Starry Eyes – Träume erfordern Opfer

Originaltitel: Starry Eyes (USA/Belgien 2014)
Regie u. Drehbuch: Kevin Kölsch u. Dennis Widmyer
Kamera: Adam Bricker
Schnitt: Brody Gusar u. Dennis Widmyer
Musik: Jonathan Snipes
Darsteller: Alexandra Essoe (Sarah Walker), Amanda Fuller (Tracy), Noah Segan (Danny), Fabianne Therese (Erin), Shane Coffey (Poe), Natalie Castillo (Ashley), Pat Healy (Carl), Nick Simmons (Ginko), Maria Olsen (Casting Director), Marc Senter (Assistent), Louis Dezseran (Produzent) u. a.
Label/Vertrieb: Turbine Medien
Erscheinungsdatum: 03.04.2015
EAN: 4260294854673 (DVD)/4260294854666 (Blu-ray)/9007150062279 (3-Disc Collector’s Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min. (Blu-ray: 96 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Sarah gehört zum Heer junger Männer und Frauen, die in der Filmstadt Hollywood Studioklinken putzen, um kleine Rollen zu ergattern und irgendwann zum Star aufzusteigen. Bis es soweit ist, haust Sarah mit einigen Freunden – und potenziellen Konkurrenten – in einem schäbigen Appartementhaus und schuftet für den Mindestlohn in einer Burger-Schmiede.

Während ihre Mitbewohner sich in Geduld üben, wird Sarah von ihrem Drang nach dem Durchbruch förmlich zerfressen. Die schöne aber psychisch labile Frau nimmt die üblichen Ablehnungen bei Castings persönlich; sie reißt sich die Haare in Strähnen aus und beginnt zu toben – eine Demonstration innerer Zerrissenheit, die das Interesse eines Mannes erregt, der sich als Produzent der kleinen aber feinen Filmfirma „Astraeus Pictures“ ausgibt, tatsächlich aber Mitglied eines Zirkels ist, deren Mitglieder sich für Geschäftserfolg und Prominenz dem Teufel verkauft haben.

Während eines Castings und später im Rahmen eines privaten Treffens mit dem Produzenten soll Sarah zeigen, wie weit sie für ihren Traum zu gehen bereit ist. Dazu gehört Sex mit besagtem Produzenten, was Sarah zunächst ablehnt. Doch zurück in ihrem deprimierenden Job und unter ihren erfolglosen Freunden beginnt sie dies zu bereuen. Der Produzent gibt Sarah eine zweite ‚Chance‘, und sie gibt ihm, was er verlangt.

Damit hat sie unwissentlich ihren Vertrag mit dem Teufel unterzeichnet. Bis sich der Zirkel ihr offenbart, muss Sarah die Folgen tragen: Sie beginnt lebendigen Leibes zu verrotten. Die ‚Heilung‘ erfordert drastische Maßnahmen, wie ihr der Produzent eröffnet. Doch Sarah besteht tatsächlich aus dem Holz, aus dem Satansjünger geschnitzt sind. Sie tut, wie ihr geheißen wird, und setzt damit ihre Metamorphose bis zu einer bizarren Wiedergeburt fort …

Der Preis des Ruhms

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“, lautet ein altes Sprichwort. Es erinnert daran, dass die Realität jeden Lebensplan scheitern lassen kann, impliziert aber auch, dass ein gegenteiliges Verhalten automatisch den Teufel herbeilockt, der bekanntlich jene packen darf, die allzu rigide gegen göttliche Vorschriften verstoßen. Allerdings darf sich Beelzebub nicht ausschließlich auf die natürliche Bosheit der Menschen verlassen. Will er richtig Beute machen, muss er seine Opfer zum Übel verlocken. Fatalerweise ist ihm dies himmelseitig gestattet, denn der schwache Mensch soll auf diese Weise auf seine Paradiestauglichkeit geprüft werden.

Überlieferungen, Legenden und Literatur erzählen seit jeher gern Geschichten von Zeitgenossen, denen so geschah. Der Hergang ist im Kern stets identisch; auch Kevin Kölsch und Dennis Widmyer greifen auf das bewährte Konzept zurück: Ein meist durch finanzielle Nöte, fiese Vorgesetzte oder aufdringliche Familienmitglieder bedrängter Pechvogel wünscht sehnlich einen Ausweg aus der Not und lässt dabei durchsickern, dass eventuelle Bedingungen oder Nebenwirkungen nebensächlich seien. Das ruft den Teufel auf den Plan, der das Gewünschte lautstark anbietet, während er sich über die erst später fällige Entlohnung gern ausschweigt oder ausweichend Auskunft gibt. Der kluge (und fromme) Mensch erkennt selbstverständlich die Falle und weist das unmoralische Angebot zurück, während der gierige Trottel annimmt. Eine Weile lebt er oder sie in Saus und Braus, dann kommt der Tag der Abrechnung.

Ist der Vertrag wasserdicht, bekommt der Teufel, was ihm zusteht. Die Folgen sind unerfreulich, denn mit der Seele am Schlafittchen saust er umgehend in die Hölle, wo seine Dämonen bereits einen neuen Kessel anheizen. Indes ändern sich nicht nur Zeiten, sondern auch Regeln und vor allem Wertmaßstäbe. In einer zynisch auf Macht fokussierten Gegenwart, deren Repräsentanten sich durch Geld und Prominenz definieren, gilt eine Seele nicht mehr viel. Auch die Angst vor zukünftiger Verdammnis ist kein Hindernis – wir leben schließlich im Hier & Jetzt! Also gibt sich auch Möchtegern-Schauspielerin Sarah im vollen Bewusstsein ihres Handelns buchstäblich hin, um es dorthin zu schaffen, wo sie glaubt hinzugehören.

Alte Geschichte im modischen Gewand

Kölsch & Widmyer ziehen die Schraube weiter an: Bevor sich Sarahs Wunsch erfüllt, muss sie bereits auf Erden durch die Hölle gehen, sich erniedrigen, töten, verwesen und begraben lassen, um nach diesen Qualen neu geboren zu werden – als schöne aber dämonische Kreatur, die womöglich nicht einmal für ihre Frevel bestraft wird, weil sie sich bereitwillig und wissentlich in den Dienst ihres höllischen Arbeitgebers gestellt hat.

Dahinter steht die altbekannte Frage: Wie weit würdest DU gehen, um den wie Leim an dir klebenden Alltag hinter dir zu lassen? Kölsch & Widmyer greifen damit ein wahrlich altes aber zweifellos relevantes Thema auf. Inhaltlich bleiben sie auf dem weiter oben skizzierten Pfad; die Geschichte funktioniert trotzdem. Für Abwechslung sollen eine den Anforderungen der Hauptrolle gewachsene Darstellerin sowie allerlei stilistische Sperenzchen sorgen.

Für Alexandra Essoe als Hauptdarstellerin dürfen Kölsch & Widmyer dankbar sein (und sie sind es, wenn man ihre lobenden Worte im Audiokommentar hört). Sie wollte diese Rolle wirklich. Essoe steht noch am Anfang einer potenziellen Karriere. Da sie außerordentlich hübsch ist, könnte sie sich darauf eine ganze Weile verlassen und weiterhin als „Gaststar“ gerade aktueller TV-Serien oder Eye-Candy für Kinofilme verheizen lassen. Stattdessen suchte Essoe die Herausforderung in einer Rolle, die ihr schauspielerisch viel abverlangte, in der sie aber gleichzeitig Interesse auf sich ziehen konnte. Dafür ging Essoe das Risiko ein, für ein kreatives aber mainstreamfernes Duo zu arbeiten, dessen Werk sich primär auf Kurzfilme und eine schräge Dokumentation („Postcards from the Future“) beschränkte.

Folgerichtig waren das Geld und damit die Zeit knapp vor Drehort. In 18 Tagen war „Starry Eyes“ im Kasten. Damit es überhaupt losgehen konnte, finanzierten Kölsch & Widmyer ihren Film per Crowdfunding. Nichtsdestotrotz lassen sich die Dreharbeiten als endlose Kette ständiger Improvisationen bezeichnen. Angesichts solcher Schwierigkeiten kann sich das Ergebnis sehen lassen.

Opulenz für Augen & Ohren

Obwohl „Starry Eyes“ in der Gegenwart spielt, ließen sich Kölsch & Widmyer von vergangenen Film-Meistern inspirieren. Der italienischen „Giallo“ hat es ihnen angetan, wobei sie sich vor allem an Dario Argento orientierten. Er stellte und stellt Bild und Klang vor Handlung und Logik. Das Ergebnis ist in Argentos großen Werken wie „Suspiria“ (1977), „Tenebrae“ (1982; „Tenebre – Der kalte Hauch des Todes“) oder „Opera“ (1987; „Terror in der Oper“) ein optisch-akustischer Rausch, der die jeweilige Hauptfigur und den Zuschauer/Zuhörer vom Boden der Realität abheben und die Orientierung verlieren lässt.

Auf beide wartet ein Höllenritt, der über die viel gescholtenen Splatter-Szenen – ein Markenzeichen der Giallos, das es vor allem der deutschen Filmzensur angetan hat – hinaus nicht selten das Böse obsiegen lässt. Brisanter ist eine andere Entwicklung: Die zunächst verfolgte und gepeinigte Hauptfigur findet letztlich Gefallen an der bizarren Metamorphose, die ein alternatives, von traditionellen Zwängen freies Leben ermöglicht. So ergeht es Sarah, die ihren inneren Schweinehund von der Leine lässt.

Das Ergebnis ist ein Blutbad, von dem Kölsch & Widmyer keineswegs abblenden: Wie wir zuvor Sarah beim gruseligen Verfall ihres Körpers beobachten konnten und mussten, sitzen wir auch jetzt in der ersten Reihe, wenn die als Sympathieträgerin eingeführte junge Frau ungeschickt aber voller Elan ihre Freunde mit Messern und einer Hantel nicht nur tötet, sondern zerstört. Diese Effekte sind drastisch, womit die Freigabe „ab 18 Jahre“ halbwegs berechtigt wirkt. Sie werden niemals zum Selbstzweck, sodass man dankbar sein muss, auch hierzulande eine zensurscherenfreie Fassung dieses Films zu sehen.

Da „Starry Eyes“ die ausgelaugten Formeln des typischen Slashers umgeht bzw. stilvoll interpretiert, verzeiht man Kölsch & Widmyer einen Gestaltungswillen, der in Übereifer umschlägt. Vor allem die Symbolik wird manchmal aufdringlich und suggeriert einen Subtext, welcher der Geschichte faktisch abgeht. Dessen ungeachtet bietet „Starry Eyes“ spannende Gruselkost der etwas anderen Art – ein Gütesiegel, das angesichts des Bockmists, mit dem der Freund dieses Genres gemeinhin überschüttet wird, an Bedeutung gewinnt.

DVD-Features

Der Name „Turbine Medien“ besitzt für Anhänger des härteren, schrägen, unkonventionellen Horrorfilms einen guten Klang: Dieses Label legt sich im Bemühen, Filme ungefleddert zu präsentieren, notfalls mit der Zensur – die es in diesem unseren Land bekanntlich nur offiziell nicht mehr gibt – an. Darüber hinaus werden dem Publikum interessante Zusatzinformationen mitgegeben, was heutzutage längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Ein Film wie „Starry Eyes“ wirft manche Fragen auf. Nicht alle können oder wollen die Schöpfer beantworten. Dennoch ist der Audiokommentar der Regisseure Kevin Kölsch und Dennis Widmyer, zu denen sich Produzent Travis Stevens gesellt, hilfreich und interessant. Ebenfalls informativ sind mehr als zehn Minuten Filmmaterial, das es nicht in die Endfassung geschafft hat. Man kann nachvollziehen, wie intensiv die Nachbearbeitung war. Informationsredundante Szenen mussten weichen; notfalls stellten Kölsch & Widmyer das Rätsel über die Erklärung.

Wie intensiv sich Alexandra Essoe ins Zeug legte, um die Hauptrolle zu bekommen, belegt ihr „Casting Video”. Eine leider nur zweieinhalbminütige Featurette bietet ein „Making of: Soundtrack“: „Starry Eyes“ gehört zu den Filmen, deren Untermalung die Handlung unterstreicht, statt das Merchandising für die Filmmusik zu unterstützen. (Die „3-Disc Collector’s Edition” enthält neben der Blu-ray- und DVD-Version des Films eine CD mit dem Soundtrack.)

Der eigentliche Blick hinter die Kulissen beschränkt sich leider auf eine Fotoshow. Hier hätte man gern bewegte Bilder von den Dreharbeiten gesehen. Abgerundet werden die Extras vom US-Trailer, dem deutschen Trailer und einem Teaser.

Im Internet gibt es diese Website zum Film.

Kurzinfo für Ungeduldige: Die ehrgeizige Jungschauspielerin Sarah erkennt, dass sie ihre Seele buchstäblich dem Teufel verkaufen muss, um endlich den Durchbruch zu schaffen, doch der Preis ist furchtbar hoch … – Stilistisch an Dario Argento erinnernd, dabei trotzdem eigenständig erzählt das Duo Kölsch & Widmyer eine Geschichte aus der Schattenwelt Hollywoods, die atmosphärisch dicht und dank einer ausgezeichneten Hauptdarstellerin die erwünschte irritierend-verstörende Wirkung meist erzielt, auch wenn mancher Symbolismus Selbstzweck bleibt.

[md]

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