Tartarus

Originaltitel: Tartarus (Österreich 2010)
Regie u. Schnitt: Stefan Müller
Drehbuch: Martin Kroissenbrunner u. Stefan Müller
Kamera: Martin Schneider
Musik: Matthias Erb
Darsteller: Martin Kroissenbrunner (Veith Schartl), Moritz Thate (Jakob Trimm), Ines Gruber (Mirabell Kranzler), Leopold F.J. Keber (Dr. Heinrich Kranzler), Stefanie Kammerhofer (Josepha), Peter Kolb (Kaufmann), Gunde Fürpass (Kellnerin), Christine Vrijs (Hohenzinnerin), Gwendolin Barnard (Johanna Hohenzinner), Stefan Schnuderl (Zigeuner), Marian Cencic (Alien) u. a.
Label/Vertrieb: Schroeder Media
Erscheinungsdatum: 20.11.2011
EAN: 9120027347429 (DVD) bzw. 9120027347412 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch)
Untertitel: Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 105 min. (Blu-ray: 111 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Im Oktober 1813 wurde bei Leipzig die Völkerschlacht geschlagen. Die verbündeten Heere der Österreicher, Preußen, Russen und Schweden besiegten Napoleon Bonaparte und verjagten die Franzosen aus Deutschland. Jeder sechste von 600.000 Soldaten musste sein Leben lassen. Veith Schartl, ein Österreicher, und sein Kamerad und Freund, der Preuße Jakob Trimm, sind dem Gemetzel entronnen. Sie sehnen sich nach Frieden, den sie nach der Demobilisierung in Pahlbach finden wollen. Dort hat Veith von seinen Großeltern eine tief im Wald gelegene Hütte geerbt.

Die beiden noch in Uniform und gut bewaffnet in Pahlbach eintreffenden Männer werden misstrauisch empfangen. Noch ahnen die Freunde nicht, dass die Dörfler etwas zu verheimlichen haben. Nachdem sie ihre Nachbarn, den Arzt Dr. Kranzler und seine junge Schwester Mirabell, begrüßt haben, finden Veith und Jakob die Hütte in gutem Zustand.

Am folgenden Morgen zieht sich freilich eine Blutspur in den Wald. Dort finden die Freunde ein zerstörtes Lager und einen tödlich verletzten Zigeuner; seine Frau bleibt verschwunden. In der nächsten Nacht versuchen groteske Kreaturen in die Hütte einzudringen. Sie werden mit Flintenschüssen vertrieben. Jakob erkennt eine Taktik: Die Wesen sind intelligent und fordern etwas von den Neuankömmlingen. Es sind Frauen, die von Pahlbacher Bürgern sorgfältig bewacht werden. Nicht in die Dorfgemeinschaft integrierte Frauen haben weniger Glück: Sie werden den Kreaturen, die dafür Ehefrauen und Töchter ungeschoren lassen, als Opfer gebracht.

Entsetzt wollen Jakob und Veith dem bzw. den Wesen ein Ende bereiten. Sie müssen ihren Schlupfwinkel finden und sie dort ausräuchern. Da Ihre Gegner schlau sind, müssen die Kameraden ihnen eine Falle stellen, wenn sie sich verraten sollen. Doch jede Falle benötigt einen Köder – einen weiblichen Köder in diesem Fall …

Mancher Kampf endet niemals

Der „tartaros“ ist in der griechischen Mythologie ein Ort der Unterwelt. Dort liegt er sogar noch hinter dem ohnehin finsteren Hades; er bleibt jenen zu Lebzeiten kriminellen Pechvögeln vorbehalten, die nach ihrem Tod besonders grausam und bis in alle Ewigkeit bestraft werden. In der Bibel bezeichnet der Tartarus einen tief unter der Erde gelegenen Ort, an den die unter Luzifer aufständisch gewordenen Engel verbannt wurden. Ein trostloser Ort der Strafe, eine Hölle und ein Abgrund, in den man ohne Hoffnung auf Rettung und Erlösung gestürzt wird: Im gleichnamigen Film ist der Tartarus eine Berggrotte, in deren Düsternis Wesen aus dem Weltall hausen. Wer sich dort hineinwagt, wird nicht mehr zurückkehren, da diese Teufel hier besonders wachsam sind.

„Tartarus“ ist außerdem ein Symbol für tiefe menschliche Verzweiflung. Jakob Trimm kam zwar gesund zurück, aber er kann den Krieg und die darin gesehenen und begangenen Gräuel nicht vergessen. Vor allem in der Nacht liegt er wach und kehrt im Geiste auf das Schlachtfeld zurück. Jakob ist in einem persönlichen Abgrund gefangen. Deshalb stürzt er sich mit durchaus selbstmörderischem Elan in den neuerlichen Kampf: Endlich muss er nicht mehr denken, sondern kann wieder handeln!

Großes Kino für kleines Geld

In einem Prolog zur eigentlichen Handlung sehen wir das Schiff der Aliens durch das Sonnensystem schlingern, bevor es in die Atmosphäre der Erde eindringt: So beginnen viele Science-Fiction-Geschichten. Allerdings findet die Invasion meist in der Gegenwart statt. Die Zuschauer finden sich problemlos zurecht, und viele (Außen-) Kulissen existieren bereits.

„Tartarus“ spielt Anno 1813. Wie Regisseur Stefan Müller beweist, ist es nicht unbedingt (finanzieller) Aufwand, der das Publikum mit Land und Leuten dieser Vergangenheit vertraut werden lässt. Sein Budget war geradezu lächerlich gering, unter 40.000 Euro soll es betragen haben. Die Dreharbeiten gestalteten sich deshalb schwierig. Sie begannen im Oktober 2007, mussten mehrfach unterbrochen und konnten kamen erst im Mai 2008 abgeschlossen werden.

Schon die Schöpfer klassischer Horror- und Mystery-Filme wussten scheinbar unüberwindliche Barrieren zu überwinden. Das Zaubermittel heißt „Einfallsreichtum“; es fordert allerdings das Hirn stärker als die Geldbörse und gilt deshalb vor allem dem Mainstream-Kino als allerletzter Ausweg. Wenn man es versteht, die richtigen Knöpfe im Hirn des Zuschauers zu drücken, genügen Andeutungen. Die Vorstellungskraft übernimmt den Rest und ergänzt individuell und wirkungsmächtig die nur scheinbaren Lücken. Unterstützend wirkt in unserem Fall eine klangstarke musikalische Untermalung, die sich in den Dienst der Handlung stellt.

Die trügerische Heimat

Stefan Müller und Martin Kroissenbrunner mussten einen soliden Ankerpunkt für ihre Geschichte finden. Sie fanden ihn in der Topografie einer Landschaft, die ebenso urwüchsig wie idyllisch und unwirtlich ist. Was zunächst paradox klingt, wird von Müller – gut unterstützt von Kameramann Martin Schneider – in entsprechende Bilder gesetzt, die darüber hinaus verdeutlichen, wie reich Mitteleuropa an ‚mystischen‘ Orten – hier vor allem die Lurgrotte in Semriach, eine fünf Kilometer lange Wasserhöhle, oder der allein durch Schmelzwasser gespeiste Grüne See in Tragöß – ist. Man muss sie nur finden und gebührend einsetzen.

Auch die Jahreszeit ist klug gewählt. Der Herbst geht in den Höhenlagen bereits früh in den Winter über. Das Licht ist matt und flüchtig, es wird von tiefen Schatten begrenzt. Die Nächte sind finster und werden durch Laternen und Fackeln nur notdürftig erleuchtet. Feuchter Schnee und Schlamm prägen den waldreichen Schauplatz, dem nachträglich die meisten Farbtöne entzogen wurden. Es dominieren die ‚Farben‘ Grau und Braun; nur selten gestattet die Kamera den Einzug ‚warmer‘ Farbtöne. Grün kommt nur als kränklicher, fast radioaktiver Schimmer vor, der die Anwesenheit der Aliens signalisiert.

Vor und hinter dem Spiegel

Das Leben ist hart und hat die Menschen geprägt. Selbst Veith Schartl, der in Pahlbach geboren wurde, gilt als Fremdling – ein gefährlicher Status, der ihn und natürlich auch den „Preußen“ Jakob Trimm zum idealen Sündenbock macht. So bleiben die Freunde allein in ihrem Kampf gegen die Aliens. Niemand hält es für nötig, sie zu warnen; womöglich hofft man, die Wesen würden erst einmal sie schnappen und die Bürger verschonen.

Die Gefahr wird umso akuter, je stärker die Gefährten aufeinander angewiesen sind. „Tartarus“ ist auch die Geschichte einer Freundschaft, die auf die Probe gestellt wird. Ein intensiv gespieltes und schlicht aber eindringlich in Szene gesetztes Gespräch bringt an den Tag, wie unterschiedlich Veith und Jakob sind. Der eine ist ein Gegenwartsmensch, der Schreckliches erlebt hat und es überwinden kann, der andere bleibt ein Gefangener seiner Erinnerungen.

Man halte Veith deshalb nicht für einen fröhlichen Simpel. „Tartarus“ geht auch in der Figurenzeichnung eigene Wege. Als ein erster Versuch scheitert, die Höhle der Monster zu entdecken, ist es Veith, der nüchtern eine weitere Frau als Köder für eine neue Falle fängt. Er liegt völlig richtig damit, dass nur so der Schlupfwinkel gefunden werden kann, aber er nimmt den Tod auch dieser Frau in Kauf. So etwas würde Hollywood in einer möglichen Neuverfilmung zuerst eliminieren.

Drehbuchautor Martin Kroissenbrunner als Veith und Moritz Thate als Jakob überzeugen als wesensfremde Freunde. Gerade deshalb ergänzen sie einander. Jakob übernimmt dabei die Rolle des Grüblers und Denkers, der die Aliens als ‚Nachbarn‘ nicht einfach hinnimmt und sich mit ihnen arrangiert, sondern ihnen bewusst die Stirn bietet. Dabei geht er analytisch vor. Überhaupt spielt Aberglaube als Element der Handlung in „Tartarus“ keine Rolle. Die Kirche bleibt außen vor, pragmatisches Denken ersetzt die keineswegs vermisste Hexenjagd auf die beiden Fremden im Dorf.

Auch Aliens können irren

Vielleicht hätten die Kreaturen aus dem All besser einen anderen Landepunkt als ausgerechnet die Steiermark angesteuert. Freilich konnten sie trotz Hightech nicht ahnen, dass hier anderthalb Jahrhunderte später DER Alien-Killer überhaupt geboren würde: Arnold Schwarzenegger! Zudem scheinen diese Außerirdischen nicht übermäßig intelligent zu sein. Jakob Trimm durchschaut ihre Motive schnell. Schließlich hat auch Veith begriffen: „Das sind Viecher, die denken. Aber wisst ihr was? Das sind wir auch … und wir denken besser!“ So wird der von ihm organisierte Kampf der Pahlbacher Bauern gegen die Kreaturen wohl siegreich enden; jedenfalls sind keine späteren Fälle von Frauenraub durch Außerirdische in der Steiermark belegt …

Die „Viecher“ lassen sich möglichst selten sehen. Natürlich ist dies einerseits dem Budget geschuldet. Es gehört andererseits zum Konzept dieses Films: Was man nicht sieht, sondern höchstens ahnt, ist erschreckender als das Grauen im Licht. Wie richtig die Filmemacher damit liegen, zeigen jene Szenen, in denen die Kreaturen sich zeigen. Sie sind nur kurz und scheinen vor allem einen Kompromiss zwischen Konzeptreinheit und dem Verlangen nach ‚sichtbaren‘ Ungeheuern darzustellen. Trotzdem sind sie kontraproduktiv. Die „Viecher“ sind sichtlich Film-Monster, sie sind Modelle oder digital erschaffen. Anders ausgedrückt: Sie sind so künstlich, dass der Zuschauer es nicht ausblenden kann wie die manchmal allzu deutlich werdende Erkenntnis, dass „Pahlbach“ eine für diesen Film geschaffene Kulisse ist, die sich aus Häusern und Plätzen verschiedener Freilicht- und Bauernmuseen zusammensetzt.

Nicht jeder Schuss ist ein Treffer

„Tartarus“ funktioniert stets dort am besten, wo Müller und Kroissenbrunner von der Film-Norm abweichen. Wo sie sich auf Klischees stützen, werden die fadenscheinigen Stellen der Geschichte deutlicher. Wieso sind Aliens auf die ‚Geburtshilfe‘ von Menschenfrauen angewiesen? Warum setzen sie keinen fixen ‚Opferplatz‘ fest, statt immer wieder suchend durch den Nachtwald dorthin zu stolpern, wo die nächste Frau angebunden liegen könnte? Wie schafft es Veith, die bisher so feigen Bürger quasi auf Zuruf für seinen Feldzug gegen die „Viecher“ zu rekrutieren? Wie gelingt es besagten Bürgern, ihre Gewänder stets fleckenlos weiß zu halten?

Zudem schwelgt „Tartarus“ passagenweise allzu ausführlich in schönen Bildern. Ein wenig mehr Tempo könnte dem Film nicht schaden. Auf der anderen Seite holpert die Handlung in den ‚Action-Szenen‘ deutlich. Ebenfalls auffällig: Gegen Kroissenbrunner und Thate fallen die übrigen Darsteller deutlich ab. Nichtsdestotrotz ist „Tartarus“ interessant und unterhaltsam – ein Beleg dafür, dass der phantastische Film sehr gut in Europa verwurzelt sein kann, wenn man ihn nicht den Garagenfilmern oder dem Privatfernsehen überlässt.

DVD-Features

„Tartarus“ ist ein Film, der zwar ohne viel Geld aber dafür unter umso größerem Verbrauch von Hirnschmalz sowie mit viel Idealismus entstand. Dies spiegelt ein „Making of“ in Tagebuchform wider, das sich nicht in endlosem Eigenlob als Ergänzung zur Werbung erschöpft, sondern tatsächlich über die Entstehung eines Filmes Auskunft gibt, der unter den geschilderten Bedingungen eigentlich nicht hätte gelingen dürfen.

Hinzu kommen einige Szenen, die es nicht in den fertigen Film geschafft haben.

Zum Film gibt es diese Website.

[md]

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