgreich gewordener James Gunn konnte deshalb einen alten Traum verwirklichen: Der erste Spielfilm, den er als Regisseur inszenierte, sollte eine modernisierte Variante jener derben Streifen werden, die er so gern gesehen hatte.

„Slither“ wurde keinesfalls geplant, um dem Horrorgenre neue Impulse zu geben. Der Film ist deshalb nie originell, und nicht nur ältere Zuschauer wissen ziemlich genau, was in jeder Szene geschehen wird. Dass hin und wieder doch Überraschungen möglich werden, liegt an diversen Übertreibungen und Effekten, die in ihrer Drastik überraschen. (Eine typische Bosheit: Kleine Kinder werden nicht hollywoodkonform in letzter Sekunde vor dem Verderben gerettet, sondern von den Slithers gepackt und in Miniaturzombies verwandelt, die genauso gefräßig agieren wie ihre erwachsenen Schicksalsgenossen.)

Simpel = auf die Story konzentriert

Der Plot ist simpel und entwickelt sich auch so. Das muss kein Nachteil sein, wie wir hier sehen. Die Story ist spannend und wird witzig erzählt: Gunn nimmt den Stoff sichtlich nicht ernst. Im Unterschied zum Horror à la „Scream“ opfert er ihn freilich nie dem Klamauk. „Slither“ ist komisch, doch das mindert keineswegs den Anteil blutiger, ekliger, schleimiger Szenen. (Wieso dieser Film in Deutschland ab 16 Jahre freigegeben wurde, ist angesichts gleich mehrerer detailfreudig gezeigter Kopfschüsse oder Kannibalen-Bisse ein Mirakel; zahlreiche FSK-gezauste Streifen sind nicht annähernd so reich an Gewalt,) Wer solche Popcornfilme mag, wird anderthalb Stunden ohne Anspruch so gut unterhalten, dass anschließend keine Reue über die aufgewendete Zeit aufkommen muss.

Buchhalterisch galt „Slither“ nach Hollywoodmaßstäben als Low-Budget-Produktion. Effektorgien waren deshalb nicht möglich – glücklicherweise, denn so war Köpfchen gefragt. CGI kam nur sparsam zum Einsatz. Regisseur Gunn spricht im Interview (s. Features) davon, wie allzu deutliche Digitaleffekte die Illusion töten können. Er zog deshalb die zu Unrecht als altmodisch geltende Arbeit mit maßstabsgerechten Modellen vor. Die sind dank moderner Materialien und Techniken zu wahren Wunderwerken geworden, die überaus echt wirken und bei den Schauspielern beliebt sind, weil sie eine Interaktion ermöglichen.

Dass „Slither“ so hoch punkten kann, verdankt der Film zu einem (für das Horrorgenre unüblich) großen Teil der fabelhaften Besetzung. Gunn hat lange und sorgfältig gecastet und ein gutes Händchen bewiesen. Nathan Fillion gibt einen Kleinstadtsheriff, der mehr Mut als Verstand hat und praktisch jeden Rettungsplan versaubeutelt. Der heimlichen Liebe zur Dorfschönheit Starla gibt Gunn gerade Raum genug, um sie für die Handlung relevant werden zu lassen. Hier schmachten sich keine notorisch geilen Hollywood-Teenies an. Elizabeth Banks ist großartig als zarte aber nie zerbrechliche Starla, die nicht beschützt werden muss, sondern kraftvoll ins Geschehen eingreift. („Hardcore, die Braut“, spricht selbst der chauvinistische Bürgermeister MacReady anerkennend.)

Gegen den Strich gebürstete Klischees

Einen Teeny gibt es, aber auch hier meidet Gunn allzu grobe Klischees. Kein Granitkinn-Schönling in College-Jacke hält am Ende Kylie Strutemyer im Arm. Auch sie muss Schleimwürmer und Aliens bekämpfen, wobei sie rasch Erfahrungen sammelt, um dem tumben Sheriff aus mancher Patsche zu helfen. Die dritte weibliche Hauptrolle übernahm Brenda Gutierrez, die im Interview (s. u.) noch immer nicht recht begreifen konnte, wie sie in eines der groteskesten Kostüme der Filmgeschichte geraten konnte.

Sie meistert diese Herausforderung ebenso meisterlich wie ein schier entfesselter Michael Rooker, der die körperliche Mutation des unseligen Grant glaubhaft macht, ohne dabei seine Menschlichkeit gänzlich zu verlieren; das ist sehr wichtig für die finale Konfrontation, die sonst so gut nicht funktioniert hätte. Rooker ist ein Chamäleon, es dauert eine Weile, bis man ihn – auch ohne Monsterverkleidung – in seiner Figur erkennt.

Auch in den Nebenrollen gibt es keine Ausfälle. Pardys Gurkentruppe wirkt nie albern, sondern sympathisch. Sie nehmen sich gern selbst auf die Schippe und profitieren von den wirklich lustigen Gags, die ihnen Gunn in die Münder legt. Bürgermeister MacReady darf in Gestalt des unterschätzten Darstellers Gregg Henry seinem Affen Zucker geben und einen Provinzpolitiker mimen, der stets einen Weg findet, sich politisch unkorrekt zu benehmen. Und die Statisten in den Rollen der Bürger von Wheelsy wirken als flanellhemduniformierte Dumpfbacken so überzeugend, dass sie eigentlich nur echt sein können.

DVD-Features

„Slither“ prunkt mit einer ungewöhnlich breiten und vorbildlichen Palette von Features. Dabei sollte man von den diversen Blicken hinter die Kulissen keine authentischen Informationen erwarten. Die Darsteller ulken mit ansteckend guter Laune herum, und hinter der Kamera tut es die Crew ihnen einfallsreich nach, wobei Regisseur Gunn sich keineswegs ausschließt, sondern kräftig mitblödelt. Der Blutkoch zeigt, wie man Filmblut billig herstellen kann, Gunns Lehrmeister und Mentor Lloyd Kaufman, der eine Statistenrolle übernimmt, wird eine Handkamera in die Hand gedrückt, mit der er sich hinter den Kulissen herumtreibt und ein sehr spezielles Making-Of dreht.

Immer gern gesehen werden die Bloopers, jene Szenen, in denen die Darsteller patzen, in Lachkrämpfe ausbrechen, die Technik versagt oder die Tücke des Objekts für ungeahnte Bereicherungen sorgt. Im „Slither“-Team ist es vor allem der unermüdliche Michael Rooker, der sich für keinen Kalauer zu schade ist. Weit lässt ihn jedoch Nathan Fillion hinter sich, dessen Scherzsucht sogar eine eigene Featurette („Wer ist Bill Pardue?“) gewidmet ist.

Hochinteressant sind die entfallenen und die erweiterten Szenen. Sie stellen nachdrücklich unter Beweis, dass Gunn sehr genau wusste, wie er zu schneiden hatte. Das zusätzliche Filmmaterial ist durchaus gelungen, doch sogar der Laie bemerkt: Die verkürzte, polierte Szene oder der totale Verzicht war die richtige Entscheidung. Sehr gelungen ist auch die Zusammenstellung diverser Szenen mit Spezialeffekten. Drei bis fünf Bearbeitungsschritte werden bis zum fertigen Bild erforderlich, und was das technisch und handwerklich bedeutet, hat man selten so simpel und gut erklärt bekommen wie hier!

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Slither – Voll auf den Schleim gegangen
Originaltitel: Slither (USA 2006)
Regie u. Drehbuch: James Gunn
Kamera: Gregory Middleton
Schnitt: John Axelrad
Musik: Tyler Bates
Darsteller: Nathan Fillion (Sheriff Bill Pardy), Elizabeth Banks (Starla Grant), Michael Rooker (Grant Grant), Gregg Henry (Jack MacReady), Tania Saulnier (Kylie Strutemyer), Brenda James (Brenda Gutierrez), Don Thompson (Wally Whale), Jennifer Copping (Margaret Hooper), Jenna Fischer (Shelby Cunningham), Haig Sutherland (Trevor Carpenter) u. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures Home Entertainment (DVD)/Koch Media (Blu-ray)
Erscheinungsdatum: 09.11.2006 (DVD)/10.04.2014 (Blu-ray)
EAN: 5050582435283 (DVD/4020628890100 (Blu-ray)
Bildformat: Widescreen (1.85:1 anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Französisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min (Blu-ray: 95 min.)
FSK: 16

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