Splintered – Glaubst du an Monster?

Originaltitel: Splintered (GB 2008)
Regie: Simeon Halligan
Drehbuch: Mat Archer, Simeon Halligan u. Stephen Trimingham
Kamera: Michael Costelloe
Schnitt: Tom Grimshaw u. Celia Haining
Musik: Richard Bodgers
Darsteller: Holly Weston (Sophie), Sacha Dhawan (Sam), Sadie Pickering (Jane), Jonathan Readwin (Dean), Sol Heras (John), Colin Tierney (Vater Thomas), Stephen Walters (Gavin/Vincent), Holly Messenger (Sophie als Kind), David Bowen (Vater Jacobs), James Roach (Kreatur) u. a.
Label/Vertrieb: KSM – Krause & Schneider Multimedia (www.ksmfilm.de)
Erscheinungsdatum: 02.07.2010 (Leih-DVD) bzw. 16.08.2010 (Kauf-DVD)
EAN: 4260181985510 (Leih-DVD) bzw. 4260181981130 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min.
FSK: 18

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Das geschieht:

Die durch schlimme Kindheitserlebnisse traumatisierte Sophie flüchtet sich in ihr Interesse an übernatürlichen Phänomenen. Als sie in den Nachrichten von einer seltsamen Kreatur erfährt, die angeblich im nördlichen Wales Schafe und Bauern attackiert, beschließt Sophie, eine private Such-Expedition zu starten. Begleitet wird sie von ihrer besten Freundin Jane, deren Freund John, dem phlegmatischen Sam sowie Janes Nerd-Bruder Dean, weil dieser eine Kamera besitzt.

Beim nächtlichen Campen zettelt der eingebildete John einen Streit an. Zornig stürmt Sophie in den Wald. Der fürsorgliche (und geile) Sam folgt ihr. Als Sophie eine verdächtige Gestalt in der Dunkelheit entdeckt, nimmt sie mit Sam die Verfolgung auf. Sie endet in den Ruinen von St. Joseph’s, einem nach für die katholische Kirche unerfreulichen Skandalen aufgegebenen Waisenhaus. Dort verschwindet John spurlos, während Sophie vom verrückten Gavin gefangengenommen und in eine alte Zelle gesperrt wird: Nach eigener Auskunft will Gavin sie „beschützen“, denn in dem alten Gemäuer gehe ein gefährliches Ungeheuer um.

Besorgt haben sich Jane, Sam und Dean inzwischen auf die Suche nach den Freunden begeben. An anderer Stelle macht sich Vater Thomas auf den Weg nach St. Joseph’s. Dort hat er einst gearbeitet – und Gavin über die Leiche von Vater Jacobs gebeugt gefunden. Zwar beteuerte Gavin seine Unschuld und nannte seinen Bruder Vincent als Täter, der jedoch schon Monate zuvor gestorben war. Gavin flüchtete, aber Thomas hat erfahren, dass er zurückgekehrt ist. Er will ihn stellen und seinen Mentor Jacobs rächen. In den endlosen Gängen des Waisenhauses müssen Sophie, ihre Freunde und Vater Thomas lernen, dass Gavin zwar irre ist aber sehr wohl die Wahrheit sagt. Auch Vincent ist heimgekehrt – und er hasst Besucher …

Psychologischer Horror und schnöde Realität

Zwar ist „Splintered“ sein erster ‚richtiger‘ Spielfilm, doch Simeon Halligan ist kein Neuling im Filmgeschäft. Er hat sein Handwerk sogar studiert; das „Royal College of Art” verließ er 1995 mit einem Abschluss, für seine Kurzfilme „Sleep My Love“ und „Triple Exposure“ wurde er mit Preisen ausgezeichnet. „Not a Number Productions“ gründete Halligan bereits 1998 als Plattform für künftige Langfilm-Projekte. Dennoch dauerte es ein Jahrzehnt, bis sein Debütwerk entstand. Bis es soweit war, drehte Halligan für Fernsehen und Werbung.

Die Voraussetzungen waren also vielversprechend. Das niedrige Budget bildete kein gravierendes Hindernis. Ein Regisseur, der weiß, was er will, kommt mit finanziellen Einschränkungen zurecht. Außerdem ging Halligan auf Nummer Sicher: Er wählte sich für sein Debüt ein Genre, das als überaus anfängertauglich gilt: Auch ‚billige‘ Horrorfilme können gelingen, und das Publikum ist – je nachdem – freundlich oder anspruchsarm.

Außerdem segelt Halligan unter falscher Flagge. „Splintered“ ist nach seiner Aussage ein „psychologischer Horrorfilm“. So werden in der Werbung gern Filme bezeichnet, die pure Unterhaltung mit einem gewissen Anspruch mischen, was einerseits ein Risiko bedeutet, bei gutem Gelingen jedoch andererseits eine simple Gruselgeschichte durch einen tiefsinnigen Kontext bereichern kann.

Halligan hat sich den Spagat nicht leicht gemacht. Etwa 30 Drehbuchentwürfe haben er und seine beiden Mitautoren verfasst, wie wir dem „Making Of“ entnehmen können. Womöglich erging es ihnen wie dem entnervten Sam, der während der verhängnisvollen Expedition in die Wildnis von Wales schimpft, er könne den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen: „Splintered“ zerfällt als Geschichte in Einzelteile, die nie zu einer stimmigen Gesamtheit finden.

Geschichte? Welche Geschichte?

Der kluge Schuster bleibt als Anfänger beim bewährten Leisten und setzt nur punktuell eigene Akzente: So kann solide Unterhaltung entstehen. Leider stützt sich Halligan auf eine allzu ausgelaugte Grundstory. Mit einer recht fadenscheinigen Erklärung schafft er sein zentrales Quintett in den Wald und zum „St. Joseph’s“. Dort verliebt er sich in das pittoreske Bauwerk und hetzt seine Darsteller durch möglichst viele Räume, Säle und Gewölbe, die er, der auch als Filmausstatter gearbeitet hat, liebevoll und detailreich mit staubigem Gerümpel ausgestattet hat. Ein unsichtbarer oder sorgfältig im Filmschatten gehaltener Bösewicht metzelt unsere neugierigen Geisterjäger nieder. Als alles verloren scheint, mischt sich ein zerquälter Priester ein, der sich selbst eine Mission verordnet hat. Daran schließt sich viel Gerede an, um ein Rätsel zu lüften, das selbstständig zu lösen der Zuschauer nie eine Chance hatte (und trotzdem nicht überrascht). Es folgt ein blutreiches Finale mit dem wie üblich unkaputtbaren, d. h. tausend Tode sterbenden und immer wieder auferstehenden Unhold.

Halligan weiß durchaus um die Klischees und versucht sie entweder sinnvoll zu nutzen oder abwechslungsreich abzuwandeln. „Splintered“ unterscheidet sich vom üblichen Routine-Horror aus Hollywood durch ein deutlich ‚raueres‘ Ambiente. Licht und Dunkelheit werden absichtlich nicht sorgfältig ‚gesetzt‘, um an sich düstere Winkel ‚zufällig‘ auszuleuchten. Stattdessen kommt empfindliches Filmmaterial zum Einsatz, das auch bei geringer Lichtstärke die Darsteller und ihr Spiel sichtbar werden lässt.

In Bocksprüngen zum Finale

Damit kann Halligan freilich das zentrale Manko seines Films nicht tilgen: Die Story entwickelt sich nur holprig und in Sprüngen. Das Timing stimmt nicht. Dem überlangen Auftakt im Teenie-Movie-Stil folgt ein solider Mittelteil, den ein völlig aus dem Lot geratendes Finale mehr schlecht als recht abschließt. Nicht einmal das forcierte Tempo hilft über die gewaltigen logischen Lücken hinweg. (Besonders hübsch und beispielhaft ist dieses Schlussdetail: Sophie taumelt blutüberströmt eine Straße entlang. Ein Krankenwagen nähert sich – und bleibt mindestens zweihundert Meter vor ihr am Straßenrand stehen. Zwei Pfleger springen heraus, stürmen mit einer Decke auf sie zu und schleppen sie zur Ambulanz zurück …)

Die von Halligan, den Drehbuch-Kollegen und den Schauspielern gelobte Sub-Story, der „Splintered“ (= „Zertrümmert“) letztlich seinen seltsamen Titel verdankt, ist zum einen für diese Geschichte überflüssig, weil sie ihr zum anderen nur aufgepfropft wird, statt integriert zu werden. Sophie assoziiert den aktuellen Schrecken mit dem Missbrauch, den sie als Kind durch ihren Vater erfuhr. Dies schwächt sie zunächst, wird aber letztlich zur Quelle ungeahnter Widerstandskraft. Halligan scheint nicht zu begreifen, dass Sophies Erfahrung nur ein Detail ist und bleibt. Die triviale Story, in die es eingebettet ist, kann es niemals aufwerten oder auch nur spannender machen.

Ein Regisseur kann zu freundlich sein

Immer wieder rühmen die Darsteller im „Making Of“ die Bereitwilligkeit, mit der sich ihr Regisseur in Diskussionen über das Drehbuch einließ. Offensichtlich wurde dabei jede ursprünglich vielleicht vorhandene Stringenz zerredet. Die meisten Darsteller chargieren jedenfalls wie endlich von der Leine gelassene junge Hunde. Vor allem Sacha Dhawan, Jonathan Readwin und Sadie Pickering mimen das selbstgefällige Arschloch, den schüchternen Tropf und die freundliche aber hohlköpfige Blondine allzu überzeugend – man kann es als Zuschauer gar nicht erwarten, dass die Bestie vom St. Joseph’s ihnen endlich die Lebenslichter ausbläst.

Sol Heras bleibt gänzlich profillos, während Colin Tierney seinen Vater Thomas als Imitation (oder Karikatur?) von Vater Merrin aus den beiden ersten „Exorzist“-Filmen anzulegen scheint. Stephen Walters gibt in seiner Doppelrolle gut geschminkt dem darstellerischen Affen tüchtig Zucker. Er kann als ‚guter‘ und ‚böser‘ Irrer gar nicht genug Gas geben. Zuckend, stammelnd und speichelnd lässt er jegliche Zurückhaltung hinter sich und tut gut damit.

Glück hatte Halligan mit der Wahl von Holly Weston als Sophie. Das ehemalige Model ist nicht nur außerordentlich hübsch, sondern auch schauspielerisch begabt. Wenn Regisseur und Drehbuchautor Halligan es ihr gestattet und Weston nicht durch Müll robben und steile Dachabhänge hinab rutschen muss, vermittelt sie glaubhaft weil eher andeutungsweise einen fragilen, beschädigten Charakter.

Blut und Spiele

War es Ratlosigkeit oder die Suche nach dem größten gemeinsamen Zuschauer-Nenner, der Halligan dazu veranlasste, seinen „psychologischen Horrorfilm“ mit lupenreinen Splatter-Effekten aufzupeppen? Eigentlich vermisst man sie nicht. Wenigstens sind sie professionell umgesetzt, wenn auch variationsarm: Ständig werden einem Pechvogel Fleischfetzen aus dem Hals gerissen. Da sorgt ein durch den Magen gerammtes Brecheisen für willkommene Abwechslung …

Das eindrucksvolle, weil verlassene und verfallende Waisenhaus St. Joseph‘s ist übrigens weder Kulisse noch – in seinen Außenansichten – ein Produkt von Filmtricks, sondern eine echte Ruine: St. Joseph’s College wurde 1880 als Seminar für den römisch-katholischen Priesternachwuchs im nordwestlichen England gegründet. Es steht im Walthew Park nahe der Kleinstadt Upholland in der Grafschaft Lancashire. 1991 wurde es geschlossen, weil nicht mehr genug Studenten den Weg in die riesige Einrichtung fanden. Seitdem steht St. Joseph’s leer. Örtliche Künstler nutzen die gewaltigen Zimmerfluchten und Säle für Installationen und Ausstellungen. Auch Film und Fernsehen nutzen St. Joseph’s gern. Außer „Splintered“ entstanden hier u. a. die hochkarätige BBC-Mini-Serie „Apparations“ (2008) sowie einige Episoden der Soap-Opera „Hollyoakes“.

DVD-Features

Die Extras zum Hauptfilm beschränken sich auf die üblichen Nichtigkeiten wie den Trailer und eine Bildergalerie. Hinzu kommt die zwar gedrehte aber nachträglich gestrichene Schlussszene: Es gibt gar keinen Vincent; die verrückte Sophie hat sich durch St. Joseph’s gemetzelt. Wenigstens einmal hat Regisseur Halligan begriffen, dass man es mit den Klischees übertreiben kann.

Eine Orgie der gegenseitigen Beweihräucherung ist das Feature “Behind the Scenes“. Zu allem Überfluss wurde es in vier Mini-Filmchen zergliedert. Immerhin für unfreiwilligen Humor sorgt der Tricktechniker, als er „noch nie gesehene Spezialeffekte“ ankündigt und dabei mit einem Plastik-Fleischerbeil wedelt.

Es gibt eine Website zum Film.

[md]

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