Abandoned 2011Zwei durch eine Tragödie getrennte Geschwister kehren in das verlassene Elternhaus zurück, um dort nach ihrer Herkunft zu forschen. Sie werden dort von dem erwartet, der die Familie vor vielen Jahren zerstört hat … – Gelungener Grusel-Thriller mit einer fesselnden Story, ausgezeichneten Schauspielern und einer bemerkenswerten Atmosphäre. Das Übernatürliche wird nicht für vordergründige „Buh!“-Effekte eingesetzt, sondern wirkt überzeugend unheimlich: ein niedrig budgetierter Film mit hohem Ideengehalt.

Das geschieht:

Irgendwo in der russischen Sowjetunion bleibt im Jahre 1966 vor einem einsamen Bauernhaus ein Lastwagen stecken. Im Führerhaus findet der erschrockene Bauer eine blutüberströmte, tote Frau und zwei schreiende Babys.

Vierzig Jahre später kehrt Marie Jones, geborene Kaidavosky, nach Russland zurück. Die einsame Frau sucht nach den Wurzeln ihrer Familie. Nachdem man sie an der Seite der toten Mutter gefunden hatte, wurde sie von einer englischen Familie adoptiert. Dass sie einen Bruder hat, weiß sie nicht. In Moskau hat Marie den Anwalt Andrei Misharin beauftragt, Nachforschungen über die Kaidavoskys anzustellen. Er muss ihr mitteilen, dass keine Aufzeichnungen existieren. Das Familiengut hat er immerhin als Maries Erbe gesichert. Sie beschließt vor Ort selbst zu ermitteln.

Das Gut liegt auf einer einsamen Insel inmitten eines reißenden Flusses. Seitdem Kolya Kaidavosky, der Hausherr und Vater Maries, 1966 seine Gattin Olga ermordet hat, ist das riesige Haus verlassen. Als Marie durch die verfallenden, modernden Räume irrt, stößt sie auf Nikolai, ihren unbekannten Zwillingsbruder. Auch ihn hat eine seltsame Sehnsucht nach Wissen in das Elternhaus gelockt.

Hier geht es allerdings nicht mit rechten Dingen zu. Marie und Nicolai werden in der Nacht von leichenhaften Doppelgängern bedrängt. Sie lassen sich nicht bekämpfen, und trifft sie ein Schlag oder eine Kugel, werden auch die ‚Originale‘ verletzt. Schlimmer noch: Die Geschwister müssen erkennen, dass sie nicht mehr von der Insel fliehen können. Jeder Versuch bringt sie nur zum Gut zurück. Dort mehren sich die Zeichen, dass die Phantome nicht die größte Bedrohung darstellen. Hinter ihnen steht eine noch unsichtbare Macht, deren Interesse offensichtlich darin besteht, die Geschwister für immer an das Gut zu binden …

Geisterfilm mit leichten Horror-Einschlägen

In der Historie des Horrorfilms nimmt die Geistergeschichte eine zwar nicht kleine aber relativ unauffällige Nische ein. Sie tritt gegenüber dem plakativen, geräuschvoll, hässlich und blutrünstig auftretenden Grusel zurück, der die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer leichter erregen kann. ‚Richtige‘ Geister haben es da schwerer, denn es liegt in ihrer Natur, das Reich der Toten quasi auf Katzenpfoten zu verlassen. „Spuk“ bedeutet nicht nur die Rückkehr von Seelen, die in der Welt noch etwas zu erledigen haben, sondern auch das Geistern im Augenwinkel ihres Betrachters: Sieht man genau hin, ist da scheinbar nichts. Es bleibt das unangenehme Wissen, dass dies keinesfalls zutrifft.

Das ist der Stoff, aus dem „Die Verlorenen“ gewoben wurde. Ein ungewöhnliches Projekt ist dieser Film: geschrieben und inszeniert von einem Spanier, in der Hauptrolle eine Engländerin, gedreht in Russland und Bulgarien. Letzteres ist nicht ungewöhnlich im 21. Jahrhundert, denn viele Produktionen lassen sich im ehemaligen Ostblock nieder, wo das filmische Knowhow hoch und der Lohn niedrig ist. Regisseur mit (Mit-) Drehbuchautor Nacho Cerdà erzählt freilich eine Geschichte, die explizit in Russland spielen soll und so, wie sie abläuft, wohl auch nur hier spielen kann. Er hat deshalb viel Recherche und Aufwand in die Rekonstruktion ‚typisch russischer‘ Schauplätze investiert, was sich definitiv auszahlt.

Die scheinbar unendliche Weite der Landschaft (dargeboten in echtem Breitwand-Format), ihre Einsamkeit und die archaische Lebensweise der nichtstädtischen Bevölkerung sind wichtige Elemente der Story. Das Kaidavosky-Gut ist buchstäblich eine Insel, von der es kein Entrinnen gibt. Diverse Fluchtversuche werden spannend in Szene gesetzt, um dies dem Zuschauer überzeugend zu vermitteln. Die Innenräume des Guts werden im „Making-of“ als Atelierbauten enthüllt. Dieser Eindruck entsteht im Film keine Sekunde. Selten hat man Sets erlebt, die Verfall und Verwesung so bildhaft machen können. Die bulgarischen Kulissenbauer haben hier eine Meisterleistung geliefert.

Der Aspekt des Ausgeliefertseins wird durch die Tatsache unterstützt, dass Marie Jones zwar in Russland geboren und trotzdem eine Fremde ist. Das Land und die Menschen sind ihr fremd und machen ihr Angst. Die daraus resultierende Unsicherheit ist ein wichtiges Element, das der unsichtbare Fallensteller geschickt ausnutzt.

Leises Grauen mit beachtlichem Grusel-Nachhall

Geister werden von durchaus menschlichen Gefühlen motiviert. Leider sind diese meist negativer Natur. Marie und Nicolai haben doppeltes Pech: Sie tappen einem Gespenst in die Falle, das sich sowohl für angeblich erlittenes Unrecht rächen als auch die Geschwister in seine kleine private Hölle sperren will, als die sich die Insel letztlich entpuppt.

Es dauert erfreulich lange, bis sich die Hintergründe klären. Bis es soweit ist, geraten unsere drangsalierten Hauptdarsteller in immer neue Rätsel und Schrecken, die sich nachträglich zu einer Geschichte des Schreckens zusammensetzen lassen. Die Konsequenz des Plots ist lobenswert; hier gibt es kaum Genre-Klischees und kein Ausbrechen in letzter Sekunde, wobei schwere Waffen und plötzlich an den Tag gelegte Nahkampf-Erfahrungen ins Spiel kommen. Cerdà findet einen klugen Ausweg: Der Kreis-Konstruktion des Films entsprechend schlägt Gewalt auf jene zurück, die sie anwenden. „The Abandoned“ läuft trotz des vertrackten Plots wie auf Schienen seiner logischen Auflösung entgegen.

Gewisse Zugeständnisse macht der Regisseur übrigens doch an die splatternde Konkurrenz. „Die Verlorenen“ läuft in Deutschland ohne Jugendfreigabe, obwohl 93 von 95 Minuten problemlos ab 12 Jahren freigegeben werden könnten. In den bewussten zwei Minuten geht es freilich beinhart zur Sache. Weil die Geschichte in der Regel gewaltarm abläuft, sorgen diese Brutalitäten für umso größeren Schrecken. Genau das ist der Effekt, den der Regisseur erzielen möchte, und das ist auch die Begründung dafür, dass diverse Szenen dem Zuschauer an die Substanz gehen: Hier wird kein Blut der Unterhaltung wegen vergossen, sondern im Rahmen einer teilweise grausamen Geschichte.*

Ein Film (auch) für erwachsene Zuschauer

Dass uns mit „Die Verlassenen“ ein Film für ‚erwachsene‘ Gruselfreunde präsentiert wird, macht die Besetzung von der ersten Minute an klar. Kein Teenie weit und breit (nur ein verhärmtes Bauernmädchen), stattdessen spielen zwei Hauptdarsteller, die ihren 40. Geburtstag beide hinter sich gelassen haben und denen man das auch ansieht.

Anastasia Hille tritt hauptsächlich in englischen TV-Filmen und -Serien auf. Das zunehmende Entsetzen einer an sich starken Frau, die ihrer Einsamkeit entrinnen wollte und dabei vom Regen in die Traufe gerät, weiß sie überzeugend zu vermitteln. Manchmal ist die Medizin tödlicher als die Krankheit. Das hat sie am Ende gelernt, aber dieses Wissen bereitet ihr keine Freude.

Karel Roden ist nicht nur ein viel beschäftigter und ebenfalls fabelhafter, sondern auch ein international bekannter Darsteller. Seit zehn Jahren tritt er verstärkt in nicht-russischen Produktionen auf, wo er Rollen in unterschiedlichen Filme wie „Hellboy“ (2002; hier mimt er hollywoodkonform den Klischee-Russki Grigori Rasputin) oder „Mr. Bean macht Ferien“ (2007) spielt. Als Nicolai ist er das perfekte Gegenstück seiner ‚Schwester‘ Marie: Während sie ins Ausland ging, blieb er in Russland und wurde Teil des Landes, das ihr verschlossen bleibt, obwohl er ihr Zwilling ist und sich mit ihr verbunden fühlen müsste.

In den Nebenrollen spielen Russen die Russen – auch in einer europäischen Produktion keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Diese Darsteller ließ Regisseur Cerdà fast ausschließlich in ihrer Muttersprache reden und verzichtete auf Untertitel. So teilt sich Maries Gefühl des Fremdseins abermals dem Zuschauer mit.

DVD-Features

Da „Die Verlassenen“ eine ‚kleine‘ Produktion ist, sind die Features mager ausgefallen: ein englischer und ein deutscher Kinotrailer und eine Bildergalerie, die sich kaum jemand anschauen wird.

Sehenswert ist das Making-of. Während dieses Mal vor allem der Regisseur viel Unfug über das psychologische Spektrum seines Werks verzapft, halten sich die Darsteller mit gegenseitigen Lobpreisungen zurück und sprechen tatsächlich über ihre Rollen, zu denen sie Interessantes zu sagen haben. Wenn sich Nacho Cerdà auf die technischen Aspekte des Films beschränkt, legt er großes Fachwissen an den Tag. Das Entstehen von „Die  Verlassenen“ wird durch gut gewählte Ausschnitte, Aufnahmen von hinter den Kulissen oder Storyboard-Zeichnungen dokumentiert.

Bild und Ton sind übrigens brillant. „Die Verlassenen“ gehört zu den Filmen, die auf einem HD-Bildschirm und durch eine möglichst exzellente Tonanlage eindeutig gewinnen.

* Anmerkung (ACHTUNG: Spoiler!)

Es soll und darf nicht verschwiegen werden, dass die Story im Finale ein gewaltiges Logikloch in die Handlung schlägt. Wie schafft es ein Einöd-Geisterbauer, gestorben 1966, sich im Moskau des Jahres 2006 eine überzeugende Zweitexistenz als Anwalt zu schaffen? Auf diese Weise kann Kaidavosky senior seine Kinder zurück nach Russland locken, doch dieser Kniff wirkt doch sehr, sehr weit hergeholt.

Ach ja: Wie kommt eigentlich Nicolais Ex Natalya ins Spiel? Um von ihrer Existenz zu erfahren und ihr Ebenbild zu schaffen, muss Kaidavosky erneut auswärts gespukt haben. Wenn er das kann, wieso schafft er es nicht, Maries Tochter Emily ebenfalls nach Russland zu locken?

Einen hab‘ ich noch: Wenn Nicolais Leben sich ausschließlich in Russland abgespielt hat, wieso spricht er dann Englisch und kann sich mit Marie verständigen, die nur diese Sprache versteht?

Oder spielt sich das gesamte Geschehen doch nur in Maries wirrem Kopf ab …?

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Die Verlassenen
Originaltitel: Los Abandonados (GB/Spanien/Bulgarien 2006)
Regie: Nacho Cerdà
Drehbuch: Karim Hussain, Nacho Cerdà, Richard Stanley
Kamera: Xavi Giménez
Schnitt: Jorge Macaya
Musik: Alfons Conde
Darsteller: Anastasia Hille (Marie Jones), Karel Roden (Nicolai), Valentin Ganev (Andrei Misharin/Kolya Kaidavosky), Paraskeva Djukelova (Olga Kaidavosky), Carlos Reig-Plaza (Anatoliy), Kalin Arsov (Bauer), Svetlana Smoleva (Bäurin) Anna Panayotova (Bauerntochter), Jordanka Angelova (Greisin), Valentin Goshev (alter Bauer), Jasmina Marinova (alte Bäuerin), Monica Baunova (Emily), Marta Yaneva (Natalya) u. a.
Label: 3L-Film
Vertrieb: KNM Home Entertainment
EAN: 4049834004811 (DVD)/4049834004798 (Blu-ray)
Erscheinungsdatum (Neuausgabe): 13.08.2011
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1 anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch (für Hörgeschädigte)
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 95 min. (Blu-ray: 99 min.)
FSK: 18

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