Spring – Love Is a Monster

Originaltitel: Spring – Love Is a Monster (USA 2014)
Regie: Justin Benson u. Aaron Moorhead
Drehbuch: Justin Benson
Kamera: Aaron Moorhead
Schnitt: Justin Benson, Aaron Moorhead u. Michael Felker
Musik: Jimmy LaValle u. Sigur Rós
Darsteller: Lou Taylor Pucci (Evan Russell), Nadia Hilker (Louise), Francesco Carnelutti (Angelo), Vanessa Bednar (Gail), Shane Brady (Brad), Holly Hawkins (Nicole), Chris Palko (Bancroft Dawson) u. a.
Label/Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 08.10.2015
EAN: 4020628848521 (DVD/4020628848514 (Blu-ray)/4020628842550 (Blu-ray-Steelbook)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 105 min. (Blu-ray: 109 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

In den heimischen USA hält es Evan Russell nach dem Tod seiner Mutter nicht mehr. Weitere Familienmitglieder gibt es nicht, eine ohnehin fragwürdige Beziehung ging gerade in die Brüche, und den Job hat Evan ebenfalls verloren. Er bricht seine Zelte ab und beginnt eine Spontan-Reise ohne Ziel.

Es verschlägt Evan nach Europa und dort nach Süditalien in das kleine und außerhalb der Touristensaison verschlafene Küstenstädtchen Polignano. Der alte Olivenbauer Angelo stellt ihn als Gehilfen ein, doch dank des südländischen Laissez-faire bleibt Evan genug Zeit, sich den Ort und die Umgebung anzuschauen.

Dabei stößt er auf die hübsche Arzthelferin Louise, deren sexuelle Aggressivität ihn anfänglich erschreckt, während sie die Zurückhaltung des jungen Mannes berührt. Aus Evan und Louise wird ein Paar, wobei vor allem er bald überzeugt ist, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Louise denkt offensichtlich anders, denn sie hält Evan auf Abstand und macht dann Schluss mit ihm.

Evans Enttäuschung zielt ins Leere, denn Louise hat beileibe keinen neuen Gefährten. Sie steht vor einer der Neugeburten, die ihr grundlegend mutierter Körper etwa alle zwanzig Jahre erfährt: Louise ist mehr als zwei Jahrtausende alt. Die Wiederkehr ist eine schwierige und vor allem für ahnungslose Mitmenschen gefährliche Prozedur, denn im Vorfeld löst sich Louises Körper mehrfach auf, um monströse Gestalten anzunehmen. In diesen Phasen setzt ihr Verstand aus und wird von einer unwiderstehlichen Gier nach frischem Fleisch abgelöst.

Zufällig lüftet Evan Louises Geheimnis. Zunächst ist er schockiert, aber seine Liebe kann auch eine mit Tentakeln und Flossen aus ihrer Körpersuppe wedelnde Louise nicht erschüttern. Tatsächlich gibt es eine Chance, den Verwandlungszyklus zu durchbrechen, aber dieser Weg ist vor allem für Evan überaus riskant …

Liebe überwindet jedes Hindernis?

„Omnia vincit amor“, hielt Vergil (70-19 v. Chr.) um das Jahr 40 v. Chr. in seinen Eklogen fest, einer Sammlung von zehn Hirtengedichten. Er dürfte nicht der erste gewesen sein, der diese Aussage niederschrieb; womöglich haben schon unsere Vorzeit-Vorfahren sie auf diversen Höhlenwänden verewigt. Wer immer im Munde führt, dass die Liebe „alles“ überwindet, spricht damit weniger eine Tatsache als einen Wunsch aus: In einer Welt ohne Gewiss- und Sicherheiten möchte man sich wenigstens auf einen Trost verlassen können. (Was sicherlich ebenso zeitig Zyniker auf den Plan rief, die in Worte fassten, was tatsächlich unbezwingbar ist: der Tod und die Steuer.)

Nichtsdestotrotz ist nicht nur die Kultur- und Kunsthistorie reich an Geschichten, Bildern oder Liedern, in denen beschrieben wird, wie er und sie sich ungeachtet im Grunde unüberwindlicher Hindernisse fanden: So etwas gelingt – sogar recht oft – durchaus in der Realität. Vor allem jene, die nur mit dem freudigen Ergebnis konfrontiert werden und von den hässlichen Begleitaspekten auf dem Weg dorthin verschont bleiben, lieben solche Garne, weshalb sie weiterhin zum fixen Inventar der Literatur, der Kunst und natürlich der Medien gehören.

Wie lässt sich „alles“ definieren? Die menschliche Vorstellungskraft ist in dieser Beziehung gut ausgeprägt. Die Liebe zwischen Menschen unterschiedlicher Rassen und Hautfarben, Herkunft etc. fixiert nur scheinbar den Rahmen der Fragestellung. Darüber hinaus hat man sich bereits in der Vergangenheit den Kopf zerbrochen, ob die Liebe auch funkt, wenn er ein Mann und sie ein Monster ist, das sich zeitweise in eine begehrenswerte Frau verwandelt. Louise aus „Spring“ ist keine Elfe, Meerjungfrau oder Vampirin, sondern eine Mutation, doch an der grundsätzlichen Problematik ändert sich deshalb nichts, weshalb sich Justin Benson und Aaron Moorhead darauf verlassen durften, dass ihre Geschichte funktionieren würde, und sie ihr Hauptmerk darauf richten konnten, das sattsam Bekannte unterhaltsam zu variieren.

Horror, Humor & Hintergründigkeit

In diesem Punkt haben sie vieles richtig gemacht, anderes jedoch nicht, weshalb gut ist, dass „Spring“ nicht auf dem Drehbuch allein ruht. Zwar lässt sich der zweite Film des Regie- und Autorenduos nicht mit dem in jeder Hinsicht missratenen Erstling „Resolution“ (2012; ‚dt.‘ „Resolution – Cabin of Death“) vergleichen. Dennoch wird deutlich, dass Benson & Moorhead weiterhin bestimmte Webfehler untererlaufen.

Dazu gehört ein Unterbau, den die Story weder benötigt noch verkraftet. Die Handlung setzt in den USA, Evans Heimat, ein, und stellt uns unerhört zeitaufwändig und umständlich einen Mann am Scheideweg in einem US-Underdog-Milieu vor. Gleich mehrere Rollen ließen sich einfach streichen, da diese Figuren weder Gravierendes beitragen noch im weiteren Verlauf des Geschehens mehr auftauchen. Faktisch könnte Evan einfach in Italien aufkreuzen, zumal er den einleitend beklagten Trübsinn ohnehin im Gespräch mit Louise aufdröselt: Mehr wollen weder Louise noch wir Zuschauer wissen, und sehen müssen wir es auch nicht.

Wenig harmonisch wirkt ein Stimmungsbruch, der sich etwa nach halber Spielzeit einstellt und „Spring“ zweiteilt. Zunächst erzählten Benson & Moorhead eine zunehmend mysteriöser werdende, spannende Geschichte, die durchaus düstere Züge aufweist. Dann stolpert Evan buchstäblich über eine in Auflösung geratene Louise, und aus „Spring“ wird eine Love Story mit komödiantischen Untertönen. Dass Louise getötet hat, bleibt dramaturgisch ohne Konsequenzen. Nun wird ausgiebig diskutiert und dabei die Liebe beschworen. Dafür dürfte sich problemlos ein entsprechend gepoltes Publikum finden, was aber an den Unstimmigkeiten nichts ändert.

Die richtigen Personen am rechten Ort

Das ist schade, denn mit viel Liebe zum Detail sorgen Benson & Moorhead immer wieder für Szenen, die einfach Spaß machen. Sie profitieren dabei überdurchschnittlich vom Talent der beiden Hauptdarsteller. Lou Taylor Pucci und (die in München geborene) Nadia Hilker stellen zweifellos eine Idealbesetzung in ihren Rollen dar. Die nicht demonstrativ zur Schau gestellten Emotionen wirken echt und springen deshalb auf den Zuschauer über. Pucci und Hilker halten zudem sicher die Balance auf dem schmalen Grat zwischen Sentimentalität und Schmalz, was – auch dies ist heutzutage eine gesonderte Erwähnung wert – nicht durch eine Billig-Synchronisierung konterkariert wird.

Hinzu kommt die pittoreske aber nicht bonbontouristisch ausgebeutete Kulisse. Polignano a Mare ist ein einerseits malerisch und andererseits unheimlich verwinkeltes Städtchen: Es kommt auf die jeweilige Stimmung an, wie Benson & Moorhead unter Beweis zu stellen verstehen. Moorhead – auch für die Kamera verantwortlich – setzte u. a. Flugdrohnen ein, weshalb er auf Kamerakräne nicht angewiesen war. Das Ergebnis sind atemberaubende Kamerafahrten, die nicht nur scheinbar nahtlos über Dächer hinaus dorthin führen, wo es steil hinab zu einem schäumenden Meer geht.

Geld war knapp, was durch konzentrierte Logistik und Ideen ausgeglichen wurde. Louises Verwandlungen halten sich quantitativ im Rahmen, sind aber qualitativ immer sorgfältig in Szene gesetzt. Überragend ist das alles nicht aber unterhaltsam: Angesichts des Dilettantismus‘, der gerade das Horror-Genre peinigt, ist dies durchaus eine Positiv-Urteil!

DVD-Features

Die deutsche Fassung von „Spring“ berücksichtigt sogar in der DVD-Version jene heute gern vernachlässigte Kardinaltugend, die einst das Medium auszeichnete: Sie bietet dem Zuschauer eine Fülle interessanten Hintergrundmaterials, das bei näherer Betrachtung nicht in lieblos präsentierte, mit Werbung verschnittene Häppchen zerfällt. Im Vordergrund steht ein pressetaugliches Making-of, das Justin Benson und Aaron Moorhead nicht angeheuerten Profis überließen, sondern selbst übernahmen. Dabei nahmen sie absichtlich keine Rücksicht auf übliche Marktschreier-Methoden und verstießen geradezu lustvoll gegen einschlägige Konventionen. Interviewpartner präsentieren sich deshalb u. a. lässig auf der Couch oder im Bett liegend, ein Glas Alkohol offen in der Hand haltend oder gar rauchend, während sie sich zwar lobend übereinander äußern, dies aber glaubhaft wirkt: Die flankierenden Aufnahmen zeigen vor und hinter der Kamera ein kleines aber verschworenes Team, das trotz harter Arbeit viel Spaß hatte.

Kurz aber interessant ist ein „Alternatives Ende“, das glücklicherweise gestrichen wurde, weil es einen finalen Stoß in die Kniekehlen eines bis dahin weitgehend gelungenen Films dargestellt hätte. Ebenso klug unter den Tisch gefallen sind einige „Deleted Scenes“. Leidlich informativ weil allzu kurz sind Featurettes über die „Konzeptgestaltung“ und die „Visuellen Effekte“. Hinzu kommen der originale und der deutsche Trailer.

Obwohl die Dreharbeiten unter zeitlichem und finanziellem Druck stattfanden, nahmen sich die Beteiligten mehrfach die Zeit für filmische Spielereien und Streiche, die ebenfalls ihren Weg in die Extras gefunden haben. Unter dem Titel „Evan, ich hasse dich!“ gibt es eine Alternativ-Version der Handlung: Evan spannt dem dicken Filippo die Freundin aus, woraufhin dieser später Louise kennenlernt; dieses Drama ist als Stummfilm mit Zwischentiteln und schwarzweiß inszeniert. „Der talentierte Mr. Evans“ ist eine Kurz-Parodie auf den Patricia-Highsmith-Klassiker „Der talentierte Mr. Ripley“, hier mit Evan in der Titelrolle. In „Schreib mir einen Brief“ sehen wir, was Witzbold Lou Taylor Pucci tatsächlich auf jenen Briefzettel schrieb, auf den die hart unter Lachdruck gesetzte Nadia Hilker gerührt reagieren sollte. „Der Pseudogangster und seine Freundin“ zeigt eine vor Obszönitäten strotzende Leseprobe: Während sich die Darstellerin nach Kräften ins Zeug legt, krümmt sich ihr Publikum im Hintergrund möglichst unbemerkt vor Lachen. „Der schlechte Farmer“ zeigt Angelo, der den Olivenbauern nur spielt und dabei mit einer Gras-Sense gesunde Äste kappt, sinnlos Wurzeln mit Erde bedeckt oder mit Laub gefüllte Kisten in seinen Lieferwagen hievt – eine witzige Enthüllung dessen, was „Schauspiel“ bedeutet: das Vorgeben eines Geschehens, das sinnvoll wirken soll, ohne es sein zu müssen.

Kurzinfo für Ungeduldige: Den US-Emigranten Evan verschlägt es nach Süditalien, wo er sich in den mysteriöse aber schöne Louise verliebt, die vor ihm zu verbergen sucht, dass sie a) unsterblich ist und sich b) unkontrolliert in allerlei Monster verwandelt … – Selbstverständlich kommt ihr Evan auf die Schliche, womit eine Love Story der unheimlichen Art beginnt: „Spring“ irritiert durch Abschweifungen und Leerlauf, versöhnt aber durch die ausgezeichneten Darsteller, die wunderbaren Kulissen und die einfallsreiche Kameraarbeit.

[md]

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