Der Nebel

Originaltitel: Stephen King’s The Mist (USA 2007)
Regie u. Drehbuch: Frank Darabont
Kamera: Ronn Schmidt
Schnitt: Hunter M. Via
Musik: Mark Isham
Darsteller: Thomas Jane (David Drayton), Marcia Gay Harden (Mrs. Carmody), Laurie Holden (Amanda Dumfries), Andre Braugher (Brent Norton), Toby Jones (Ollie Weeks), William Sadler (Jim), Jeffrey DeMunn (Dan Miller), Frances Sternhagen (Irene Reppler), Nathan Gamble (Billy Drayton), Alexa Davalos (Sally), Chris Owen (Norm), Sam Witwer (Gefreiter Jessup), Robert Treveiler (Bud Brown), David Jensen (Myron), Andy Stahl (Mike Hatlen), Buck Taylor (Ambrose Cornell), Brandon O’Dell (Bobby Eagleton), Jackson Hurst (Joe Eagleton), Brian Libby (Biker), Amin Joseph (Militärpolizist), Kelly Collins Lintz (Steff Drayton) uva.
Label: Senator Home Entertainment
Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 04.08.2008 (DVD u. DVD/Limited Collector’s Edition)/27.10.2008 (Blu-ray u. DVD/Limited Collector’s Edition)
EAN: 0886971663990 (DVD)/0886979162495 (Blu-ray)/0886972972794 (DVD/Limited Collector’s Edition)/0886973577196 (Blu-ray/Limited Collector’s Edition)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1   anamorph)
Audio: Dolby DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 121 min. (Blu-ray: 126 min.)
FSK: 16


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Das geschieht:

Bridgton, ein Städtchen an der Küste des US-Staates Maine, wird von einem Sturm heimgesucht. Die Bürger sind solche Unwetter gewohnt und treffen sich gelassen im nahen Supermarkt, um Vorräte, Werkzeug und Bauholz zu kaufen. Unter ihnen: David Drayton, ein leidlich bekannter Zeichner, der sich mit seiner kleinen Familie in Bridgton niedergelassen hat. Während seine Gattin das beschädigte Heim hütet, begleitet Söhnchen Billy den Vater in die Stadt.

Armee-Einheiten in beunruhigender Stärke schlagen den Weg in die Gegenrichtung ein. Nahe der Stadt liegt ein Stützpunkt des Militärs, in dem streng geheime Forschungen betrieben werden, über die sich die Anwohner ihre Gedanken machen. Dennoch schöpft zunächst niemand Verdacht, als kurz nach dem Sturm ein leichtes Erdbeben den Ort erschüttert und sich dichter Nebel ausbreitet. Im Supermarkt wird weiter eifrig eingekauft, bis ein erschrockener Bürger sich Einlass verschafft und verkündet, dass sich in dem Nebel „etwas“ verberge und auf Opfer lauere. Niemand kann oder will dem Glauben schenken, bis eine offenbar riesige Kreatur versucht, sich durch das Eisentor des Lagers Zugang in den Supermarkt zu verschaffen. Aus Verdacht wird Gewissheit, als eine Aushilfe sich hinauswagt und von gigantischen Fangarmen ergriffen wird.

Aus dem Nebel kommen immer neue Geschöpfe, die keineswegs von dieser Welt sind. Der Supermarkt verwandelt sich in eine belagerte Festung. immer wieder brechen die Kreaturen ins Innere durch und verbreiten Tod und Terror. Die gereizte Stimmung wird angeheizt durch die fundamentalchristliche Fanatikerin Mrs. Carmody, die ein Ende der sündigen Welt prophezeit, das nur durch blutige Menschenopfer verhindert werden könne. Drayton beginnt um seinen Sohn zu fürchten, während drei zufällig anwesende Soldaten zumindest ansatzweise wissen, was es mit dem Nebel, seinen Bewohnern und dem „Projekt Arrowhead“ auf sich hat …

Wenn du deinen Augen nicht mehr trauen kannst

1980 verfasste Stephen King „The Mist“ (dt. „Der Nebel“), eine mehr als 150 Seiten umfassende Novelle, die zu seinen besten Werken gehört. Dicht und auf das Wesentliche beschränkt beschreibt der oft allzu schwatzhafte Autor die Geschichte einer unheimlichen Heimsuchung, deren Ursprung zwar erahnt wird aber nie bestätigt werden kann.

Der Mensch orientiert sich hauptsächlich mit den Augen. Dunkelheit hat er stets gehasst und sich die Nacht erst erobert, als er sie erleuchten konnte. Nebel ist ein Problem, das er erst später und mit Hilfe komplizierter Technik lösen konnte, die anders als elektrisches Licht und Taschenlampen nicht zur Ausstattung eines alltäglichen Haushalts gehören. Deshalb ist Nebel ein Unsicherheitsfaktor geblieben: ein Phänomen, das die Umwelt und damit alle zur Orientierung notwendigen Punkte im Nichts verschwimmen lässt. Wo man nichts sehen kann, versucht die Einbildung für Ersatz zu sorgen, was erst recht für Unruhe sorgt. Auch der moderne Mensch ist archaisch genug im Denken geblieben, um den Nebel mit geheimnisvollen und gefährlichen Kreaturen zu füllen, die er nicht sehen kann aber die ihn beobachten können. Genau hier setzt Stephen King ein und verknüpft mit der Ur-Angst eine zwar simple aber effektvolle Gruselgeschichte.

Dabei baut er – nicht zum ersten Mal – auf dem phantastischen Werk eines Schriftsteller-‚Kollegen‘ auf. Hier fragt er was wäre, wenn H. P. Lovecraft (1890-1937) Recht gehabt hätte und diese Welt nur eine von vielen Sphären darstellt. Was wäre weiter, wenn sich zwischen diesen Sphären, die normalerweise separiert bleiben, ein Portal auftäte? Welche Folgen hätte das, wenn die fremde Dimension bewohnt wäre? „Der Nebel“ zeigt es uns. Ist ein fehlgeschlagenes militärisches Experiment wirklich die ‚Erklärung‘? Darauf geben weder King noch Regisseur und Drehbuchautor Frank Darabont klugerweise eine erschöpfende Antwort. Sie ist auch unerheblich für das Geschehen, denn es geht nicht so sehr um das Fremde als Bedrohung von außen, sondern um die Reaktionen, die es im Menschen auslöst.

Das große Grauen im kleinen Kreis

King-typisch ereilt das Schicksal keine krisenfeste Elite, sondern eine kleine Gruppe absoluter Durchschnittsmenschen. Sie sind in keiner Weise auf den Schrecken vorbereitet, der sie bedroht. Ein Supermarkt ist ein denkbar ungeeigneter Ort, um sich vor einem Feind unbekannter Stärke zu verschanzen. Darabont schlägt daraus sarkastisch Kapital, wenn er seine verschreckten Protagonisten dabei zeigt, wie sie Hundefutter- und Holzkohletüten vor die riesige Glasfront des Marktes stapeln und sich mit Taschenlampen-‚Fackeln‘ dahinter aufbauen: die Parodie einer sicheren Burg.

Doch Sicherheit gibt es nicht. „Der Nebel“ ist – zumal für einen Film nach Stephen King – in diesem Punkt außerordentlich grimmig und konsequent. Wirklich niemand ist vor dem Grauen aus dem Nebel geschützt. Die schlichte Gewissheit, dass es ‚die Bösen‘, d. h. Schlampen, Feiglinge, Großmäuler oder Raucher, zuerst erwischt, entfällt vollständig. Nicht einmal Kinder, sonst im Film (neben Hunden) sakrosankte Wesen, dürfen gewiss sein gerettet zu werden und zu überleben. Der Nebel und seine Bewohner sind nicht böse und sie wollen nicht strafen, sie tun das, was sie in ihrer Welt immer getan haben: Sie jagen und fressen und enthalten sich dabei jeglichen moralischen Urteils.

An die Unerbittlichkeit, mit der Darabont seinen Figuren den Boden unter den Füßen wegzieht, muss sich auch der Zuschauer gewöhnen. „Der Nebel“ ist mit zwei Stunden Laufzeit für einen Horrorfilm erstaunlich lang geraten, ohne jedoch jemals zu langweilen. Die Einführung nimmt einige Zeit in Anspruch aber sie ist wichtig, um das Terrain abzustecken, das wir später nicht mehr überblicken können. Erstaunlich hoch ist auch die Zahl der Darsteller, die uns mit Name und Gesicht vorgestellt werden: „Der Nebel“ ist ein Ensemblefilm, dessen Schauspieler nie bloßes Monsterfutter darstellen. Wenn es wieder jemanden erwischt, ist das eine Tragödie, die nahe geht.

Der Schrecken im Inneren der Festung

Nie schildert Stephen King isolierte Menschengruppen als geschlossene Kraftzellen. Sehr realistisch bevölkert er sie mit Quertreibern, die sich weigern oder außer Stande sind, die Gefahr zu akzeptieren. In „Der Nebel“ verkörpert Brent Norton den Zweifler, der sich um der Vernunft willen der Wahrheit verschließt und die Gruppe dadurch in zusätzliche Gefahr bringt.

Doch während Norton schließlich das Risiko eingeht, seinen Irrtum im Nebel zu begreifen, spielt sich im Inneren des Supermarkts ein wesentlich gefährlicheres Geschehen ab. King besetzt seine Werke oft mit religiösen Fanatikern, die er als echte Gefahr für die menschliche Zivilisation erkannt hat. Mrs. Carmody ist eine psychisch labile Frau, die normalerweise als solche erkannt und ignoriert wird. In der Krise, so Kings Ansicht – die Darabont voll und ganz teilt -, verlieren viele Menschen die Fähigkeit des objektiven und zielgerichteten Denkens. Stattdessen hören sie auf Prediger und Seelenfänger, die einfache Lösungen für komplexe Probleme anbieten. So kommt es, dass in einem Supermarkt des 21. Jahrhunderts Mitläufer und Feiglinge religiösen und realen Terror ermöglichen und Menschenopfer zelebriert werden.

Frank Darabont plante seinen Film quasi vorsätzlich gegen die üblichen Regeln Hollywoods. Am deutlichsten wird dies durch den Verzicht auf ein Happy-End, das durch einen bösen Finaltwist ersetzt wird. Aber auch sonst verstößt Darabont gegen etablierte Klischees. Das Filmbild wirkt auch ohne Nebelschwaden verwaschen und grieselig – ein gewollter Effekt, der durch die Wahl eines speziellen Filmmaterials erreicht wurde. Konturen lösen sich auf, das Auge des Zuschauers versucht angestrengt zu erkennen, was auch auf ihn warten könnte.

Kein Horrorfilm von der Stange

Zu den (erfreulichen) ‚Verstößen‘ gehört weiterhin der bewusste Verzicht auf musikalischen Overkill. Eindeutige Szenen werden nicht durch anschwellendes Getöse angekündigt bzw. verraten. Zum ohnehin dokumentarisch anmutenden Stil passt die bedrohliche Stille, aus der jederzeit der Schrecken brechen kann, definitiv besser. Die Irritation der immer wieder aus dem Gleichgewicht gebrachten Figuren wird durch gewollte Bildsprünge vermittelt. Ein überschaubares Budget (18 Mio. Dollar) ließ solche Experimente zu, da ein ‚Versagen‘ an den Kinokassen durch das DVD-Geschäft ausgeglichen werden konnte.

Das ‚Design‘ der Nebelmonster unterscheidet sich von dem, was King 1980 erdachte. Darabont achtete auf die ökologische Geschlossenheit der fremden Kreaturen, die von keinen irdischen Wesen abstammen aber sichtlich miteinander verwandt sind. Den Nachteil der zwar klug eingesetzten, beschränkten Mittel bilden die nur bedingt überzeugenden Spezialeffekte. Während die animatronischen Modell-Ungeheuer erschreckend realistisch wüten, wirken die CGI-Kreaturen meist künstlich. Nicht einmal der schützende Nebel kann das verbergen, was auf Kosten der Gruselstimmung geht.

Wiederum sehr konsequent zeigt sich Darabont in den Gewaltszenen: Sie halten sich in Grenzen aber wenn sie sich ereignen, zeigt die Kamera, was geschieht. Die Aliens verfügen über Zähne, Klauen und Stacheln; sollte das nicht reichen, fließt außerdem säurehaltiges Blut durch ihre Adern. Für einen Film, der ab 16 Jahren  freigegeben ist, wirken die Splattersequenzen bemerkenswert drastisch – es wird in Stücke gerissen, geätzt und verseucht, was die Trickkiste hergibt.

Großes Ensemble mit vielen Gesichtern

Richtig gute Arbeit leisten ganz altmodisch die Schauspieler. Aus Kostengründen konnten keine ‚Stars‘ engagiert werden, die der Story außerdem geschadet hätten. Darabont castete vor allem junge Darsteller, Nebenrollen-Routiniers und erfahrene TV-Mimen, die auch unter dem Budget- und Zeitdruck ansprechende Leistungen garantierten. Die Rechnung geht auf – das zahlenstarke Ensemble arbeitet hervorragend zusammen. Charakter-Klischees gehen mehr oder weniger in den gelungenen Zeichnungen ‚normaler‘ Menschen der Mittel- und Unterschicht auf.

Als Mrs. Carmody meistert Marcia Gay Harden die schwierige Aufgabe eine Fanatikerin zu spielen, die nicht zur lächerlichen Sektenmunklerin verkommt, sondern ebenso verrückt wie erschreckend glaubwürdig wirkt. Nathan Gamble ist als Billy Drayton in seiner Kinderrolle eine erfreuliche Bereicherung. Seiner Rolle fehlt jeglicher Disney-Kitsch, was durchaus eine Herausforderung ist: Das Kind in Not ist ein Filmklischee, das gern bedient wird. Üblicherweise sorgt ein unglaubwürdiger Last-Minute-Ausweg für Aufatmen. Auch hier setzt Darabont ein eigenes Zeichen.

„Der Nebel“ ist keine filmische Offenbarung; die Kritiken waren freundlich aber durchaus gemischt, die weltweiten Kino-Einnahmen beliefen sich auf 52 Mio. Dollar, sodass der große Reibach tatsächlich erst durch DVD und Blue-Ray zu Stande kam. Dennoch bietet dieser Film überdurchschnittliche Unterhaltung in einem Genre, das sich viel zu oft auf Bewährtes und Blutiges verlässt. Frank Darabont hat nachgedacht und (maßvoll) Neues versucht. Klassische Filmkunst ist ihm nicht gelungen aber als Zuschauer merkt man, dass hier allzu ausgefahrene Gleise vermieden werden. Zumal unter den chronisch vom Pech verfolgten Stephen-King-Verfilmungen nimmt „Der Nebel“ seine Position unter den wenigen gelungenen Werken ein.

DVD-Features

Weil „Der Nebel“ als Film nicht zum üblichen Horror-Brei gezählt wird, versucht die Vertriebsfirma den Filmfreund finanziell noch ein wenig intensiver als sonst auszuquetschen. So beschränken sich die ‚Extras‘ der Single-DVD auf den Kinotrailer. Wer ausführliches Hintergrundmaterial schätzt, wird auf die luxuriöse (und selbstverständlich wesentlich kostenintensivere) „Limited Collector’s Edition‘ verwiesen, die auf gleich drei Scheiben alles liefert, was das Herz des Filmfreunds begehrt: Making-of, Audiokommentar von Frank Darabont, Schwarz-Weiß-Filmfassung mit einer Einleitung des Regisseurs, entfallene Szenen, Szenenanalyse, Featurettes wie „Die Monster unter uns – Ein Blick auf die Kreatur-Effekte“, „Der Horror im Ganzen – Die visuellen Effekte“, „Drew Struzan – Der Künstler“ sowie drei Webisodes.

Kurzinfo für Ungeduldige: Ein spektakulär fehlschlagendes Militärexperiment öffnet die Tore zu einer fremden Welt, deren blutrünstige Bewohner über die Bewohner einer US-amerikanischen Kleinstadt herfallen … – Nach einer ausgezeichneten Novelle von Stephen King entstand ein überraschend ruppiger, an Blut, Gewalt und einer pessimistischen Weltsicht nie sparender Horrorfilm der gehobenen Güteklasse, der nicht nur durch ein untypisch rabenschwarzes Finale überrascht: kein Klassiker aber spannend und sicherlich keine der üblichen, d. h. meist flauen King-Verfilmungen.

[md]

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