tag-cover-aSchülerin Mitsuko überlebt ein bizarres Massensterben und gerät auf der Flucht vor blutrünstigen Verfolgern in immer neue Realitätsebenen, während sie versucht, eine Erklärung und einen Ausweg aus dem Teufelskreis zu finden … – Zwar spritzt das Blut in hohen Bögen, doch diese Splatter-Szenen sind rar und passen zu einer Handlung, die vielversprechend mysteriös beginnt, sich aber künstl(er)i(s)ch-ratlos in die Länge zieht und in einem halbgaren Finale mündet: kein gelungener Film.

Das geschieht:

Ein Klassenausflug nimmt für Schülerin Mitsuko ein grausiges Ende: Eine unsichtbare Kraft zerteilt den Bus und darin sämtliche Insassen in Hüfthöhe. Nur weil sich Mitsuko gerade nach einem herabgefallenen Stift gebückt hat, bleibt sie verschont und findet sich unter blutspritzenden Leichenhälften wieder.

Als sie in Panik die Flucht ergreift, verfolgt die unsichtbare Macht auch Mitsuko, die jedoch in einer nahen Schule Unterschlupf findet. Dort stößt sie auf ihre Schulkameradinnen, die sämtlich am Leben sind aber fremde Uniformen tragen: Mitsuko ist scheinbar in einer parallelen Dimension gelandet, die sich kaum von ihrem Ursprungs-Universum unterscheidet.

Die böse Kraft ist allerdings auch hier präsent und sorgt bald für ein neues Blutbad. Abermals kann nur Mitsuko entkommen – und findet sich dieses Mal nicht nur in einer weiteren Gegenwart, sondern auch in einem anderen Körper wieder! Ihr unsichtbarer Verfolger kündigt sich ebenfalls an. Doch Mitschülerin und Freundin Aki erkennt Mitsuko auch in ihrer Keiko-Identität und fordert sie auf, sich gegen ‚die‘ zur Wehr zu setzen.

Offensichtlich weiß Aki, was eigentlich vorgeht. Für Erklärungen bleibt freilich keine Zeit, denn dieses Mal kommt der Feind aus der Deckung und kann attackiert werden. Nach einem blutigen Gemetzel muss Mitsuko/Keiko trotzdem die Flucht ergreifen, die wie bisher in einer neuen Parallelwelt endet.

Als Izumi nimmt sie den Faden wieder auf. Die Zeit drängt, denn die Verfolger kommen ihr jedes Mal näher. Mitsuko/Izumi muss herausfinden, was ihr zugestoßen ist, um mit diesem Wissen einen Ausweg aus dem Teufelskreis zu finden, der sie ansonsten für immer gefangen hält und ihr irgendwann einen endgültigen Tod bescheren wird …

Flucht als Teufelskreis

Spätestens 2001 gelang Sion Sono mit dem Film „Jisatsu Sākuru“ (‚dt.‘ „Suicide Circle“) der Sprung vom Geheimtipp zum Botschafter eines ‚neuen‘ Asia-Kinos, das mit traditionellen Konventionen spielte, sie verfremdete und das Geschehen dadurch auf eine quasi spirituelle Ebene hievte. Da Sono gleichzeitig gern schockierte und seine Werke auch mit drastischen Splatter-Szenen anreicherte, gewann er die Aufmerksamkeit derer, die „Tabubruch“ mit „Kunst“ gleichsetzen, während auch jene zuschauten, denen es eher um Blut und Todesschreie ging.

tag-cover-bSono ist als Künstler ein Workaholic, der keineswegs nur Filme dreht, sondern auch schreibt, dichtet und komponiert. Nicht selten dreht er zwei oder mehr Filme jährlich. Sollte es ihn überhaupt interessieren, wie hoch seine Kritiker ihre Messlatten legen, ignoriert er es. Die Wahrheit ist: Sono kann bereits aufgrund seines Arbeitstempos keineswegs immer Qualität und Originalität gewährleisten.

„TAG“ ist ein gutes Beispiel. Der Anfang verheißt Gutes. Die Handlung setzt ohne Einleitung ein; den Ort des Geschehens und die Figuren lernt man kennen, während sich die Ereignisse bereits überstürzen, was binnen weniger Minuten beginnt. Dieser Auftakt setzt Maßstäbe und ist ein Versprechen, das Sono nur bedingt halten kann. Wie so oft ist das Rätsel faszinierender als seine Lösung. Der Weg dorthin leidet hier zusätzlich durch einen Mittelteil, der den Auftakt quasi zweifach wiederholt, ohne dabei die Handlung wirklich voranzubringen.

Opfer mit kräftigen Beinen erforderlich

Stattdessen setzt Sono auf Tempo und Schauwerte, während die Logik müßig hinter den Kulissen auf ihren Auftritt wartet. Sono darf darauf hoffen, dass man ihm dies als Arthouse-Kunstgriff durchgehen lässt und sich in Geduld übt, bis er den Gordischen Knoten löst. Selbst der Enthusiast muss freilich zugeben, dass der Regisseur – der auch der Drehbuch schrieb – ihn schließlich eher mit einem Schwert durchschlägt. Was einst Alexander dem Großen Lob und Bewunderung für seine unorthodoxe Entschlossenheit garantierte, ist heute eindeutig eine allzu simple Lösung.

Dauerlaufen, um dennoch auf der Strecke zu bleiben, und dies im doppelten Wortsinn: Natürlich lässt sich TAG metaphorisch deuten, zumal Sono mit assoziativen Andeutungen nie geizt. Trotzdem stellt sich Langeweile ein, wenn erst Mitsuko, dann Keiko und schließlich Izumi läuft, läuft, läuft und Sono die Kamera mitlaufen lässt. Als Drehbuchautor weiß er am besten, dass sich auf dem so endlich erreichten Schauplatz D auch nichts Gravierenderes als auf A, B, C (oder E und F) ereignen wird. Oder sind wir Zuschauer mehrheitlich einfach dumm, weshalb uns entgeht, was ein Genie wie Sono uns tatsächlich zeigen oder sagen möchte? „TAG“ bietet übrigens eine beinahe vollständig weibliche Besetzung, woraus sich aus feministischer Sicht und unter Berücksichtigung des Finales vermutlich eine Positiv-Kritik schnitzen lässt.

tag-cover-cLeider sorgen zumindest aus westlicher Sicht auch diese Darsteller/innen nicht für eine Vertiefung des Geschehens. Asiatisches „Schauspiel“ ist eher ein demonstratives Zelebrieren von Gefühlen, die deshalb qualvoll theatralisch bis lächerlich übertrieben wirken. „Alt“ bedeutet deshalb „weißhaarig“ und „hinfällig“, was verdeutlicht wird, indem sich der entsprechende Darsteller nicht auf einen Stock stützt, sondern sich daran festklammert. Nüchtern betrachtet bietet „TAG“ höchstens ein Wechselbad aus Ratlosigkeit und Hysterie, die in erster Linie durch unterschiedliche Grimassen signalisiert werden.

Halbe Frauen, doppelter Spaß?

Für Abwechslung sorgen diverse Mordszenen. In dieser Hinsicht ist das Asia-Kino gleichermaßen berühmt wie berüchtigt. Das Urteil fällen entweder die Splatter-Fans oder die deutsche FSK, deren Mitglieder selbst auf digitale Blutfontänen und groteske Übertreibungen allergisch reagieren bzw. den Tatbestand der infektiösen Verrohung erfüllt sehen und entweder drohend mit der Schere klappern oder dem zivilisationsfeindlichen Spektakel gleich gänzlich einen Riegel vorschieben. (Vermutlich entscheidungssekundär bleibt dieser auch von Sono geschätzte ‚Spezialeffekt‘: Seine Darstellerinnen tragen als Schülerinnen besonders kurze Röckchen, die schon bei leichter Bewegung weiße Slips hervorleuchten lassen – ein Anblick, der dem brünstigen Japan-Mann die Augen aus dem Kopf springen lässt; andere Länder, andere Unsitten …)

Vergleicht man „TAG“ beispielsweise mit „The Walking Dead“, wirkt der Entschluss, diesen Film erst einmal nicht in Deutschland, sondern über das deutschsprachige Ausland (Österreich und Schweiz) zu vertreiben, allerdings lächerlich, übervorsichtig oder geschäftstüchtig. Die „TAG“-Tode können nicht annähernd jene Realität vermitteln, mit der sich im US-Fernsehen derzeit Zombies und ihre Opfer in Stücke reißen. Sono könnte dies sicherlich damit begründen, dass er die offensichtliche Künstlichkeit dieser Effekte als Instrument nutzt, mit dem er die ‚Realität‘ im Film hinterfragen will. Den schnöden Ketzer würde dies nicht von der Feststellung abhalten, dass die Tricks einfach billig sind.

Selbstverständlich endet die Geschichte genauso kryptisch, wie es sich für einen Zwischen-den-Zeilen-Film gehört. Auch hier ließe sich fragen, ob und wie Sono nach der enttäuschend frustrierenden Auflösung des Rätsels das Steuer hätte herumreißen können. Er schreckt ja auch nicht davor zurück, noch recht früh eine Erklärung so deutlich anzukündigen, dass sofort klar ist: Wir, die Zuschauer, sollen auf eine falsche Fährte gelockt werden, um die finale Überraschung umso kräftiger zu gestalten. Klappt nicht, weil das Ideenfundament, auf dem „TAG“ ruht, denkbar wacklig ist, und sich darauf ein Film erhebt, der in der Planung interessant gewesen sein mag, dies aber durch Hast und Schlampigkeit bei der Umsetzung eingebüßt hat.

DVD-Features

Dass „TAG“ als Mediabook und zu einem stolzen Preis erscheint, sollte sich eigentlich in den Extras niederschlagen. Offensichtlich vertritt das Label jedoch den Standpunkt, dass ein ungeschnitten von jenseits der deutschen Grenze vertriebener Genie-Splatter als mehrwertstiftende Sensation völlig ausreicht. Nicht einmal Untertitel wurden der zudem stumpf und stimmungslos eingedeutschten Fassung spendiert.

Der möglicherweise immer noch interessierte Zuschauer sollte deshalb warten: Eine ‚normale‘, d. h. in Deutschland vertriebene Version wird kommen. Geduld zahlt sich buchstäblich aus, da „TAG“ garantiert kein Film ist, dessen Sichtung die Zahlung einer höheren Summe lohnt.

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TAG
Originaltitel: Riaru onigokko (Japan 2015)
Regie u. Drehbuch: Sion Sono (nach dem Roman „Real Onigokko“ von Yusuke Yamada [2001])
Kamera: Maki Ito
Schnitt: Junichi Ito
Musik: Susumu Akizuki u. Hiroaki Kanai
Darsteller: Reina Triendl (Mitsuko), Mariko Shinoda (Keiko), Erina Mano (Izumi), Yuki Sakurai (Aki), Aki Hiraoka (Taeko), Ami Tomite (Sur), Sayaka Isoyama (Matsuko), Maryjun Takahashi (Jun) u. a.
Label: ELEA-Media
Vertrieb: Shock Entertainment
Erscheinungsdatum: 31.08.2016
EAN: 8717903485828 (Cover A)/8717903485903 (Cover B)/8717903485934 (Cover C)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch, Japanisch)
Untertitel: keine
Blu-ray-Typ: 1 x Single-Layer, 25 GB (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min.
FSK: 18

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