The Atticus Institute – Teuflische Experimente

Originaltitel: The Atticus Institute (USA 2015)
Regie u. Drehbuch: Chris Sparling
Kamera: Alex Vendler
Schnitt: Sam Bauer
Darsteller: William Mapother (Dr. Henry West), Rya Kihlstedt (Judith Winstead), Julian Acosta (Robert Koep: 1976), Aaron Craven (Marcus Wheeler: 1976), John Rubinstein (Marcus Wheeler: heute), Hannah Cowley (Susan Gorman: 1976), Sharon Maughan (Susan Gorman: heute), Anne Betancourt (Joanne Breault), Jake Carpenter (Norman LeClair), Anton Narinskiy (Private Turcott), Brian Chenoweth (Vater Donnelly), Gerald McCullouch (Steven West), Suzanne Jamieson (Cathleen West-Tremello) uva.
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany
Erscheinungsdatum: 01.10.2015
EAN: 5053083050542 (DVD)/5053083050597 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Dänisch, Finnisch, Italienisch, Niederländisch, Norwegisch, Portugiesisch, Schwedisch, Spanisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 80 min. (Blu-ray: 84 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Ende der 1960er Jahre ermöglichte eine Liberalisierung, die auch die (Natur-) Wissenschaften erfasst, die Beschäftigung mit Themen, denen die Forschung bisher tunlichst ausgewichen war. Dazu gehörte die Frage nach der Tatsächlichkeit ‚übernatürlicher‘ Phänomene, für die es keine rationalen Erklärungen gab: Konnten Menschen Objekte per Gedankenkraft bewegen oder sie erkennen, ohne sie mit den Augen zu sehen? „Telekinese“ und „Telepathie“ waren zwei der Forschungsgebiete, auf die sich Pioniere wie Dr. Herbert West wagten. Von seriösen Gelehrten verlacht und chronisch unterfinanziert, suchten West und seine Kollegen ab 1973 im „Atticus Institute“ nach Antworten.

Nach zahlreichen Enttäuschungen gerieten sie 1976 an Judith Winstead, die eindeutig und fälschungssicher über unglaubliche übersinnliche Fähigkeiten verfügte. Doch Judith verhielt sich zunehmend feindselig, und ihre Kräfte richteten sich gegen die Forscher. Als echte Gefahr im Verzug ist, alarmiert West das US-Verteidigungsministerium, deren ebenfalls überzeugte Vertreter das Institut umgehend übernehmen.

In dieser Hochzeit des Kalten Krieges könnte eine übernatürliche Begabung als Waffe dienen, denen feindliche Staatsoberhäupter und sonstige, den USA lästige Konkurrenten nichts entgegenzusetzen hätten. Judith soll zur Kooperation gezwungen werden. Stattdessen lässt jene Kreatur, die sich in ihrem Hirn niedergelassen hat, die Maske fallen: Ein waschechter Dämon ist die Quelle der Kraft, die Judith nun auch außerhalb des Institutes wirken lässt!

Vierzig Jahre später befragt ein Dokumentationsteam die ehemaligen Mitarbeiter des Institutes nach ihren Erlebnissen und geht auch den Ereignissen jener verhängnisvollen Nacht nach, als das Atticus Institute ein böses Ende nahm …

Der Teufel weiß, wo er dich findet!

Die Versuchung ist eine Emotion, der in der Regel negative Auswirkungen zugesprochen werden. Meist geht es darum, etwas zu begehren, auf das man kein Recht hat und dessen man sich deshalb auf krummen Wegen bemächtigen muss. Wer dann mit einem entsprechenden Angebot auftritt, ist aus Sicht jener, die regelkonform leben, ein Bösewicht.

Nicht nur aber ganz besonders in der christlich geprägten Welt galten Satan bzw. seine dämonischen Untertanen als besonders heimtückische Versucher. Sie suchten gezielt nach unzufriedenen Menschenkindern, denen sie ein Angebot machten, dem schwer zu widerstehen war. Zwar war der Preis – die unsterbliche Seele – entsprechend hoch, doch der Versucher konnte darauf zählen, dass die Gier die Sinne seines potenziellen Opfers vernebelte.

Hinzu kam die Hoffnung, den Versucher hereinzulegen und die Früchte der unheiligen Zusammenarbeit ohne Konsequenzen genießen zu können – ein Kalkül, das freilich auch der Teufel kannte und in seine Taktik einbezog. Letztlich entrannen ihm nur wenige, die den Pakt eingegangen waren: Wer mit dem Löffel essen will, sollte einen langen Löffel benutzen, lautet nicht grundlos ein altes Sprichwort.

Die Sagenwelt des Mittelalters und der frühen Neuzeit wimmelt von entsprechenden Geschichten, die natürlich als Warnung zu verstehen waren: Hüte dich vor den Schlichen des Bösen! Die ständige Wiederholung kam nicht von ungefähr, denn die Schwäche des Menschen und seine Bereitschaft, auf lichtlosen Umwegen ein Ziel zu erreichen, sind ein ständiger Höllenköder geblieben.

Die Anpassung der Methoden

Daran hat sich grundsätzlich nichts geändert. Im Zeitalter von Aufklärung, Naturwissenschaft und Technik hat es der Teufel sogar einfacher als früher: Man negiert seine reale Präsenz und hat ihn in das Reich der (religiösen) Legenden verdrängt. Von dort aus kann er umso besser Seelenfang betreiben, denn man erkennt ihn nicht mehr und bleibt ohne Warnung, wenn er seine Opfer heimsucht.

„The Atticus Institute“ schildert die Konsequenzen: Selbst als die höllische Herkunft der untersuchten Präsenz offenbart ist, schrecken weder Wissenschaftler noch Militärs davor zurück, sich auf sie einzulassen. Zu spät wird den Beteiligten klar, dass sie der bösen Kreatur in die Klauen arbeiten: „Wir wurden wie sie“, kann erst Jahrzehnte später eine Forscherin zugeben.

Die Motive haben sich ebenfalls nicht geändert, sondern der Gegenwart angepasst. In den 1970er Jahren ist dies die Hoffnung, einen atomar geführten Dritten Weltkrieg notfalls mit höllischer Unterstützung zu vermeiden und den Machtkampf trotzdem für die USA zu unterscheiden. Hier hat es der Teufel geradezu lächerlich leicht: Noch Jahrzehnte nach dem Untergang des „Atticus Institute“ gerieren sich jene, die damals Entscheidungen getroffen haben, für die der Normalbürger ins Gefängnis gewandert wäre, als Verteidiger einer bedrohten Freiheit, für die man sich manchmal die Hände schmutzig bzw. blutig machen müsse, oder berufen sich mit dem Hinweis auf die nationale Sicherheit auf ihre Schweigepflicht.

Die Zeitlosigkeit des Bösen

Mit dieser Handlungsebene versucht Drehbuchautor und Regisseur Chris Sparling eindeutig Parallelen zwischen den „schwarzen“ US-Geheimorganisationen von damals und heute zu ziehen. Die Realität macht es dies einfach; was als Gutmenschentum abqualifiziert werden könnte, wird schauerlich immer dann unmittelbar, wenn altgediente Geheimdienstler, Politiker oder Militärs Entscheidungen zu rechtfertigen versuchen, die Folter, Tod und Elend über oft unbeteiligte Menschen gebracht haben: Folgen, für die der Ausdruck „Kollateralschaden“ geprägt wurde. Sparling musste deshalb nur Schauspieler finden, die diese Vorbilder imitierten; er setzte sie darüber hinaus in flaggengeschmückte Räume etablierter Macht, die einen bedrückenden Rahmen für Rechtfertigungen und Abwiegelungen darstellen.

Dass ein Nachweis übernatürlicher Kräfte die Politik auf den Plan gerufen hätte, ist keine Vermutung. Sparling selbst zitiert in „The Atticus Institute“ Versuche des sowjetischen Geheimdienstes, der u. a. die ehemalige Soldatin Nina Kalugina (1926-1990) darauf testete, Objekte per Geisteskraft zu manipulieren. Auch die CIA bemühte sich festzustellen, ob man dem Feind auf diese Weise Schaden zufügen könnte. Gelungen ist es weder den Russen noch den Amerikanern; über die Ergebnisse dieser Untersuchungen wissen höchstens Verschwörungstheoretiker (und Spinner) genau Bescheid.

Hier konnte Sparling ansetzen. „The Atticus Institute“ ist kein ‚normaler‘ Spielfilm, sondern eine Pseudo-Dokumentation („mockumentary“), die vor allem vorgeblich zeitgenössische, tatsächlich aber neu entstandene Filmaufnahmen und Fotos zeigt. Die daraus resultierende Sprunghaftigkeit passt zu einer letztlich nie wirklich geklärten Geschichte und übertüncht außerdem das knappe Budget eines jenseits der großen Studios entstandenen Films.

Eine erstaunlich gelungene Illusion

Die Kulisse beschränkt sich auf einige eher karg eingerichtete Büros und Zimmer des Institutes. Sie blieb übersichtlich und ließ sich deshalb kostengünstig im Stil der 1970er Jahre einrichten. Kleidung und Frisuren der Darsteller (sowie hin und wieder eine innerhalb geschlossener Räume gerauchte Zigarette) komplettierten die Illusion der Vergangenheit; die Außenwelt blieb vollständig ausgeblendet.

Kameramann Alex Vendler achtete darauf, Stil und Bildqualität alter, schon (zu) lange archivgelagerter Videobänder zu kopieren. Die Farben wurden abgeschwächt, weshalb wie gewollt der Kontrast zu den ‚modernen‘ Aufnahmen umso deutlicher ist. Der Sprung zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist dennoch ohne Bruch. Dies verdankt der Film der Auswahl von Schauspielern, die wichtige Hauptfiguren in jungen Jahren und im Alter darstellen. Selten gelingt es, den Lauf der Zeit so überzeugend in Szene zu setzen: Obwohl sie stets von verschiedenen Schauspielern verkörpert werden, lassen sich ‚junge‘ und ‚alte‘ Figuren ohne Probleme identifizieren.

Seine Darstellerriege rekrutierte Sparling aus der Masse US-amerikanischer Neben- und TV-Darsteller, was bekanntlich keine Abqualifizierung darstellt: Jenseits des ohnehin flüchtigen Starappeals gibt es Allround-Talente wie William Mapother, Anne Betancourt oder Julian Acosta, deren Gesichter die Zuschauer kennen, selbst wenn ihnen oft nicht einfällt, in welchem Film oder in welcher Fernsehepisode sie gespielt haben. Sie verschwinden hinter ihren Rollen, denen sie nicht spektakulär, sondern überzeugend Gestalt verleihen. In dieser Hinsicht sind sämtliche Figuren präsent. Ungeachtet ihrer limitierten Rolle als Besessene weiß deshalb auch Rya Kihlstedt zu überzeugen, die sonst oft als Sexy-Babe mittleren Alters agiert und hier mit vollem Körpereinsatz aber betont attraktivarm sowie verhüllt gegen dieses Image anspielt.

Was Dämonen wollen

Obwohl eingangs ausführlich über die Motivation teuflischer Versucher sinniert wurde, bleiben sie und ihre Folgen Schwachpunkte dieser Geschichte. Als ‚Dokumentation‘ mag „The Atticus Institute“ schockieren, doch als Spielfilm bleibt die Handlung schwach bzw. allzu sehr der Grundidee verpflichtet. Es geschieht wenig, was der (Forschungs-) Realität entspricht: PSI-Spezialisten geraten bereits Verzückung, wenn sich ein Spielzeugauto scheinbar von selbst ein paar Zentimeter bewegt.

Dafür, dass Judith Winstead sich recht rasch in einen schnaubenden, höhnischen Dämonen verwandelt, der darüber hinaus sogar außerdem der Institutsmauern Böses bewirken kann, bleiben die eigentlichen Absichten der Kreatur rätselhaft. Dies ist Teil des Drehbuchkonzeptes; mehrfach sprechen Darsteller aus, dass die Wissenschaft nicht erfassen kann, was solche Wesen umtreibt. Den Zuschauer wird dies kaum besänftigen, denn es bügelt keineswegs einige Fragen aus, die besser nicht ungeklärt geblieben wären.

So ist es befremdlich, dass der Dämon sich lange bändigen lässt, obwohl er angeblich teuflisch stark ist. Oder spielt er seine Schwäche nur, um seine Peiniger zu täuschen? Dann treibt er viel Aufwand bei wenig Erfolg, denn letztlich hält sich die Zahl seiner Opfer ebenso wie der Flurschaden in Grenzen. Ebenfalls seltsam: Obwohl der Geheimdienst an eine Wunderwaffe glaubt, zieht man ins Institut ein, statt die Kreatur in einen Stützpunkt zu verlegen. Den hätte Sparlings Crew bauen müssen und hatte kein Geld dafür: DAS ist wahrscheinlich die Erklärung.

Dass Sparling selbst nicht wusste, was der Dämon will, belegt das unbefriedigende Finale. Es soll an dieser Stelle nicht enthüllt werden. Gesagt werden darf, dass es die Geschichte abrupt und ohne Aufklärung endet. Ein Sinn lässt sich dem auch als Höhepunkt gedachten Paukenschlag nicht entlocken – es sei denn, „The Atticus Institute 2“ ist bereits in Planung. Dann könnte es nach dem „Paranormal-Activity“-Prinzip umgehend und endlos weitergehen, doch müssen wir ja nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen!

DVD-Features

Auf Hintergrundinformationen zum Film muss zumindest das deutsche Publikum verzichten.

Kurzinfo für Ungeduldige: Eine vom Bösen besessene Frau wird erst Forschungsobjekt, dann will sie der Geheimdienst zu einer Waffe formen: Beide Versuche scheitern dramatisch und mit schauerlichen Folgen … – Erzählt als Dokumentation von Ereignissen des Jahres 1976, wobei ‚zeitgenössische‘ Filmaufnahmen und Fotos mit ‚Zeugenaussagen‘ und Kommentaren ergänzt werden: technisch gelungen, inhaltlich wenig innovativ und mit schwachem Finale, dennoch oft spannend: Durchschnitts-Grusel.

[md]

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