Zwei Leichenbeschauer sollen eine Frauenleiche obduzieren. Die Suche nach der Todesursache wird zum Horrortrip, denn die ‚Leiche‘ ist alles andere als tot und wehrt sich ebenso trickreich wie gnadenlos gegen ihre Zerlegung … – Ein Horrorfilm als Kammerspiel in der Leichenhalle: Die interessante Story wird spannend erzählt, die Kulissen sind angenehm schaurig, die Darsteller gut gezeichnet, die Effekte drastisch, ohne zum Selbstzweck zu gerinnen. Nur die Auflösung fällt ein wenig enttäuschend, weil konventionell aus.

Das geschieht:

Grantham ist ein Nest irgendwo im US-Staat Virginia. Für Recht und Ordnung sorgt Sheriff Burke, der aufgefundene Leichen Tommy Tilden übergibt. Der örtliche Bestatter arbeitet auch als amtlicher Leichenbeschauer, und er liebt es, Todesursachen zu ermitteln. Seit dem Tod seiner Gattin verkriecht sich Tommy förmlich in den Gewölben seines Bestattungsinstituts. Nur Sohn Austin steht dabei an seiner Seite; bisher hat er sich nicht getraut dem Vater zu gestehen, dass er die Stadt gemeinsam mit Freundin Emma zu verlassen gedenkt.

Aktuell ist Sheriff Burke überfordert. In einem Haus findet die Polizei mehrere schauerlich zugerichtete Leichen. Ein besonderes Rätsel offenbart der Keller: In einem zur Hälfte zugeschütteten Grabloch liegt die äußerlich unberührte Leiche einer schönen, jungen Frau. Da ihre Identität nicht festgestellt werden kann, sollen die Tildens nach körperlichen Merkmalen suchen, die in dieser Hinsicht weiterhelfen. Außerdem will Burke wissen, wie „Jane Doe“ – so wird die Unbekannte provisorisch genannt – zu Tode kam.

Dies ist ein Auftrag ganz nach Tommy Tildens Herzen! Schon die äußere Untersuchung des Körpers fördert bizarre Details ans Licht. So wurden der jungen Frau Fuß- und Handgelenke gebrochen. Nach der Öffnung des Körpers blicken Vater und Sohn verblüfft auf verbrannte Lungen und ein zerstochenes Herz. Wie konnten dem Opfer solche Verletzungen zugefügt werden, ohne dass der Körper versehrt wurde?

Weil die Autopsie so faszinierend ist, dauert es, bis Tommy und Austin bemerken, dass es in ihrem Leichenkeller nicht mehr mit rechten Dingen zugeht. Die Hauskatze erleidet einen hässlichen Tod, drei Leichen verschwinden aus ihren Kühlfächern, in den Nebenräumen tappt etwas umher. Die Suche nach dem Auslöser mündet in der Frage, wie tot „Jane Doe“ eigentlich ist …

Idee und Umsetzung: DAS dynamische Duo

Eine gute Geschichte benötigt keinen besonderen Aufwand, sondern in erster Linie eine Idee, die kundig umgesetzt wird: „The Autopsy of Jane Doe“ gehört zu denjenigen Filmen, die uns das bewusst werden lassen. Man merkt beschämt, wie sehr man dem Mummenschanz-Grusel à la „Annabelle“ und „The Conjuring“ auf den Leim gegangen ist, weil sie scheinbar die Tagesordnung repräsentierten. „The Autopsy …“ ist keineswegs perfekt, aber erfüllt aber nicht nur den Zweck, die Kinokasse möglichst pegelhoch zu füllen, sondern sein Publikum spannend zu unterhalten.

Die Story ist denkbar einfach: Zwei Männer an einem isolierten Ort, dazu eine Leiche, die Rätsel aufgibt. Da sich das Drehbuch-Duo Ian Goldberg u. Richard Naing große Mühe gibt, Janes Does Körper sowohl innen als auch außen mit einschlägigen Mysterien zu spicken, baut sich wie geplant eine Erwartungsstimmung auf, der allerdings – man muss es sagen – die Auflösung nicht gänzlich gewachsen ist. Da dies ein grundsätzliches Manko rätselorientierter Geschichten ist und „The Autopsy …“ keineswegs die Luft ausgeht, als die Katze aus dem Sack ist, kann man damit leben sowie verschmerzen, dass Regisseur André Øvredal schließlich sein Heil im offensiven Spuk mit Körperschäden sucht: Die Story ist robust genug, um solche Rammstöße zu verkraften.

In seinem zweiten Langfilm beweist Øvredal, dass „Trolljegeren“ (‚dt.‘ „Trollhunter“) 2010 keine Eintagsfliege war: Dieser Mann verfügt über das Talent, ein Garn zu spinnen! Sechs Jahre hat es gedauert, bis er mit „The Autopsy …“ wieder Regie führen konnte; er griff sich ein Script von der „Black-List“-Halde unverfilmter Drehbücher, die in der angelsächsischen Filmstudio-Welt kursieren. Øvredal wählte Schauspieler, deren Professionalität ihren ‚Star‘-Status überragt. Vor allem das Chamäleon Brian Cox, das seit vier Jahrzehnten in vier bis fünf Kino- oder TV-Produktionen jährlich auftritt, überzeugt wieder einmal als Vater und Witwer, der seinen Schmerz verdrängt, indem er sich in seine Arbeit vergräbt, die ohnehin immer vor der Familie stand.

Wissen ist (Ohn-) Macht

Emile Hirsch übernimmt als treuer Sohn eine Rolle, die vom Drehbuch nicht so kräftig unterfüttert ist. Austin erwähnt zwar an einer Stelle, dass er mit Freundin Emma wohl Grantham verlassen wird, aber zwischen Vater und Sohn kommt dies nie zur Sprache und ist deshalb dramaturgisch uninteressant. Umgekehrt lässt Tommy den Sohn in seine Seele blicken, als sie gefangen im Institutsaufzug sitzen. Im Interview verweist Øvredal sehr stolz auf diese Szene, obwohl sie ebenfalls keine echte Handlungsrelevanz besitzt.

Anders ist es, wenn Vater und Sohn über das Jane-Doe-Rätsel diskutieren und dabei grundverschiedene Ansätze deutlich werden. Austin ist bereit, die Übernatürlichkeit der okkulten Phänomene zu akzeptieren, während Tommy sich an die Wissenschaft klammert, die Spuk kategorisch ausschließt. Dieser durchaus interessante Subtext gerät im turbulenten Schlussakt unter die Räder. (Freilich ist verständlich, dass Tommy ‚glaubt‘, nachdem ihm gerade eine Leiche ohne Gesicht einen tüchtigen Fausthieb versetzt hat …)

Störend sind jene Tiefschläge, die wieder einmal die Logik einstecken muss. Sogar die Geschichte einer besessenen Leiche sollte in sich schlüssig erzählt werden. „The Autopsy …“ wirft viele Detailfragen auf, die einem nicht aus dem Kopf gehen, während die Ereignisse glücklicherweise flüssig voran- und darüber hinwegschreiten. Wie hat Jane mehr als zwei Jahrhunderte als katatonische ‚Leiche‘ überstanden? Warum ist sie ein bewegungsloser Körper? Wieso fährt Janes Geist umständlich in andere Leichen, obwohl sie schließlich unter Beweis stellt, dass sie Tommy und Austin direkt manipulieren kann bzw. in der Schlussszene zu ‚erwachen‘ beginnt? Weshalb … (Zutreffendes wie üblich bitte selbst eintragen.)

Ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz

Schon ohne Spuk ist das Haus der Tildens – von dem wir allerdings nur die Kelleretage mit den Räumen zum Sezieren, Einsargen oder Verbrennen kennenlernen – ein Gruselkabinett. Das Familiengeschäft besteht seit 1919, können wir einem Wand-Foto entnehmen. Seitdem scheint sich in Sachen Ausstattung und Mobiliar wenig getan zu haben. Wände und Decken sind düster getäfelt oder mit verschossenen Tapeten beklebt, auf den Böden liegen uralte Fliesen oder Teppiche. Das Licht ist schwach, überall tropft Wasser: Hygienische Standards scheint man in Grantham als Bestatter/Beschauer nicht erfüllen zu müssen.

Geschickt nutzt Kameramann Roman Osin die Räumlichkeiten, die gleichzeitig weitläufig und unübersichtlich sind: Hier kann sich Hässliches gut verstecken, um unverhofft hervorzuspringen – eine Option, die selbstverständlich mehrfach genutzt wird und belegt, dass die alten Tricks noch funktionieren, wenn man sie beherrscht.

Außerhalb des Seziertisches setzt Regisseur Øvredal auf die Kunst der schaurigen Andeutung: Stets reicht das Licht nur dorthin, wo im Randschatten etwas zu stehen scheint. Gern fällt die Beleuchtung aus, woraufhin in der Dunkelheit Geräusche ertönen, die auch dem Zuschauer in der Sicherheit jenseits von Leinwand oder Bildschirm die Haare zu Berge stehen lassen. Was da durch die Gänge geistert, wird nur kurz und in Ausschnitten gezeigt. Das reizt einerseits die Vorstellungskraft und ist andererseits einem knappen Budget geschuldet. Freilich ist „The Autopsy …“ kein Splatter, der entsprechende Effekte aufbieten müsste, obwohl die Szenen, die Vater und Sohn Tilden bei der Arbeit an Jane Doe zeigen, an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen: Dies ergibt Sinn, was offensichtlich selbst der Freiwilligen Selbstkontrolle eingeleuchtet hat, die den Film hierzulande ab 16 Jahren freigegeben hat.

Lauernde Gefahr ohne jede Bewegung

Wie gelingt es, eine Leiche, die sich über die gesamte Filmlänge nie bewegt, bedrohlich wirken zu lassen? Über diese Frage hat sich Øvredal ausgiebig den Kopf zerbrochen – glücklicherweise, denn seine goldrichtige Entscheidung unterstreicht die latent bedrohliche Atmosphäre. Obwohl für jene Szenen, in denen Vater und Sohn Tilden in das Innere von Jane Doe vordringen, ein Körpermodell zum Einsatz kam, liegt ansonsten tatsächlich ein ‚toter‘ Mensch auf dem Seziertisch.

Olwen Catherine Kelly stellt nicht nur Mut, sondern auch schauspielerische Präsenz unter Beweis: Splitternackt – nicht einmal das im US-Film typische = ‘zufällig’ über moralisch heikle Körperteile gebreitete Stück Tuch wird ihr gegönnt – liegt regungslos auf der harten Unterlage, während zwei Männer über sie gebeugt stehen. Nur außerordentliche Körperbeherrschung ermöglichte jene Bewegungslosigkeit, die Jane Doe in eine tickende Zeitbombe verwandelt. Die scheinbare Unschuld der nackten, schönen, den männlichen Leichenbeschauern scheinbar ausgelieferten Frau sorgt im Publikum für Mitleid und Unbehagen und weckt eine Sympathie für Jane Doe, die deren tatsächliche und später entfesselte Macht umso erschreckender wirken lässt.

Der Einsatz lohnt sich: Auch im Wunderland der Spezialeffekte, in die uns das 21. Jahrhundert befördert hat, ist das menschliche Auge fähig, eine ‚künstliche‘ Leiche von einer ‚echten‘ zu unterscheiden, weil erstere nicht ‚lebendig‘ genug wirkt. Wer dies in Zweifel stellt, wird binnen weniger Minuten eines Besseren belehrt. Ohne einen Muskel zu rühren, ist Jane Doe erstaunlich und zunehmend erschreckend präsent. Dass sie keine ‚normale‘ Leiche ist, wird dem Zuschauer klar, während die Tildens noch in Fachgesprächen schwelgen. Immer wieder zeigt uns Kameramann Osin Jane Does Gesicht. Licht und Schatten sorgen dafür, dass deren Leichenaugen längst nicht so tot sind, wie sie sein sollten. Durch knappe Veränderungen des Gesichtsausdrucks unterstützt Kelly den Eindruck einer (bösen) Präsenz, deren ebenso traurige wie erschreckende Geschichte dieser Film spannend aufrollt.

DVD-Features

Die Extras sind mau: Es gibt sieben ‚Interviews‘ (= gegenseitige Lobhudelei und Schleichwerbung) mit den Darstellern, dem Regisseur und den Produzenten sowie eine „B-Roll“, die unkommentierte Bilder von den Dreharbeiten zeigt.

Erfreulicher ist die Qualität des Hauptfilms, wobei sich diese vor allem akustisch äußert. Die Soundeffekte sind ‚räumlich‘ gut gesetzt und sorgen für manches Zusammenzucken, ohne dass grobschlächtig die Lautstärke aufgerissen wird, und die deutsche Fassung gefällt dank einer echten Synchronisierung, die den Stimmungsaufbau unterstützt, statt ihn durch Nölen und Lallen zu zerstören.

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The Autopsy of Jane Doe
Originaltitel: The Autopsy of Jane Doe (USA 2016)
Regie: André Øvredal
Drehbuch: Ian Goldberg u. Richard Naing
Kamera: Roman Osin
Schnitt: Patrick Larsgaard
Musik: Danny Bensi u. Saunder Jurriaans
Darsteller: Brian Cox (Tommy Tilden), Emile Hirsch (Austin Tilden), Ophelia Lovibond (Emma), Michael McElhatton (Sheriff Burke), Jane Perry (Lieutenant Wade), Parker Sawyers (Officer Cole), Olwen Kelly (Jane Doe) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 20.10.2017
EAN: 0889854503192 (DVD)/0889854503291 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 82 min. (Blu-ray: 86 min.)
FSK: 16

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