Stag Night

Originaltitel: Stag Night (USA 2008)
Regie u. Drehbuch: Peter A. Dowling
Kamera: Toby Moore
Schnitt: Vanick Moridian
Musik: Benedikt Brydern

Darsteller: Kip Pardue (Mike), Scott Adkins (Carl), Breckin Meyer (Tony), Vinessa Shaw (Brita), Karl Geary (Joe), Rachel Oliva (Claire), Sarah Barrand (Michelle), Luca Bercovici (Chef-Tunnelratte), Suzanna Urszuly (Frau), Nikolai Sotirov (alter Mann) Jo Marr (junger Mann) uva.
Label/Vertrieb: Koch Media Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 28.05.2010 (Leih-DVD u. Blu-ray) bzw. 02.07.2010 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4020628978587 (Leih-DVD) bzw. 4020628978594 (Kauf-DVD) bzw. 4020628958046
(Leih-Blu-ray bzw. 4020628958053 (Kauf-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2.35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 84 min. (Blu-ray: 87 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Die Brüder Carl und Tony sowie ihr Kumpel Joe ziehen mit Mike durch die Kneipen von New York; es ist Mikes „Stag Night“, die letzte Nacht als ‚freier Mann‘, denn daheim wartet bereits Braut Michelle. Ein Ortswechsel steht an; er wird per U-Bahn vollzogen, die zu dieser frühen Morgenstunde beinahe menschenleer ist. Nur die Stripperinnen Brita und Claire sitzen mit dem Quartett im Abteil. Weil Tony frech wird, sprüht Brita Pfeffernebel. Als die Bahn an einer roten Ampel hält, die es auch unter Tage gibt, öffnen die hustenden Fahrgäste die Tür, stürzen an die relativ frische Unterweltluft – und müssen mit ansehen, wie die Bahn sich wieder in Bewegung setzt und sie auf offener Strecke zurücklässt.

Nur durch die U-Bahnröhre geht es zum nächsten Bahnhof und zurück an die Oberfläche. Den Weg dorthin blockieren allerdings kannibalische Tunnelbewohner. Diese völlig vertierten Zeitgenossen leben ausschließlich unter der Erde, wo sie auf nächtliche Fahrgäste warten, die sie überfallen, ermorden, ausrauben und fressen bzw. an ihre Hunde verfüttern können. Ihrem aktuellen Raubzug fällt ein Polizist zum Opfer. Dummerweise bemerken die Tunnelratten, dass sie dabei von unseren unterirdisch Gestrandeten beobachtet werden.

Zeugen lieben sie nicht, aber weiteres Frischfleisch ist ihnen willkommen. Die Jagd ist eröffnet. Im Labyrinth der Tunnel, Wartungsschächte und Abwasserleitungen kennen die Häscher jeden Winkel. Bald sind die ersten Opfer zu beklagen. Irgendwann begreifen die Überlebenden, dass Rettung von außen nicht kommen wird. Sie müssen sich ihren Gegnern stellen. Bald lassen sich Jäger und Gejagte unter einer dicken Dreck- und Blutschicht kaum noch unterscheiden. Auch im Verhalten gleichen sich die Parteien an, bis es zum großen Entscheidungskampf mit Fleischermessern, Stahlpickeln und rostigen Sägen kommt …

Back to the Roots?

Früher war alles besser. Dies schließt nach Ansicht vieler Gruselfreunde die Horrorfilme der Vergangenheit ein. Vor allem die Splatter der 1970er und frühen 1980er Jahre treiben ihnen in der Rückschau Tränen der Rührung in die Augen: Bevor in politisch korrekteren Zeiten die Zensur obsiegte, war es für wenige Jahre möglich, praktisch alles zu zeigen, was die damaligen Spezialeffekte möglich machten. Rohe, grimmige Streifen entstanden, die heute Kultstatus besitzen, was u. a. daran erkannt werden kann, dass sie im neuen Jahrtausend praktisch in toto neu verfilmt werden.

„Stag Night“ möchte alte Splatter-Traditionen neu beleben. Dagegen ist nichts einzuwenden, zumal die moderne Tricktechnik überzeugend auch explizite Gräuel viel überzeugender in glaubwürdige Bilder umsetzen kann als vor zwei oder drei Jahrzehnten. Doch die Uhr lässt sich offenbar nicht wirklich zurückdrehen: „Stag Night“ bedient sich der Möglichkeiten des aktuellen Films vor allem, um genau diese blutige Deutlichkeit zu vertuschen. Theoretisch geht es wohl brutal zu. Es wird nicht nur gestoßen und geschlitzt, sondern geschlachtet und gehackt. Zu sehen ist davon jedoch wenig. Sobald es heftig zur Sache geht, scheint der Kameramann von einem Anfall der Parkinsonschen Schüttellähmung erfasst zu werden. Die Linse rüttelt hin und her, bis sich die Szene in einem beim Zuschauer Seekrankheit erzeugenden Wirbel auflöst.

Wird dieser Kniff (den wohl Ridley Scott in „Gladiator“ 2000 erstmals einsetzte), der einer Zensur der Gewalteffekte zuvorkommen soll, nicht strapaziert, ist es garantiert genau dort stockdunkel, wo gerade Messer u. a. tödliche Waffen geschwungen werden: Regisseur Peter Dowling kann Gemetzel inszenieren, aber er traut sich nicht, es zu zeigen. Das Ergebnis wird dem Freund des subtilen Terrors schon zu viel sein, während der erwartungsfrohe „Gorehound“ verärgert abwinken wird. Selbst der vielgeschmähte, thematisch sehr ähnliche „Creep“ (2004) mit Franka Potente war in dieser Hinsicht der ‚ehrlichere‘ Film.

Nur einmal weigert sich Dowling, die Zensur-Schere im vorauseilenden Gehorsam selbst in die Hand zu nehmen: Eine Tunnelratte wird weichenbedingt von einer zuschnappenden Bahnschiene erledigt. Dieser eine Moment löst die Versprechen von „Stag Night“ ein, denn er erzeugt jenes ungläubige Schnappen nach Luft, welches ein überraschter und begeisterter Zuschauer zu erzeugen pflegt.

Go East, Poor Man

3 Mio. Dollar betrug das Budget für diesen Film angeblich. Das ist nach Hollywood-Maßstäben Kleingeld, wäre aber genug für einen kleinen, fiesen Horrorfilm. Allerdings sieht „Stag Night“ in keiner Sekunde so aus, als sei die genannte Summe in die Produktion geflossen. Offensichtlich sind die Kulissenbauten so gut geraten, dass sie nahtlos mit den Vor-Ort-Szenenbildern verschmelzen. Wieder einmal haben die osteuropäischen Handwerker perfekt gearbeitet.

Denn die Dreharbeiten fanden wie heutzutage beinahe üblich in Osteuropa statt. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks müssten sich US-Filmteams inzwischen wie zu Hause fühlen; sie stolpern geradezu übereinander, so viele Streifen werden hier heruntergekurbelt, wo der Dollar hart und das filmhandwerkliche Niveau hoch ist, während die Löhne niedrig blieben. „Stag Night“ entstand in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Das wird in der Besetzung der sprachlosen Nebenrollen deutlich; die Mitglieder einer Kolonie vergleichsweise ‚normaler‘ Tunnelmenschen, denen unsere Flüchtlinge einmal begegnen, sehen ganz und gar nicht ‚amerikanisch‘ aus.

Überhaupt entstanden wohl nur einige Luftaufnahmen in New York. Da das Geschehen so rasch wie möglich unter die Erde verlegt wird, musste nur ein einziger Straßenzug durch entsprechende Autos, Verkehrsschilder und Werbeplakate ‚amerikanisiert‘ werden. Ansonsten profitierte die Produktion davon, dass sich die U-Bahn-Anlagen der westlichen Welt sehr stark ähneln.

Außerhalb der Bahnhöfe bedeutet dies vor allem Dreck und Verfall, denn unter der Erde wird Raumpflege verständlicherweise klein geschrieben. Hinzu kommt eine Dunkelheit, die recht notdürftig durch trübe Lichter aufgehellt wird. Anders ausgedrückt: Die U-Bahn ist das moderne Pendant zur Schlossruine – eine Örtlichkeit, die nicht nur für den Verkehr, sondern auch für das Unheimliche erbaut zu sein scheint. Hinzu kommt das Wissen um reale ‚Tunnelmenschen‘: Obdachlose, die in der Tiefe Schutz vor der Witterung und vor der Polizei suchen.

Schauspieler als Wanderarbeiter

Für Schauspieler der Promi-Kategorie B und vor allem C ist der Dreh einer Billig-Produktion heute meist mit einer weiten Reise verbunden. Dieses Mal ging es wie gesagt nach Sofia und dort in den Untergrund; die Arbeit dürfte kein Zuckerschlecken gewesen sein. Erfreulicherweise verzichtet Dowling, der auch das Drehbuch schrieb, darauf, uns die selbst im Halbdunkel sichtbar nicht mehr gar so jungen Darsteller als Teenies zu verkaufen. Mike und seine Freunde sind „Thirtysomethings“, und auch Brita, die Geschichte studierende Stripperin, hat die Pensionsgrenze beinahe erreicht.

Von einer ausgefeilten Charakterzeichnung kann natürlich in keinem Fall gesprochen werden. Aber auch für ein Auswalzen langbärtiger Klischees bleibt kaum Zeit. „Stag Night“ dauert nur 84 Minuten, die übrigens beinahe in Echtzeit ablaufen. Zwar gibt es keine neuen (oder gar guten) Ideen, aber dafür auch keinen Leerlauf. Sogar die obligatorische Nackt- und Fummel-Szene ist kurz und wird eher abgehakt.

Da die Tunnelratten nur heulen und nicht sprechen müssen, konnten für diese Rollen bulgarische Darsteller gecastet werden. Sie müssen primär dreckig und degeneriert sein. Unwichtig sind dagegen lästige, weil der Logik geschuldete Fragen: Wieso sind nur unsere Kannibalen stumm und geistig so heruntergekommen, während die übrigen Tunnelmenschen recht manierlich blieben? Immerhin sind sie so intelligent, dass sie Stromkabel anzapfen können.

„Logik“ ist andererseits ein Wort, das in diesem filmischen Umfeld keinerlei Existenzberechtigung besitzt. Deshalb ist der Zuschauer ganz und gar nicht erstaunt, als dem eigentlichen Ende, das erfreulich konsequent auf ein unlogisches Happy-End verzichtete, noch ein Last-Second-Schlussgag der besonders plumpen Art folgt, dem gleichzeitig die Drohung einer Fortsetzung innewohnt, aus der die spannende Frage resultiert, ob sogar ein Routine-Produkt wie „Stag Night“ ein Franchise gebären kann.

DVD-Features

Der Zuschauer darf dankbar sein: Weder die vor noch die hinter der Kamera für „Stag Night“ Verantwortlichen mussten im Rahmen eines „Making-of“ Begeisterung heucheln oder einander über den sprichwörtlich grünen, hier reichlich welken Klee loben. Nur der Hauptfilm stiehlt uns die Zeit.

[md]

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