Geisterjägerin Cathcart wird mit dem Fall eines spukenden Schuljungen konfrontiert, der sich als Schlüssel zur eigenen, sorgfältig verdrängten Vergangenheit erweist … – Sehr britische, d. h. gediegen in Szene gesetzte, nicht mit Schock-Effekten arbeitende, sondern Stimmung und Schauder favorisierende Geistergeschichte, die durch allzu tiefe Logiklöcher in Mitleidenschaft gezogen wird: trotzdem ansehnlich.

Das geschieht:

England im Jahre 1921: Vor drei Jahren endete der I. Weltkrieg. Er kostete etwa 850.000 junge britische Männer das Leben. Wer überlebte, ist oft psychisch beeinträchtigt oder leidet an den körperlichen Folgen eines Krieges, der ausdrücklich auf die Vernichtung des Gegners gezielt hat. Unzählige Familien müssen den Verlust von Söhnen, Brüdern und Ehemännern verkraften. Die Trauer ist allgegenwärtig.

Der Betrug ebenfalls: Geisterseher behaupten, den Kontakt zu Verstorbenen vermitteln zu können. Sie lassen sich ihre Dienste gut bezahlen und melken ihre vertrauensvollen Opfer so ausgiebig wie möglich. Diese Scharlatane jagt Florence Cathcart, die durch den Krieg ihren Lebensgefährten und gleichzeitig ihren Glauben verlor. Spiritisten fürchten und hassen sie, während ihre Anhänger das Buch bejubeln, in dem sie aufdeckt, wie sich der faule Zauber aufdecken lässt.

Auch in einer Internatsschule in der Grafschaft Cumbria kennt man Cathcarts Werk. Angeblich geht des Nachts der Geist eines vor vielen Jahren ermordeten Schülers um. Die jetzigen Zöglinge fürchten sich und erzählen womöglich den Eltern davon. Um die zahlende Kundschaft nicht zu verprellen, reist Lehrer Robert Mallory nach London, um Florence Cathcart anzuheuern. Sie soll den sicherlich sehr lebendigen Lumpen fassen, der in der Schule sein Unwesen treibt.

Tatsächlich gelingt es Florence schnell, das angebliche Rätsel zu lüften. Auf dem Gelände geht der Spuk jedoch weiter. Florence beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen. Da die Sommerferien beginnen, kann sie die Schule zusammen mit Mallory, der Hausmutter Maud und dem Waisen Tom buchstäblich auf den Kopf stellen. Sie stoßen auf geheime Gänge und unheimliche Puppenstuben. Vor allem auf Florence scheint es die unsichtbare Macht abgesehen zu haben. Immer stärker bedrängt sie die junge Frau, bis sich in deren Hirn die Tür zu einer bisher sorgfältig verschlossenen Kammer ihres Gedächtnisses öffnet, hinter der das tragische Geheimnis nicht nur der Schule offenbart wird …

Die zu Lebzeiten unerfüllte Aufgabe

Nirgendwo wirken Gespenster so klassisch und gediegen wie in England. Das ist kein Wunder, denn dort werden sie seit jeher gut behandelt, was die Kunst ebenso einschließt wie die Realität. Auch „The Awakening“ zieht seine Kraft aus diesem Dualismus.

Im 19. Jahrhundert erzählte man sich Geistergeschichten am abendlichen Kaminfeuer. Da die Vergangenheit ohne Fernsehen, Internet und ähnliche Instrumente der Zerstreuung auskommen musste, war die menschliche Vorstellungskraft gefragt. Vor allem in den Wintermonaten und hier zur Vorweihnachtszeit blühte die „ghost story“. Berühmte Autoren schrieben gruselige Geschichten, die gesammelt vielen Zeitungen als separate Magazine beigelegt wurden.

Schon in dieser ‚unschuldigen‘ Phase wurde der tote Mensch zum Geist, weil er (oder sie) zu Lebzeiten etwas getan oder – auch dies war möglich – unterlassen hatte, was Unerfreuliches bis Entsetzliches nach sich zog. Ähnlich wichtig war das Motiv der Rache: In einer angeblich gerechten Welt durfte sich ein Strolch nie fühlen. Selbst wenn er dem irdischen Gesetz durch die Maschen geschlüpft war, musste er die Nachstellungen seines Opfers folgen, das aus dem Jenseits über ihn kam und deshalb schwer oder gar nicht abzuwehren war. Üblicherweise endeten diese „ghost stories“ moralisch korrekt, denn der Übeltäter fand sein hässliches aber eben gerechtes Ende.

Die Folgen eines ‚großen‘ Krieges

Ab 1914 blühte die Geistergeschichte auf, und sie entwickelte zusehends psychologische Untertöne, denn die Realität warf ihren Schatten auf das Genre. In den vier Jahren des I. Weltkriegs wurde die britische Gesellschaftspyramide im Basisbereich abgeschnürt: Mindestens eine Generation fiel auf den europäischen Schlachtfeldern. Wer das Gemetzel überlebte, trug nicht nur körperliche Schäden davon. Auch Robert Mallory und Malcolm McNair leiden unter „Kriegsneurosen“: Ihr Nervenkostüm ist nachhaltig zerrüttet – eine Krankheit, die schamvoll unterdrückt wird, weil sie offiziell nur Feiglinge befällt. McNairs Reaktion ist typisch aber verhängnisvoll: Er setzt sich das Ziel, die ihm anvertrauten Schüler ‚abzuhärten‘: Sie sollen in einem möglicherweise nächsten Krieg mehr Rückgrat zeigen als ihre Väter, die nun die Schuld für ihre „Schwäche“ bei sich suchen, weil sie die wahren Ursachen nicht erkennen.

Der „Große Krieg“ produzierte theoretisch unzählige Geister. Mit ihnen wollten die Hinterbliebenen Kontakt aufnehmen, falls es möglich war. Für diesen Trost waren sie bereit zu zahlen. Damit wurden sie zu idealen Opfern von Schwindlern, denen zusätzlich half, dass der Spiritismus in den 1920er Jahren von ernstzunehmenden Wissenschaftlern untersucht wurde. Noch war dem Glauben an Geister die Grundlage nicht entzogen. In diesem Umfeld war es schwierig, ehrliche Spiritisten von gierigen Gaunern zu unterscheiden.

Die Figur Florence Cathcart ist eine Erinnerung daran, dass es Skeptiker gab, die das Geschäft mit dem Geisterglauben durchschauten. Sie prangerten die Betrüger an und legten deren Tricks offen. Damit machten sie sich nicht nur Freunde; auch Cathcart muss sich einmal ohrfeigen lassen von einer Mutter, die sogar den Trost durch einen falschen Geist der Enttäuschung über das endgültige Verschwinden des Kindes vorzog.

Überraschung: Geister gibt’s doch!

In dieser Situation liegt für einen Geschichtenerzähler der Gedanke nahe, die schwer durchschaubare Halbwelt des faulen Zaubers mit einer ‚Realität‘ zu konfrontieren, die tatsächlich Geister beherbergt. Neu ist dieser Plot nicht, auch „The Awakening“ folgt bekannten Vorgaben. Zunächst präsentiert uns Regisseur Nick Murphy eine typische, d. h. zunächst sehr überzeugende aber dennoch gefakte Seànce, in deren Verlauf wir Florence Cathcart und ihre Entlarvungsmethoden kennenlernen. Es folgt die Herausforderung durch Robert Mallory, der einen Betrüger ankündigt, dem Florences Ermittlungsbegabung womöglich nicht gewachsen ist. Auch hier triumphiert die Geisterjägerin, doch dann beginnt es ‚wirklich‘ zu spuken.

„The Awakening“ verwandelt sich in eine „ghost story“. Da diese im (aufgeklärten) 21. Jahrhundert entstanden ist, wird der Spuk psychologisch unterfüttert, was ihm schlecht bekommt: Plötzlich steht Florence Cathcart persönlich direkt im Zentrum eines Komplotts, das höchst kompliziert ist aber nicht logisch wirken will. Was uns die  Drehbuchautoren Volk und Murphy weismachen möchten, kann so beim besten Willen nicht funktionieren. (Worum es dabei im Detail geht, soll an dieser Stelle unerwähnt bleiben, um potenziellen Zuschauern den Spaß nicht zu verderben.)

Ruft man sich die Ereignisse nachträglich ins Gedächtnis, finden sich zu viele Stolpersteine sowie Zufälle. Darüber hinaus erweist sich manche Spukattacke als reiner Effekt, der das Publikum offenbar daran erinnert soll, dass hier Geister ihr Unwesen treiben. Gänzlich überflüssig ist ein Handlungsstrang, der sich um den nur vorgetäuscht untauglichen Drückeberger Edward Judd dreht. Dieser schleicht nun an allen möglichen und unmöglichen Stellen herum und trägt ständig eine Schrotflinte bei sich, was wohl seine Bedrohlichkeit erhöhen soll. Natürlich weiß jeder Zuschauer sofort, dass jemand, der sich so verdächtig verhält, nichts mit dem Spuk zu tun haben kann.

Britische Schauspielkunst ist Understatement

England ist nicht nur reich an Geistern, sondern auch an talentierten Schauspielern, die nichts dagegen haben, sich von der Theaterbühne in die Niederungen der Unterhaltung zu begeben, ohne für die Dauer dieses Intermezzos ihre mimischen Kunstfertigkeiten auf das Minimum zu beschränken. „The Awakening“ lässt deshalb in darstellerischer Hinsicht nichts zu wünschen übrig. Sämtliche Rollen sind hervorragend besetzt, und die Kraft des Schauspiels trägt über manche Drehbuchlücke glatt hinweg.

Diverse Kritiker haben moniert, dass Rebecca Hall ihre Florence Cathcart viel zu ‚modern‘ anlegt. Sie trägt Hosen und flache Schuhe, lässt sich von Männern nicht den Mund verbieten und führt sowohl beruflich als auch privat ein eigenständiges Leben. Tatsächlich ist dies durchaus zeitgenössisch: In den 1920er Jahren ließen sich mutige Frauen nicht mehr in angebliche Schranken weisen. Hall spielt Cathcart nicht burschikos sondern selbstbewusst. Sie eckt damit oft an, wird andererseits aber auch akzeptiert: Die Zeiten haben sich geändert. Auch hier spielt der Krieg eine Rolle: Frauen können in die Lücken springen, die Männer in ihre eigenen Reihen gerissen haben.

Dominic West verkörpert überzeugend einen Mann zwischen den Zeiten. Er wurde im traditionellen „Empire“-Stil erzogen, hat aber erfahren müssen, dass die angemaßte Überlegenheit der harten Realität nicht standhielt. Während er flexibel ist und sich den veränderten Verhältnissen anpassen kann, zerbricht Malcolm McNair genau daran – Shaun Dooley gibt ein gutes Beispiel dafür, dass Regisseur Murphy selbst kleine Nebenrollen mit wunderbaren Schauspielern besetzen konnte. Über Imelda Staunton muss man wie üblich kein Wort verlieren: Sie ist hochgradig präsent.

Gespukt wird selbstverständlich klassisch: Wie die Figuren bekommt auch der Zuschauer in der Regel seltsame Geräusche zu hören oder handlos geöffnete Türen zu sehen. Nur selten lassen die Geister sich offen blicken, was gut so ist, denn unheimlich sind sie nicht – für gute Effekte reichte das Budget offensichtlich nicht. Ungeachtet dessen und trotz der Drehbuchschwächen bietet „The Awakening“ dezentes aber nie betuliches Gruseln.

DVD-Features

Die Extras bestehen aus einer Reihe von Interviews mit den Schauspielern Dominic West, Rebecca Hall, Imelda Staunton und Isacc Hempstead Wright, dem Produzenten David Thompson und natürlich mit Regisseur Nick Murphy. Ignoriert man die artigen Lobeshymnen, mit denen man einander überschüttet, lässt sich bezüglich des Story-Hintergrundes in etwa herausdestillieren, was hier weiter oben festgestellt wurde.

Eine knapp zehnminütige „B-Roll“ ermöglicht eher beliebige und daher wenig informationsträchtige Blicke auf das Geschehen vor und hinter der Kamera. Abschließend gibt es den Originaltrailer.

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The Awakening – Geister der Vergangenheit
Originaltitel: The Awakening (GB 2011)
Regie: Nick Murphy
Drehbuch: Stephen Volk u. Nick Murphy
Kamera: Eduard Grau
Schnitt: Victoria Boydell
Musik: Daniel Pemberton
Darsteller: Rebecca Hall (Florence Cathcart), Dominic West (Robert Mallory), Imelda Staunton (Maud Hill), Isaac Hempstead-Wright (Tom), John Shrapnel (Reverend Hugh Purslow), Shaun Dooley (Malcolm McNair), Joseph Mawle (Edward Judd), Diana Kent (Harriet Cathcart), Richard Durden (Alexander Cathcart), Alfie Field (Victor Parry), Sidney Johnston (John Franklin) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 07.06.2013
EAN: 0887654476098 (DVD)/0887654476197 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 102 min. (Blu-ray: 107 min.)
FSK: 16

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