In einer vom Bürgerkrieg zerrissenen Ruinenstadt in Südosteuropa gerät ein Aufklärungstrupp US-amerikanischer ‚Befreiungssoldaten‘ in einen Hinterhalt weitgehend unsichtbarer Kreaturen, die scheinbar unverwundbar sind und ihre flüchtenden Opfer massakrieren, bis sich doch ein Weg zur Gegenwehr auftut … – Während der Plot über den eigenen Bart stolpert, erfreut „Spectral“ formal als reines Action-Garn ohne regieverordneten Tiefsinn (oder eine Lovestory). Die Effekte sind überzeugend, die Darsteller füllen ihre Flach-Rollen: solides, unterhaltsames B-Movie.

Das geschieht:

Irgendwann in naher Zukunft ist in Moldawien, einem zwischen der Ukraine und Rumänien liegenden Staat in Südwesteuropa, ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Das Ausland hat sich eingemischt, um den Gräueln des untergehenden Regimes ein Ende zu bereiten. Doch der Gegner wehrt sich; Moldawien droht für die USA zu einem neuen Vietnam zu werden.

Als offenbar eine neuartige Geheimwaffe zum Einsatz gebracht wird, fordert General Orland den Spezialisten Mark Clyne an: Soldaten sterben einen bizarren Tod, nachdem ein seltsamer Schemen vor den Linsen ihrer sichtverstärkenden Brillen auftauchte. Liegt ein Konstruktionsfehler vor? Doch Clyne bestätigt vor Ort, was Orland und CIA-Schergin Fran Madison befürchtet haben: Hier treibt ein Lebewesen sein mörderischen Unwesen.

Hat man es mit einer genialen Tarn-Technik des Feindes zu tun? Sind es Geister oder gar Außerirdische, die sich auf dem Schlachtfeld tummeln? Clyne will sich ein genaues Bild machen. Als ein Soldatentrupp in eine zerstörte Stadt einrückt, um dort versprengte Kameraden zu retten, schließen er und Madison sich ihnen an. Sie haben ‚Glück‘, denn das Phantom offenbart sich der Gruppe – und beginnt zu töten, ohne sich aufhalten zu lassen. Außerdem kann es durch Wände ‚gehen‘ – und es bringt Kreatur-Kollegen mit!

Für die Überlebenden beginnt eine Flucht durch die Ruinenstadt. Sie wird erschwert durch die Tatsache, dass die Wesen nur unter dem Licht eines hastig improvisierten Scheinwerfers sichtbar werden. Zufällig wird deutlich, dass sie Eisen scheuen, was eine gewisse Gegenwehr ermöglicht. Die Flucht wird dennoch zum Spießrutenlauf. Immer mehr Kreaturen tauchen auf. Sie töten nicht nur die Amerikaner, sondern alle Menschen, auf die sie treffen. Clyne und seine Begleiter kehren deshalb zurück in die Ruinen, um nach dem Schlupfwinkel der Wesen zu suchen …

Action ohne Sinn u. a. Überflüssigkeiten

„B-Movie“ ist ein schon alter Begriff. Ihm scheint vor allem ein Qualitätsurteil innezuwohnen: Hier muss sich der Zuschauer auf einen Film zweiter Wahl gefasst machen. Dies war (und ist) jedoch eine subjektive Einschätzung: Eigentlich bezeichnet „B-Movie“ einen Film, der mit geringem Budget und unter Beteiligung von Schauspielern, die noch nicht, nicht mehr oder niemals zu den sogenannten „Stars“ gehören.

Daraus resultieren formale Einschränkungen, die jedoch durch inhaltliche Qualitäten problemlos aufzufangen sind. Infolgedessen ist die Filmhistorie reich an Titeln, die einst ein Millionenpublikum fanden, heute jedoch höchstens einer Handvoll diesbezüglich beschlagener Nerds bekannt ist, während manches B-Movie seinen Unterhaltungswert ungeachtet des Alters wahren konnte.

Damit ist das zentrale Stichwort gefallen: „Unterhaltung“ lautet es. Gute B-Movies konzentrieren sich darauf, eine Geschichte zu erzählen. Weniger wichtig sind jene Bestandteile, die einem Film „Wert“ und Oscar-Tauglichkeit verleihen. Gesellschaftliche Relevanz, die Beschäftigung mit elementaren menschlichen Problemen und selbstverständlich das Mysterium der Liebe gehören zu ihnen: Das sind exakt jene Bestandteile, die in der Regel am schnellsten und unvorteilhaftesten altern.

„Vergoldung vergeht, aber Schweinsleder besteht“, fasste einst angeblich Hans Christian Andersen (1805-1875) das Phänomen der Vergänglichkeit prägnant zusammen. Damit dürfte auch „Spectral“ manchen Blockbuster der Gegenwart überdauern. Konsequent wie heutzutage eher selten konzentrieren sich Regisseur Nic Mathieu und Drehbuchautor George Nolfi darauf, ein Garn zu spinnen – nicht mehr, nie weniger.

Eine Richtung: voran; ein Tempo: schnell!

Nicht nur dem Puristen mag die Story bekannt klingen. In der Tat bedienen sich Mathieu & Nolfi eines uralten Konzepts: Sie erzählten die Geschichte einer Suche, die in eine Flucht mündet. Dabei bleiben sie betont geradlinig. Es gibt keine Nebenhandlungen, keine Rückblenden, keine Blicke dorthin, wo auch die Figuren ausgeschlossen sind. Wir Zuschauer bleiben bei der kleinen Gruppe, geraten mit ihr in die Falle, werden gemeinsam mit ihren Mitgliedern aufgerieben.

Erklärungen bleiben lange und zum Nutzen des Geschehens aus. Dinge geschehen, und wie im realen Leben gibt es manchmal keine Antworten auf Fragen, sondern nur notwendige Reaktionen, die in unserem Fall – schließlich entstand dieser Film in den USA – nur zunächst in der Flucht und später im tollkühnen Angriff bestehen. Das Erzähltempo ist dabei so hoch, dass Hindernisse in Form logischer Einwände einfach überrollt werden. Erst wenn der Zuschauer die Ereignisse nachträglich Revue passieren lässt, fallen nicht gerade wenige Seltsamkeiten auf.

Doch Akkuratesse ist nicht Sache des B-Movies. Die Realität ist primär ein Baukasten, dem Teile entnommen und zu einem Abbild der Wirklichkeit zusammengesetzt werden. Ein „Moldawien“ gibt es beispielsweise durchaus, doch anhand des hier Gezeigten würden Einheimische ihre Heimat keineswegs wiedererkennen. (Gedreht wurde ohnehin im ungarischen Budapest.) Vor den Augen eines ebenso moldawienfernen wie -gleichgültigen Publikums soll einer jener bürgerkriegsversehrten und von fanatisierten Gegnerfronten dominierten Ex-Ostblock-/Balkan-Staaten entstehen, von denen in den Nachrichten die Rede ist.

Botschaft nur, wenn’s nicht aufhält

Das Konzept ist wie gesagt alt aber bewährt. Es funktioniert am besten in möglichst reiner Form. So hat es u. a. James Cameron 1986 in „Aliens“ demonstriert. „Spectral“ orientiert sich sehr an diesem Vorbild. Baumlange Kerle mit dicken Muckis quetschen kurze Sätze aus chronisch zusammengepressten Mundwinkeln, während sie dem Feind Saures geben, Kumpels retten oder sich für das Team opfern. Selbst oder gerade in den kurzen Kampfpausen geben sie sich martialisch, um keine ‚Schwäche‘ durchschimmern zu lassen. Solche Figuren wirken rasch lächerlich, weil sie sich im Grunde bereits selbst parodieren. Auch die „Spectral“-Marines manövrieren manchmal hart an dieser Grenze. Auch hier sorgt der beschleunigte Handlungsfluss für Abhilfe.

Charaktertiefe bleibt allein den Hauptfiguren vorbehalten. Deshalb will der schlaue Dr. Clyne eigentlich keine Kriegswaffen schmieden, zeigt ausgerechnet Eisenfresser Orland kurzfristig Anzeichen ratloser Verzweiflung, flüchten sich die unterwegs aufgelesenen Kinder Sari und Bogdan in die Arme Fran Madisons, die sich auf diese Weise als Frau beweist. Eine Lovestory bleibt ansonsten gänzlich aus: eines der Pfunde, mit denen dieser Film wuchern kann! Madison ist weiblich aber vor allem Mitglied des Teams. Dazu passen eher angedeutete Schauspielkunst, die sich dem Rennen, Rollen & Raufen unterzuordnen hat.

Weiterhin nur angedeutet aber nicht zeitfressend ausgespielt werden gruppendynamische Prozesse oder interne Streitigkeiten. In dieser Geschichte ist dafür kein Raum vorgesehen. Die Gruppe steht ständig unter Druck. Für Diskussionen fehlt die Zeit; im Vordergrund steht die Handlung: ein Plot-Konstrukt, das den klassischen Filmkritiker in Alarmbereitschaft versetzt, da es Bauch- statt Kopf-Unterhaltung andeutet. Erstere gilt ihnen als minderwertig; dies auch, weil sie angeblich mit simplen Methoden erzeugt werden kann – ein kapitaler Irrtum, wie unzählige turbulente aber trotzdem langweilige und nicht selten strohdumme Filme beweisen!

Im letzten Moment vom Klischee eingeholt

Lange folgt der dem „B-Movie“ zugetane Zuschauer freudig dem Geschehen. Das Budget ist nicht hoch, doch ihm werden sämtliche mögliche Schauwerte entlockt. Die Spezialeffekte – entstanden im Weta Workshop, Neuseeland – dominieren nicht das Geschehen, sondern ordnen sich ihm unter – und überzeugen trotzdem; selbst in der großen Final-Schlacht gegen die Geistwesen. Die Kulisse einer zerbombten Stadt ist aus CGI-Elementen zusammengesetzt, die ein nie künstliches Gesamtbild ergeben. Im Detail huschen unsere Flüchtigen zwar durch ähnliche Industriebrachen wie die ‚Helden‘ zahlreicher Trash-Filme. Der Unterschied zu einfach abgefilmten Ruinen ist allerdings prägnant: Hier wurde gute Arbeit geleistet. Durch weite Raumfluchten und Flure jagt eine bewegliche Kamera den Darstellern hinterher, erhebt sich über sie, gleitet hinter die angreifenden Kreaturen.

Im letzten Drittel schleichen sich freilich doch altbekannte Fehler ein. Auf eine Herkunftsdeutung der Phantome möchten Mathieu & Nolfi leider nicht verzichten. Dies erfordert einen Erkenntnisprozess, der grundlos und lachhaft rasch in den Moment absoluter Erkenntnis umschlägt. Was „Bose-Einstein-Konsendate“ sind, bleibt an dieser Stelle unerwähnt; er sträubt sich ohnehin des Schreibers Tastatur, die solchen künstlich komplizierten Unfug fixieren sollte!

Selbstverständlich fassen sich die verstörten US-Jungs irgendwann wieder und basteln sich unter Dr. Clynes Anleitung in Windeseile aus Taschenlampen, Büroklammern und Toilettenpapier eindrucksvoll aussehende Wunderwaffen, mit denen den Kondensaten heimgeleuchtet wird, während in Zeitlupe und unter Einspielung hymnischer Musik in heldenhaften Widerstand gestorben wird. Ein Fünkchen Kritik flackert im Finale auf, während auf die genretypische Verbrüderung (= Vorbereitung der Fortsetzung) oder einen Last-Minute-Schock verzichtet wird. Dies versöhnt und komplettiert den Eindruck eines Films, der vieles richtig und manches sogar gut macht. Vor allem erfüllt er den geplanten Zweck: Er unterhält!

Anmerkung

Die Veröffentlichungsgeschichte von „Spectral“ ist überaus modern. Ursprünglich war dies ein klassischer Kino-Film, den das Studio Universal Pictures realisierte. Statt ihn selbst auszuwerten, verkaufte man die Rechte an den Online-Streaming-Dienst Netflix, der „Spectral“ seinen Abonnenten im Dezember 2016 zur Ansicht anbot.

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Spectral
Originaltitel: Spectral (USA 2016)
Regie: Nic Mathieu
Drehbuch: George Nolfi (nach einer Story von Ian Fried u. Nic Mathieu)
Kamera: Bojan Bazelli
Schnitt: Jason Ballantine
Musik: Junkie XL (= Tom Holkenburg)
Darsteller: James Badge Dale (Dr. Mark Clyne), Emily Mortimer (Fran Madison), Max Martini (Major Sessions), Bruce Greenwood (General Orland) Clayne Crawford (Sergeant Toll), Cory Hardrict (Sergeant Alessio), Louis Ozawa Changchien (Sergeant Chen), Jimmy Akingbola (Sergeant Steve McFadden), Dylan Smith (Talbot), Philip Bulcock (Sergeant Chris Davis), Royce Pierreson (Sergeant Lilo Diaz), Ursula Parker (Sari), Aaron Serban (Bogdan) u. a.
Label/Vertrieb: Netflix
Erscheinungsdatum: 09.12.2016
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Türkisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 107 min.
FSK: 16

Titel bei Netflix

Under the Skin – Tödliche Verführung

Synchronicity

Banshee Chapter

Before I Wake – Fürchte seine Träume